Vor 35 Jahren – Heureka in den Bergen

„Einfall“ ist ein schönes Wort – da fällt also etwas in einen hinein und ist plötzlich da. An einem Freitagabend im April 1983 hatte Kary Mullis so einen Einfall und erfand die Polimerase-Kettenreaktion (kurz PCR). PCR ist eine Methode zur Vervielfältigung von DNA und sie ist heute ein zentrales Werkzeug der DNA-Analyse, sei es in der Forensik, der genetischen Diagnostik oder der Grundlagenforschung. Für diese Entdeckung erhielt Mullis später den Nobelpreis. (Noch später verfiel er der Pseudowissenschaft – aber das ist eine andere Geschichte.)

An diesem Abend im April vor 35 Jahren also war Kary Mullis auf dem Weg von Berkeley, wo er arbeitete, nach Mendocino, wo er die Wochenenden in seinem Ferienhaus verbrachte. Er lenkte seinen Honda durch die Berge in Kaliforniens Redwood Country, die Luft war schwer vom süßen Duft blühender Kastanienbäume (so hat er es mehrfach beschrieben). Mullis ließ die Gedanken schweifen und dachte nach – nicht über PCR, sondern über eine Methode, um möglichst einfach genetische Mutationen zu erkennen.

Er bastelte sich im Kopf ein Experiment zurecht. Dann fügte er in Gedanken noch eine Kontrollreaktion hinzu. Er überlegte, was daneben gehen könnte. Er wandelte den Versuchsaufbau ab, um Probleme zu beheben und stellte fest, dass – Heureka – als Nebeneffekt das gefragte DNA-Stückchen verdoppelt würde. Und wenn man es mehrmals wiederholt – noch mal Heureka – dann hätte man gleich ganz viele Kopien. Auf dem Highway 128 bei Meilenstein 46,7 hielt Mullis an, um seinen Einfall zu notieren. Die Idee zur PCR war geboren. (Die praktische Umsetzung dauerte noch etwas und führte zu laborinternen Konflikten – aber auch das ist eine andere Geschichte.)

Abseits vom hektischen Alltag

Warum ausgerechnet beim Autofahren? „Man hat etwas tun mit den Händen. Man kann nicht viel anderes tun, also denkt man nach“, meinte Mullis in diesem Video. Die meiste Denkarbeit mache er auf dem Weg zu seiner Hütte. Im Laboralltag, mit Post im Posteingang und klingelndem Telefon, fehle einfach die Zeit dazu.

Es gibt mehrere Geschichten aus der Wissenschaft, die von Heureka-Momenten fern ab vom hektischen Alltag erzählen. Newton hatte seine Idee zur Gravitation angeblich, als er unter einem Apfelbaum saß und einen Apfel herunterfallen sah. Archimedes soll die Idee der Volumenverdrängung in der Badewanne gehabt haben. Galileo kam auf seine Pendelversuche, als er im Dom zu Pisa einem schwingenden Kronleuchter zusah. August Kekulé träumte der Legende nach von einer Schlange, die sich in den Schwanz beißt und kam so auf die Ringstruktur des Benzols. Einige dieser Geschichten sind etwas zu anekdotisch, um wirklich glaubwürdig zu sein aber vielleicht ist ja doch etwas Wahres dran. Es ist zumindest nicht abwegig, zu glauben, Kreativität brauche etwas Zeit und Ruhe.

Der Schauspielen John Cleese hat einmal kreatives Denken mit einer Schildkröte verglichen – ein kleines, nervöses etwas, das sich ganz schnell wieder zurückzieht, wenn man ihr nicht Zeit und Raum gibt, herauszukommen und zu spielen.

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Erst wollte ich Biologin werden – ich habe studiert, promoviert und als Postdoc geforscht. Nun bin ich Wissenschaftsjournalistin und darf jetzt das, was einst mein Leben war, von außen betrachten. Ich schreibe über Lebenswissenschaften, Molekularbiologie und Neurowissenschaften für die Fach- und für die Publikumspresse. Die Zusammenhänge zwischen Wissenschaft und Gesellschaft faszinieren mich schon immer – ihnen widme ich diesen Blog.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Die weitere Lebensgeschichte von Kary Mullis zeigt, dass die Auswirkungen von zu vielen eingeworfenen Pillen einen Menschen unweigerlich einmal einholen, und mag man auch noch so ein brillianter Wissenschaftler sein.

  2. Diese Erfahrung, habe ich auch in meinem Berufsleben, mit verschiedensten Dingen gemacht. Häufig kommen die Lösungen wenn man seinem Denkapparat Zeit lässt. Natürlich nicht immer so spektakulär wie bei der PCR, aber etwas Ruhe und Durchatmen kann helfen.

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