(mehr als) 50 Jahre Mondlandung

Wahnsinn! Das heutige Google Doodle trieb mir Tränen in die Augen – obwohl man es schon tausendmal gehört hat und ich selbst es tausende Male erzählt hatte: die Geschichte von Menschen auf dem Mond. Was für ein Jubiläum! Es gibt eine ganze Generation (vor mir), die sich für Astro-Zeug interessierte wegen des Sputnik-bis-Mondlandung getriggerten Raumfahrtfiebers der 1960er… meine Generation kennt das nur aus Erzählungen, aber jetzt sind wir alle gefühlt live dabei! 

Wenn man bedenkt, mit welch primitiver Technik die Leute damals unterwegs waren (jedes Handy hat heute eine höhere Rechenleistung als die Computer im Apolloprogramm), ist das erst recht beeindruckend. 

Anm.: Manche Leute unken, dass evtl. die Sache gar nicht wahr sein könnte. Das halte ich (schon aus politischen, aber auch aus sachlichen Gründen) für Quatsch: Die Geschichte zeigt, dass Menschen oft viel mehr schaffen können als manche anderen ihnen zutrauen. 😉 

Vorweggeträumt in 101 Jahren Science Fiction

Die Technikhistorikerin in mir tourt derzeit mit einem Vortrag zum Tango der Science und Fiction durch die Öffentlichkeit, der zur Mondlandung führte. 

Wussten Sie, dass bereits 101 Jahre vor Apollo 11 Jules Vernes Bücher (Von der Erde zum Mond und Reise um den Mond) die Geschichte von einem Amerikaner erzählten, der sich mit dem Projektil einer überdimensionierten Kanone ins All schießen ließ?! Verne ist für realistische Science Fiction bekannt und erzählt von einem beim Start verletzten, später verstorbenen Hund, dessen Kadaver ausgestoßen wird und der auf der Bahn hinterherfliegt, von Schwerelosigkeit (nur im Lagrangepunkt zwischen Erde und Mond) beim Flug und von der abschließenden Wasserlandung der Raumfahrer im Pazifik. Faszinierend, dass das schon so lange “in der Luft lag”, was 1969 Realität wurde. 

Noch eindrucksvoller wird ein Mondflug fürs öffentliche Publikum in der Kino-Science Fiction der 1920er Jahre vorweg genommen: Der letzte Stummfilm des berühmten Regisseurs Fritz Lang heißt “Frau im Mond”. Er handelt von einem Mondflug, den ein alter Astronomieprofessor durchführen will und den zwei junge Ingenieure und eine junge Astronomin wahr machen: 

Die Rahmenhandlung des Drehbuchs von Thea von Harbou ist natürlich eine Liebesgeschichte zwischen den jungen Leuten und für etwas Witz wird gesorgt durch einen kleinen Jungen, der sich als blinder Passagier an Bord gemogelt hat. 

Aber der Mondflug und die Handlung wird – genau 40 Jahre vor der echten Mondlandung – auf den Leinwänden deutscher Kinos ziemlich genau so erzählt, wie es jetzt retrospektiv die NASA-Videos machen. Der Film wurde in Berlin-Babelsberg gedreht und war damals (trotz Überlänge) einer der bestbesuchten Kinofilme, weil es sich um veritable Science Fiction handelt. 

 Der Raketenpionier Hermann Oberth, der geistige Vater der Mondrakete, denn auf seinen Arbeiten baute sein Schüler Wernher von Braun auf (sowohl in den 1930ern und 40ern für die Nazis als auch in den 1950ern und ’60ern für die USA), war 1928/29 während der Dreharbeiten zum Fritz Lang Film die ganze Zeit am Set und hat die Darstellung durch Schauspieler und Special Effects wissenschaftlich beraten. 

