Resilienz: Warum manche besser durch die Pandemie kommen als andere

Die coronabedingten Einschränkungen treffen alle, aber nicht alle gleich. Je nach Gesundheit, Alter, Job und finanzieller Sicherheit bedroht uns die Pandemie unterschiedlich stark und beeinträchtigen uns die politischen Maßnahmen weniger oder mehr. Doch verschiedene Reaktionen auf die Ausnahmesituation hängen nicht nur von äußeren Faktoren ab. Auch wenn Menschen objektiv dieselbe Belastung erfahren und in der gleichen sozialen Situation leben, kann sich das komplett unterschiedlich auf ihre psychische Gesundheit auswirken. Neue Konzepte der Stress-Resilienz können erklären, woran das liegt – und wer an Krisen sogar wachsen kann.

von Lara Puhlmann

Stress ist ein ungeliebter Gemütszustand, den die meisten Menschen versuchen zu vermeiden. Seinen schlechten Ruf hat er teilweise zu Unrecht, denn Stress ist essenziell für unser Überleben. Besonders auf ungewohnte oder schwer vorhersehbare Anforderungen reagieren wir mit Stress. Akute Stressschübe helfen uns dann, die nötige Energie zu mobilisieren, um in entscheidenden Situationen unser Bestes geben zu können. Sie zu bewältigen, kann anstrengend, aber auch anregend und lehrreich sein. Hält Stress jedoch zu lange an und lässt sich nicht bewältigen, wird er gefährlich: Krankheiten, die im Zusammenhang mit Stress stehen, sind inzwischen weltweit für mehr als 70 Prozent der Todesfälle verantwortlich.

Die Folgen der Corona-Pandemie scheinen genau diese Art von belastendem Stress zu fördern. Die meisten erfahren kaum noch die stimulierende, positive Seite von Stress, sondern erleben ihn allein als anhaltende, unkontrollierbare Belastung. Schon in den ersten Monaten der Pandemie haben sich dabei schwere Auswirkungen auf die mentale Gesundheit abgezeichnet: Psychische Symptome, die im Zusammenhang mit Stress-bedingten Störungen wie Depression und Angst stehen, nahmen zu, in manchen Stichproben sogar gerade bei den Menschen, die vorher kaum Symptome zeigten.

Doch selbst dieser langanhaltende Stress macht nicht allen gleich zu schaffen. Menschen, die mental stabil durch solch schwierige Lebenslagen gehen, werden als resilient beschrieben. Sie bleiben von widrigen Umständen unbeeinträchtigt oder schaffen es, ihr mentales Wohlbefinden schnell zurückzuerlangen. Die aktuelle Ausnahmesituation birgt die seltene Chance, solch unterschiedliche Reaktionen auf schwere Zeiten in breiten Teilen der Bevölkerung zu erforschen. Durch sie erleben die meisten ähnliche Arten der Belastung: Einschränkungen in den täglichen Aktivitäten und sozialen Interaktionen, Angst vor dem Virus und Probleme bei der Arbeit. Das erlaubt ResilienzforscherInnen zu ergründen, ob wir wirklich verschieden auch auf ähnliche Strapazen reagieren – und woran das liegt.

Resilienz-Forschung: Ein neuer Ansatz

Wie aber kann man wissen, ob eine mental stabile Person resilienter durch die momentane Situation geht, oder einfach weniger Einschränkungen in ihrem Leben hat? Damit wir das differenzieren können, hat unsere Forschungsgruppe am Leibniz Institut für Resilienzforschung eine neue Methode entwickelt, um Resilienz zu messen. Statt nur die psychischen Beschwerden der Befragten zu vergleichen, schauen wir uns die mentale Gesundheit relativ zu den äußeren Umständen an. Dazu werden Teilnehmende gebeten, neben Fragen zu ihrer psychischen Gesundheit auch anzugeben, was für Widrigkeiten sie kürzlich erlebt haben. In langen Listen möglicher negativer Erlebnisse, wie ‚Verlust von sozialen Kontakten‘ und ‚Probleme in der Kinderbetreuung‘, kreuzen sie alle an, die auf sie zutreffen. So können wir erkennen, welche Personen mehr und welche weniger stark mit vergleichbarer Belastung zu kämpfen haben.

Mithilfe dieser Methode haben wir in einer europäischen Forschungskooperative untersucht, wovon es abhängt, dass manche die momentane Situation besser ertragen können als andere. Aus mehreren Langzeitstudien kannten wir bereits einige Faktoren, die scheinbar mit Stress-Resilienz zusammenhängen. In der aktuellen Ausnahmesituation haben nun über 15.000 ProbandInnen aus 24 Ländern Fragebögen zu diesen möglichen Resilienz-Faktoren, stressigen Erlebnissen und zu ihrer psychischen Gesundheit ausgefüllt.

