Vom Mosaik zur Matrix – Warum wir eine moderne Universalwissenschaft benötigen

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Das Gehirn und der Computer – Mensch und Maschine
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Goldene Kathedrale oder Matrix-Mainframe?

Bereits in vorangegangenen Artikeln erwähnte ich die Alchemie als eine erste adaptive Architektur der Menschheit. Sie glich -um es in informatischen Worten auszudrücken- einem eher biologischen als technischen Suchalgorithmus. Einem biologischen Suchalgorithmus für Menschen auf der sehnsüchtigen Suche nach Zusammenhängen, Mustern, Wahrhaftigkeit, Sinn und Selbstkonsistenz. So war es die Interdisziplinarität und Rekombinatorik der Alchemie, die von Rätseln und Labyrinthen im Verborgenen ausgehend, in Richtung zu Beziehungen, Übergängen und Übereinstimmungen verschiedener Stoffe, Systeme und Strukturen vermittelte. 

Die Alchemie als erste echte Universaldisziplin der Menschheit

Die Alchemie ist derzeit etwas in Vergessenheit geraten. Dabei war die Alchemie die erste echte Universalwissenschaft. Warum? Nun, weil sie sich einerseits der Disziplinen der Kunst, Medizin, Religion und der Wissenschaft auf einer interdisziplinären und intersystemischen Ebene bediente. Und andererseits lehrte und zeigte sie nicht nur die Eigenschaften von Materie und Stoffen, sondern auch viel wichtiger die Verarbeitungsbeziehungen, Prozessveränderungen und auch ihre Verhaltensreaktionen!

Nehmen wir die Religionen als einfaches Beispiel, so ist es ähnlich wie einst Vater Abraham, aus dem die unterschiedlichen Religionen wie Flüsse zu einem riesigen Meer hervorgingen und zusammenlaufen, und die heute strikt getrennt sind. So eben der Buddhismus, das Christentum, der Islam, das Judentum und der Hinduismus. Und je mehr Trennungen auftraten, desto mehr Konflikte gab es in der Geschichte, weil einzelne Stammesführer in Abgrenzungen und Konkurrenzdenken verharren, anstatt eine gemeinsame Struktur mit einem gemeinsanen Ziel und einhergehender Kooperation zu verbinden. Dabei war in dieser Betrachtung die Alchemie stets keine abgrenzende, verteilende, sondern eine verbindende Wissenschaft. In ihrem Kern ging es wie auch in der Kunst und Religion um die gemeinsamen Verbindungen untereinander. Und es ging bei der Alchemie um Transmutation. Eine Transmutation in Form von Umwandelbarkeit und Umformungsvermögen. Das machte sie für clevere Köpfe äußerst attraktiv.

Das Labor verbindender Disziplinen

So sind im Alchemie-Laboratorium folgende Alchemisten zu finden: Avicenna, Albert der Große, Thomas von Aquin, Al Biruni, Roger Bacon, Robert Boyle, Heinrich Henning Brand, Alexander von Bernus, Giacomo Girolamo Casanova, Vincentius Cascariola, John Dee, Demokrit, Lü Dongbing, Empedokles, Johann Georg Faust, Nikolaus Flamel, Fulcanelli, Geber, Johann Hartmann, Graf Wolfgang II von Hohenlohe-Langenburg, Ko Hung, Abdul -Qasim al Iraqi, Kalid ben Jazichi, Kalid ben Jesid, Carl Gustav Jung, Edward Kelley, Christian Wilhelm von Krohnemann, Antoine Laurent de Lavoisier, Raymund Llull, Albertus Magnus, Maimonides, Maria die Alchemistin, Isaac Newton, Ostanes, Paracelsus, Barbara von Pfalz Zweibrücken-Neuburg, Friedrich Wilhelm Ludwig von Preußen, Teofilo Presbitero, Razes, George Ripley, Al Razi, Martin Ruland, Graf von St. Germain, Berthold der Schwarze, Sehfeld, Alexander Seton, Abu Musa al-Sufi, Hermes Tresmegisto, Trevisano, Trithemius, Arnoldo de Villanova, Heinrich Wagnereck, Xamolxides, Zosimos aus Panopolis u.v.m.