Im Zusammenhang mit dem Raketenfieber der 1920er wurde in Berlin die Rennautobahn Avus gebaut und wurden in Mitteleuropa viele Vereine von Hobby-Bastlern gegründet, die Raketen entwickelten … manche wollten auch zum Mond fliegen. Aber Hermann Oberths Arbeit, die vorschlug, eine mehrstufige Rakete zu bauen, um damit

  • ein Teleskop ins All zu befördern, um ohne Luftunruhe besser beobachten zu können 
  • Satelliten zur Erderkundung und Datenfernübertragung (Kommunikation) einzusetzen
  • … 
  • und eben auch Menschen zum Mond zu fliegen (oder sogar noch weiter)

wurde von der Uni Heidelberg 1922 als Doktorarbeit abgelehnt, weil “unwissenschaftlich” und “zu utopisch”. Er hat das Büchlein mit seinen technischen Zeichnungen und Aufzählung von Anwendungsmöglichkeiten auf eigene Kosten gedruckt und es wurde ein Bestseller (obwohl’s wahrscheinlich nur wenige verstanden haben). Zudem hat er die Muse inspiriert und Thea von Harbou und Fritz Lang haben’s 1929 auf die große Leinwand gebracht. Die UFA hat Oberth dann sogar aus ihrem Werbemittel-Etat eine Finanzierung gegeben, um ein Triebwerk (das bis dato nur auf dem Papier geplant war) auch wirklich zu bauen – man wollte es zur Premiere vorführen, aber es wurde nicht rechtzeitig fertig. 

Retrospektiv verständlich, denn es folgten noch ca zwei Jahrzehnte Entwicklungszeit… 

… und erst 40 Jahre nach dem Film wurde der Traum Realität: Heute vor genau 50 Jahren landeten zwei menschliche Wesen auf dem Trabanten der Erde. Was will man mehr dazu sagen, als dass dieser “small step” eines Menschen von der letzten Sprosse der Leiter zum Boden “a giant leap for mankind” gewesen ist. Congratulations!  

Kleine Chronologie

  • vor 150 Jahren phantasierte Jules Verne einen Mondflug mit einem Kanonenprojektil 
  • vor 100 Jahren (1919) bewies Eddingtons SoFi-Beobachtung, dass Einsteins ART richtig ist und in Deutschland steckte das Hobby-Raketenbasteln noch in den Kinderschuhen 
  • vor ca. 97 Jahren wurde H. Oberths Entwicklung einer “Rakete zu den Planetenräumen” als Doktorarbeit abgelehnt, weil die Professoren die Vorschläge als “zu utopisch” einschätzten. 
  • vor 90 Jahren (1929) kam der Fritz Lang Film “Frau im Mond” in die Kinos, der als erster (deutscher) veritabler Science Fiction Film gilt und für den (Stummfilm) Fritz Lang als dramaturgisches Element den CountDown erfand 
  • vor 50 Jahren landeten tatsächlich Menschen auf dem Mond (und waren zuvor mit einem CountDown gestartet worden).  

Wichtigste Nebenbemerkung: 

Bei den Recherchen zu meinen aktuellen öffentlichen Auftritten hat mich besonders das Video der NASA zu 50 Jahre Apollo 8 zutiefst zu Tränen gerührt: Die Erkenntnis der Astronauten “Gott gab uns die Erde als eine Bühne, auf der wir performen dürfen – aber wie unser Stück ausgeht, das ist unsere Sache” (it’s up to us, sagt er):

Susanne M. Hoffmann

Veröffentlicht von

"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" Die Autorin ist seit 1998 als Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik, Wissenschaftsgeschichte und Fachdidaktik (neue Medien). Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde.

12 Kommentare

  1. Tja man merkt was fuer ein Pioniergeist frueher in Deutschland und allgemein im Westen geherrscht hat.

    Sie haetten noch erwaehnen sollen, dass Wernher von Braun in den 40ern / 50ern bereits “The Mars Project” schrieb. Einige Wochen nach der ersten Mondlandung hat er konkrete langfristige Plaene fuer eine Mission zum Mars vorgestellt. Seiner Meinung nach haette man 1985 einen Astronauten auf dem Mars landen koennen. Und wenn der “Rocket Man” das sagte, dann glaube ich ihm das.

    Aber was ist passiert? Der Postmodernismus ist passiert. Juergen Habermas und Herbert Marcuse sind passiert. Seitdem ist die Gleichmacherei wichtiger als den Weltraum zu erobern.

