Von Kopf bis Fuß: Wie Sprachen Körperteile benennen

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Trotz der universellen Struktur des menschlichen Körpers unterscheiden sich die ca. 7.000 Sprachen der Welt darin, wie sie Körperteile benennen. Im Deutschen unterscheiden wir zwischen Hand und Arm, während in der afrikanischen Sprache Wolof der Begriff loxo für beide Körperteile verwendet wird. Die Unterschiede in der Art und Weise, wie Sprachen Körperteile benennen, fasziniert Forschende aus den Bereichen Linguistik, Anthropologie und Psychologie seit vielen Jahren. Durch die Erforschung dieser Unterschiede können wir sowohl universelle Tendenzen als auch kulturspezifische Nuancen in der Sprache aufdecken.

Illustration der Sprachprobe von Tjuka et al. (2024) und der Wörter für Arm/Hand und Bein/Fuß in Deutsch und Wolof.

Universelle Tendenzen und kulturelle Variationen

Ähnlich wie bei der Forschung im semantischen Bereich der Farben und Emotionen wurden in mehreren sprachvergleichenden Studien die Wortschätze für Körperteile untersucht, um kognitive Verarbeitungsprozesse von kulturellen Einflüssen abzugrenzen. So lässt sich beispielsweise generell feststellen, dass es in vielen Sprachen einen eigenständigen Begriffe für Körperteile wie MUND und ARM gibt. Und wenn es in einer Sprache ein Wort für FUß gibt, dann gibt es auch eines für HAND. Diese Prinzipien deuten auf einen kognitiven Prozess bei der Benennung von Körperteilen hin.

Die universellen Muster werden jedoch von kulturspezifischen Variationen begleitet. Zum Beispiel hat die Sprache Lavukaleve auf den Salomonen kein eigenes Wort für ARM und in Jahai, das in Malaysia gesprochen wird, gibt es kein Wort für MUND. Zudem gibt es mehrere Sprachen, die nur ein Wort haben, um HAND und ARM zu benennen. Diese unterschiedlichen sprachlichen Strategien weisen darauf hin, wie verschiedene Kulturen den menschlichen Körper wahrnehmen und mit ihm interagieren, indem sie die motorischen Funktionen gegenüber den visuellen Unterscheidungen betonen.

Wortschätze als Netzwerke

In den letzten Jahren wurde eine neue Methode zur sprachvergleichenden Analyse von Wortschätzen entwickelt. Das theoretische Konstrukt der Kolexifikation bezeichnet den Fall, dass ein Wort zwei Konzepte ausdrückt. Dieses Konstrukt wurde methodisch in Netzwerke umgesetzt. In diesen Netzwerken repräsentieren die Knoten ein sprachübergreifendes Konzept und die Verbindungen die Anzahl der Sprachen, in denen die beiden Konzepte mit dem selben Wort benannt sind. Diese methodische Innovation hat die Untersuchung lexikalischer Daten revolutioniert und groß angelegte sprachübergreifende Vergleiche ermöglicht.

Illustration eines Netzwerks der Kolexifizierung zwischen HAND und ARM.

Durch die Untersuchung von Wortschätzen für Körperteile in 1.028 verschiedenen Sprachen haben wir in einer neuen Studie die Muster der Kolexifizierungen von Körperteilen identifiziert. Diese Muster zeigen, dass Kolexifikationen in den Sprachen der Welt häufig zwischen benachbarten Körperteilen auftreten, wie z. B. HAND-ARM, FUß-BEIN oder MUND-LIPPE. Ein Grund für dieses Muster ist, dass sich manche Sprachen auf die funktionalen Merkmale konzentrieren, die zwei Teile miteinander verbinden. Die Sprecher:innen erkennen, dass wir einen Ball mit der Hand und dem Arm werfen oder dass wir mit dem Bein und dem Fuß gehen. Daher nutzen diese Sprachen nur ein Wort, um die beiden Körperteile zu benennen. Sprachen wie Deutsch hingegen konzentrieren sich auf visuelle Hinweise wie das Handgelenk oder den Knöchel, um die Körperteile konzeptuell zu trennen und sie mit eigenen Wörtern zu bezeichnen.

Notwendigkeit für mehr Daten

Studien zu Wortschätzen aus unterschiedlichen Sprachen liefern zwar wertvolle Erkenntnisse, es werden aber mehr Daten benötigt, um die Faktoren, die die Sprachvielfalt beeinflussen, vollständig zu verstehen. Die Dokumentation von Sprachen in Gebieten wie Afrika oder Neuguinea und die Erhebung soziologischer Daten zum Sprachkontext sind für die weitere Forschung von entscheidender Bedeutung. Umfassende Datenerhebungen können dazu beitragen, die Komplexität zu entschlüsseln, wie Sprache menschliche Erfahrungen und kulturelle Kontexte widerspiegelt.

Fazit

Die Untersuchung von Wörtern, die Körperteile benennen, unterstreicht die Vielfalt der menschlichen Sprache und ihre komplizierte Verbindung zu unserer Körperwahrnehmung. Durch den Vergleich des Wortschatzes in den Sprachen der Welt können wir die universellen und variablen Aspekte der sprachlichen Kategorisierung beleuchten. Diese interdisziplinären Studien bringen unser Verständnis von Sprache und Kultur voran.

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Veröffentlicht von

Annika Tjuka arbeitet derzeit als Postdoktorandin an unserem Partnerinstitut, dem Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Ihr Hauptziel ist es, sprachliche Vielfalt zu erforschen, insbesondere die Variationen von Wortbedeutungen in verschiedenen Sprachen. Sie integriert Erkenntnisse aus der Linguistik und Psychologie in ihre Forschung und verfolgt einen computergestützten Ansatz.

29 Kommentare

  1. hallo,

    teilweise muss man gar nicht so weit schauen, wenn man die dialektik /umgangssprache ebenfalls noch beobachtet.
    im (tiefen) schwäbischen gibt es auch nur den *Fuaß*, der bis zur hüfte reicht
    wohl wird dort aber zwischen arm/hand unterschieden.
    das führt beim hausarzt bisweilen zu seltsamen unterhaltungen.

    in diesem sinne:
    Adele (=auf wiedersehen)

  2. Man braucht gar nicht so weit zu gehen. Die Schwaben benützen das Wort “Fuß” auch für Bein. Schwaben haben nur Füße.

    Und das Besondere dabei, Schwaben verstehen an der Aussprache ? am Kontext ?
    ob der Fuß oder das Bein gemeint ist. Für Außenstehende am Anfang ein Problem, so langsam beginne ich auch das Wort “Fuß” zu bevorzugen. Vielleicht ist die Assoziation zwischen Bein und Pein zu präsent ?

  3. Annika Tjuka schrieb (30. Mai 2024):
    > […] Die Unterschiede in der Art und Weise, wie Sprachen Körperteile benennen […]

    > Im Deutschen unterscheiden wir zwischen HAND und ARM, während in der afrikanischen Sprache Wolof der Begriff LOXO für beide Körperteile verwendet wird.

