Mystik – Meditation – Glaube – Spiritualität – Wissenschaft

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Ulrich Ott: MeditationRezension

Ulrich Ott, Meditation für Skeptiker, Ein Neurowissenschaftler erklärt den Weg zum Selbst, O. W. Barth Verlag

Dieses Buch trifft den Nerv der Zeit. Es ist für Menschen geschrieben, die nach einer spirituellen Tiefendimension ihres Lebens suchen, ohne auf aufgeklärte Wissenschaft verzichten zu wollen. Der Autor, Neurowissenschaftler am Bender Institute of Neuroimaging an der Justus Liebig Universität ist ausgewiesener Fachmann auf dem Gebiet der Meditationsforschung. In der Abfolge von fünf traditionellen Techniken der Meditation, also solchen, die sich auf Körperhaltung, Atmen, Fühlen, Denken und Sein, beziehen, entfaltet er zunächst ein Panorama der Weite meditativ-spirituellen Lebensvollzuges. Es kommt dem Autor dabei darauf an, durch diese methodische Anleitung die spirituelle Erlebnisdimension des Menschen aufzuschließen. Explizit enthält er sich dabei einer religiösen Deutung dieses Erlebens. Vielmehr kommt es ihm darauf an, die Erlebnisdimensionen mit Hilfe der neurowissenschaftlichen Forschungen auf eine naturwissenschaftliche Grundlage zu stellen und zugleich die positiven Effekte von Meditation in Bezug auf Gesundheit in all ihren Dimensionen zu identifizieren. So erfährt man einiges über die höhere Stressresistenz, geringere Depressivität von Meditierenden. Auch die Stärkung des Immunsystems kann man nach den Ergebnissen einiger Untersuchungen anführen. Der Autor führt auf diese Weise in ein spannendes, neues Forschungsfeld ein, von dem noch einiges Interessante über die Wirkungsweise des Gehirns erwartet werden kann, wenn es mit Hilfe verschiedener Meditationsmethoden trainiert wird. Dabei wird man erwarten können, dass sich vor allem das Konzept der Neuroplastizität als ein Zukunftskonzept der Hirnforschung herausstellen wird, ein Konzept, das weit über die methodischen und ideologischen Engführungen von deterministischen Menschenbildern hinausgeht, die von einigen Hirnforschern vertreten werden. Dies wird besonders in den Forschungen von Britta Hölzel deutlich, die nachgewiesen hat, dass Meditierende in mehreren Hirnregionen eine größere Dichte grauer Substanz aufweisen. Damit ist auch im Hinblick auf die allgemeine Gesundheitslage der Bevölkerung ein neues Tor aufgestoßen. Denn es ist klar, dass sowohl die weite Verbreitung psychischer Probleme wie auch unser marodes und kostenträchtiges Gesundheitssystem Indikatoren sind, die auf eine unheilsame Lebenseinstellung vieler Menschen hinweisen. Meditation empfiehlt sich hier als kostengünstiges Heilmittel, da es dem Menschen eine Methode an die Hand gibt, selbst seine Gesundheit in Eigenverantwortung in die Hand zu nehmen.

Für mich als Theologen ist neben diesen wissenschaftlichen Perspektiven vor allem die Frage interessant, ob durch diese Forschungen dem Theologen eine Hilfestellung an die Hand gegeben wird, um vor dem Hintergrund des christlichen Glaubens, entscheiden zu können, was in der Meditation eigentlich erfahren wird. Traditionell werden ja Meditationsmethoden in der Mystik – der lebendigen Quelle der Religiosität in allen Weltreligionen – verortet. Diese Verbindung zwischen Spiritualität und Religion will der Autor offenbar kappen, wenn er schreibt:

"… Durch die wissenschaftliche Beschäftigung mit Meditation werden überlieferte Techniken nüchtern und objektiv auf ihre Wirkungen hin überprüft. Religiöse Weltanschauungen und Interpretationen werden dabei zunehmend ersetzt durch psychologische und neurophysiologische Erklärungsmodelle." S. 188.