Weitreichende und kriegsentscheidende Erfindungen einer Alchemie

Die Alchemie war es auch, die uns weitreichende, bahnbrechende Entdeckungen und Erfindungen gebracht hat. So im Pyramidenbau der Materialmischung; im römischen Reich der Erfindung des Ziegelsteins und damit die Errichtung von Häusern und ganzen Städten. Und im Inneren der Häuser selbst, die Erfindung und Verwendung des Porzellans. Vor allem sollte jedoch der Militärbereich erwähnt werden, der sowohl bei der Expansion von Menschen auf andere Länder und Kontinenten, der Kolonialisierung und auch Kriegen kriegsentscheidend wurde. So war es die Alchemie die einen ganz besonderen Stoff als Erfindung hervorbrachte und zwar in Form eines speziellen Pulvers. Es handelt sich hierbei um das dunkle Pulver, das sogenannte schwarze Pulver. Und die Erfindung des Schwarzpulvers veränderte die Gesamtgleichung im Wettlauf um die Kontinente und auch deren Kriege. Und zwar zugunsten desjenigen, der diese Mittel und auch Kompetenz im Kontext des Krieges einzusetzen wusste. So beim Schwarzpulver der Überlegenheit in der Reichweite und Schlagkraft von (digitalen) Musketen und Kanonen mit Kugeln gegenüber einfachen (analogen) Speeren und Schwertern. 

Die Kybernetik als zweite verbindende Universalwissenschaft

Und wenn Sie die Erfindung des schwarzen Pulver schon nicht verblüfft, so wird Sie nun das zweite Beispiel daran erinnern, dass dies kein Zufall mehr sein kann, vernetzter denken zu lernen, um echte Phasensprünge großer Entwicklungen zu machen. Nehmen Sie nur einmal die Person Raymund Llull, aus der Alchemie kommend, der hierzulande relativ unbekannt ist. Dieser Mann zeigte mit seinen Papierdrehrädern den wohl ersten Papierradcomputer. Gottfried Wilhelm Leibniz nahm solche Ideen später in seinem Leben gerne auf und blendete und faltete sie mehr und mehr zu seinen eigenen Ideen und Innovationen ein.

Viel später war es Alan Turing, der brillante Mathematiker und Informatiker der wiederum die Vorbilder wie Llull und Leibniz für seinen biologisch angedachten Bauschaltplan eine Vision einer nahezu lebendigen, selbst optimierenden Maschine verwirklicht sah. Und wieder ging es um ein Denken in unterschiedlichen Netzwerksystemen und einer verbindenden Universalwissenschaft. So verband Turings Denkmuster ähnlich wie bei John von Neumann über den ich vor kurzem berichtete, über biologische und chemische Netzwerksysteme, die sich in Maschinen manifestieren und weiter entwickeln sollen. Und diesmal war diese Verbindung nicht von der Alchemie geprägt, sondern von der Universalwissenschaft der Kybernetik.  Also der Steuerung und Regelung komplexer Systeme. Dabei waren es interessanterweise gerade nicht Bomben und auch nicht Computer allein, die den Kriegsausgang entscheidend veränderten, sie waren eher Mittel zum Zweck. Entscheidender waren die Kräfte hinter den Computern und einer aufkommenden kybernetisch zirkulärem Netzwerkdenken, die Menschen und Maschinen miteinander zellulärer verbanden.

