“They do nothing”

Vor 30 Jahren legten AIDS-Aktivisten für einen Tag die Food and Drug Administration lahm. Ein Blick zurück.

Es ist der 11. Oktober 1988. Ab 7:30 morgens versammelten sich um die 1200 Demonstranten vor dem Hauptsitz der US-Amerikanischen Food and Drug Administration (FDA) in Rockville, Maryland. Sie blockieren die Eingänge, halten den Verkehr auf und schwenken Plakate mit der Aufschrift: „Time isn’t the only thing the FDA is killing“ und „We die – they do nothing“. Der Tag ging als „Seize Control of the FDA“ in die Geschichte ein – es war der größte und sichtbarste Protest der Aids-Aktivistengruppe „Act Up“ überhaupt.

Demonstranten vor dem Hauptsitz der FDA in Rockville, Maryland, am 11.10.1988
Foto: U.S. Food and Drug Administration (FDA History – AIDS Protest) [Public domain]
Das Original ist hier zu finden

Warum die FDA?

Geschätzte 1 bis 1,5 Millionen Amerikaner hatten sich zu der Zeit bereits mit dem HIV-Virus infiziert, es gab keine Heilung. Frust und Angst waren also nur zu verständlich. Aber warum diese Wut auf die FDA? War die FDA nicht eher ein Teil der Lösung, als ein Teil des Problems? Das erste Medikament gegen AIDS, Azidothymidine (AZT), hatte die Behörde im März 1987 zugelassen. Die Entwicklung von AZT verlief mit beispielloser Schnelligkeit. Nur vier Jahre lagen zwischen der Entdeckung des HIV-Virus und der Zulassung des Medikaments, nur 25 Monate zwischen dem Nachweis der Wirksamkeit in Laborversuchen und der Marktreife. Woher also die Vorwürfe „killing time“ und „doing nothing“?

Die eine Antwort: Es gab trotz AZT einiges zu kritisieren an der FDA und die Aktivisten forderten angesichts der bedrohliche Epidemie mehr Flexibilität. “AZT is not enough – give us all the other stuff”, lautete eine der Forderungen der “Seize Control”-Aktion. In Zeiten von AIDS, so die Argumentation von Act Up, sind experimentelle Therapien eine Form der Krankenversorgung, auf die Patienten ein Recht haben. Die Aktivisten forderten Zugang zu Medikamenten bevor diese den gesamten Zulassungsprozess durchlaufen haben. Sie protestierten gegen Placebo-kontrollierte Studien, denn sie fanden es unethisch, wenn sterbenskranken Menschen im Zufallsverfahren die medizinische Versorgung entzogen wird. Und sie forderten, dass Menschen aller Populationsgruppen an klinischen Studien teilnehmen sollten – um die Studien möglichst homogen zu halten wurden meistens nur weiße Männer zugelassen. Und außerdem wurde AZT viel zu teuer verkauft.

Erst ignorieren…

Die andere Antwort: Es ging nicht nur gegen die FDA, sondern gegen die Diskriminierung von AIDS-Kranken im Allgemeinen. Der damalige Präsident der Vereinigten Staaten, Ronald Reagan, ignorierte die Epidemie komplett. Das erste Mal, dass er überhaupt das Wort AIDS öffentlich in den Mund nahm, war 1987. Larry Speakes, damals kommissarischer Pressesprecher des Weißen Hauses, wurde von dem Journalisten Lester Kinsolving mehrmals auf AIDS angesprochen und machte sich bei jeder Gelegenheit über die „Schwulenseuche“ lustig.

Die Medien berichteten in den frühen 80ern kaum über die Epidemie. Und auch Kinsolving, so sehr man es ihm anrechnen möchte, dass er AIDS überhaupt wahrnahm, tat dies auf eine homophobe Weise. „Larry, does the President think that it may help if he suggested that the gays cut down on their cruising?”, fragte er den Sprecher des Weißen Hauses. In einem Video von Scott Calonic, in dem verschiedene Pressekonferenzen zusammengeschnitten sind, kommt die ganze Homophobie der Zeit eindrucksvoll zutage.

… dann Panik

Als die Diskussion über AIDS endlich die Öffentlichkeit erreichte, war sie geprägt von Vorurteilen und Panikmache. Hier nur ein paar Zitate, die dies illustrieren:

  • “Somewhere along the line we’re going to have to quarantine people with AIDS.” – Senator Jesse Helms (1987)
  • “There is not one single case of AIDS in this country that cannot be traced in origin to sodomy.” – Senator Jesse Helms (1987)
  • “The poor homosexuals. They have declared war on nature, and now nature is exacting an awful retribution.” – Pat Buchanan , politischer Kommentator und Kollumnist (1983)
  • “Everyone detected with AIDS should be tattooed in the upper forearm, to protect common-needle users, and on the buttocks, to prevent the victimization of other homosexuals.” – William F. Buckley (1986)

Natürlich sind das die Extreme. Aber dennoch: Bei so viel feindlicher Gesinnung braucht es Mut, Aufzustehen und seine Rechte einzufordern. Viele der Betroffenen haben diesen Mut aufgebracht und sie haben viel erreicht.

Die “Seize Control of the FDA”-Aktion war gewissermaßen ein Wendepunkt. AIDS bekam ein Gesicht und mehr Aufmerksamkeit. Es wurde mehr Geld in die Erforschung der Krankheit investiert. Die FDA hat sich im Zuge der AIDS-Krise gewandelt und Verfahren eingeführt, die die Zulassung beschleunigen. Und das ist auch denen zu verdanken, die damals protestierten.

 

Veröffentlicht von

Erst wollte ich Biologin werden – ich habe studiert, promoviert und als Postdoc geforscht. Nun bin ich Wissenschaftsjournalistin und darf jetzt das, was einst mein Leben war, von außen betrachten. Ich schreibe über Lebenswissenschaften, Molekularbiologie und Neurowissenschaften für die Fach- und für die Publikumspresse. Die Zusammenhänge zwischen Wissenschaft und Gesellschaft faszinieren mich schon immer – ihnen widme ich diesen Blog.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Gerade der Aufschrei „We die – they do nothing“, besser gesagt die Reaktion darauf, zeigt in was für einer unendlich besseren Welt wir in der Moderne (in der Wissensgesellschaft) im Vergleich zu Vorher leben, denn in der Zeit vorher hätte es sich für Betroffene,Erkrankte, nicht einmal gelohnt, zu protestieren und Vorwürfe zu erheben, da der Mensch, ja die Menschheit, machtlos gegenüber Krankheit und Schicksal war. HIV ist wohl eine der heimtückischsten Infektionskrankheiten, denn weder Impfung noch Antibiotika können etwas ausrichten und eine Spontanheilung gibt es nicht. Dennoch gelang es der Medizin, wirksame Medikamente zu entwickeln, so dass die Krankheit heute nicht mehr automatisch den Tod bedeutet. Auch die Vorurteile gegenüber den Kranken und gegenüber der Homosexualität sind in der westlichen Gesellschaft innerhalb weniger Jahrzehnte wie Eis an der Sonne weggeschmolzen während solche Haltungen in der Vormoderne, in nicht aufgeklärten Gesellschaften sich über Jahrhunderte gehalten haben. Angesichts der heutigen Möglichkeiten kann man tatsächlich vom Homo Deus sprechen, wenn man vom heutigen Menschen spricht.

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