    Wie ließe sich dieser (offensichtlich deutschsprachige) Satz:

    »Im Deutschen unterscheiden wir zwischen HAND und ARM, während in der afrikanischen Sprache Wolof der Begriff LOXO für beide Körperteile verwendet wird.«

    überhaupt sinngemäß in the Sprache Wolof übersetzen ?

    p.s. —
    Ein verwandtes Beispiel und damit verbundenes Problem aus meinem Forschungsgebiet, ebenfalls betreffend die “Benennung von (konzeptionell unterscheidbaren) Teilen” sowie damit verbundene Prinzipien und kognitive Prozesse:

    Wenn ein Streichholz angezündet worden ist, indem der Streichholzkopf und die Reibefläche einer Streichholzschachtel (“hinreichend eng”) aufeinander trafen und sich aneinander vorbei bewegten (s. Symbolbilder),
    lässt sich das wohl jeweils als ein bestimmtes “Ereignis” und insbesondere als ein “Koinzidenz-Ereignis” bezeichnen, an dem sowohl der genannte Streichholzkopf als auch die genannte Reibefläche beteiligt waren (und dabei unterscheidbar blieben).

    (Dass sich mit feinerer Auflösung anstatt von nur einem einzelnen Ereigniss stattdessen vom einem aus mehreren Ereignissen bestehenden “Vorgang” von endlicher Ausdehnung reden ließe, soll hierbei zu vernachlässigen sein.)

    Der Streichholzkopf hat (offenbar) einen ganz bestimmten, ganz eigenen, auffälligen Anteil an dem beschriebenen Ereignis; nämlich: “er entzündet sich (dabei)”.

    Auch der Reibefläche ließe sich ein konkreter eigener Anteil an diesem selben Ereignis zuschreiben; etwa: “sie erhielt (dabei) Kratz- und Brandspuren”.

    Mein Problem:
    Wie nennt man ganz allgemein diese individuellen unterscheidbaren Anteile, die den verschiedenen Beteiligten am selben Koinzidenz-Ereignis jeweils zuzuschreiben sind ? Wie lautet der (deutsche, oder wenigstens englische) Fachbegriff ? —

    “Anzeige” (des betreffenden Beteiligten, am betreffenden Ereignis), in Verallgemeinerung der (schon von A. Einstein gebrauchten) Begriffe “Zeigerstellung” bzw. “Zeigerposition”; bzw. übersetzt:

    “indication” (of a particular participant, in a particular event)
    ??

    • Frank Wappler schrieb (30.05.2024, 11:38 Uhr):
      > […]

      tl;dr
      Hat die Wolof-Sprache (wenigstens) einen allgemeinen Ausdruck für “Körperteil”?
      (Im Schwäbischen kennt man vermutlich einen. …)
      Und:
      Nennen wir den individuellen Anteil jeweils eines bestimmten Beteiligten an einem bestimmten Ereignis mangels anderer speziell dafür schon geprägter Bezeichnungen doch (einfach)
      dessen “Anzeige” im betreffenden Ereignis.

    • Frank Wappler,
      mein Vorschlag: “Simultanpartner” für zwei Beteiligte die gleichzeitig an einem Ereignis teilhaben.
      Fuß und Bein wären demnach Simultanpartner beim Laufen.
      Nachtrag: Es gibt ja auch künstliche Füße .

      • N schrieb (30.05.2024, 12:55 Uhr):
        > […] für zwei Beteiligte die gleichzeitig an einem Ereignis teilhaben.

        Wer zusammen (alias: gemeinsam) an genau ein-und-dem-selben Ereignis teilhatte, bzw.
        was zusammen zu genau ein-und-dem-selben Ereignis gehört,
        wird deshalb richtiger Weise “in diesem Ereignis koinzident” genannt.
        (Daher auch die besondere Bedeutung (der Feststellungen) von Koinzidenzen.)

        Dafür das Wort “gleichzeitig” zu verwenden, ist dagegen umgangssprachlich-schlampig bis falsch.
        (Leider gibt’s auch für solchen Missbrauch einen besonders unrühmlichen Präzedenzfall.)

        > mein Vorschlag: “Simultanpartner”

        Das Wort “simultan” bezeichnet wohl eher eine Beziehung zwischen mehreren Vorgängen, die jeweils aus mehreren Ereignissen bestehen, und die “(zeitlich) nebeneinander vorgingen”, “zeitgenössisch abliefen”, “miteinander geschahen”. Entsprechend:

        > Fuß und Bein wären demnach Simultanpartner beim Laufen. […]

        Eben.
        (Wobei “beim Laufen” nämlich z.B. die betreffende Fußsohle an etlichen einzelnen zeitlich aufeinanderfolgenden “auf-dem-Boden-aufsetz”-Ereignissen teilnahm;
        und z.B. das betreffende Knie etliche einzelne “Beuge”-Anzeigen wahrnahm;
        und Fußsohle und Knie dabei auch nah genug und spürbar genug miteinander verbunden blieben; um während ihrer beiden Abläufe voneinander zu erfahren.)

  4. Zitat Frank Wappler:
    Wie ließe sich dieser (offensichtlich deutschsprachige) Satz:

    »Im Deutschen unterscheiden wir zwischen HAND und ARM, während in der afrikanischen Sprache Wolof der Begriff LOXO für beide Körperteile verwendet wird.«

    überhaupt sinngemäß in the Sprache Wolof übersetzen ?

    Vielleicht “unterloxo” und “oberloxo“?

    Arm und Hand bilden ja anatomisch eine Einheit.
    In der deutschen Sprache ist auch z.B. die Rede von “Oberarm” und “Unterarm“, in der französischen Sprache von “avant-bras” (= “vorne-Arm”) und “bras supérieur” (=Oberarm)

    Zitat Frank Wappler:
    Mein Problem:
    Wie nennt man ganz allgemein diese individuellen unterscheidbaren Anteile, die den verschiedenen Beteiligten am selben Koinzidenz-Ereignis jeweils zuzuschreiben sind ? Wie lautet der (deutsche, oder wenigstens englische) Fachbegriff ? —

    Ich schlage vor, in der Allgemeinsprache:

    Kontakt (Ein Kontakt, ob materiell oder immateriell, bleibt nie ohne Veränderung der verschiedenen Beteiligten).

    In der wissenschaftlichen Sprache schlage ich vor:

    Wechselwirkung (siehe oben)

  5. Nachtrag:

    Zitat Jocelyne Lopez:
    Arm und Hand bilden ja anatomisch eine Einheit.
    In der deutschen Sprache ist auch z.B. die Rede von “Oberarm” und “Unterarm“, in der französischen Sprache von “avant-bras” (= “vorne-Arm”) und “bras supérieur” (=Oberarm)

    Die französische Bezeichnung „avant-bras“ für „Unterarm“ fällt mir hier zum ersten Mal auf und könnte vielleicht einen Hinweis auf die Haupt-Perspektive der Wahrnehmung eines Körpers geben.