Der Enigma-Man 

So waren es damals im 2. Weltkrieg die Daten, Informationen und Nachrichten, denen besondere Aufmerksamkeit geschenkt wurde. So beispielsweise, wie, wo und wann das Militär seinen Soldaten in den Ländern stationiert hatte und diese wurden mit einer Maschine kodiert und innerhalb der eigenen Reihen so bei uns in Deutschland im Weltkrieg gegen die Amerikaner und Engländern chiffriert übermittelt. Nun galt es diesen Kode zu knacken, und zwar von den Amerikanern und Briten, um uns zur Aufgabe im Krieg zu zwingen. Und Alan Turing war es, der den Enigma-Kode anhand seiner Arbeitsweise und ich nenne es einmal Gedanken eines eher biochemischen Computers in Zahlenfolgen decodierte und dechiffrierte. Und Deutschland verlor den 2.Weltkrieg wie ja bekannt ist durch die Dechiffrierung und Aufdeckung unserer verschlüsselten Botschaften, die nun von der britischen Seite erkannt und interpretiert wurden. Der 2. Weltkrieg wurde so durch Alan Turing aus dem Bletchley Park heraus um Jahre früher beendet. Nicht durch mehr Soldaten, mehr Bomben oder mehr Computer, sondern durch die verbindenden Elemente eines Netzwerkdenkens dazwischen. Dabei war es Marshall McLuhan, der dies bereits in seinem artikulierte. “Der totale krieg ist zu einem Krieg der Informationen geworden.” Es geht nicht mehr so sehr um Bomben oder Computer, sondern deren Kraft dahinter: ein Netzwerkdenken der verschiedenen Architekturen der Informationsverarbeitung und der Verarbeitungskapazität.

Und Alan Turing konnte den Code der Enigma-Chiffrier-Maschine mit Informationen und Mustern knacken, denn er hatte nicht nur Zugang zur geistigen und mechanischen Technologie der Kybernetik und deren Kodes, die Norbert Wiener in seinem ersten Buch, Cybernetics or Control and Communication in the Animal and the Machine zuvor klar aufzeigte, sondern er hatte auch die Gelegenheit bekommen dies zu beweisen und mit Budgets der britischen Regierung versehen, die relevanten Musterfolgen mit Menschen und Maschinen, ähnlich einem “sozialen Gehirn in der Maschine” auch zeitlich und räumlich herauszufinden. Bestätigt wird dies durch Nigel Cawthornes Buch Alan Turing-The Enigma Man im Kapitel The Turing Machine: “Turing visualized a machine that applied an algorithm by going step-by-step through a series of simple operations-in the same way that a computer does these days.”

Aufkeimende KI

Bereits zwei Jahre nach Kriegsausgang, 1947, wurde  auch eine der ersten wesentlichen Künstlichen Intelligenzen (KI) in einem Papier entworfen, nämlich der World Wide Computer, das aufkommende Internet. So wird dies im Proposed Electronic Calculator mit folgendem Kommentar erwähnt: “Computers could probably be made to play very good chess. It would be quite possible to control a distant computer by means of a telephone line.“

Von der Turing Galaxis zum Netzwerk-Universum als das größte Projekt der Menschheit

Dieses große System eines umspannenden Netzwerks einmal um die Erde herum, welches als größtes Projekt der Menschheit meines Erachtens gilt, wird mit weltweiter Wirkung heute durch mobile Devices wie Smartphones und Smartwatches hyperbolisch (nicht expotenziell) wachsend verstärkt. Diese Devices sind wiederum permanent mit dem World Wide Computer miteinander verbunden. Es ist ähnlich wie auf unserem Eingangsbild oben,  in der Millionen von Lampen und Dioden kontinuierlich wie Kerzen in einer goldenen Kathedrale oder eines eine KI Mainframe-Matrix leuchten.

Matrizen des Gehirns

Und diese Analogie trifft auch auf unser menschliches Gehirn zu, welches niemals wirklich schläft. Unser soziales Gehirn ist eine fantastische selbst organisierende, strukturintegrierende Matrix der Musterbeobachtung, Mustererkennung und Musterbildung. Und wenn wir diese Matrize einmal verstanden haben, können wir unsere menschliche Freude am Denken und der hohen Leistungsfähigkeit des Gehirns als Referenz und wahre Meister-Mustermaschine auch frönen. 

