Japan und die Katastrophenangst

BLOG: Sustain O'Brain

Nachhaltig nachdenken in psychologischen Tiefen
Sustain O'Brain

Am 11. März 2011 wurde Japan von gleich drei Katastrophen getroffen – jede für sich wäre geeignet gewesen, das Land und die Welt tief zu erschüttern. Tatsächlich eine gute Nachricht ist mir aus den letzten vier Wochen in Erinnerung geblieben: Am 9. Tag nach dem Erdbeben wurde eine 80 jährige Frau und ihr 16 Jahre alter Enkel aus den Trümmern ihres völlig zerstörten Hauses gerettet (Bericht der FAZ vom 20.03.2011).  Ansonsten sind es vor allem Katastrophenmeldungen, die uns seitdem beinahe im Stundentakt erreichen.

Aber warum eigentlich? Katastrophenmeldungen erzeugen Angst, von Panikmache in den Medien ist die Rede. Warum werden nicht Lösungen aufgezeigt, gute Nachrichten verbreitet, um Zuversicht zu wecken? Ich möchte an dieser Stelle nicht diskutieren, warum “die Medien” als Institutionen so berichten, wie sie berichten. Die eine oder andere Vermutung hätte ich zwar, aber Medienwissenschaftler können das besser. Trotzdem möchte ich die Frage stellen: Wäre es nicht besser, gerade bei solch unübersichtlichen und chaotischen Ereignissen mit Ruhe und Bedacht zu reagieren? Und warum fällt es so schwer? Warum diese Panik, warum diese Angst?

Angst ist ein schlechter Ratgeber, sagt der Volksmund

Da macht es sich das deutsche Sprichwort ein wenig einfach mit der Angst, diese Aussage stimmt nur bedingt. Neben Wut, Trauer, Freude, Überraschung, und Ekel gehört Angst zu den Grundemotionen des Menschen, zumindest nach Paul Ekman. Bei anderen Autoren schwanken die Grundemotionen zwischen 6 und 10. Nicht nur, dass diese den Studien von Ekmann kulturübergreifend vorhanden sind, sie werden oft auch kulturübergreifend verstanden. Was so verbreitet ist,  muss eine wichtige Bedeutung haben. Aber welche?

Übermut tut selten gut, sagt der Volksmund auch.

Wann haben Menschen Angst? Zum Beispiel dann, wenn sie  Situationen als bedrohlich empfinden. Angst ist dabei das Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels von Wahrnehmungen, Körperreaktionen, Erfahrungen, Annahmen über die Situation und die eigenen Kompetenzen.  Dabei gibt es Reize, die bei vielen Menschen instinktiv Angstgefühle auslösen, andere Ängste werden durch Erfahrungen verstärkt oder kulturell gelernt. Manche Ängste lernen wir schneller als andere, vermutlich weil sie an alte Muster anknüpfen: So ist bei vielen die Angst vor Spinnen deutlich ausgeprägter als die Angst vor Autos, auch wenn in Deutschland Menschen eher selten durch Spinnen und häufig durch Autos zu Tode kommen.

Angst ist ein entwicklungsgeschichtlich sehr altes und notwendiges System, um uns vor Bedrohungen zu warnen, sie versetzt den Körper im wahrsten Sinne des Wortes in Alarmbereitschaft – die Wachsamkeit steigt, der Körper stellt ein paar zusätzliche Ressourcen bereit, dafür werden andere Funktionen heruntergefahren. Kreativität zum Beispiel ist in akuten Angstsituationen aus Körpersicht meist eher überflüssig. Angst ist nicht nur wichtig für das Leben des Einzelnen, es ist auch wichtig für das (Über-)Leben in Gemeinschaften. Da Gefahren durchaus plötzlich auftreten können, muss Angst SCHNELL ablaufen können, was sie durchaus auch tut. (Die Herren aus der Hirnforschung, die sich hier häufiger tummeln, können dies sicherlich u. A. mit der Arbeitsweise der Amygdala genau erklären.) Damit andere in der Gruppe schnell reagieren können, muss sie auch von anderen schnell erkannt werden, und bei diesen Anderen ebenfalls schnelle Reaktionen auslösen. Angst kann also durchaus auch als Kommunikationsmittel verstanden werden. Einige Zeit, bevor der Mensch Twitter erfand, war er durchaus darauf angewiesen, dass dieser Mechanismus funktioniert. Schließlich hat der Säbelzahntiger auch nicht höflich abgewartet, bis wir die Situation mit Bedacht analysiert haben, bevor er uns gefressen hat.