    Für die Person selbst sowie auch für einen Außenseiter geschieht nämlich zweifelsohne die räumliche Wahrnehmung des Körpers eines Menschen intuitiv in der vertikalen Richtung von oben nach unten – was auch der Titel des Artikels von Frau Tjuka wie ganz selbstverständlich wiedergibt: „Von Kopf bis Fuß: Wie Sprachen Körperteile benennen“.

    Von dieser Perspektive her sind die deutschen Bezeichnungen „Oberarm“ und „Unterarm“ des Körperteils „Arm“ ganz logisch (sowie auch die französische Bezeichnung „bras supérieur“ für „Oberarm“).

    Nur die französische Bezeichnung „avant-bras“ für Unterarm (=Vor-Arm, Vorder-Arm, Vorne-Arm) tanzt aus der Reihe und könnte auf eine andere Beobachtungsperspektive des Arms deuten, und zwar nicht von oben nach unten, sondern eher von hinten nach vorne. Dies wäre auch nicht so ganz abwegig, denn die überwiegenden Bewegungen des Arms sind nach vorne gerichtet (außer, wenn wir uns am Rücken kratzen müssen, was verhältnismäßig selten vorkommt… 😉 ) Das wäre also nicht ganz abwegig, die Richtung der Bewegungen des Armes besonders wahrzunehmen, denn sie könnten auch eine potenzielle Gefahr bedeuten (Angriff).

    Das ist nur so eine Idee, sie ist nur so viel wert wie sie ist, aber ich habe schon in einem Artikel bei Scilogs vor einiger Zeit mal gelesen, dass z.B. die räumliche Orientierung eines Menschen auch kulturell sei: Zum Beispiel, dass vor allem Völker, die unter Naturbedingungen leben, die Worte „links“ oder „rechts“ nicht kennen, wo der Beobachter sich selbst als Bezugspunkt nimmt, sondern dass sie andere Worte bzw. Objekte zur räumlichen Orientierung benutzen (wie z.B. neben, vorne, hinten usw.) – zumindest habe ich es so in Erinnerung aus dem Artikel.

  6. Jocelyne Lopez schrieb (30.05.2024, 13:44 Uhr):
    > […] In der deutschen Sprache ist auch z.B. die Rede von “Oberarm” und “Unterarm“, in der französischen Sprache von “avant-bras” (= “vorne-Arm”) und “bras supérieur” (=Oberarm)

    Im Deutschen haben wir jedenfalls auch das Wort HAND, um das entsprechende anatomisch-visuell offenbar einzelne Körperteil ausdrücklich zu benennen.

    Aber in der o.g. Wolof-Sprache … in der der Begriff LOXO offenbar für das gesamte Körperstück, das an der Schulter hängt (zusammen, als funktionelle Einheit) verwendet wird … ? …

    > Vielleicht “unterloxo” und “oberloxo“?

    Oder vielleicht: “das Stück LOXO jenseits des Handgelenks” ?
    (Sofern die Wolof-Sprache eben doch zumindest Wörter für die Begriffe besäße, die hier Ersatz-weise auf deutsch als “Stück” und “jenseits” und “Handgelenk” auftauchen …) …

    Ermöglicht die Wolof-Sprache denn nun überhaupt irgend so einen konkreten Ausdruck, der direkt in das Wort HAND übersetzbar wäre ?
    Oder erlaubt sie das gar nicht ?

    Was davon ist mit dem zweiten Satz des obigen SciLog-Beitrags denn überhaupt genau gemeint ?? — Vielleicht könnte sich Annika Tjuka ja bitte demnächst mal dazu äußern.

  7. Frank Wappler schrieb (31.05.2024, 09:59 Uhr):
    > […] Aber in der o.g. Wolof-Sprache … in der der Begriff LOXO offenbar für das gesamte Körperstück, das an der Schulter hängt (zusammen, als funktionelle Einheit) verwendet wird … ? […]

    Sollte stattdessen sein:
    »Aber in der o.g. Wolof-Sprache … in der das Wort LOXO offenbar für das gesamte Körperstück, das an der Schulter hängt (zusammen, als funktionelle Einheit) verwendet wird … ?«
    .

  8. Zitat Jocelyne Lopez:
    […] In der deutschen Sprache ist auch z.B. die Rede von “Oberarm” und “Unterarm“, in der französischen Sprache von “avant-bras” (= “vorne-Arm”) und “bras supérieur” (=Oberarm)

    Zitat Frank Wapper:
    Im Deutschen haben wir jedenfalls auch das Wort HAND, um das entsprechende anatomisch-visuell offenbar einzelne Körperteil ausdrücklich zu benennen.
    Aber in der o.g. Wolof-Sprache … in der der Begriff LOXO offenbar für das gesamte Körperstück, das an der Schulter hängt (zusammen, als funktionelle Einheit) verwendet wird …

    Ich meine, dass je mehr die Menschen unter Naturbedingungen leben, desto mehr liegt der Focus auf die Funktionalität eines Körperteils, als auf seine Anatomie. Die Motorik des Arms als ganze ist wichtiger zu erfassen als seine anatomische Einzelteile (Schulter, Oberarm, Ellenbogen, Unterarm, Handgelenk, Hand). Die Hand kann man dabei nur als bloße Verlängerung des Arms ansehen, was auch mit dem Wort „Extremitäten“ für Hände und Füßen untergeordnet wird.

    Eine Sprache ist auch nicht statisch, sie erweitert sich mit der Zeit und den Lebensbedingungen. Wenn die Wolof-Sprache noch aktiv unter den modernen Lebensbedingungen praktiziert wird, werden die Benutzer eben ein neues Wort erfinden, das sie brauchen, das ist ja ein normaler Prozess.

    Dieser Prozess kann man in amüsanter Weise sehr gut mit der deutschen Sprache beobachten: Die Deutsche haben die Angewohnheit, die Sprache als „Baukasten-System“ zu entwickeln, d.h., dass sie schon vorhandene Worte zusammenkleben, um ein neues Wort zu kreieren. Ein Beispiel davon ist „Handschuh“: Das Wort „Hand“ existierte schon, das Wort „Schuh“ auch, also quetschen wir die zusammen und wir haben ein neues Wort, fertig: Ein „Schuh für die Hand“, lustig. 🙂 Die Franzosen haben sich hier zumindest die Mühe gegeben, ein ganz neues Wort für Handschuh zu erfinden („gant“), das nichts mit Hand („main“) und nichts mit Schuh („chaussure“) zu tun hat.