Aus diesem Blickwinkel heraus betrachtet können wir durchaus Gefäße erschaffen, die als Organisationen wie Gehirne gehirngerechter lernen, arbeiten und auch so ähnlich gehirnhaft funktionieren können. Einerseits als würdige vernetze Nachfolger der Alchemie und auch der Kybernetik  als auch der als Mittel zur besseren Komplexitätsverarbeitung. Wir benötigen die Netzwerkprozessorganisation und deren Netzwerksysteme für eine Netzwerksgesellschaft dringender denn je. Die Aufgaben und acht Branchen, die heute vor uns liegen, erscheinen auf unseren Karten als unentdecktes Land. Einer Art Terra Incognita, welches es nun als moderne Weltenraum-Farmer in Richtung eines aufkommenden 22. Jahrhunderts zu bearbeiten gilt. Helfen Sie dabei mit! Unterstützen Sie uns. Ihr Dominic Blitz

Dominic Blitz erforscht seit Jahren interdisziplinär und intersystemisch den Bereich der Netzwerksysteme. Hierbei geht es darum, wie Komplexitäts- und Informationsverarbeitung in den unterschiedlichen Netzwerksystemen biologisch (Gehirne) und künstlich (KI-Computer) vonstatten geht. Er bietet hierzu Vorträge, Workshops, Lesungen und Mandate an. Zu den Topics Netzwerkprozesse, Netzwerkstrukturen und Netzwerksmuster ist er unter: https://blitz-institut.de erreichbar; db@blitz-institut.de

6 Kommentare

  1. Die Alchemie des 21. Jahrhunderts: AI und Quantencomputing
    Künstliche Intelligenz wird heute von nicht wenigen mit Alchemie verglichen und es wird (etwa hier) die Frage gestellt:

    Sind die leistungsstarken Algorithmen, die einen so großen Teil unseres Lebens steuern – von Internetsuchen bis hin zu Social-Media-Feeds – das moderne Äquivalent dazu, Blei in Gold zu verwandeln?

    Warum aber soll KI die moderne Alchemie sein? Nun, weil die neuronalen Netzwerke und das Deep Learning auf einer Handvoll Tricks beruhen abgeschmeckt mit überbordendem Optimismus, der sich etwa in Titeln von KI-Forschungspapieren äussert wie (von mir ins Deutsche übersetzt) „Belohnung genügt um alles zu erreichen“ (Reward is enough) oder „Aufmerksamkeit ist alles was es braucht“ (Attention is All you Need). Heutige KI mit Allchemie zu vergleichen ist nur schon darum naheliegend, weil ähnlich wie in der Alchemie aus Input wie wir ihn schon lange kennen (nämlich garbage) mittels des Mediums KI höchst kunstvoller Output entsteht, der so schön anzusehen ist wie der Glitter am Weihnachtsbaum. Wie es dazu kommt, verstehen die KI-Forscher nur teilweise und wohin das alles führt, das wissen sie noch viel weniger. Doch muss das negativ sein, sollte man das der KI ankreiden? Nicht unbedingt, denn (Zitat):

    Aus einer langen Reihe von schrittweisen Verbesserungen und spielerischem Experimentieren kann eine übergreifende und grundlegend wichtige Idee entstehen.

    Das geschah sogar in der Physik wo unzählige Experimente mit Flüssigkeiten, Gasen und den darin ablaufenden Wärmeumwandlungen in der grandiosen, zu wenigen Hauptsätzen kondensierte Thermodynamik mündeten. Es gibt eine weitere Analogie von der Alchemie zur KI. Wie bei der Alchemie mischt die heutige KI überall mit: von der angewandten Mathematik über die Biologie und Chemie bis zum Verständnis des menschlichen Hirns.

    Quantencomputing ist eine weitere moderne alchemistische Disziplin. Auch Quantencomputing verspricht uns fast unbegrenzte Anwendungsmöglichkeiten und die Suprematie über alles bis dahin gewesene.
    Die vielleicht wichtigste Hoffnung, die durch Quantencomputing genährt wird ist aber die, dass Quantencomputing aus der heutigen in Versuch-und-Irrtum gefangenen Praxis der Chemie eine Wissenschaft machen könnte, in der Voraussagen über chemische Prozesse und über Eigenschaften von Stoffen sich voll bestätigen.