Gelähmt vor Angst, auch das kennt der Volksmund.

Natürlich hat Angst auch ihre Schattenseiten: Jetzt reden wir hier die ganze Zeit von “der Angst” und tun so, als das ein feststehendes Ding, was es natürlich nicht ist. Vielmehr gibt es eine Menge menschlicher Zustände, die irgendwie etwas mit Angst zu tun haben, sich aber in ihren Auswirkungen erheblich unterscheiden. Eine Sortierung könnte zum Beispiel folgendermaßen aussehen:

Aufregung – Lampenfieber – Vorsicht – Bedenken – Sorgen – Angst – Panik

Diese Aufzählung hat nicht den Anspruch, vollständig zu sein, sie dient als (persönlich aufgestelltes) Beispiel. Aufregung und Lampenfieber können durchaus erwünscht sein: Sie aktivieren uns, lassen uns wachsam und konzentriert sein. Es soll schon Schauspieler gegeben haben, die ihren Job aufgegeben haben, als sie feststellten, dass sich ihr hilfreiches Lampenfieber verflüchtigt hat. Am anderen Ende des Kontinuums, in Panik, sind wir übererregt und tatsächlich zu keinem klaren Gedanken mehr fähig –  gelähmt vor Angst. Es ist also eine Frage der Erregung, ob Angst nun nützlich oder schädlich ist. Und wo es ein Kontinuum gibt, gibt es meist auch ein Optimum.

Zusammenhang_von_Angst_und_Leistung_2.jpg

Nach Rosemann (1978, S. 96). Quelle: Wikicommons Media, Lizenz CC. Ich konnte leider nicht herausfinden, auf welche Veröffentlichung Rosemanns sich die Darstellung bezieht. Allerdings ist sie eine – wie ich finde sinnvolle – Erweiterung des Yerkes-Dodson-Gesetzes.

Natürlich variiert diese Kurve, je nach Erfahrung, Temperament oder zum Beispiel nach Schwierigkeit der Aufgabe. Bei sehr leichten Aufgaben verschiebt sich Optimum nach rechts, es braucht mehr Erregung, um hier optimale Ergebnisse zu erzielen. Bei kognitiv sehr anspruchsvollen Aufgaben verschiebt es sich nach links: je schwieriger die Aufgabe, desto hinderlicher ist starke Erregung.

Und was hat das alles nun mit Japan zu tun?

