Zum Unwort des Jahres

Sprachlog

Das Unwort des Jahres ist aus sprachwissenschaftlicher Sicht meistens völlig uninteressant: Die Jury um Horst Dieter Schlosser betreibt damit ausschließlich Politikerschelte und Gesellschaftskritik. Und auch damit bleibt die Jury typischerweise eher oberflächlich, weil sie sich stärker von aktuellen Ereignissen als von langfristigen Entwicklungen beeinflussen lässt. Man sehe sich nur die „Unwörter“ der letzten Jahre an: Entlassungsproduktivität, freiwillige Ausreise, Herdprämie, notleidende Banken, betriebsratsverseucht. Keins dieser Wörter spielt heute noch irgendeine Rolle im politischen Diskurs (wenn sie es überhaupt je getan haben).

Mit dem diesjährigen Unwort, alternativlos, haben Horst Dieter Schlosser und seine Mitjuroren aber aus meiner Sicht ganz ordentliche Arbeit geleistet. Die Jury begründet die Entscheidung wie folgt:

Das Wort suggeriert sachlich unangemessen, dass es bei einem Entscheidungsprozess von vornherein keine Alternativen und damit auch keine Notwendigkeit der Diskussion und Argumentation gebe. Behauptungen dieser Art sind 2010 zu oft aufgestellt worden, sie drohen, die Politikverdrossenheit in der Bevölkerung zu verstärken. (Zitiert nach tagesschau.de)

Tatsächlich lässt sich nicht schon seit einigen Jahren eine Zunahme dieses Wortes im politischen Diskurs beobachten, selbst, wenn wir uns auf Bundespolitiker konzentrieren: Schon 2008 haben sowohl Frank-Walter Steinmeier als auch Wolfgang Schäuble das Rettungspaket für die „notleidenden Banken“ als alternativlos bezeichnet. Im Jahr 2009 hat Angela Merkel es auf die Verstaatlichung der HypoRealEstate und auf den Afghanistaneinsatz angewendet und auch Rainer Arnold und Karl-Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg haben es in diesem Zusammenhang verwendet. Außerdem hat Annette Schavan die Modularisierung von Studiengängen nach dem Bologna-Modell so bezeichnet.

In diesem Jahr dann waren unter anderem alternativlos: die Rückholung von Atomabfällen (Sylvia Kotting-Uhl), der Saal-Verweis von protestierenden Bundestagsabgeordneten der Linken (Volker Kauder), noch einmal der Afghanistaneinsatz (Merkel), die Flugverbote wegen der Aschewolke (Peter Ramsauer), die Griechenlandhilfe (schon wieder Merkel), und die Rente mit 67 (Ursula von der Leyen).

Ob das Wort „die Politikverdrossenheit verstärkt“ mag ich nicht beurteilen, aber dass es die Funktion hat, Diskussionsprozesse abzuschneiden, scheint mir unstrittig.

Und ein Wort, dessen Zweck darin besteht, den Austausch weiterer Worte zu verhindern, ist natürlich im wahrsten Sinne des Wortes ein „Unwort“.

 

[Nachtrag (14:04 Uhr): Eben erst gelernt, dass die Idee der politischen „Alternativlosigkeit“ schon vor über 30 Jahren und von keiner geringeren als Margaret Thatcher erfunden wurde. Wikipedia FTW.]

Anatol Stefanowitsch

Nach Umwegen über Politologie und Volkswirtschaftslehre habe ich Englische Sprachwissenschaft und Sprachlehrforschung an der Universität Hamburg studiert und danach an der Rice University in Houston, Texas in Allgemeiner Sprachwissenschaft promoviert. Von 2002 bis 2010 war ich Professor für Englische Sprachwissenschaft an der Universität Bremen, im August 2010 habe ich einen Ruf auf eine Professur für anglistische Sprachwissenschaft an der Universität Hamburg angenommen. Mein wichtigstes Forschungsgebiet ist die korpuslinguistische Untersuchung der Grammatik des Englischen und Deutschen aus der Perspektive der Konstruktionsgrammatik.

20 Kommentare

  1. Ist auch bei uns schon länger popular. Die Agenda 2010 und auch vor dem Regierungswechlsel 1998 schon einige neoliberale Maßnahmen waren mit TINA begründet.