    Diese kulturelle Gewohnheit der Deutschen, einzeln existierende Worte zusammenzuquetschen, führt in vielen Fällen zu Sprachungeheuern, die die Ausländer am Rande der Verzweiflung und der Erstickung bringen, wie der bekannte Beispiel „Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitänsmütze“. Na ja, man muss als Anfänger in der deutschen Sprache durchhalten, sie ist ja immerhin nach meiner Theorie von Gott selbst erfunden worden, siehe „Deutsche Sprache“ … 😉

  9. Ihr Problem:
    Wie nennt man ganz allgemein diese individuellen unterscheidbaren Anteile, die den verschiedenen Beteiligten am selben Koinzidenz-Ereignis jeweils zuzuschreiben sind

    Man nennt das Ursache und Wirkung,
    oder auch Amboss oder Hammer sein.

    • @ Fluffy
      …”man nennt das Ursache und Wirkung

      … finde ich sehr gut. Bei einem Ereignis gibt es ja immer (mindestens) eine Ursache und (mindestens) eine Wirkung bei den Beteiligten: Keine Wirkung ohne Ursache und keine Ursache ohne Wirkung.

      Diesen Umstand kann man nicht mit einem einzigen Wort beschreiben, was offensichtlich Herr Wappler sucht – auch nicht auf Deutsch, die eine sehr “kompakte” Sprache ist.

    • Fluffy schrieb (01.06.2024, 08:19 Uhr):
      > Ihr Problem [ Frank Wappler 30.05.2024, 11:38 Uhr ]:
      > Wie nennt man ganz allgemein diese individuellen unterscheidbaren Anteile, die den verschiedenen Beteiligten am selben Koinzidenz-Ereignis jeweils zuzuschreiben sind [?]

      > Man nennt das Ursache und Wirkung

      Danke für diesen Vorschlag.
      Hinsichtlich meines oben (30.05.2024, 11:38 Uhr) vorgelegten Beispiels eines bestimmten Koinzidenz-Ereignisses:

      »… indem der Streichholzkopf und die Reibefläche einer Streichholzschachtel (“hinreichend eng”) aufeinander trafen und sich aneinander vorbei bewegten …«

      sollte entsprechend wohl dieses Ereignis insgesamt als “Ursache” bezeichnet werden,
      das Entflammen des Streichholzkopfes als eine bzw. “die” “Wirkung” (“auf den Streichholzkopf”)
      und das Markieren bzw. Beschädigen der Reibefläche ebenfalls als eine bzw. “die” “Wirkung” (“auf die Reibefläche der Streichholzschachtel”).

      Der Begriff “Wirkung” drückt auf diese Weise jedenfalls die Unterscheidbarkeit und Individualität der gesuchten Bezeichnung hinsichtlich der beiden Beteiligten aus, und erfüllt somit diesen Aspekt meiner Problemstellung.

      Aber: der Begriff “Wirkung” versteht sich doch nicht strikt als Anteil des “Ursache”-Ereignisses, und zwar im Sinne meiner Problemstellung als konkreter und ausschließlicher Anteil des “Ursache”-Ereignisses.
      Stattdessen umfasst “Wirkung” auch Anteile an anderen, nachfolgenden Ereignissen (“das Holz wird entzündet”, “die Reibefläche bleibt beschädigt”, etc.). Deshalb ist der obige Vorschlag (leider) keine Lösung meines geschilderten Problems.

      Allerdings ließe sich demnach vielleicht auch mein oben vorgelegtes Beispiel als missverständlich und mangelhaft zurückweisen;
      zumindest hinsichtlich der Reibefläche der Streichholzschachtel, die ja, nachdem sie im (durchaus ursächlichen) Koinzidenz-Ereignis markiert bzw. beschädigt wurde, selbstverständlich auch bis auf Weiteres so markiert bzw. beschädigt bleibt.

      Deshalb habe ich mich um ein weiteres, womöglich besseres Beispiel eines bestimmten Koinzidenz-Ereignisses bemüht, um erneut nach einer allgemeinen Bezeichnung für die individuellen Anteile zu fragen, die die Beiteiligten ausschließlich an diesem Ereignis hatten; und habe dieses (visuelle) Beispiel gefunden (das ebenfalls eine einigermaßen verbreitete Erfahrung betrifft, die im Link-Titel genannt ist).

      Auch hinsichtlich dieses Beispiels soll als vernachlässigbar gelten, dass mit feinerer Auflösung anstatt nur eines einzelnen Ereignisses stattdessen ein aus mehreren Ereignissen bestehendes “Geschehen” von endlicher Ausdehnung feststellbar wäre.
      Und auch dieses zweite Beispiel weist hinsichtlich der Problemstellung gewisse Schwächen auf — in diesem Falle nämlich, dass sich die beiden im Bild gezeigten Beteiligten wesentlich ähnlicher sind, als in der allgemeinen Problemstellung gemeint ist; und dass (deshalb auch) deren Anzeigen in diesem Ereignis weniger unterscheidbar und individuell wirken, als zum Verständnis meines Problems zuträglich sein mag.

      Meine entsprechende Frage erneut:
      Wie bezeichnet man möglichst allgemein den Anteil jeweils einer der beiden Abgebildeten, bei dem (Ereignis) was die beiden da zusammen erlebten ?,
      wenn nicht: “Anzeige”.

      • Zitat Frank Wappler
        Meine entsprechende Frage erneut:

        Wie bezeichnet man möglichst allgemein den Anteil jeweils einer der beiden Abgebildeten, bei dem (Ereignis) was die beiden da zusammen erlebten ?,
        wenn nicht: “Anzeige”.

        Die Bezeichnung “Anzeige” finde ich hier nicht geeignet weil umpräzis bzw. missverständlich. Denn man kann bei der Beschreibung eines Ereignisses mehrere Sachen “anzeigen“: Zeitpunkt, Standort, Wirkungen. Um welche Anzeige es sich handelt, kann man nicht mit einem einzigen Wort benennen, man muss es schon mit mehreren Worten präzisieren: Anzeige des Zeitpunkts, Anzeige des Standortes, Anzeige der Wirkungen.

        • Jocelyne Lopez schrieb (04.06.2024, 10:09 Uhr):
          > Die Bezeichnung “Anzeige”

          … jeweils für den Anteil eines bestimmten Beteiligten an einem bestimmten Ereignis …

          > finde ich hier

          … hinsichtlich des (wie auch schon in meinem vorausgehenden Kommentar) so abgebildeten Ereignisses …

          > nicht geeignet weil umpräzis bzw. missverständlich.

          Danke für die Rückmeldung. Bis zum Vorschlag einer anderen, ggf. geeigneteren Formulierung bitte ich deshalb, das Wort “Anzeige” in meinen Kommentaren im Sinne von “Anteil des betreffenden Beteiligten am betreffenden Ereignis” zu nehmen (sofern ich nicht ausdrücklich um eine andere Auffassung gebeten hätte).