Eine ganze Menge. Ein paar Gedanken: Zunächst einmal ist havarierte Atomkraft prädestiniert dafür, unglaubliche Ängste auszulösen: Eine Gefahr, die man weder sehen, riechen, hören noch schmecken kann, mit Folgen, die Jahrzehnte nachwirken, dazu ein großes Maß an Unsicherheit darüber, was dort tatsächlich passiert und was es für Japan und die Welt bedeutet, und oben auf das Fehlen jeglicher Möglichkeit der persönlichen Einflussnahme – mehr gefühlter Kontrollverlust geht kaum.  Es ist schwer, in einer solchen Situation nicht in Übererregung zu geraten – das gilt für Reporter genauso wie für die Menschen vor den Bildschirmen. Übererregung erzeugt Stress, die Wahrnehmung verengt sich auf das, was aus Sicht des Alarmsystems aus relevant ist: die drohende Katastrophe. Menschen versuchen diesem Kontrollverlust mit Informationen zu begegnen, dabei allerdings oft auf eine Art, die der Kommunikationsforscher Paul Watzlawick mit “mehr desselben” bezeichnet hat: Das Konzept “mehr ist besser” ist in unserer westlichen Kultur tief verankert. Und so meinen wir in Krisensituationen, wir müssten mehr von dem tun, was wir gerade tun, um eine Lösung zu erreichen. Aus dem Bedürfnis heraus, den Kontrollverlust abzumindern, also mehr Informationen und mehr Katastrophenmeldungen. Es ist ein gut verwurzeltes Reaktionsmuster, was hier aktiviert wird und in dieser Situation deutlich einfacher abrufbar ist als bedächtige Reflektion. Nimmt man die sozialen Funktionen von Angstreaktionen hinzu, also die Notwendigkeit, andere Artgenossen  vor drohenden Gefahren warnen zu müssen oder auch die Etablierung eines gemeinsamen “Wir-gegen-das-Böse”-Gefühls, wird zumindest nachvollziehbar, warum bedachte Reflektion bei derartigen Ausnahmekrisen so schwierig ist und die Reaktionen oft eher einer eskalierenden Panikschleife gleichen.

Menschen, die über ein gewisses Fachwissen verfügen, werden wahrscheinlich langsamer oder später in diesen Zustand geraten. Sie verfügen durch ihre Fachwissen über ein gewisses Maß an Kontrolle, zudem können sie bestimmte Nachrichten besser einordnen. Nun ja, oder sie glauben das zumindest. Überhaupt unterscheidet sich die Art, wie Experten und Laien Risiken wahrnehmen, in erheblichem Maße, wie die Konstanzer Professorin Britta Renner in ihren Forschungen herausgefunden hat: Laien bewerten eher den drohenden Kontrollverlust, Experten rechnen eher in Wahrscheinlichkeiten. Wobei sich dies, so vermute ich,  bei den Experten, die unter Hochdruck und den Augen der gesamten Welt gegen drohende Kernschmelze kämpfen, gerade etwas anders verhält.

Angst, auch wenn sie aus Experten- oder sonstiger Sicht vielleicht irrational erscheint, hat immer auch eine sinnvolle Seite: Angst ist dazu da, Menschen vor Bedrohungen zu warnen und zu schützen. Sie will uns auf die Dinge aufmerksam machen, die im Argen liegen, dringend unserer Aufmerksamkeit bedürfen und eine Lösung fordern. In Sachen Atom ist das eine ganze Menge, was da im Argen liegt. Das zeigen die Ereignisse in Japan und der Umgang mit ihnen in aller Deutlichkeit.

Die Frage

Angst ist eine natürliche Reaktion auf unkontrollierbare Bedrohungen. Wie lässt sich diese Angst konstruktiv nutzen, um die Lösungen zu entwickeln, die wir brauchen? Welche schon erfolgreichen Beispiele gibt es hierfür?

Veröffentlicht von

Simone D. Wiedenhöft - Diplom-Psychologin, Beraterin für Kommunikation in nachhaltiger Form und bald auch Doktorandin zum Thema - interessiert sich gemeinhin für das, was Menschen umtreibt und dazu und vor allem für das, was Menschen wachsen lässt. Hier denkt sie nachhaltig nach über alles, was im Entferntesten mit Nachhaltigkeit zu tun hat, und findet die Psychologie der kleinen und großen Dinge viel zu spannend, um sie dabei links liegen lassen zu können. Kontakt: sustain.o.brain (at) lern.ag

14 Kommentare

  1. Das sind sehr interessante Gedanken, die Du da schreibst. Abgesehen vom Inhaltlichen schätze ich hier auch den logischen und folgerichtigen Aufbau der Argumentation. Vieles davon hat man schon gelesen oder gehört, aber noch nicht in so einer zusammenhängenden Form (zumindest ich noch nicht).
    Ich folge Deinem Blog schon länger und empfinde ihn als sehr erfrischend, nachdenklich stimmend und informativ. Vielen Dank! 🙂

  2. Angst lähmt

    Kompliment! Fukushima, aber auch der Tsunami und das Mega-Erdbeeben sind der perfekte Aufhänger für alle Formen, Intensitäten und Auwirkungen von Angst.