  2. Um beurteilen zu können, ob das eine gute Wahl ist, müsste man ja wohl die Alternativen, sprich die Liste mit den anderen Vorschlägen kennen. Gibts die irgendwo im Netz? Ich hab sie auf die Schnelle nicht gefunden. Im übrigen scheint mir “alternativlos” das eher hölzerne deutsche Pendant zum englischen “no brainer” zu sein.

  3. Betr. neusprech.org

    Ich bin ja der Ansicht, dass dieses Blog (also neusprech.org, nicht das sprachlog…) und mehr noch sein Inhalt ein Grund dafür sein könnte, die Sprachwissenschaft an sich in Frage zu stellen…

  4. Wirkt Sprache auf Realität?

    Ich frage mich, ob eine Einbürgerung des Begriffs auch eine Institutionalisierung der Funktion des Whistleblowing nach sich ziehen würde, verbunden mit einem Schutz für die heute kriminalisierten Täter. Wobei ein solcher Schutz nur schwer herzustellen sein dürfte.

    Wer heute “bläst”, der wird vermutlich entlassen oder beruflich kaltgestellt und dürfte auch bei neuen Bewerbungen schlechte Karten haben. Wenn der Personalchef auf informellem Wege erfährt, wen er da vor sich hat, dann wird er sich gut überlegen, ob er so einen als Mitarbeiter haben möchte.

    Eine Diskussion über das Phänomen sollte auch bewirken, dass potentiellen Whistleblowern die Riskiken klar sind und sie sich einen “Plan B” ausdenken.

  5. Originell (im Aktualitätssinn von ‘Wort des Jahres’) ist diese Wahl trotzdem nicht: Als ‘TINA’ (‘there is no alternative’) geistert der Begriff im englischsprachigen Raum schon seit Anno Thatcher’s Zeiten herum. Der Gegenbegriff lautet ‘TATA’ (‘There are thousand alternatives’).

  6. @gregor

    Whistleblower-Schutz bedeutet (so wie ich das verstehe), dass ein Delinquent, der als Wihstleblower offiziell anerkannt ist, bspw. rechtlichen Anspruch auf eine saftige Abfindung hat, wenn er entlassen wird.

    Ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass man die vier Punkte, die im dt. Wikipediaartikel über whistleblower stehen, irgendwie jusristisch kodifizieren und in den Gesetzestexten verankern könnte. Es gibt auch irgendwo eine e-Petition dazu, allerdings ist die argumentativ so schwach aufgebaut, dass ich meine Mitzeichnung verwähre.

  7. TINA

    Ja, dieses Mem wurde anfangs oft noch referenziert, wenn von “alternativlos” die Rede war. Aber mit der Wahl zum UdJ gibt es ja ein etabliertes deutsches Mem.

  8. > Herdprämie, notleidende Banken, betriebsratsverseucht. Keins dieser Wörter spielt heute noch irgendeine Rolle im politischen Diskurs
    >
    Natürlich – schon deshalb, weil PR-bewusste Leute sie nach der (i. d. R. berechtigten) Denunziation vermeiden.

  9. Einsicht

    Die Alternativlosigkeit begleitete auch die rotgrüne Agenda 2010, insbesondere die Hartz -‘Reformen’. Ich stieß bei der Auswertung überregionaler Tageszeitungen ab 2003 auf zwei Wörter, die nahezu überall als Paar auftraten, vor allem dann, wenn ablehnende Stimmen berücksichtigt wurden: “notwendig & unverzichtbar”. Nach 2006 erschienen sie seltener, auch ihre Synonyme, bis zu jenen wenigen Tagen der Bankenkrise im Herbst 2008, da selbst die FAZ für einen Augenblick den Kapitalismus am Ende sah. Dann begann der Aufstieg des Adjektivs “alternativlos” – von der Presse nun aber kritisch beäugt, als undemokratisch durchschaut. Ein Journalist versicherte mir neulich, dass ihm im Spiegel der von oben verkündeten Alternativlosigkeit die eigene Verwendung von “notwendig und unverzichtbar” nun peinlich sei. Das scheint mir ein erheblicher Fortschritt.