    Chemie ohne Wunder also als wahres Wunder der neuen Alchemie Quantencomputing.

  2. Naja. Irgendwie muss dieses komische hässliche Ding namens Universum ja ticken. Irgendwie muss es seine Naturgesetze erhalten, irgendwie muss es bewirken, dass Sterne, die sich völlig unabhängig voneinander entwickelt haben, trotzdem zumindest nach Außen wie Sterne wirken. Wenn wir annehmen, dass Naturgesetze genauso wirken, wie alle anderen Regeln und Gesetze auch, dann trägt jedes Teilchen einen Gencode in sich, ein Programm mit Anweisungen, und wenn es gegen diese Anweisungen verstößt, wird es von den anderen verkloppt, bis es entweder wieder brav ist, oder kaputt geht. Es ist einfach überlebensnotwendig, sich an die Naturgesetze zu halten, weil jeder, der es nicht tut, gleich gekillt wird, während jene, die es besonders erfolgreich tun, von ihrer Umgebung belohnt werden.

    Soweit ich erkennen kann, äußert sich dieses Grundsatzprogramm in etwas, was Esoteriker als „Emotionen“ bezeichnen, doch solch abstruse Wahnvorstellungen haben in seriöser Physik natürlich nichts verloren. Da tun Teilchen, was sie tun, weil sie von okkulten Kräften bewegt werden, die einfach da sind und nie hinterfragt werden, weil man sie gut beschrieben und, frei nach Rumpelstilzchen, mit eigens dafür erfundenen Zaubernamen gebannt und gezähmt hat, wie „Elektromagnetismus“ oder „Gravitation“. Wenn man eine Wissenschaft auf Beobachtungsdaten gründet, aber sich dann Filter und Scheuklappen aufsetzt, die bestimmte Beobachtungsdaten ausschließen, als ob sich die Welt darum scheren würde, wie wir sie in Fachrichtungs-Scheibchen schnippeln, um sie besser untersuchen zu können, muss sie die Lücken halt mit Hokuspokus und okkulten Mächten auffüllen – oder doch lernen, die Erbsen zu suchen, die ihr übern Tellerrand gerollt sind. Und da fehlt wirklich die vermittelnde, übergeordnete Instanz, eine Wissenschaft, die Ergebnisse verschiedener Wissenschaftsrichtungen vergleicht. Manchmal würde es reichen, das Fach-Posersprech in einen gemeinsamen, womöglich sogar menschlicher Sprache verwandten Dialekt zu übersetzen, denn dann merkt man, dass viele Wissenschaften in etwa die gleichen Muster beschreiben, nur mit völlig verschiedenen Wörtern und in verschiedenen Zusammenhängen.

    Was man nämlich noch sieht, ist ein Fraktalmuster: Das Universum als Zerrspiegelkabinett, immer wieder der gleiche Mist in unendlichen Variationen. Das System erzwingt konvergente Evolution, was auch immer Sie hineinwerfen, es muss sich anpassen, zu etwas entwickeln, das alles andere widerspiegelt – oder es wird eliminiert. Die Grundregel des Universums, „Was nicht überlebt, stirbt“, dürfte sehr nahe an der Weltformel entlang schrammen – die muss ja etwas so Einfaches, Allgemeines, Offensichtliches und Selbstverständliches sein, dass jeder Stein sie befolgen kann, absolut alles es tut, und sie dürfte auch schon öfters auf unzählige, mehr oder weniger gelungene Weisen festgehalten worden sein. Deswegen lohnt es sich, auch über den Tellerrand der Wissenschaften zu schauen, zu Weltanschauungen, Religionen, Kunst – alles beeinflusst von Leuten, die Augen im Kopf hatten, an der unmöglichen Aufgabe scheiterten, dümmer zu sein als wir, und versuchten, aus dem, was sie sahen, irgendwelche Regeln und Muster abzuleiten.

