Nervennahrung – Wie wirkt sich unsere Ernährung aufs Gehirn aus?

Wenn der Mensch nichts isst, is(s)t er nichts. Dabei müssen wir uns bewusst oder unbewusst jeden Tag entscheiden: Was esse ich heute, was kaufe ich ein? Zu welchen Lebensmitteln wir dabei greifen sollten, ist buchstäblich in aller Munde: “superfood”, “nutraceuticals”, “health food” und “brain food” versprechen uns, dass wir gesund bleiben, länger leben und uns emotional und kognitiv optimieren – oft sogar gleichzeitig klimafreundlich. Aber was ist wissenschaftlich belegt an diesen Aussagen?

von Veronica Witte und Evelyn Medawar

Eine Reihe von Studien der letzten Jahre legt nahe, dass unsere Lebensweise unser Gehirn und seine Denkprozesse beeinflussen kann. Neben regelmäßigem Sport, Nichtrauchen und sozialer Teilhabe scheint sich auch eine gesunde Ernährung positiv auf die geistige Leistungsfähigkeit auszuwirken. Manche behaupten sogar, dass eine einzige Mahlzeit unsere Entscheidungen verändern kann. Welche Signalwege zwischen Nahrung und Gehirn könnten hierfür verantwortlich sein, und wie stichhaltig ist die Studienlage beim Menschen?

Wir finden in unseren Studien und in der Literatur ein relativ neues, alarmierendes Ergebnis: Übergewicht und Adipositas im Erwachsenenalter ist mit mikrostrukturellen und funktionellen Veränderungen im Gehirn verbunden, die in der MRT-Bildgebung sichtbar werden. Vermutlich liegt das an einem schlechteren Insulin-/Glukosestoffwechsel und einem größeren Ausmaß an Entzündungen, die mit steigendem Körperfettanteil einhergehen und das Gehirngewebe schädigen können. Verschlechterungen in der Kognition und eine schnellere Hirnalterung könnten davon die Folgen sein. Zuviel Körperfett abzubauen und maßvoll zu essen scheint also auch wichtig für das Gehirn zu sein. 

Kann in der Konsequenz also regelmäßiges Fasten oder “Kalorienrestriktion” das Gehirn vor Alterungsprozessen bewahren? Dass eine milde Kalorienrestriktion (das heißt etwa 10 bis 50 Prozent weniger Kalorien, ohne Unterernährung) lebensverlängernd bei Organismen wie Hefen, Würmern, bestimmten Fliegen und auch einigen Mäusestämmen wirkt, ist schon länger bekannt. Auch bei Menschen ab einem BMI (“body mass index”) von mehr als 22,5 kg/m2 scheint sich eine derartige Ernährungsumstellung positiv auf die graue Substanz und die Lern- und Merkfähigkeit auszuwirken.

Aber haben Sie schonmal selbst FdH (umgangssprachlich “Friss die Hälfte”) ausprobiert? Dann gehören Sie vielleicht auch zu einer Mehrheit, der eine dauerhafte Diät schwerfällt. Mithilfe bestimmter Substanzen oder Molekülen versucht man daher, die positiven körperlichen Wirkungen einer Kalorienrestriktion auf das Gehirn zu imitieren — ohne dass es dabei die Willenskraft bräuchte, auf Kalorien zu verzichten. Dazu gehört zum Beispiel das in Rotwein enthaltene Resveratrol, das man in Form von Pulver oder Kapseln hochdosiert einnehmen kann. Leider sind die Studienergebnisse hierzu bisher nicht eindeutig. Wir als Forscherinnen stehen oft vor dem Dilemma, dass die ProbandInnen selbst meist wissen, welcher Diät sie während der Studienteilnahme folgen sollten, sie offenbaren uns ihre tatsächliche Ernährung aber nicht unbedingt. Insofern lauern Placeboeffekte und “non-compliance” quasi wie Fettnäpfchen der Ernährungswissenschaften – vieles ist deshalb noch nicht bewiesen oder widerlegt.

Warum es vielen schwerfällt, auf Burger, Schokolade und Co zu verzichten, könnte an unserem dopaminergen Belohnungsnetzwerk im Gehirn liegen. Das reagiert auf kaloriendichte Essensreize oft so stark, dass es nicht gelingt, langfristige Ziele zu erreichen, wie sich gesund zu ernähren. Was dagegen hilft, ist nicht bekannt. Wenn man jedoch solche Menschen genauer untersucht, die sich bevorzugt mit pflanzlichen Lebensmitteln, also eher gesund, ernähren, finden sich neben einem geringeren Körpergewicht auch Unterschiede in der Persönlichkeit: Sie sind im Durchschnitt weniger extravertiert, unabhängig von Alter, Geschlecht oder Bildung.

Bei einer pflanzenbasierten Ernährung ist es nicht nur die geringere Kaloriendichte, sondern auch ein hohes Maß an Ballaststoffen, was sie so gesund macht. Ballaststoffe gelten als Sattmacher und Präbiotika, also Stoffe, die das Wachstum und die Aktivität von Bakterien anregen. Sie werden primär im Dickdarm verdaut, wo das Mikrobiom, also die Bakteriengemeinschaft im Darm, deren Polysaccharidketten zu anderen Metaboliten fermentiert. Diese können wiederum als Signalmoleküle im Körper verschiedene Mechanismen anstoßen und so auch das Gehirn beeinflussen.