          > Denn man

          … Versteht sich “man” in diesem Zusammenhang (geeignet) im Sinne von “jeder Beteiligte am betreffenden Ereignis; einzeln und unterscheidbar” ? …

          > kann bei der Beschreibung eines Ereignisses mehrere Sachen “anzeigen“: Zeitpunkt,

          Ja, einverstanden: bei “Zeitpunkt (eines bestimmten Beteiligten, am betreffenden Ereignis)” handelt es sich (doch auch nur) um eine Bezeichnung für die Sache an sich; also um ein Synonym für “(den) Anteil des betreffenden Beteiligten am betreffenden Ereignis”.

          (Dabei versteht es sich — hoffentlich –, dass jeder solche Zeitpunkt an sich streng von irgendwelchen Koordinaten, Ablesewerten/Readings, Timestamps oder sonstigen “Kalender- und Uhrzeit”-Angaben zu unterscheiden ist, die ihm zugeordnet werden mögen.)

          > Standort,

          Ist das nicht (lediglich) die Angabe, von wessen “Zeitpunkt” dabei jeweils die Rede ist ? Also (doch auch nur) ein Teil der Bezeichnung für die konkrete Sache.

          > Wirkungen.

          Zur Beschreibung eines bestimmten Ereignisses gehören dessen “Wirkungen” aber nur, sofern diese nicht (“erst”) in Beschreibungen anderer, anschließender Ereignisse beinhaltet sind.

          Die Beschreibung eines bestimmten Ereignisses (“an sich”) ist doch vollständig dadurch gegeben, wer daran zusammen teilnahm (woraus sich ggf. auch folgern lässt: wer nicht) und was (d.h. welche anderen, lichtartig getrennt vorausgegangenen Ereignisse) diese Beteiligten dabei wahrnahmen. “Wirkungen” “auf” andere, anschließende Ereignisse sind andere, separate Sachen. Jemandes Erinnerung an ein seine Teilnahme an einem bestimmten (vorausgegangenen) Ereignis gehört nicht zur Beschreibung dieses bestimmten Ereignisses an sich.

  10. Die oben vorgestellte Information zur Sprachforschung berücksichtigt ein wichtiges Detail nicht: die praktische Anwendung von Sprache.

    z.B. dürfen Bezeichnungen von Körperteilen unpräzise sein – wenn man sich direkt mit einer anderen Person unterhalten kann. Denn dabei kann man auf spezielle Abschnitte von Körperteilen deuten; falls es Unklarheiten geben sollte.

    Wenn man aber Informationen – so wie in Deutsch – auch in schriftlicher Form weitergibt, muss man viel mehr Details angeben/benennen, damit verständlich wird, was man sagen will.

  11. Zitat KinseherRichard
    Die oben vorgestellte Information zur Sprachforschung berücksichtigt ein wichtiges Detail nicht: die praktische Anwendung von Sprache. z.B. dürfen Bezeichnungen von Körperteilen unpräzise sein – wenn man sich direkt mit einer anderen Person unterhalten kann. Denn dabei kann man auf spezielle Abschnitte von Körperteilen deuten; falls es Unklarheiten geben sollte.

    Die praktische Anwendung der Sprache ist wohl primär und gemeinsam bei allen Sprachen, und zwar deswegen, weil alle Sprachen unter denselben Lebensbedingungen erst einmal entstanden sind: zu der Zeit, wo die Menschen unter Naturbedingungen lebten und überlebten mussten. Jäger zum Beispiel, müssen sparsam mit Lauten sein, die Verständigung und Mitteilung von Informationen erfolgt hier primär durch die Funktionalität und die Motorik des Körpers. Hier sind die Bezeichnungen des Körperteils „Hand“ oder anderer Teile des Arms überflüssig: Richtung anzeigen, werfen, angreifen, greifen, schlagen, warnen. Um bei dem Beispiel der Wolof-Sprache zu bleiben, die kein Wort für „Hand“ kennt, sondern nur die Gliedmaße „Arm“ als ganze, kann ich mir gut vorstellen, dass keine Unklarheiten bei der praktischen sprachlichen Kommunikation entstehen und dass der Kontext immer richtig erkennt wird: Es gibt ja keine Funktionalität der Hand ohne Funktionalität des Arms. Man könnte also ohne Missverständnissen in der Wolof-Sprache zum Beispiel sagen, „man zeichnet mit dem Arm“. Um die Feinmotorik der Hand zu beschreiben wäre es interessant zu wissen, ob in der Wolof-Sprache zum Beispiel das Wort für das Körperteil „Finger“ existiert, zum Beispiel „das Arm hat 5 Finger“.

    Hier gibt es wiederum einen Unterschied zwischen deutscher und französischer Sprache. Die Deutschen bezeichnen die Finger der Hand und des Fußes mit zwei ganz verschiedenen Worten: „Finger“ und „Zeh“, die Franzosen dagegen mit nur einem einzigen Wort („doigt“) mit „doigts des mains“ und „doigts des pieds“. Ich weiß noch, dass ich mal ausgelacht wurde, als ich auf Deutsch, angelehnt an Französisch, von „den Fingern meiner Füssen“ gesprochen habe. Hier verstehen sich die Franzosen offensichtlich immer noch als Affen … 😉

  12. Die verwendete Sprache und deren Details richten sich danach, wie und mit wem man sich unterhält.

    Ärzte oder Anatomen beschreiben daher den Körper und die einzelnen Körperteile mit wesentlich präziseren Bezeichnungen – als dies im allgemeinen Sprachgebrauch üblich ist.

    In Europa gibt es seit der Antike schriftlich überlieferte Quellen zu medizinischen Problemen. Es darf daher nicht verwundern, wenn deswegen einzelne Körperteile genauer unterschieden werden – als in Ländern ohne solche schriftliche Überlieferungen

  13. @ KinseherRichard
    Ärzte oder Anatomen beschreiben daher den Körper und die einzelnen Körperteile mit wesentlich präziseren Bezeichnungen – als dies im allgemeinen Sprachgebrauch üblich ist.

    Stimmt. Im Französischen sagt mal zum Beispiel gängig “j’ai mal au coeur” (= “ich habe Herzschmerzen”) für Übelkeit, oder “j’ai mal aux reins” (=”ich habe Nierenschmerzen”) für Kreuzschmerzen – die Ärzte verstehen übrigens, was gemeint ist – zumindest die französischen Ärzte.

    Bei den Kindern, egal was ihnen fehlt, sie haben grundsätzlich erst einmal “Bauchschmerzen”.