    Was über den Atomunfall in Fukushima selbst von sonst seriösen Medien wie dem Spiegel (SPON) berichtet wurde und was in dieser Berichterstattung für Ängste geweckt wurden – wohl nur zum Teil aus Unwissenheit viel häufiger aus Berechnung – lässt die Welten von Hyronimus Bosch wieder aufleben und führt sensiblere Naturen fast schon in das Reich der frei flottierenden Angst.

    Was ist denn der biologische/evolutionär sinnvolle Zweck von Angst? Angst ist an der Grenze von Emotion und Affekt angesiedelt. Aus der Wikipedia: “Affektiv (synonym: emotional) wird somit ein Verhalten genannt, das überwiegend von der Gemütserregung und weniger von kognitiven Prozessen bestimmt wird.”
    Angst als Affekt kennt zwei mögliche Extremformen von Handlungsoptionen: Angriff oder Flucht. Die Bedrohung wird sinnvollerweise möglichst schnell behoben indem man den Bedroher (Mensch oder Natur) angreift oder aber vor ihm flieht.
    Gefährlich für das Seelenheil werden Ängste erst, wenn sie nicht mit solch einfachen Handlungen aufgelöst werden können. Dann wird man tatsächlich durch die Angst gelähmt, denn Angst ist kognitiv kaum zugänglich was auch im Sprichwort Angst ist ein schlechter Ratgeber zum Ausdruck kommt.

    Durch die Fukushima-Berichterstattung beispielsweise von Spiegel Online wurden durch Falschbehauptungen und Zuspitzungen endzeitliche Ängste portiert. Man las da vom Super-GAU, der zu einer unkontrollierbaren Kettenreaktion mit explosiver Freisetzung des gesamten radioaktiven Inventars führen werde. Dabei führt eine Kernschmelze selbst in Reaktoren des schon etwas angejahrten Fukushima-Typs nicht zu einer Kettenreaktion. Allerdings begünstigt eine Kernschmelze das Freisetzen von Radioaktivität und der schlimmste denkbare Unfall eines Kernreaktors ist tatsächlich die Freisetzung eines grossen Teils des radioaktiven Inventars. Das geschah in Tschernobyl. Doch die Folgen von Tschernobyl, das zeigen die Untersuchungen der WHO Und IAEA von 2006 (siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Katastrophe_von_Tschernobyl ), blieben trotz der massiven Freisetzung von Radioaktiviät lokal und weltweit (Brand liess radioaktive Wolken bis in die Stratosphäre steigen) überschaubar. Es gab

    – 50 unmittelbare Strahlentote
    – 1800 Fälle von zusätzlichen Schilddrüsenkarzinomen vor allem bei Jugendlichen durch radioaktives Jod das über die Milch aufgenommen und schliesslich in der wachsenden Schilddrüse konzentriert wurde,
    – keine statistisch überzeugende Zunahme von Leukämiefällen
    – keine statistisch nachweisbare Zunahme von Missbildungen
    – keine statistisch nachweisbare Zunahme von Krebsfällen
    – eine (durch WHO und IAEA) berechnete Zunahme von Todesfällen durch strahleninduzierten Krebs weltweit von 4000 bis 9000 (was statistisch nicht nachweisbar ist weil Krebs so häufig ist)

    Die Ängste vor einer Post-Tschernobyl Post-Fukushima-Welt voller Mutanten und Missgeburten sind also irrational und unbegründet im höchsten Grade.
    Doch Achtung: Dies heisst nicht, dass Tschernobyl und Fukushima ohne schwerwiegende Folgen bleiben – ganz im Gegenteil. Noch heute sind weite Gebiete um Tschernobyl Sperrzonen und auch die unmittelbare Umgebung von Fukushima wird auf Jahrzehnte hinaus nicht mehr bewohnbar sein. Die grösste Gefahr für die Japaner in der grösseren Umgebung von Fukushima ist – das zeigen die Erfahrungen aus Tschernobyl – die Einnahme von radioaktiven Stoffen über die Nahrung. Radioaktives Jod (Halbwertszeit von einigen Tagen) und radioaktives Cäsium (Halbwertszeit von 30 Jahren) sind – da leichtflüchig -, die unmittelbarsten Gefahren. Doch Lebensmittelkontrollen können diese Gefahren in Grenzen halten.