Dabei ist ein gewisser Affekt gegen ein anderes religiöses Grundphänomen bei ihm auszumachen, nämlich den Glauben. Glauben, so hat man den Eindruck, bedeutet für den Autor offenbar eine Art vorwissenschaftliche Lebenseinstellung, bzw. ist eher ein defizitäres religiöses Phänomen. Daher muss der Glaube – dem man blind ausgeliefert ist – durch selbst nachkontrollierbares Erleben ersetzt werden. Dies erinnert an die bekannte These von Thomas Metzinger, nach der das Gegenteil von Glaube nicht Wissen sei, sondern Spiritualität, und zwar mit dem gleichen Argument, Glauben durch Erleben zu ersetzen.

Was aber wird eigentlich in der Meditation erlebt, vor allem dann, wenn es um die höherwertigen mystischen Entgrenzungserlebnisse, wie Transzendenz von Raum und Zeit, Harmonieerfahrungen, kosmische Einheitserfahrungen geht? Dies ist eine Frage von höchster wissenschaftlicher, religionsphilosophischer und theologischer Relevanz.
In den traditionellen religiösen Deutungen mystischen Erlebens – beispielsweise bei Meister Eckhart – handelt es sich natürlich um Gotteserfahrungen. Die Gottesgeburt in der menschlichen Seele ist ja das zentrale Anliegen Eckharts.  Wenn dem so ist, heißt das dann, dass eine Gotteserfahrung machbar ist? Heißt das dann, dass man Gott durch Meditation gewissermaßen zwingen kann, sich in der Seele zu offenbaren? Bei Eckhart selbst gibt es manche Formulierungen, die in diesem Sinne ausgelegt werden können. Andererseits betonen auch alle Mystiker, dass der letzte Schritt, die Erleuchtung, nicht machbar ist. Zudem: Ist es nicht ein fast schon blasphemischer Gedanke, mit Hilfe der Meditation Gott gewissermaßen im Griff haben zu können? Ist Gott nicht frei, sein Wirken walten zu lassen, wo und wie er will? Andererseits: Die Meditation kann auch begriffen werden als eine Methode, in der sich der Mensch auf eine Gottesbegegnung vorbereitet, sensibilisiert, öffnet und es ist dann immer noch Gottes Sache, ob er sich zeigt oder nicht. In diesem Sinne argumentiert auch Ulrich Ott:

"Mystische Erfahrungen unterliegen nicht der willkürlichen Kontrolle. Bemühungen und Anstrengungen wären kontraproduktiv. Sie können nichts tun, außer alle Erwartungen, Wünsche und Hoffnungen aufzugeben. Wenn Sie alle ich-zentrierten geistigen Vorgänge, die um die Vergangenheit und Zukunft kreisen, zur Ruhe bringen, besteht die Chance, dass ein fundamentaler Wechsel der Wahrnehmung stattfindet, der mit einer tiefen Selbsterkenntnis einhergeht." (S. 126)

Wie dem auch sei: Die religiöse Deutung der Meditation wirft in der Tat einige Probleme auf. Dazu kommt folgende Überlegung: Wenn Gott aus biblischer Perspektive betrachtet vor allem als ein Gott verstanden werden muss, der Neues, bisher nie Dagewesenes schafft – exemplarisch deutlich in der Auferweckung von Jesus von Nazareth von den Toten – kann dann die mystische Erfahrung in diesem Sinne verstanden werden? Sicher, es ist nicht kommunizierbar, was in diesen Gipfelerfahrungen an Tiefe und Weite eigentlich erfahren wird. Aber für den Erfahrenden ist es sicher etwas Neues. Trotzdem gibt es eine Art von Stereotypie, die auch in Fragebögen zur Spiritualität abgefragt wird, wie die bereits genannten Entgrenzungserfahrungen, die Harmonie, die kosmische Einheit, die Raum- und Zeitlosigkeit. All diese Momente kann man auch in den Werken von Meister Eckhart identifizieren. Wie aber ist ein Gott denkbar, der Neues schafft, wenn sich dies aber gerade in stereotypischen Momenten zeigt? Ein Widerspruch? Es ist daher auch eine Überlegung wert, ob es sich bei den genannten mystischen Erfahrungen nicht auch um etwas ganz anderes handeln könnte. Es könnte nämlich sein, dass es sich um die Erlebniskorrelate von Selbstmodifikationen des ZNS handelt. Meditationserfahrungen wären dann im Wesentlichen Selbsterfahrungen des Nervensystems – methodisch ja auch selbst induziert.