    Hier muss ich eine kleine Anekdoten erzählen, die zwar nichts mit dem Thema zu tun hat, aber ich finde sie zu süß: In Frankreich erzählte uns ein Arzt bei einem privaten Treffen mit Freunden, dass er einmal als Notfall zu einem 10-jährigen Junge gerufen wurde, der heftig unter furchtbaren Bauchkrämpfen litt. Bei der Untersuchung sagte ihm der Junge völlig aufgelöst: “Bitte helfen Sie mir, helfen Sie mir, oder geben Sie mir den Gnadenschuß!” Es gibt Kinder, die keine genaue Vorstellung der Rolle eines Arztes haben oder sich zu vielen Western angucken. 😉

  14. So vorteilhaft die Differenzierung bei den Körperteilen und Organen ist, ein Nachteil darf nicht unerwähnt bleiben.
    Das Zusammenspiel der Körperteile darf nicht vergessen werden.
    Also, jemand hat chronische Schmerzen in den Knien. Der Ergotherapeut schickt ihn zum Zahnarzt. Ein anderer hat wiederholt Magenschmerzen, der kluge Internist schickt ihn zum Zahnarzt.
    Wieder ein anderer hat Schmerzen in den Hüften, der Arzt untersucht seine Füße.
    Usw.
    Die Zusammenhänge sind mittlerweile bekannt.
    Bei der Frage, wie soll man die Körperteile benennen ist das ein ganz neues Argument. Also Namen finden, die den Zusammenhang der Körperteile irgendwie zum Ausdruck bringen.
    Bei den Gefühlen ist das sprachlich schon eingeflossen, wenn jemand sagt , “mir läuft die Galle über” wenn man zornig ist. Oder “ich habe Herzschmerz” wenn jemand traurig ist.
    Das ist das, was Sie ,Frau Lopez meinen.

  15. Zitat Frank Wappler:
    Mein Problem:
    Wie nennt man ganz allgemein diese individuellen unterscheidbaren Anteile, die den verschiedenen Beteiligten am selben Koinzidenz-Ereignis jeweils zuzuschreiben sind ? Wie lautet der (deutsche, oder wenigstens englische) Fachbegriff ?

    Zitat N:
    Frank Wappler, mein Vorschlag: “Simultanpartner” für zwei Beteiligte die gleichzeitig an einem Ereignis teilhaben.

    @ N: Ihr Vorschlag ist einleuchtend, denn der Begriff „gleichzeitig“ ist für alle Menschen selbstverständlich, wohl auch sehr alt in der Entstehung der Sprachen, weil man es oft braucht, er ist also sehr geläufig und leicht zu verstehen – vor allem in der sehr bildlichen deutschen Sprache mit der Methode der Zusammensetzung von zwei bereits vorhandenen Worten: gleich-zeitig, d. h. ganz einfach „zur gleichen Zeit“, was jeder spontan versteht (das französische Pendant ist hier wiederum abstrakter: „simultané “).

    Das Problem von Herrn Wrappler ist lediglich, dass er am liebsten das Wort „gleichzeitig“ komplett aus der deutschen Sprache verbannen würde, und zwar einzig deswegen, weil Einstein vor nur ca. 100 Jahren in seiner speziellen Relativitätstheorie die Gleichzeitigkeit von Ereignissen komplett negiert: Für Einstein können Ereignisse nicht gleichzeitig geschehen, sondern nur zeitlich versetzt. Diese abwegige und irrige Vorstellung verprellt nicht nur das intuitive (und logische) Verständnis der Natur und des Lebens durch die Menschen, sondern führt dieses Verständnis ad absurdum, denn ohne Gleichzeitigkeit würden keine Ereignisse existieren. Ereignisse mit mindestens zwei Beteiligten (was ja Voraussetzung ist für ein Ereignis) müssen nämlich immer „zur gleichen Zeit, am gleichen Ort“ geschehen, um überhaupt zu existieren und Wirkungen zu zeigen. Das kann man sehr gut mit dem Beitrag vom Teilnehmer Fluffy weiter oben verstehen:

    Man nennt das Ursache und Wirkung,
    oder auch Amboss oder Hammer sein.

    Würden Amboss und Hammer sich nicht gleichzeitig treffen, würde dieses Ereignis nicht existieren und keine Wirkungen zeigen, denn nichts kann sich zeitversetzt treffen.

    • Jocelyne Lopez schrieb (04.06.2024, 08:54 Uhr):
      > […] dass er [Frank Wappler] am liebsten das Wort „gleichzeitig“ komplett aus der deutschen Sprache verbannen würde, weil […]

      Dieser Fehleinschätzung widerspreche ich entschieden.
      Meine in diesem Zusammenhang relevanten Anliegen sind stattdessen

      1. dazu beizutragen, dass im wissenschaftlich-sorgfältigen Sprachgebrauch die Worte “koinzident” bzw. (synonym) “zusammen” bzw. “miteinander” bzw. “trafen (sich)” wahlweise genutzt werden, wenn sie zutreffen; weil das Verständnis der damit gemeinten Begrifflichkeit allen zugestanden werden soll, die guten Gewissens fragen könnten: “Was ist denn überhaupt gemeint?”; und

      2. die Möglichkeit in Betracht zu ziehen und zu untersuchen, dass (insbesondere) hinsichtlich der Relativitätstheorie alle sonstigen Begriffe durch Definitionen festgesetzt sind, die ausdrücklich auf Koinzidenz-Bestimmungen hinauslaufen.

      Letzteres umfasst auch Einsteins »gemeinverständliche«, ausdrücklich auf eine Koinzidenz-Bestimmung hinauslaufende Definition von “Gleichzeitigkeit” (1916/17).

      (Weitere relevante Anliegen sind weiter unten genannt.)

      > […] Würden Amboss und Hammer sich nicht gleichzeitig treffen, würde dieses Ereignis nicht existieren und keine Wirkungen zeigen, denn nichts kann sich zeitversetzt treffen.

      Dem lässt sich entgegensetzen:

      Sofern Amboss und Hammer sich getroffen hatten, lässt sich auch sagen, dass das entsprechende bestimmte Ereignis ihres (Zusammen-)Treffens stattgefunden hat, an dem beide teilhatten.
      (Hätten mehrere Ereignisse stattgefunden, an denen Amboss und Hammer jeweils gemeinsam teilhatten, so wären diese Ereignisse ggf. daran zu unterscheiden, wer jeweils außerdem daran beteiligt war bzw. was die Beteiligten außerdem dabei wahrnahmen.)

      Hätten Amboss und Hammer sich dagegen (noch) gar nicht getroffen, dann (noch) nicht.

      (Die Worte “gleichzeitig” oder “zeitversetzt” habe ich bei der Formulierung der beiden obigen Aussagen gar nicht gebraucht.)

      > Ereignisse mit mindestens zwei Beteiligten (was ja Voraussetzung ist für ein Ereignis)

      … das kommt auf die detaillierte Festsetzung, was (in diesem Zusammenhang) mit “Ereignis” gemeint sein soll.
      Aber ja: ein Koinzidenz-Ereignis mit mehreren (unterscheidbaren, materiellen) Beteiligten ist jedenfalls ein Ereignis. …

      > müssen nämlich immer „zur gleichen Zeit, am gleichen Ort“ geschehen, um überhaupt zu existieren und Wirkungen zu zeigen.

      Mehrere bestimmte unterscheidbare Beteiligte müssen sich getroffen haben, damit konstatiert werden kann, das Ereignis ihres (Zusammen-)Treffens hat überhaupt stattgefunden, und damit dieses Ereignis anhand seiner Teilnehmer (und deren Wahrnehmungenen dabei) eindeutig identifiziert werden kann.