  10. @K. Jarchow, @A.S

    @A.S:

    Man sehe sich nur die „Unwörter“ der letzten Jahre an: Entlassungsproduktivität, freiwillige Ausreise, Herdprämie, notleidende Banken, betriebsratsverseucht. Keins dieser Wörter spielt heute noch irgendeine Rolle im politischen Diskurs (wenn sie es überhaupt je getan haben).

    Nun werden ja die Unworternenner für sich in Anspruch nehmen, dass diese Begriffe eben deswegen in der versenkung verschwunden sind, weil sie sie als Unworte gebrandmarkt haben und sich deswegen niemand mehr traute, sie zu verwenden. Ob dies wirklich so ist, entzieht sich meiner Kenntnis – es erscheint mir eher unwahrscheinlich, aber es dürfte schwierig sein, eine solche Behauptung zu widerlegen.

    @Klaus Jarchow:

    TATA – There are thousand alternatives

    Ich weiß nicht, wer den Begriff geprägt hat, aber wenn er wirklich so lautet, dann wäre ein sehr schönes Beispiel für das oft zu beobachtende Phänomen, dass Wendungen und Begriffe aus einem deutschen Kontext ins Englische übertragen werden, wobei aufgrund mangelnder Sprachkompetenz ein Fehler eingebaut wird.

    “thousand” bedarf im Englischen eines unbestimmten Artikels oder eines Zahlworts: “a thousand” oder “one/two/three … thousand”. Gleiches gilt für dozen, hundred, million etc.. Oder aber man sagt: “There are thousands of alternatives”.

    “There are thousand alternatives” ist nur Germlish. Ebenso wie das neulich in einem anderen scilogs-Blog zu lesende, grausliche “Which wall will be next to fall and how will it change our live?” (sic!).

  11. Alternativlos

    Das Wort fand ich den Moment schon Scheisse, als ich das das erstemal von unseren Politikern gehört habe! Das hätte mMn gleich für 5 Jahre gewählt werden können!

  12. Unwort – TINA vs. TATA

    Zur Ihrem Nachtrag: Das haben Gerd, Angie und Maggi gemeinsam. Alle drei sind TINA’s!
    Die ehemalige Premierministerin von Großbritannien, Magaret Thatcher, hat während ihrer langen Amtszeit (1979-1990) so oft “There Is No Alternative” gesagt, daß die Abkürzung zu einem ihrer Spitznamen wurde. Gegen die Killerphrase marktliberaler Politik rufen die Kritiker aus dem linken Lager ihr TATA! entgegen – There Are Thousands of Alternatives!

    Jedenfalls tun sie das, solange sie nicht selbst Entscheidungsgewalt haben. Hätten sie das Ruder in der Hand, müssten auch sie Alternativen ausschließen oder los werden. Dann würden womöglich aus den TATA’s von heute, die TINA’s von morgen.

  13. Mein Kommentar

    Habe gestern hier einen Kommentar geschrieben. Warum erscheint der nicht?

    [Kann ich nicht sagen, in der Warteschlange sehe ich keine Kommentare mehr! — A.S.]

  14. Den Begriff alternativlos in einem Entscheidungsprozeß zu nutzen ist auch aus Sicht der Entscheidungstheorie interessant. Denn Entscheiden tut man, wenn man Alternativen vorliegen hat und eine davon auswählen muß/soll. Gibt es keine Alternativen kann man nicht entscheiden.
    Wird von einer alternativlosen Maßnahme gesprochen, machen sich damit eigentlich die verantwortlichen Personen überflüssig, denn wenn niemand entscheiden muß, kann auch keiner formal und politisch dafür die Verantwortung tragen. Aber das ist gerade ja nicht gewollt. Alternativlos soll schlicht heißen, dass eine Alternative die scheinbar erfolgsversprechende ist. Theoretisch könnte man alternativlose Maßnahmen dann auch automatisieren und müsste darüber nicht ewig debattieren.

    Für mich ist dieses “Unwort” daher auch ein Anzeichen für das Unverständnis über das eigene Tun mancher “Entscheidungsträger”. Das ganze natürlich auf einer abstrakteren Ebene, denn wie man im Tagesgeschäft sich mit Leuten bespricht, oder bestimmte Rituale, wie z.B. ein Geschäftsessen oder ein ähnliches informelles Gespräch, abhält, wissen die entsprechenden Personen meist sehr gut.