Mystik wäre demnach Selbsterfahrung, keine Gotteserfahrung, es sei denn, man identifiziert wie im Hinduismus das Selbst mit Gott, also die Identität von Brahman und Atman. Von der christlichen Theologie aus gesehen, wäre dann die Mystik ein vitaler Bestandteil der Schöpfungsordnung. Menschen sind dann für Religiosität veranlagt, so wie sie für Musik oder Mathematik veranlagt sind. So gesehen, wäre die Mystik auch für christliche Theologie absolut akzeptabel, wie dies ja auch in der christlichen Mystik eines Teerstegen oder Arndt selbst im Protestantismus der Fall war.

Wie dem auch sei. Die Frage, was in der Meditation erfahren wird, sollte offen gelassen werden. Entscheidend ist, dass sich hier eine Erlebnisdimension in einer Tiefe und Weite offenbart, die den Menschen ungeheuer bereichert. Und das ist gut so. Diese Erlebnisdimension sollte auch ihren Platz in der Kirche wieder finden.

Das Buch von Ulrich Ott in seinem sowohl wissenschaftlichen wie auch existenziellen Charakter wirft, eigentlich nebenbei und unbeabsichtigt, die Frage nach der theologischen Bedeutung religiösen Erlebens neu auf. Wenn es in den Religionen nichts zu erleben gibt, stimmt etwas nicht. Das gegenseitige  Ausspielen von Glauben und Spiritualität muss nachdenklich stimmen. Für Luther war die Entdeckung des Glaubens gegenüber der monastisch-mystischen Spiritualität eine große Erfahrung der Befreiung, die die Welt verändert und das Mittelalter beendet hat. Heute wird diese Erlebnisdimension des Glaubens kaum noch wahrgenommen. Daher ist die Rückkehr zur Mystik und Meditation verständlich.
Für mich als Theologen ist die Verbindung der Tiefendimension der mystischen Erfahrung mit einem starken Glauben der Weg, der die Menschen, und damit auch die Kirche und Theologie, in die Zukunft führt.

Wolfgang Achtner ist Professor für Systematische Theologie an der an der Justus Liebig Universität Giessen, sowie Gründer und Direktor der Transscientia Instituts für interdisziplinäre Wissenschaftsentwicklung, Philosophie und Religion. Prof. Dr. Wolfgang Achtner

6 Kommentare

  1. @Wolfgang

    Danke für die wunderbare Buchbesprechung zu einem außerordentlich spannenden Thema!

    Eine kleine Frage hätte ich: In der empirischen Forschung geht ja der Trend deutlich dahin, Spiritualität (verstanden als Fähigkeit zu Transzendenzerfahrungen) und Religiosität (verstanden als Glaube an überempirische Akteure) zu unterscheiden. Zwar verschränken sie sich in der Realität regelmäßig, aber sie scheinen doch auch unterschiedlich veranlagt zu sein und Menschen können sich durchaus als sehr spirituell, aber nicht-religiös oder umgekehrt erfahren. In Gehirn & Geist waren neulich Forschungen zu Spiritualität sogar Titelthema:
    http://www.chronologs.de/…ick-der-wissenschaften

    Hat Ott das bereits auf dem Schirm? Und wie siehst Du das?

  2. Anmerken, lieber Michael, würde ich gerne, dass der “Umgang” des spirituell veranlagten Menschen mit seiner Spiritualität in aller Regel doch auch von Glaube geprägt ist (= die Deutung der Erfahrung) – wobei der Begriff des Glaubens in der Kommunikation natürlich stets der Definition bedürfte (für wahr halten/vertrauen auf/sich anbinden an/…). Die Anknüpfung der Religiösität an die “überempirischen Akteure” halte ich nach wie vor für problematisch, insbesondere im Kontext der Mystik.

    Vielleicht hierzu für dich interessant mal anzuschauen: http://www.ted.com/…erful_stroke_of_insight.html , mit der Anmerkung, dass Frau Taylors Begriff der “Energie” solch eine Deutung der eigenen Erfahrung ist, im naturwissenschaftlichen Sinne nicht messbar, ein Glaube (aus Erfahrung) eben. Ist das wirklich so unterschieden von Religiosität?

    (Es gibt auch andere “pathologische” Auslöser mystischer Erfahrungen, vgl. http://seelengrund.wordpress.com/…8/entgrenzung/ , die durchaus unmittelbar religiöse Einbettung erfahren).