    Die USA (und Deutschland noch mehr) verschwenden heute ihre Steuergelder fuer einen sozialistischen Wohlfahrtsstaat und anderen kulturmarxistischen Unsinn.

    Da ist es kein Wunder, dass China dem Westen den Rang ablaeuft und vielleicht bald mit deutscher und amerikanischer Technologie Menschen auf dem Mars landet.

  2. Ein nettes Detail

    Die Programmiererin des Landeprogramms war alleinerziehende Mutter. Sie nahm ihre Tochter öfter mit zur Arbeit, wenn sie sonst keine Betreuung hatte.
    Das Kind spielte einmal mit dem Landesimulator und brachte das Programm zum Absturz, weil es eine falsche Taste drückte. Daraufhin wurde das Landeprogramm umgeschrieben – denn solch ein Fehler wäre das Ende der Mission gewesen.
    (Das Drücken einer falschen Taste passierte auch beim echten Abstieg der Fähre zum Mond)

    D.h. der Erfolg von Apollo 11 ist einem Mädchen zu verdanken

  3. Im Jahre 1895 (18, nicht 19) hat der russische Landlehrer Konstantin Eduardowitsch Ziolkowski Gewächshäuser (Orangerien) zur Sauerstoff- und Nahrungsversorgung für Raumstationen in der Erd-Umlaufbahn beschrieben.
    —–
    Herman Potocnik (Pseudonym Hermann Noordung) aus k.k. Österreich (heute Kroatien) beschrieb im Jahre 1929 eine rotierende radförmige Raumstation mit Solarenergie-Versorgung.
    https://upload.wikimedia.org/wikipedia/de/f/fb/RADFOERMIGE_ROTIERENDE_HERMAN_POTOCNIK_RAUMSTATION.PNG
    —–
    Die Zukunft der Vergangenheit:
    https://space.nss.org/settlement/nasa/70sArtHiRes/70sArt/art.html

  4. @ S.M Hoffmann und zu:
    “..Bei den Recherchen zu meinen aktuellen öffentlichen Auftritten hat mich besonders das Video der NASA zu 50 Jahre Apollo 8 zutiefst zu Tränen gerührt: Die Erkenntnis der Astronauten “Gott gab uns die Erde als eine Bühne, auf der wir performen dürfen – aber wie unser Stück ausgeht, das ist unsere Sache” (it’s up to us, sagt er):.” (Zitatende)

    Was mich schon etwas interessieren täte:

    Warum rührt Sie gerade diese spezielle metaphysische Hypothese zu Tränen und nicht z.B. etwa (auch) die in von Arthur C. Clark in “20001-Odyssee im Weltraum” und in weiteren seiner Geschichten bemühte “Über- Alien” Hypothese?

    Ich erinnere mich, dass gegen Ende der 1960er Jahre viele (mir bekannte) Kinobesucher geradezu mystisch- religiöse Ergriffenheit” nach dem Kinobesuch überwältigt hatte und sie das Bedürfnis hatten , darüber zu reden. Mir ging es nicht so, da ich schon länger Fan von (etwas hochwertigerer) SF- Literatur gewesen war, in welcher metaphysische oder auch nur technologische Spekulationen schon lange üblich waren.
    Für die meisten in der (auch oft nur “halbgebildten”) damaligen Elterngeneration Mitte der 1960er Jahre (einschließlich der meisten Lehrer) war das selbstverständlich alles ausnahmslos (!) verabscheuungswürdige “Schundliteratur”.
    Und das ganz besonders in religiös-kirchlich beienflussten “Bildungskreisen”.

    War mir eine (erste) Mahnung bezüglich ideologisch bzw. “populistisch” vorurteilsbehaftetem Kurzschlussdenken.

