Heimat und Identität: Technosapiens und Cyborg

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Theologie im Dialog

Das Internet mit seinen vielfältigen Informationsressourchen und Foren aller Art wird immer mehr für viele Menschen zur zweiten Heimat – zur virtuellen Heimat. Manche legen sich im Internet auch eine zweite oder gar mehrere neue Identitäten zu, bis hin zu einem vollständig virtuellen Leben wie in Second Life. Ist das Internet damit der Ort, an dem neue Heimaten, neue Identitäten generiert werden?

Logo Heimat und Identität

Noch sind der Mensch und das Internet mit seiner elektronischen Basis der Informationsverarbeitung ja getrennte Entitäten. Was aber ist, wenn es zu einer Verschmelzung zwischen der biologischen Basis von Informationsverarbeitung im menschlichen Gehirn und der elektronischen des Internet kommt? Noch muss via Tastatur ein Gedanke, ein Gefühl, eine schlichte Information mühsam eingetippt werden. Viel zu umständlich! Der Tag wird kommen, and dem es über das Abgreifen von Hirnpotenzialen möglich sein wird, die Texte, die man schreiben will, wie von Geisterhand geführt auf den Bildschirm zu bannen. Der Tag wird kommen, an dem solche abgegriffenen Hirnpotenziale – und die damit korrespondierenden Ideen, Gedanke, Gefühle und Empfindungen, direkt ins Internet zu einem potenziellen Kommunikationspartner eingespeist werden. Eine instantane Begegnung von Seele zu Seele, Geist und Geist, bei der die leibliche Vermittlung ausgeschaltet sein wird. Eine neue Heimat für die Seelen und Geister? Und eine neue Identität?

Vielleicht ist dieser Tag gar nicht mehr so weit entfernt. Denn die Symbiose zwischen Mensch und Technik hat im medizinischen Bereich schon lange begonnen. Angefangen vom künstlichen Hüftgelenkt, über künstliche Nieren und Herzen, Cochleaimplantate, Siliziumchips im Auge bis hin zu Hirnschrittmachern. Diese Tendenz zur Technisierung des menschlichen Leibes hat seit der Philosophie von René Descartes und dem frivolen und seinerzeit gotteslästerlichen Buch „L’homme machine“  von La Mettrie unaufhaltsam zugenommen und dringt im immer tiefere Strukturen des menschlichen Leibes vor – die Verschmelzung von Elektronik und dem Zentralnervensystem steht bevor.

Die Frage stellt sich daher, welche Auswirkungen eine solche Verschmelzung von Bios und Elektronik auf die menschliche Identität hat. Inwieweit ist Identität an ein biologisches Substrat gebunden? Als ich vor einigen Jahren den britischen Kybernetiker Kevin Warwick in London besuchte, der sich selbst als den ersten Cyborg der Welt bezeichnet, weil er sich einen Siliziumchip in den Arm implantiert hatte, mit dem er sein ZNS direkt mit IP mit dem Internet verknüpft hatte, war meine erste Frage, ob er dabei neue Gefühle empfunden habe. Er bejahte dies, konnte diese Gefühle aber nicht genauer mit den uns bekannten Gefühlen beschreiben – sie waren eben neu! 

Inwieweit kann Elektronik mit dem Bios kommunizieren, die biologische Grundlage des Menschen ersetzen, ergänzen, mit ihr verschmelzen oder sie gar verbessern, ohne die menschliche Identität zu verändern? Oder wird es ganz neue Identitäten auf bioelektronsicher Grundlage geben mit ganz neuen Qualitäten, Qualia, des Empfindens, Erlebens oder gar Denkens? Sind wir auf dem Weg in ein Gruselkabinett bioelektronischer Monster, wird der homo sapiens dereinst zu einer Subspezies des Technosapiens herabgestuft? Oder wird sich zeigen, dass die Symbiose zwischen Soma und Technik aus prinzipiellen Gründen an unübersteigbare Grenzen stoßen wird? Letztlich erscheint hier die philosophische Frage nach dem Zusammenhang zwischen Geist, Seele und Leib in einem neuen, technischen Zusammenhang, der von unmittelbarer Lebensrelevanz ist. Aber er ist auch von großer erkenntinistheoretischer Relevanz. Dann durch die technische Dimension könnte die philosphische Diskussion um die Erklärungsmodelle für das Verhältnis von Geist und Leib – Emergenztheorien, Dualismus, Epiphänomenalismus, etc. – in den Rang empirisch entscheidbarer Alternativen aufrücken.    Sind wir auf dem Weg in eine Gesellschaft mit graduell verschieden abgestuften Cyborgs? Welche Identität werden sie haben und wo wird ihre Heimat sein?

Wolfgang Achtner ist Professor für Systematische Theologie an der an der Justus Liebig Universität Giessen, sowie Gründer und Direktor der Transscientia Instituts für interdisziplinäre Wissenschaftsentwicklung, Philosophie und Religion. Prof. Dr. Wolfgang Achtner

10 Kommentare

  1. Herzschrittmacher als Modell für Cyborg (Hirnschrittmacher)

    IN SciFi-Filmen sind die ersten Cyborgs of Cyber-Cops oder Cyber-Soldaten.
    Der Cyborg entsteht in diesen Visionen als Resultat der Instrumentalisierung des Menschen. Doch viel wahrscheinlicher sind in der Tat friedliche Wege zum Cyborg.