Die Ergebnisse bestätigen: Es gibt eine Reihe von psychologischen Faktoren, die einen signifikanten Einfluss darauf haben, wie sehr sich Stress in und um die Corona-Krise auf die psychische Gesundheit auswirkt. Demnach reagieren etwa Personen, die zu Nervosität neigen, leichter reizbar und eher unsicher sind, vergleichsweise stärker auf solche Strapazen. Diese Eigenschaften werden mit dem Persönlichkeitsmerkmal ‚Neurotizismus‘ beschrieben. Im Gegensatz dazu waren optimistische Menschen weniger beeinträchtigt von widrigen Umständen, genauso wie solche, die stärker das Gefühl haben, selbstwirksam zu sein, also sich in schwierigen Situationen auf ihre eigenen Fähigkeiten verlassen zu können.

In der Krise etwas Positives sehen

Entscheidend war außerdem, wie die Teilnehmenden konkret mit schwierigen Situationen umgehen. Allein zu wissen, dass man sich bei Problemen auf ausreichend soziale Unterstützung verlassen kann, schien dabei zu helfen, sie zu bewältigen. Weniger daran litten außerdem die Menschen, die in den Einschränkungen etwas Positives, wie einen Sinn oder eine Chance, erkennen. Besonders wichtig war in diesem Zusammenhang auch ein positiver Blick speziell auf die Corona-Krise. Teilnehmende, die Aussagen zustimmten wie, „Ich glaube, dass sich die Gesellschaft aufgrund der Corona-Pandemie auf lange Sicht zum Besseren entwickeln wird“, oder, „ich erwarte, dass ich aus der Corona-Pandemie etwas Positives für mein Leben lernen kann“, reagierten deutlich resilienter.

Unsere Studie zeigt also, dass diese Faktoren bestimmend für die Stress-Resilienz sind, selbst, wenn wir die individuelle Beanspruchung durch die Pandemie berücksichtigen. Eine entscheidende Frage ist aber noch offen: inwieweit können sich solche ‚Resilienz-Faktoren‘ entwickeln? Frühe Forschungsansätze haben Resilienz meist als eine Art stabiles Persönlichkeitsmerkmal beschrieben. Wir glauben mittlerweile, dass sich Resilienz verändern kann – und zwar vor allem genau dann, wenn wir mit Belastung konfrontiert sind. Eine prominente Erklärung: Solche Erlebnisse geben die Möglichkeit, den Umgang mit Stress zu trainieren. Dabei können Menschen vielleicht genau die Faktoren entwickeln, die sich in späteren Krisensituationen als schützend erweisen. Ob dass der Fall ist, und wie genau das abläuft, untersuchen wir in einem aktuellen Projekt mit dem gleichen internationalen Forschungsteam.

Die Krise ist also auch eine Chance, und es ist zu hoffen, dass viele Menschen letztendlich gestärkt und resilienter aus ihr herausgehen. In der Forschung spricht man in diesem Zusammenhang trefflicher Weise von Stress-‚Immunisierung‘ oder -‚Impfung‘. Dass sich ein besserer Umgang mit Stress prinzipiell erlernen lässt, wissen wir schon jetzt. So scheint zum Beispiel Meditations- und Achtsamkeits-Training dafür zu sorgen, dass sich Menschen weniger gestresst fühlen. Selbst die Menge an Stresshormonen kann dadurch sinken, wie wir in zwei Studien am Max-Planck-Institut herausfinden konnten (1, 2). Andere Untersuchungen zeigen, dass man negative Situationen gezielt positiver sehen kann – und somit vielleicht genau den Resilienzfaktor entwickelt, der in unserer Studie der Corona-Stressoren besonders wichtig war.

Solche Ergebnisse machen Hoffnung, dass wir stressbedingten Krankheiten durch gezieltes Training künftig vorbeugen können. Gleichzeitig sehen wir aber auch, dass die uns bekannten Resilienzfaktoren bislang nur einen kleinen Teil davon erklären, wie sich Stress tatsächlich auswirkt. Demographische Faktoren wie Alter, schulischer Bildungsstand und Beziehungsstatus haben in unserer Resilienz-Studie ebenfalls einen Einfluss gezeigt. Es ist außerdem davon auszugehen, dass wir viele Facetten der Resilienz noch nicht ausreichend genau erfassen können.