    Die reale Gefährdung durch Unfälle wie Fukushima ist also sehr wohl ernst (Kontamination von grossen Gebieten, vorübergehende radioaktive Kontaminatin von Nahrungsmitteln durch rad. Jod und rad. Cäsium). Ihr kann aber begnet werden.

    Doch jetzt zeigt sich die Wahrheit der kognitiven Lähmung durch Angst. Die einen – die antinuklear eingestellten – beförderten diese Angst mit Horrorszenarien, die anderen – die pronuklearen – leugneten jede Gefahr und sprachen davon, ein GAU geschehe – wenn überhaupt – alle Millionen Jahre einmal.
    In Wirklichkeit sind die Gefahren eines AKW-Unfalls real, aber vor allem lokal. AKW’s direkt in der Nähe von Grossstädten zu bauen grenzt deshalb an Unverantwortlichkeit. Ein Beispiel ist das AKW Hamaoka, welches direkt auf einer Subduktionszone von zwei tektonischen Platten liegt und 200 km von Tokio entfernt liegt. Bei einem Unfall in Hamaoka ähnlich zu dem in Fukushima könnten im ungünstigsten Fall Teile von Tokio unbewohnbar werden.

    Angst führt also zu Fehlentscheidungen. Eine überbordende Angst kann dazu führen, dass man die Wohnung nicht mehr verlässt; eine geleugnete Angst kann bewirken, dass man mit dem Teufel zusammenwohnt.

  3. … Faktor Mensch

    Hallo,

    Der Artikel ist sehr lehrreich. Generell ist Angst natürlich und hilfreich. Vielleicht, so finde ich, wäre die Unterscheidung oder Differenzierung von Furcht (… vor etwas konkretem) und Angst (vor dem „Diffusen“ … nicht greifbarem) ergänzend hilfreich.

    Wir, also der Mensch, haben es allerdings geschafft, Angst mannigfaltig zu instrumentalisieren! Seien es die Medien, um Auflagen oder Zuschauer zu pushen, auch Buchautoren verfallen des Öfteren dem Nutzen, mit Ängsten zu „arbeiten“. Was ist mit „Erziehung“ allgemein und weitläufig? … Geschweige denn die Angst vor „Höllenqualen“ oder auch nur „dem schwarzen Mann“! Wo immer Macht und Manipulation, oder sei es nur der „Wettbewerbsgedanke“, die Angst sein Gesicht zu verlieren, Einsamkeit … es reicht aus, Angst „zu schüren“, schon ist Aufmerksamkeit gesichert und die Tür zur Manipulation ein Spalt weit offen! Angst wird aller Ortens zum „Faktor“, den es (an &) für sich (prinzipiell oder in Person) zu nutzen gilt!

    Ich sehe ein generelles Problem darin, zu lernen, mit Ängsten sinnvoll umzugehen … und das fängt mit Vertrauen (schaffen) an. Und da heißt es wohl eher, wem kann ich vertrauen und wohl kaum, worauf kann ich vertrauen! „Wahrheiten“ (… oder im Zweifelsfall „Tatsachen“) sind immer unvollständig und wohl auch in sich Angstneutral. Das zeigt sich konkret darin, dass wir unsere Ängste schnell in den Griff bekommen, wenn wir uns über Tatsachen und Fakten im Klaren sind, so „schlimm“ sie dann auch sind. Bei Menschen, die Ängste verbreiten und damit „arbeiten“ sieht dies ganz sicher anders aus! Meiner Meinung nach geht also die größte Gefahr von solchen Menschen aus als von der eigentlichen Gefahr selbst. Auf solche Menschen angewiesen zu sein, das meine Gesundheit oder gar mein Leben vielleicht von solchen Menschen abhängig ist, macht mir große Angst!