  5. @ Werher von Braun um 11:44 und zu:
    “…Juergen Habermas und Herbert Marcuse sind passiert. Seitdem ist die Gleichmacherei wichtiger als den Weltraum zu erobern..” ..
    …”Da ist es kein Wunder, dass China dem Westen den Rang ablaeuft und vielleicht bald mit deutscher und amerikanischer Technologie Menschen auf dem Mars landet….” (Zitatende)

    Falls der Kommentar keine Satire und ironiefrei gemeint war:

    Gratulation!
    Vielleicht ohne direkte Absicht ist dem Autor des obigen Zitats der Beweis geglückt, dass die von den “Frankfurtern” inspirierten gleichmacherisch- kulturmarxistischen Chinesen mit ihrem weitestgehend staatsdirektistischen Marktkommunismus letztendlich doch das für den Fortschritt der Menschheit bessere Gesellschaftskonzept betreiben.
    Nicht umsonst pilgern sie alljährlich zur Marx- Skulptur nach Trier und verschwenden gleichzeitig ihre Steuergelder für kostspieligste Weltraummissionen.
    Ganz im Gegensatz zu den (aber nicht allen) Amerikanern, die ihre Steuergelder für imperialistisch-geostrategische Machtspielchen mit riesigem Militärapparat “verpulfern”, um sich bei “anderen Völkern” (meistens ohne deren Bevölkerung zu fragen und ohne viel Rücksicht auf Verluste und langfristige Folgen) Rohstoffe zu sichern und weitere Absatzmärktzu schaffen.

    (Ich weiß, die Sätze waren viel zu lang. Aber ich bin nun mal kein populistischer Vereinfacher, der glaubt , komlizierte Sachverhalte mit ein paar ( facebook – )
    Fake- News darstellen zu dürfen. Also alles klar, oder soll ichs nochmal genauer erklären? (-: )

  6. @ little Louis,

    “Ganz im Gegensatz zu den (aber nicht allen) Amerikanern, die ihre Steuergelder für imperialistisch-geostrategische Machtspielchen mit riesigem Militärapparat “verpulfern”, um sich bei “anderen Völkern” (meistens ohne deren Bevölkerung zu fragen und ohne viel Rücksicht auf Verluste und langfristige Folgen) Rohstoffe zu sichern und weitere Absatzmärktzu schaffen.”

    Jaja, im Gegensatz zur EU oder China, die sowas gar nicht tun, nicht wahr? 🙂

    Und haben Sie gerade so ganz ironiefrei behauptet, dass die Chinesen das bessere Gesellschaftskonzept betreiben? Naja, jedem das seine.

  7. WETTLAUF ZUM MOND

    Am Anfang war der Sputnikschock,
    Gefolgt von Gagarin’s Wostok.
    Die Russen eilten weit voraus,
    Sonnten sich lange im Applaus.

    Kennedy hatte die Vision,
    Zum Mond sollte geh’n die Mission.
    Der Kampf der Systeme setzt ein,
    Nur ein Land konnte Sieger sein.

    Jeder hat alles gegeben,
    Man beklagte Menschenleben.
    Eine lange Reise endet –
    Well done: “The Eagle has landed.”

    Das Sternenbanner entfalten,
    War Neil Armstrong vorbehalten;
    Doch steht am Ende im Wettstreit
    Ein großer Sieg für die Menschheit.

    Lang genug hat man ihn verschont,
    Nun will man wieder hin zum Mond.
    Höchste Zeit, dass ein Astronaut
    Mal wieder nach Frau Luna schaut.

    Rainer Kirmse , Altenburg

  8. @ Wernher von Braun und zu :

    “…..Und haben Sie gerade so ganz ironiefrei behauptet, dass die Chinesen das bessere Gesellschaftskonzept betreiben? Naja, jedem das seine…..” (Zitatende)

    Von wegen “ganz ironiefrei“.
    (-:

  9. R. Kirmse:
    “Ein großer Sieg für die Menschheit”
    Vielleicht(Sicher) wird diese “Menschheit” dann um die Bodenschätze auf den Mond oder um die Eigentumsrechte über das Land dort streiten. Man wird das ganze kleinkarierte Denken, was auf der Erde diese Spezies beschäftigt, auf den Mond projizieren. Nationen werden ihre Machtsphären abstecken, an den Börsen wird über Gewinne auf den Mond spekuliert ,man verkauft Mondstaub zu Höchstpreisen als esoterische Wundermittel, Spekulanten bieten Mondparzellen an etc.

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