Eines darf man in dem Zusammenhang aber auch nicht vergessen: Dass man sich in verschiedenen Situationen überlastet fühlt, lässt sich nicht allein dadurch verhindern, dass jeder und jede an der eigenen Resilienz arbeitet. Dafür müssen sich auch äußere Umstände ändern, etwa in unsicheren oder extrem zehrenden Berufen. Individuelles Resilienz-Training sollten also mit solch struktureller Veränderung kombiniert werden, wenn es darum geht, stressbedingten Erkrankungen in unserer Gesellschaft effektiv vorzubeugen.

Veröffentlicht von

Lara Puhlmann ist Biopsychologin und erforscht die Auswirkungen von Stress auf Körper und Geist. Sie nutzt biologische Maße und Trainingsstudien, um herauszufinden, wie man stressbedingten Krankheiten vorbeugen kann. Sie hat in England Psychologie und kognitive Neurowissenschaften studiert und kam für ihre Promotion ans Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig. In der Abteilung "Sozialer Stress und Familiengesundheit" untersucht sie, wie sich Achtsamkeitstraining auf die Gesundheit auswirkt. Parallel erforscht sie am Leibniz-Institut für Resilienzforschung in Mainz, wie sich Stress-Resilienz entwickelt und fördern lässt.

9 Kommentare

  1. @Puhlmann

    Mit der Art und Weise wie unsere frühesten Erlebnisse LEBENSLANG dem bewussten Erinnern zugänglich sind, haben wir eine wichtige Grundlage für Resilienz.

    Diese Erlebnisse bzw.Erinnerungen helfen uns, selbst schwerste Schicksalsschläge zu überwinden.

    (Ich schicke morgen einen Brief mit Belegmaterial nach Mainz an Sie ab – Sie sollten den Inhalt mit Prof. Kalisch und den anderen Kollegen vom DynaMORE-Projekt besprechen.)

    • Hallo KRichard,
      In der Tat sind frühe Kindheitserlebnisse und -erinnerungen ein wichtiger Faktor dafür, wie wir lebenslang auf Stress und Widrigkeiten reagieren. In kritischen Entwicklungsphasen wie der Kindheit haben unsere Erlebnisse einen besonders großen und andauernden Einfluss auf Körper und Geist. Sie können zu der Ausprägung bestimmter Verhaltensmuster führen, oder zu psychologischen und physiologischen Veranlagungen, die uns über lange Zeit begleiten. Es gibt aber auch im höheren Alter noch kritische Lebensphasen, die ähnliche Auswirkungen haben können. Im DynaMORE Projekt erforschen wir zum Beispiel, wie sich Erfahrungen im jungen Erwachsenenalter (18-25 Jahre) auf die psychologische und physiologische Entwicklung der Teilnehmenden auswirken. Diese Lebensphase ist geprägt von Umbrüchen, wie neuen Anforderungen beim Einstieg in die Arbeit oder in das Studium, und häufig auch Umgebungswechsel, infolge welcher ein neues soziales Netzwerk aufgebaut werden muss. Diese Herausforderungen könnte ein Grund sein, warum Menschen in dieser Lebensphase besonders oft psychische Erkrankungen entwickeln (e.g. Reavley et al., 2010) – und im Umkehrschluss vielleicht auch Resilienzfaktoren entwickeln.
      Auch im höheren Erwachsenenalter mag es noch individuelle kritische Lebensphasen geben. Die Forschung zu Stress-‘Immunisierung’ zeigt außerdem, dass sich Stresserfahrungen über die gesamte Lebensspanne auf die individuelle Stress-Resilienz auswirken können (s. Link im Text). Trotz der Bedeutung von Kindheitserlebnisse ist es daher scheinbar nie ‘zu spät’, um Resilienzfaktoren zu entwickeln.

  2. Ohne zynisch sein zu wollen… die Ergebnisse klingen wie:

    “Menschen, die mit dem Leben besser zurecht kommen, kommen auch mit einer Krise besser zurecht.”

    Wer hätte das erwartet? 😉

    • In der Summe der beschriebenen Resilienz-Faktoren mag das so erscheinen. Das entscheidende ist aber, dass wir sehr vage Konzepte, wie ‚sein Leben im Griff haben‘, in ihre Bestandteile zerlegen. Wir identifizieren klar definierte Faktoren, die scheinbar dazu führen, dass jemand resilient auf Stress reagiert. Nur, wenn wir diese einzelnen Bestandteile betrachten und integrieren, können wir herausfinden, welche spezifischen Faktoren besonders wichtig sind – hier, in der Krise etwas Positives zu sehen – und sich dementsprechend für stress-präventives Training eignen könnten.