    So weit ich erkennen kann, ist ganz tief unten, unter all den übereinander gestaffelten Gesetzes- und Regelwerken, noch tiefer als das, was in unserem lokalen Universum Naturgesetze oder Physik sind, einfach eine Zeichnung – sehr viele Pünktchen, Flöhe auf einer heißen Herdplatte, die nicht brennen wollen, deswegen aufeinander auf den Rücken klettern, Linien formen, aus den Linien werden Zeichnungen, Geometrie, die Grammatik des Seins. Die Flöhe versuchen, einander zum Überleben zu benutzen, schränken einander die Möglichkeiten ein, um stabile Strukturen zu schaffen, die einander stützen, so entstehen all die verschiedenen Universen mit reduziertem Regelwerk: Persönliche Regeln innerhalb von Familienregeln innerhalb gesellschaftlicher Regeln innerhalb staatlicher Regeln innerhalb biologischer Regeln innerhalb physikalischer Regeln innerhalb Malunterricht-in-der-Schule-Regeln: „Universum“ ist Semantik, genauso gut könnte man auch „Teilchen“ sagen, „Pünktchen“ oder „Ego“, es sind nur Varianten desselben Prinzips: Die Heile-Welt-Blase in der Hölle, die sich die Heile-Welt-Blasen gegenseitig bereiten, sie vernetzen sich, um sich zu stabilisieren, töten einander, um in Bewegung zu kommen, sterben, wenn sie inkompatibel zur Umwelt geworden sind, dann zerfallen sie in kleinere Blasen, die in Eigenregie nach Überleben streben, manche schaffen’s, manche zerfallen weiter, und genau diese Flüchtlingswelle nennen wir Energie. Bei solchen Zerfallsprozessen tauchen plötzlich ältere, längst vergessene Gencodes auf, zum Beispiel das „früher war alles besser“ diverser Reichsbürger, oder dass statt Polen plötzlich der Deutschordensstaat aus dem Grab kriecht – dessen Gencode die Polen einst geschluckt und als Teil ihres eigenen verbaut hatten, welcher aber für einen Multikulti-Vielvölkerstaat entworfen war, sodass nur dieser Stück monokulturellen Gencodes eine Chance hat, Polens Zombie durch die Gegenwart zu schleifen. Der Rest bleibt in der Junk-DNA erhalten, in Geschichtsbüchern und Museen – die Polen wissen von seiner Existenz, er ist in ihrem Bewusstsein präsent, doch löst weder Handlungen noch Gedanken noch Gefühle aus, er bleibt passiv und könnte mit den Jahren völlig zerfallen oder überschrieben werden. Nur so als Beispiel für interdisziplinäres Denken.

    Im Wesentlichen folgen wir also einer Brotkrumenspur: Wir entscheiden ja nicht, was gerade das Vernünftige, Sinnvolle, Richtige wäre, wir wählen aus einem Menü aus, das uns die Realität anbietet. Die Evolution dressiert uns wie Hündchen, immer die gleichen Muster zu wiederholen, immer größer, auf immer neue Weisen. Wir erfanden das Internet und es setzt sich durch, weil Vernetzung funktioniert, wir erfanden die Socke auf Toast mit einer Prise Zimt obendrauf, und sie ging unter, weil sie von der Umwelt nicht verstärkt, vervielfältigt wurde. So komplex die Zeichnung auch wird, so viele es auch werden mögen, all die Werkzeuge, sie zu schaffen, sind bereits im Ursprungs-Gencode angelegt – dem, den wir aus unseren Emotionen herauslesen können.

    Ganz egal, wie vielfältig die Welt ist, das Fraktalmuster wiederholt sich. Deswegen wird auch jede Wissenschaft immer wieder Puzzlestücke finden, die einer scheinbar völlig anderen fehlen. Aus dem Hexengebräu der Fachrichtungs-Zutaten das Nützliche herauszudestillieren, scheint wirklich was für Alchemisten.