Ein Blick über den Tellerrand in die Klimapolitik lässt darüber hinaus erahnen, wieviel Klimaemissionen wir durch weniger Konsum von Lebensmitteln aus der Tierproduktion als Gesellschaft einsparen könnten. Letztlich fehlt es aber noch an Interventionsstudien beim Menschen, um zu belegen, dass eine gesunde Ernährung das Gehirn “optimieren” kann.

Insofern bleibt uns noch viel zu tun: In einer laufenden Studie untersuchen wir derzeit, ob die Einnahme von Ballaststoffen beispielsweise in Pulverform zusätzlich zur gewohnten Ernährung, die kognitiven Leistungen und auch die Entscheidungen für gesunde Lebensmittel verbessern kann. Dies könnte dabei helfen, ein Verlangen nach kalorienreichen Lebensmitteln abzumildern und langfristig eine gesündere Ernährungsweise zu entwickeln. 

Mehr zu unserer Forschung über Ernährung und Gehirn finden Sie hier.

Veronica Witte

Veronica Witte leitet die Forschungsgruppe "Altern & Adipositas: zentrale Mechanismen und der Einfluss von Ernährung auf das Gehirn" am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften (MPI CBS). In ihrer Arbeit beschäftigt sie sich vor allem damit, wie sich unsere Ernährung und unsere Lebensweise auf die Gehirnstruktur und -funktion auswirken. Mehr dazu hier: https://www.cbs.mpg.de/person/44924

4 Kommentare

  1. Tja … auf der Seite der Technikerkasse habe ich gerade mal meine Daten eingegeben – die Pfeifen (sorry) berechnen mich auf BMI 21,7 (181 cm, 71 kg) und kommentieren das mit: “Sie wiegen zu wenig” – das zu ihren genannten 22,5.

    Übrigens scheint mir eine Kalorienrestrektion von 50% nicht mehr die Bewertung ‘mild’ zu verdienen. Ich habe vor einiger Zeit mit 200 Kcal (40 g Schokolade) pro Tag in einem starken Jahr 13 kg abgenommen – das war mild. Ob ich 1.000 kcal geschafft hätte? Ich habe da meine Zweifel.

  2. Vielleicht ist ja richtige Ernährung kinderleicht und besteht nur darin, das zu tun, was man schon längstens weiss: abwechslungsreich, nicht zu viel (immer aufhören bevor man satt ist) und nicht zu kalorisch, also mit genügend Ballaststoffen versehen.
    Warum ist dann das kinderleichte für so viele so schwierig? Nun, dafür gibt es viele Gründe. Einer davon ist das Angebot. Heute dominiert die snackartige Ernährung, eine Darreichungsform die Kinder glücklich macht – und Erwachsene ebenso. Mindestens solange sie nicht auf die Waage stehen oder in den Spiegel schauen.

    Vielleicht genügt es also die Esskultur zu ändern. Wenn nicht, dann wäre eine Art Fitnesstrtracker-Äquivalent für die Nahrungsaufnahme etwas was noch fehlt. Oder einfach ein Medikament, das den Appetit zügelt. Denn häufiger noch als Fehlernährung ist Überernährung. Es vergeht in der Tat kaum ein Tag, an dem man nicht etwas über die negativen Auswirkungen von Übergewicht liest. Sogar Covid-19 ist für Übergewichtige gefährlicher. Übergewichtige haben ein erhöhtes Entzündungslevel, sind geistig weniger agil (siehe oben) und und und…

    Alles spricht aber dafür, dass wir auch in 10 und in 30 Jahren noch viel darüber lesen werden. Ohne dass sich etwas geändert hat. Immerhin scheinen leicht Übergewichtige gleich lang zu leben wie Normalgewichtige (das gilt aber nicht für Adipöse). Gleich lang , aber weniger gesund.

  3. Das ist ein guter Einstieg über die Auswirkungen von zu vielem Essen.
    Der Schwerpunkt liegt dabei auf “zu viel”. Wer Sportler ist, der muss mehr essen, nicht aus Vergnügen, sondern, weil er Leistung bringen muss.
    Ein Schwerarbeiter muss viel essen, weil er sonst seine Arbeit nicht schafft.
    Ob man bei einem Gewichtheber den body mass index heranziehen kann, dass leuchtet jeden Mitleser ein.
    Hier geht es also mehr um die Genussesser, die aus Langeweile zu viel essen.
    Ob die jetzt wegen des zuvielen Essens träge werden , oder schon träge sind, weil sie sich zu wenig bewegen, dass muss unterschieden werden.
    Und last not least, wer träge ist bei der Bewegung , der ist auch träge beim Denken. Wird man also träge durch die zu geringe Bewegung oder durch die überzähligen Kalorien, oder durch beides ?
    Ich denke mal, dass die Art der Ernährung entscheidend ist. Wer Kaffee trinkt, der ist hellwach und auch geistig leistungsfähig. Wer Bier trinkt, der wird müde und hat keine Lust ein Rätsel zu lösen. Nur als Beispiel . Die Genussgifte sind also genauso entscheidend wie Fleisch oder Kohlenhydrate.

Schreibe einen Kommentar


E-Mail-Benachrichtigung bei weiteren Kommentaren.
-- Auch möglich: Abo ohne Kommentar. +