  3. Mon cas personnel.
    Je n’ai pas un psychisme très stable ni une vie heureuse, mais justement :
    Comme je ne suis jamais très gaie, ai en ce moment d’autres soucis dans ma vie (métier fatigant, problèmes dentaires, personnes très âgées dans ma famille) et que je n’a avec tout cela pas beaucoup de contacts sociaux ni de loisirs… eh bien le confinement ne change pratiquement pas ma vie.
    J’ai l’habitude d’être seule et de ne rien faire de folichon.À la limite, j’ai moins le sentiment un peu frustrant que le monde bouge autour de moi pendant que suis “trop” passive. =)
    C’est moins stressant que d’habitude.

    La seule contraintes qui me pèsent ce sont le masque en permanence au travail et les fermetures de frontières pour voir éventuellement ma famille, mais ce n’est pas dramatique.

  4. Hallo Frau Puhlmann

    Gehen ggfls. Menschen mit einem “überwiegend” gesunden Selbstwert (versus Ego-wert) und “überwiegend” gelebter innerer Unabhängigkeit nicht eher gelassener (nicht gleichgültiger) und demütiger (nicht resignierend) mit äußeren Einflüssen um?
    Kann Forschung dazu vielleicht nur (!) Anstöße, Angebote für das Treffen von eigenen Entscheidungen (getragen von intrinsischen Einstellungen, Haltungen und Werten) geben, bzw. offerieren?
    Ist Wachstum als Persönlichkeit nicht immer getragen vom Umgang mit äußeren Einflüssen (individuell, im Kleinen wie auch im Großen) ?
    Hmmm, kann denn Wachstum verordnet werden, oder ist dies nicht immer eine eigene Entscheidung ?
    Anbei ein Link zu einem bemerkenswerten, erklärenden Cartoon….
    https://www.facebook.com/photo/?fbid=1243308999124184&set=picfp.100003352885587
    Alles Gute Ihnen

  5. (Ups, ich habe vorhin in der falschen Sprache geschrieben).

    Was mich anbetrifft :

    Meine psychische Verfassung ist nicht die Beste und mein Leben nicht das Glücklichste, aber eben.
    Da ich selten sehr fröhlich bin und andere, schlimmere Sorgen habe (anstrengender Beruf, älternde Mutter, gravierende Zahnchirurgische Probleme) und dadurch in den letzten Jahren wenige soziale Kontakte und Hobbies habe, hat der Lockdown in meinem Leben sehr wenig geändert.
    Ich bin es gewohnt, alleine zu sein und nichts Außerordentliches zu erleben und zu unternehmen.

    Fast könnte ich sagen, dass ich weniger das frustrierende Gefühl empfinde, dass die Welt um mich herum bunt und lebendig ist, während ich “zu” passiv bin und etwas verpasse.
    Das ist etwas entspannend.

    Die wirklichen Unannehmlichkeiten sind für mich das Tragen der Maske in der Arbeit und die geschlossenen grenzen, sollte ich meine Familie besuchen wollen.

  6. Als Tochter einer hochneurotischen und möglicherweise depressiven Mutter habe ich jahrzehntelang unter leichten bis mittelschweren Depressionen gelitten.

    Ich denke, es waren sehr schwierige Aufgaben als allein-erziehende Mutter, die mich haben erstarken lassen. Für Sie markierte ich den Fels in der Brandung – heute bin ich es.

    Ich denke, eine extreme Belastungssituation ist es, wenn die Kinder einer allein erziehenden Mutter das Haus verlassen.

  7. Als 76jähriger Mensch männlichen Typs, über 50 Jahre als Friseur in einem Münchener-no-schicki-micki-Viertel am und mit Menschen gearbeitet, mit einer Frau die 7 Geschwister hat seit Jahrzehnten verheiratet und selbst als Einzelkind leicht egoistisch groß geworden sowie in den letzten 15 Jahren als ehernamtlicher Hospizbegleiter engagiert stellte ich mir auch immer wieder die Frage warum Menschen bei objektiv gleicher Belastung so subjektiv unterschiedlichn reagieren?
    Egal ob essentielle Belastungen oder eigentlich Pipi-Fax.
    Meine Erkenntniss ist zwar nicht akademische fundiert, trotzdem erlaube ich mir sie aufzuzeigen: individuelle Schicksalshaftigkeit.
    Glauben und Annehmen wollen das die Wenigsten.
    Wer es kann findet seinen Frieden.

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