      Darüber hinaus von einem abstrakten “Ort dieses Ereignisses” sprechen zu wollen, halte ich für entbehrlich.
      Und jeweils von einem bestimmten identifizierbaren materiellen Beteiligtem auch als einem konkreten “Ort” zu sprechen, halte ich für redundant.
      (Und es ist mir entsprechend ein Anliegen, geometrische bzw. kinematische Beziehungen auszudrücken, ohne dabei das Wort “Ort” zu gebrauchen. Schließlich stehen stattdessen definierte Begriffe bzw. Messgrößen wie u.a. “Distanz”, “Raumzeit-Intervall”, “Syngesche Weltfunktion” und “Lorentzsche Distanz” zur Verfügung.)

      Ebenso halte ich es für entbehrlich, von einer abstrakten “Zeit des Ereignisses” zu sprechen, das doch schon dadurch eindeutig identifiziert ist, welche bestimmten identifizierbaren materiellen Beteiligten daran zusammen teilhatten bzw. welche Wahrnehmungen diese Beteiligten dabei hatten/sammelten.
      Und schon Einstein (1905) hat ja darauf hingewiesen, dass es redundant ist, die “Zeigerstellung” bzw. (allgemeiner) die “Anzeige” jeweils eines bestimmten identifizierbaren materiellen Beteiligten am betreffenden Ereignis außerdem als dessen konkrete “Zeit” zu bezeichnen.
      (Und um geometrische bzw. kinematische Beziehungen auszudrücken, ohne dabei das Wort “Zeit” zu gebrauchen, steht ja zudem die Messgrößen “Dauer” zur Verfügung.)

      > […] Für Einstein können Ereignisse nicht gleichzeitig geschehen,

      Eine Feststellung von “Gleichzeitigkeit” (oder ansonsten: von “Ungleichzeitigkeit”), entsprechend der o.g. Einsteinschen Definition (und übrigens auch entsprechend der damit kompatiblen Definition von D. F. Comstock (1910)), kann grundsätzlich nicht auf Paare von ganzen Ereignissen insgesamt zutreffen, mit jeweils etlichen verschiedenen Beteiligten, von denen sich etliche (paarweise) gegenüber einander bewegten. — So weit, so richtig.

      > sondern nur zeitlich versetzt.

      Nein: zwei unterscheidbare Ereignisse sind

      – entweder zeitlich voneinander getrennt, d.h. es sind Beteiligte vorstellbar oder sogar auffindbar, die jeweils an beiden betreffenden Ereignissen teilhatten;

      – oder ansonsten lichtartig voneinander getrennt, d.h. die Signalfront des einen Ereignisses wurde von den Beteiligten des anderen Ereignisses (dabei zusammen) wahrgenommen;

      – oder: “weder, noch”; d.h. die betreffenden beiden Ereignisse waren raumartig voneinander getrennt.

      (Nur im letzteren Fall, und nur unter bestimmten weiteren Bedingungen, lassen sich Beteiligte an dem einen Ereignis und jeweils paarweise entsprechende bestimmte andere Beteiligte an dem anderen Ereignis auffinden, auf die anhand der o.g. Definitionen zutrifft, dass die Anzeige des einen Beteiligten in dem einen Ereignis und die Anzeige des anderen Beteiligten in dem anderen Ereignis gleichzeitig waren.)

  16. Zitat N:
    So vorteilhaft die Differenzierung bei den Körperteilen und Organen ist, ein Nachteil darf nicht unerwähnt bleiben. Das Zusammenspiel der Körperteile darf nicht vergessen werden. […] Die Zusammenhänge sind mittlerweile bekannt. […] Also Namen finden, die den Zusammenhang der Körperteile irgendwie zum Ausdruck bringen.
    Bei den Gefühlen ist das sprachlich schon eingeflossen, wenn jemand sagt , “mir läuft die Galle über” wenn man zornig ist. Oder “ich habe Herzschmerz” wenn jemand traurig ist.
    Das ist das, was Sie ,Frau Lopez meinen.

    Richtig, die Differenzierung bei den Körperteilen und Organen ist zwar bei den Ärzten mittlerweile bekannt, aber sonst nicht so selbstverständlich für die anderen Menschen wenn es um Gefühlen geht. Bei welchem Körperteil oder Organe kann man zum Beispiel das Gefühl des Unwohlseins „Übelkeit“ lokalisieren? Irgendwo diffus im inneren oberen Teil des Körpers: Magen, Bauch, Speiserohr, Rache, Mund, Zunge, irgendwo bei den Verdauungsorganen. Obwohl das Unwohlsein „Übelkeit“ auch kein Zusammenhang mit dem Verdauungsapparat haben kann: Man kann auch Übelkeit zum Beispiel bei starker Migräne oder bei einem starken psychologischen Schock empfinden. Dass die Franzosen im Alltag die Ursache der medizinischen Übelkeit am Herz lokalisieren ist zugegebenermaßen schon ein bisschen seltsam. Wobei auch in Frankreich das Herz unangefochten als Zentrum der Gefühle verstanden wird, womit sie zum Ausdruck gebracht werden, wie Traurigkeit, Liebe, Freude, Wut, Angst, Verzweiflung usw. . Ausdrücke wie „schweres Herz, gebrochenes Herz, reines Herz, usw.“ haben ihre genauen Pendants im Französischen.

  17. Jocelyne Lopez
    Ein Begriff muss eingängig sein, wenn er sich durchsetzen soll.
    Die Kombination von germanischen Wortstämmen und lateinischen Wortsstämmen hat viele Worte hervorgebracht.
    Das Wort Partner versteht jeder Franzose, simultan verstehen viele Deutsche am Beispiel Simultandolmetscher.

    Was jetzt den Albert Einstein betrifft, der hat mathematische Ergebnisse versprachlicht, Beispiel “Gleichzeitigkeit” ,und damit zur Verwirrung beigetragen.
    Den lasse ich jetzt weg.

    Besser ist das Beispiel mit dem deutschen Wort “Nase”. Die eifrigen Sprachwissenschaftler fanden das undeutsch, weil das Wort von lat. nasus abgeleitet ist und die Sprachwissenschaftler haben dafür das Wort “Gesichtserker” vorgeschlagen. Dieses Wort hat sich nicht eingebürgert weil es 1. zu lang ist und 2. zu bildhaft ist . Wer will schon einen Gesichtserker im Gesicht haben. Der wurde im Mittelalter als Abort für Fakalien verwendet.

    Also, die Benennung der Körperteile sollte keine negativen Assoziationen hervorrufen. Und wenn es zu bildhaft wird, dann kann man das Wort als Schimpfwort verwenden, Beispiel Arschloch.

    Die angehenden Ärzte müssen deshalb die lateinischen Bezeichnungen büffeln, es bleibt ihnen nichts anderes übrig.