    • Hallo Paul S, ja Danke für den sehr detaillierten Beitrag von Ihnen. Ich finde Ihren Anfang toll-eher auf die Selbstorganisation des Universums zu schauen.
      Und auch Ihren Schluss, eine Essenz herauszudestillieren. Super. Ja das Rauschen und den Lärm der Gegenwart zu unterdrücken und das Signal zu verstärken -eben bis in unterschiedliche Galaxien 😉
      Wir sollten öfter zwischen Elektra und Elektron und Proto-Plamsa und Perzeptron hin und herschalten…

  3. @Universalwissenschaft

    Naja, den großen Überblick brauchen wir ja nicht überall. Einzelne können sich sicher begrenzt für konkrete Aufgaben kundig machen. Hier denke ich z.B. an Oppenheimer, der den Atombombenbau geleitet hat.

    Aber klar, eine eigene Fachrichtung für den großen Überblick wäre vielleicht nicht verkehrt. Noch gibt es hier eher Einzelkämpfer, eben mit spezieller Ausrichtung auf einen bestimmten Zweck hin.

    Die allgemeine Betriebsblindheit ist aber auch noch zu beachten. In allen Disziplinen konzentriert man sich sehr gerne auf Probleme, die zu den zur Verfügung stehenden Methoden passen. Das verzerrt gehörig das Gesamtbild. Und das macht jede Disziplin in ihrer eigenen Weise. Wenn man nun von allen Bereichen die gesicherten Erkenntnisse sammelt, muss man sich bewusst sein, das man es überall mit einer recht speziellen Auswahl zu tun hat.

    Interessiert man sich etwa für die Frage welchen Einfluss Götter auf den Kosmos und unser Leben haben, so findet man überall nichts. Einfach weil sich die Götter bisher eines methodischen Zugriffs entzogen haben.

    Die Wissenschaft, genau wie das Leben überhaupt, ist aber auch einfach eine attraktive Veranstaltung, interessante Erkenntnisse hervorzubringen. Diese sind oft zu wenig wirklich Nützlichem gut, können aber eben ganz direkt unsere Neugier befriedigen. Hierfür ist der große Überblick gar nicht mal so wichtig. Jeder kann sich hier nach Lust und Laune selber informieren, quer durch die Disziplinen oder sich auch ganz spezialisieren, und sein Geld damit verdienen.

    Überhaupt meine ich, dass es im Leben vor allem um unsere gelebten Innenwelten geht, nur was da letztlich ankommt, trägt zum eigentlichen Leben bei. Wobei z.B. die Astronomie ganz viel beizutragen hat. Hier geht es nicht darum, zu wissen wie ein M-Stern funktioniert, um dieses Wissen irgendwie zu nutzen, hier werden vor allem Erkenntnisse zu Bestandteilen unserer Vorstellung und Fantasie realisiert. Es ist einfach echtes Leben, einfach viele Details unserer Galaxis zu kennen, weil so der Blick in den Sternenhimmel neue Dimensionen bekommt.

    Hier geht es gar nicht um den absoluten Überblick, den eine Überblicksdisziplin bieten könnte. Die individuelle persönlichen Erkenntnis, die nicht nur von einer persönlichen Komposition wissenschaftlicher Erkenntnis, sondern auch von sonstiger Lebenserfahrung getragen ist, die ist doch mindestens genauso wichtig.

    Aber wenn es um konkrete Fragen geht, um konkreten Nutzen für uns und das Leben, da wäre die Überblicksdisziplin in jedem Falle hilfreich. In der Medizin gibt es ja auch den Allgemeinmediziner, den man meistens als Erstes aufsucht, wenn man ein neues Problem hat.

    • Hallo lieber Herr Jeckenburger, danke für Ihren ausführlichen Beitrag und Ihre konstruktive Anreicherung. Bei der Atombombe waren es rund 7 Primärdisziplinen, die es zu sondieren galt.
      Was die Götter betrifft stimme ich Ihnen zu. Man muss sich heute auch fragen ob die Götter immer noch aus dem Olymp kommen oder auf Maschinen?

      Ich sehe das Netzwerksystemthema psycho-physisch. Das heißt einerseits geht es um eine Psychologie und Philosophie eines rekursiv-zirkulären Denkens.
      Andererseits sollten wir Gehirne auch physisch als Referenz-Netzwerksystem-Architektur in andere Umgebungen bringen.

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