  3. @Stefan

    Gute Einwände, die m.E. ha auch gerade dafür sprechen, Spiritualität und Religiosität zu unterscheiden. So können Menschen spirituelle Erfahrungen z.B. im Hinblick auf Natur, Energien, Entwicklungsgesetze o.a. machen, ohne an höhere Wesenheiten zu glauben oder diese in Gemeinschaften zu verehren. Diese würde ich dann weder als ” religiös” vereinnahmen, noch ihnen ihre Spiritualität absprechen wollen.

  4. In der Tat ist die neurophysiologische Betrachtung meditativer Zustände im Zusammenhang mit dem allgemeinen Trend zu sehen, menschliches Verhalten neurophysiologisch zu analysieren. wir werden wohl in Zukunft viele interessant und wegweisende Erklärungen für unser Tun und Handeln finden, wenn wir diese Spur weiterhin bedienen. Allerdings gibt es Dinge zwischen Himmel und Erde, die wohl eher als unilogisch (von UNILOGON), denn als neurophysiologisch erklärbar bezeichnet werden müssten, die uns also in einem Schopernhauerischen Sinne von außen in uns bestimmen ohne dass uns dies zu Bewusstsein gelangt. Dies enstspräche einer einer Art freier Spiritualität, die uns gegeben wird ohne von uns gwollt zu sein, die uns bereichert und verändert: Gleichsam ein spiritueller Motor aus einer anderen Dimenson.

  5. Me, Myself and I – Transformationen des Ich

    Buch-Neuerscheinung:

    „ Ausgesetzt zur Existenz “ – warum der Mensch ein Schicksal ist
    – vom Ausgang aus der unverschuldeten Absurdität –
    Franz Sternbald

    Aufrichtig gesprochen, „Ich“ war niemals frei zu handeln, vielmehr handelte es sich .. in einer Gitterbox kausaler Bestimmtheiten.
    Wir können garnicht tun, sondern wir ereignen uns.
    Notwendig ist künftig eine praktische Existenzphilosophie zur Rechtfertigung des Subjekthaften gegen die Zudringlichkeit der Verobjektivierung.
    Sind wir zwar nicht eigentlich frei zu handeln, liegt unsere eigentümliche Freiheit dennoch auf dem Grund unseres Seins. Möglicherweise haben wir uns demnach den Käfig der kategorischen Gesetztheit selbst geflochten. Freiheit wurde auf dem Weg vom Sein in die Existenz zur Bestimmtheit. Allein im Bewußt-Sein ist somit die funktionale Verbindung von Freiheit und Bestimmung zu suchen.

    Mit dem Buch „Ausgesetzt zur Existenz“ fordert der Autor Franz Sternbald Sie auf: Holen Sie sich ihr Ego zurück; Werden Sie sich dessen gewahr Wer Ihr Ich eigentlich ist!
    „ Was soll nicht alles meine Sache sein …..,nur die meinige soll nicht meine Sache sein?! “

    Ich zu sein, vermag nur Ich selbst

    aber …

    Wer ist eigentlich ICH?
    Zu welchem Zweck behaupten wir ein subjektives Ego, und worin besteht ein objektiv legitimierender Sinn für die Forderung nach Anerkennung eines
    unbezähmbaren Geistes der uneingeschränkten Subjektivität

    Zu welchem Ziel strebt letztlich die Entwicklung der Selbstbewußtwerdung alles Lebendigen?
    In welchem überragend widerspruchsvollen Verhältnis steht das absolute Selbst zur Endlichkeit seines individuellen Daseins?
    Kierkegaard verstehen .. : ” Das Selbst ist ein Verhältnis, das sich zu sich selbst verhält, oder ist das am Verhältnis, dass das Verhältnis sich zu sich selbst verhält; das Selbst ist nicht das Verhältnis, sondern, dass das Verhältnis sich zu sich selbst verhält ”
    Mit diesem Buch wird ein Deutungsversuch unternommen für das Ego als einem Ding, oszillierend zwischen Dualität und Polarität, von Identität und Alienation, von Eigentümlichkeit und Entfremdung,
    auf dem Weg von Mir zu Dir

    Von nun an wird Ich nicht mehr gezählt, sondern gewogen

    *

    „ Ausgesetzt zur Existenz “ – warum der Mensch ein Schicksal ist
    – vom Ausgang aus der unverschuldeten Absurdität –
    Franz Sternbald

    ***

    „Indem es es selbst sein will,
    gründet das Selbst in der Macht, die es gesetzt hat“

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