    Schon heute muss der Mensch hin und wieder ‘repariert’ werden. Mit einem Herzschrittmacher beispielsweise, bald aber mit einem Hirnschrittmacher. Auch die Bedürfnisse von Tetraplegikern bilden ein Einfallstor für die Cyborgisierung: sie würden von Befehlen, die via Gedanken abgesetzt werden, am meisten profitieren.

    Doch werden sich auch Gesunde eine Hirn-Maschine-Schnittstelle implantieren lassen,einfach so? Wohl nicht so schnell. Sie werden abgeschreckt werden von Fällen, in denen Computerviren zugeschlagen haben.

    Und wie wird sich das Identitätsgefühl von Tetraplegikern und ALS-Patienten, die über Gedanken kommunizieren und Befehle und Wünsche direkt an Computer übermitteln, ändern? Das weiss man nicht, darf aber annehmen, dass nur die wenigsten dieser Patienten noch auf all die Möglichkeiten verzichten werden wollen.

    Wir werden also in eine Zukunft geraten, in der ‘reparierte’ Menschen uns in gewisser Weise ebenbürtig oder gar überlegen sein werden. Doch diese Wesen werden zuerst recht einsam sein, so denk ich mir.

  2. Wow…

    Da hast Du wieder so einen “tiefen” Beitrag verfasst, dass ich ein Buch zur Seite gelegt und eine ganze Weile nur gegrübelt habe… Danke für das Gehirn-Futter!

  3. Symbiose wahrscheinlicher

    Es wird eher solche Symbioten geben. Die Kulturleistung “autonomes Einzelbewußtsein” dürfte erodieren und für spätere Generationen unverständlich werden, allenfalls wie Einhörner, Hexen und Kobolde die Märchenbücher bevölkernd. In “Alone” hatte ein Polarforscher solche Zerfallsprozesse geschildert.

  4. Braintuning:

    Für die Implementationsfähigkeit “neuer” Sensomotoriken ist die Frage entscheidend, ob das Gehirn dazu grundsätzlich geeignet ist. Normaleweise nimmt man an, es sei an den Besonderheiten des gegenw. menschl. Körpers orientiert (2 Augen und Arme usw.), während flexiblere, allgemeine Verarbeitungsstrukturen erst nachträglich hinzukamen. Dann dürften neue Sinnesorgane usw. nur schwer und stets sehr einzelfallspezifisch implementierbar sein. Aber ein sehr anerkannter Neurologe stellte vor einiger Zeit eine ganz andere Theorie vor, derzufolge es zuerst die flexiblen, allgemeinen Verarbeitungsstrukturen gab (ausgehend vom Geruchssinn, der sich grundlegend von anderen, später hinzugekommenen unterscheide), und erst dann die Seh- und sonstigen Zentren hinzukamen. (link1, link 2) Wäre dem so, dann sollten einheitliche Verfahren, beliebige “neue Sinne” etc. ans Gehirn anzuschliessen, so dass sie von ihm wie die bisherigen verwendet werden, möglich sein. (Putzfrauen mit drei Armen, Polizisten mit sieben Augen, iBrain Apps im ZNS, usw.). Wie dem auch sei, interessant finde ich daß die Entwicklung solcher Themen von einer klar umrissennen Forschungsfrage abhängt und sich dies in den nächsten Jahren beantworten lassen sollte. Interessant finde ich auch wie reibungslos vor einiger Zeit PR-Versuchsballons zu Gehirndoping (“obligatorisch für Chirurgen?”; “steuerfinanziert bei Studenten?”) abliefen.

  5. Martin Holzherr

    Repariert oder überlegen? In jedem Falle mit einer anderen inneren sinnlichen Selbstwahrnehmung, also Identität. Man kann die Frage auch noch weiterspinnen: Übernimmt der Mensch seine eigene Evolution als Motor der Evolution des Technosapiens? Wir gehen auf jeden Fall einer Zukunft in der Anthropologie in diesem Bereich entgegen, die diejenige der Gentechnologie weit übersteigen dürfte.

  6. Michael Blume

    Danke für die Blumen! Die Koevolution von Bio und Elektronik ist ein Zukunftsthema, davon bin ich überzeugt. Es wirft allerdings sehr tiefe Fragen nach der menschlichen Identiät auf, vor allem die, ob die, wie sich menschliche Identität konstituiert: Durch den Leib, durch die Interaktion von Leib und Seele, durch die Interaktion von Leib, Seele und Geist, durch die Irrelevanz des materiellen Trägermediums für die Identitätsbildung, durch Biographie, durch Sozialität, durch Kultur, durch Religion? Mit der Technisierung des Leibes haben wir zum ersten mal die Möglichkeit, dies empirisch zu testen!

  7. Braintuning

    Danke für diese weiterführenden Gedanken. Die Frage, ob menschliche Identität an eine bestimmte Körperlichkeit gebunden ist, ist in der Tat die entscheidende. Man kann mit dieser ganzen Problematik eben empirisch testen, welche der Theorien richtig ist, die die menschliche Geistigkeit hervorbringen: Emergenztheorien, Dualistische, Interaktionistische, Epiphänomenalistische and so on!

  8. Cyborg

    Ja, wenn sich dann neue elektronisch-bilogische Hybride herausbilden, wird es auch neue Identitäten geben. Ich denke, hier kommt eine Revolution (oder Evolution?) auf uns zu, von deren Ausmaß wir uns jetzt noch gar keine Vorstellung machen können

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