    mfG

  4. @Martin Holzherr

    Hej, vielen Dank erstmal für die vielen zusätzlichen Aspekte.
    Einige kurze Anmerkungen:
    Mag sein, dass Ängste in vielen Fällen irrational sind, unbegründet sind sie deshalb nicht. Menschen haben für sich genommen meist sehr gute Gründe, Ängste zu entwickeln und in meinem Beitrag führe ich einige dieser Gründe ja auch aus (Unsicherheit, Kontrollverlust, Bedrohung etc.)Die Frage ist meiner Meinung nach eher, und zwar nicht nur bei Fukushima sondern generell, ob irrationale Ängste disfunktional sind (wer entscheidet das eigentlich?) und wenn ja, wie sie dann zu “sinnvolleren” Ausmaßen von Angst zurückgeführt werden können. Also genau der konstruktive Raum zwischen “sich einsperren” und “mit dem teufel zusammenwohnen”.

  5. @Siegbert Müller

    Danke für das Weiterdenken 🙂
    Ja, das ist so eine Sache mit der Angst und der Furcht. Ich habe tatsächlich überlegt, die Punkte mit hineinzunehmen, habe mich dann aber bewusst dagegen entschieden, zum einen, weil ich mich an heiße Diskussionen erinnern kann, ob man das überhaupt so trennen kann. Zum Anderen, weil diese Differenzierung auch der Alltagssprache widerspricht: Man fürchtet sich im Dunkeln (das wäre eher diffus, denn es ist nicht klar vor wem oder was) und andere haben Angst vor Spinnen (Angst vor einem klar definierten Auslöser).

    Die Instrumentalisierungsmechanismen zum thema Angst wäre in der Tat einen eigenen Blogpost wert. Die Frage nach dem Vertrauen, die Sie hier aufwerfen, ist allerdings eine sehr spannende. Wem oder was lässt sich denn vertrauen, wenn es um Themen geht, die wie Fukushima von einzelnen eigentlich gar nicht überblickt werden können – wir sind nicht vor Ort und wir haben auch nicht immer das Wissen, selbst wenn wir es wären. Informationen sind immer unvollständig und sie lassen die emotionale Seite außer Acht. Wonach richtet es sich also, wem wir vertrauen?

    Sonnige Grüße zurück.

  6. Weiterdenken

    Beim Überfliegen der Kommentare, vor allem auch des Beitrags von Siegbert Müller, lässt sich das Weiterdenken kaum vermeiden: Wie vielen Menschen ist nicht gedient mit dem Schüren von Angst – vor Katastrophen, Terrorismus, Epidemieen… im Zweifel lässt sich aus allem ein Geschäft machen, ob nun kommerziell oder politisch. Damit sind wir dann wahrscheinlich bei dem, was man auch mit “Instrumentalisierung von” und “Manipulation durch” Angst bezeichnen kann. Wie viele Wahlen wurden nicht schon auf dieser Basis entschieden, wie viele Kriege geführt und wie viele Menschen unendlich reich gemacht.
    Daher ist es manchmal doch schon sehr notwendig sich von seiner Angst zu distanzieren – aber genauso notwendig durch kritische Suche nach Informationen vertrauenswürdige Quellen zu identifizieren (eine enorm schwierige Aufgabe finde ich). Nicht zuletzt darf man nicht vergessen zu überleben – wenn alles Angsteinjagende ständig präsent ist und analysiert wird kann es dann auch sehr schnell zur beschriebenen Lähmung vor Angst kommen.

  7. Welchen Weg nimm wa, oder welchen weg?

    Da würde ich doch glatt sagen:
    “Ist die Ursache der Strahlung weg, ist die Angst weg.”
    Oder sehe ich das falsch?
    Es könnte natürlich auch so rum richtig sein:
    “Wenn die Angst weg ist, dann ist die Strahlung auch weg.”