  18. Zitat N:

    Ein Begriff muss eingängig sein, wenn er sich durchsetzen soll. Die Kombination von germanischen Wortstämmen und lateinischen Wortsstämmen hat viele Worte hervorgebracht. […] Besser ist das Beispiel mit dem deutschen Wort “Nase”. Die eifrigen Sprachwissenschaftler fanden das undeutsch, weil das Wort von lat. nasus abgeleitet ist und die Sprachwissenschaftler haben dafür das Wort “Gesichtserker” vorgeschlagen. Dieses Wort hat sich nicht eingebürgert weil es 1. zu lang ist und 2. zu bildhaft ist . Wer will schon einen Gesichtserker im Gesicht haben. Der wurde im Mittelalter als Abort für Fakalien verwendet

    .

    … „Wer will schon einen Gesichtserker im Gesicht haben.“ Wohl wahr… 😀

    Wobei sich die Deutschen prinzipiell vor bildhaften oder langen Worten als Kombination gerade nicht scheuen, im Gegensatz zu den Franzosen. Ein französischer Text hat wohl generell mehr Worte als ein deutscher Text, um das gleiche zu sagen, denn die Franzosen bevorzugen Wortkombinationen mit mehreren kurzen Worten. Für den Begriff „gleichzeitig“ benutzen zum Beispiel die Franzosen im Alltag 3 Worte: „zur gleichen Zeit“ („en même temps, au même moment“). Das französische Wort „simultané “ für “gleichzeitig” wird seltener benutzt, etwa in der Wissenschaft oder bei bestimmten Kontexten, wie eben Simultanübersetzung oder Simultanübertragung.

    Übrigens sollte der Job von Sprachwissenschaftlern nicht neue Worte zu erfinden, vorzuschlagen oder durchzusetzen, das tun die Benutzer der Sprache selbst seit Jahrtausenden. Was wir zur Zeit mit der Sprachpolizei der Obrigkeit erleben ist ein Unding, sowohl sprachlich als auch gesellschaftlich. Das strenge Verbot von Worten, die unter negativen Assoziationen bei vergangenen historischen Umständen oder Lebensbedingungen entstanden und benutzt wurden, wird weder diese Umstände ungeschehen machen noch in die Zukunft verhindern. Ich fühle mich zum Beispiel als Frau eher diskriminiert oder herabgesetzt, wenn man Frauen als „gebärende Personen“ oder gar als „Menschin“ neu bezeichnet. Aber es ist eine andere Geschichte.

  19. Jocelyne Lopez,
    ” Das strenge Verbot von Worten, die unter negativen Assoziationen …….”
    Das nennt sich political correctness.
    Dafür muss man Verständnis aufbringen, die Deutschen haben sich in der Vergangenheit nicht correct verhalten.
    Was das Gendern betrifft, da kann man geteilter Meinung sein.
    Meine Meinung: Man muss den Leuten aufs Maul schauen. (Martin Luther)

    Jetzt zur französischen Sprache. Die ist halt so wie das chateau de Versailles oder die Petit Four, zum Genießen. Wir waren vor ein paar Wochen in Haute- Savoie , ein Neffe von uns wohnt dort. Tipp: Ivoire am Lac Léman.

    Ihr Beispiel mit gleichzeitig oder zur gleichen Zeit. Im Deutschen werden die verschieden verwendet. “Gleichzeitig “ist punktgleich. Genauer geht es nicht.
    “Zur gleichen Zeit” lässt Toleranzen zu, vorallem wenn kein kausaler Zusammenhang besteht sondern nur ein zeitlicher Zusammenhang.

    Jetzt zur Sprache allgemein. Bei den Körperteilen im Intimbereich wird es ja heikel .Wie soll man sprechen. Der eine sagt Arsch, der Nächste sagt Po oder vornehmer Gesäß, die Amerikaner sagt bottom oder butt oder neutral arse, was dem Deutschen am Nächsten kommt. Und wie verklemmt die Amerikaner sind, die nennen die Toilette nicht so, sondern restroom.
    also, die Namensgebung ist das Kennzeichen einer Kultur.

  20. Zitat Frank Wappler:
    > @ Jocelyne Lopez: […] dass er [Frank Wappler] am liebsten das Wort „gleichzeitig“ komplett aus der deutschen Sprache verbannen würde, weil […]

    Dieser Fehleinschätzung widerspreche ich entschieden.

    Der Kern der Auseinandersetzungen mit der Relativitätstheorie seit mehr als 100 Jahren ist hier, dass Einstein selbst die Gleichzeitigkeit von Ereignissen leugnet und behauptet, dass zwei Ereignissen nicht gleichzeitig geschehen können, sondern nur zeitversetzt: Es gäbe keine absolute Gleichzeitigkeit, sondern nur seine sogenannte „relative Gleichzeitigkeit“. Darauf ist die Spezielle Relativitätstheorie aufgebaut und sie fällt auch mit einer Widerlegung dieser Behauptung. Sie versuchen nur, diese Unstimmigkeit gut zu machen, in dem Sie das Wort „gleichzeitig“ bei der Beschreibung von Ereignissen möglichst meiden („Die Worte “gleichzeitig” oder “zeitversetzt” habe ich bei der Formulierung der beiden obigen Aussagen gar nicht gebraucht.), wie übrigens Einstein selbst in seinen späteren Arbeiten aufgrund der Kritik. Wobei Einstein selbst sich widerspricht und das Fundament seiner Theorie selbst in Frage stellt, denn er hat 1905 bei der Auffassung seiner Theorie sehr wohl die Gleichzeitigkeit von Ereignissen wortwörtlich vorausgesetzt, zum Beispiel mit dem Gedankenexperiment: 1 Blitz trifft gleichzeitig am Ende und am Anfang eines Zuges. Nun, Herr Einstein, entweder existiert die Gleichzeitigkeit oder sie existiert nicht, ja? 😉 Einstein rettet sich indem er behauptet, dass zwei Ereignisse an zwei nahe benachbarten Orten sehr wohl gleichzeitig sein können, jedoch keine auseinander weit entfernten Ereignissen – ohne dafür den Schatten eines schlüssigen Arguments zu liefern oder eine Meßgröße festzulegen, ab welche Abstand zueinander Ereignisse nicht mehr gleichzeitig sein können, und warum? (1 Meter, 10 Meter, 10 Kilometer, Tausend Kilometer, 1 Million oder eine Milliarde Kilometer?)

    Der ganze Sprachwirrwarr und die Wortreitereien in und um die Relativitätstheorie seit mehr als 100 Jahren können gar nicht die Tatsache verhindern, dass diese Theorie ein abwegiges, inkonsistentes und irriges Verständnis der Natur und der Physik darstellt.

    PS: Lieber Herr Wappler, ich bitte um Entschuldigung, dass ich ab und zu Ihren Namen falsch schreibe – nach so vielen Jahren Austausch ist es unverzeihlich … 🙁

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