  8. Angst und Furcht

    Die Katastrophen sind weit weg von hier passiert, die meisten Menschen in Deutschland können nicht direkt etwas tun, also schauen sie wie gebannt auf die Meldungen aus Japan um wenigsten mit ihrer Angst vor der Ungewissheit fertig zu werden.

    Professionelle Hilfskräfte haben in der Regel genaue Verhaltensweisen eingeübt, damit sie nicht panisch und chaotisch reagieren. Auch sie haben in der Regel Angst, aber ihre Professionalität hilft ihnen das Richtige zu tun. Dadurch gewinnen sie wieder Vertrauen und können mit der Angst besser umgehen.

    Allerdings gab es in der Geschichte auch eine Seuche mit verheerenden Ausmaßen, nämlich die große Pest, der die Menschen wirklich hilflos gegenüberstanden. In Italien gab es im Jahre 1348 einen großen Ausbruch, der eine Zäsur für die Menschen darstellte. Hier werden die vier verschiedenen Phasen der Angst im Angesicht der Pest beschrieben:
    http://www.pd.50webs.org/arbeiten/angst-pest.pdf

    Natürlich wird auch immer wieder versucht die Angst oder Furcht in den Griff zu bekommen, der Buddhismus sieht darin eine Form von Leiden, die es zu überwinden gilt. Deshalb gibt es auch Ratschläge wie das zu bewerkstelligen ist:

    http://viewonbuddhism.org/buddhismus-deutsch/g-furcht-angst.htm

  9. @Michael Khan
    Spannender Beitrag. Wenn die Angst das Schädliche ist, wessen Aufgabe ist es dann, den Menschen diese Angst zu nehmen? Es ist sehr einfach, die Irrationalität der Angst zu bemängeln und dann davon auszugehen, dass sich irgendjemand darum kümmern wird. Dr. Gale rückt zwar das Eine oder Andere aus seiner Sicht ins rechte Licht, aber wirklicher Angst ist mit nüchternen Argumenten nicht beizukommen. Das persönliche und auch kollektive Erleben spielt eine wichtige Rolle. Das kann man verwerflich finden oderauch nicht – ohne dem gehts nicht.

    @Dagmar
    Wenn alles Angsteinjagende immer präsent wäre, wären wir, davon bin ich überzeugt, nicht lebensfähig. Es ist sehr sinnvoll, dass unsere Wahrnehmung hier zum Teil stark selektiert. Der Gegenpol zur Angst ist das Vertrauen. Und im Zuge einer zunehmenden Demokratisierung von Informationen wird es, denke ich noch viel wichtiger werden, die Vertrauenswürdigkeit beurteilen zu können. Spannend ist die Frage: Wie und wo lernt man so etwas? Sicherlich nicht in der Schule. Obwohl, vielleicht einmal, wer weiß?

    @Euro vs. DM
    Sorry, ich verstehe ehrlich gesagt noch nicht , was Sie uns sagen wollen.

    @Mona
    Danke für den Link über die Pest! Diese Eskalationsstufen der Angst sind ziemlich aufschlussreich. Sehr spannend finde ich auch, dass es nachher, als die Gefahr vorüber war, zu zwei sehr unterschiedlichen Strömungen gekommen ist: Dem kollektiven Verfall der Sitten einerseits und Schuldgefühlen andererseits. Letzteres ist häufig bei Überlebenden von Katastrophen zu hören: sie fühlen sich schuldig, überlebt zu haben.

  10. … Nachtrag

    Hallo,

    … zurück aus der Sonne 😉

    Obwohl das Thema im Rahmen eines solchen Blogs sicher nur Häppchenweise angesprochen werden kann … die Frage: „wem kann ich (noch) vertrauen?“ ist im Umfeld der allgegenwärtigen Medien … (An-)Scheininformationen?!?!? … und Meinungsmache(rn) zu einer grundsätzliche Überlebensfrage mutiert. In diesem Zusammenhang fällt mir ein (einfacher) Zusammenhang ein, an dem ich mich aus den „frühen“ 70zigern erinnern kann … ist schon ein weil´chen her 😉 …. Es gibt offensichtlich einen (einfachen) Zusammenhang zwischen Populationsdichte und „Angst“. In diversen Tierversuchen, von Raten bis hin zu Schimpansen, wurden umso mehr Angstsymptome festgestellt (vom allgemeinen „Verhalten“ bis hin zu eindeutig messbaren körperlichen Veränderungen, bzw. „Krankheitsbilder“), je „dichter“ die betreffende Population wurde und umso weniger „Rückzugsmöglichkeiten“ für einzelne Individuen übrig blieben. Ein heute sicher banales, anerkanntes „Ergebnis“ … auf Menschen übertragen heißt dies, je näher wir uns auf die Pelle rücken und Rückzugsmöglichkeiten immer weniger zu Verfügung stehen, desto besser verbreiten sich „Ängste“ … so einfach wie möglich ausgedrückt. In Sachen Mensch haben wir das sogar noch dadurch perfektioniert, dass wir uns auch noch ständig & zunehmend unter penetranten Informationsdruck stellen … perserviert nach Karl Valentin: „ … es ist schon alles gesagt worden, aber von mir noch nicht …“

    Heutigen Studenten und Wissenschaftlern der betreffenden Fachrichtungen mag dies kaum noch Verwunderung bereiten … alles völlig normal … dabei übersehen wir, dass wir bereits mitten unter diesen „Versuchsbedingungen“ Leben und darüber hinaus doch nur um die Wette twittern oder blogen, gerade was den coolsten Hipe oder den abgefahrensten Act geht!

    … Der Kürze wegen … das, was jeder in Sachen Angst haben & machen für sich selbst und seine Mitmenschen tun kann, ist, seinen Mitmenschen gegenüber zu vermeiden mit Ängsten „Druck“ zu machen, … das zu vermeiden, was ich mir (für mich selbst) nicht wünsche, was mir Angst macht und was auch meinen „Leidensdruck“ erhöht. Dazu gehört auch, meinem Gegenüber genügend Rückzugsmöglichkeiten zu lassen, sich (notfalls) zu sammeln und wieder Boden unter den Füßen zu bekommen … und gegebenenfalls mit ihm zusammen vertrauensvoll nach Lösungen zu suchen, aus der Angst wieder herauszukommen. Dann zeigt sich auch der Nutzen, der aus Ängsten hervorgehen kann … Lösungen und Innovationen, Neues zu schaffen um zu Überleben!

    mfG

  11. @Simone: …und jetzt?

    “Dr. Gale rückt zwar das Eine oder Andere aus seiner Sicht ins rechte Licht, aber wirklicher Angst ist mit nüchternen Argumenten nicht beizukommen. Das persönliche und auch kollektive Erleben spielt eine wichtige Rolle.”

    Ich bin mir da nicht so sicher. Mir hilft wissen immer gegen Angst. Seit ich wusste und auch verinnerlicht hatte, dass es keine Gespenster gibt, bin ich schon als Kind angstfrei in den Keller gegangen. Manchmal, aus Abenteuerlust, ohne das Licht anzumachen.

    Der Grund warum einige von uns die Panikmache durch die Medien kritisiert haben, war nicht, dass wir die Katastrophe gar nicht so schlimm halten, sondern weil irrationale Angst nichts bringt. Wir waren hier in Deutschland ja zu keiner Zeit gefährdet. Da wären Mitleid, Trauer und der Wunsch den Japanern beizustehen produktivere Gefühle gewesen.

    Ich denke auch, dass Angst eine positive Funktion erfüllen kann. Und ich möchte mich auch ausdrücklich für diesen Beitrag bedanken. Aber Angstreaktionen sind genau dort nicht hilfreich, wo gar keine unmittelbare Gefahr besteht.

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