Von der Rechtschreibprüfung in die Provinz verbannt

Ich bin ein großer Freund der „Korrektor“-Software aus dem Hause Duden, die es als Plug-In für OpenOffice.org und StarOffice gibt und der neben einer sehr guten Rechtschreibprüfung und einer sehr flexibel einstellbaren Silbentrennung auch eine passable Stil- und Grammatikprüfung bietet. Noch schöner wäre es, wenn man das Plug-In auch unter Firefox verwenden könnte, aber ich bin auch so zufrieden.

Nur eine Sache irritiert mich sehr. Jedesmal, wenn ich das Wort Bremen tippe, und das ist nun einmal relativ häufig, unterstreicht der Korrektor es mit einer blauen Linie:

Blau unterstreicht der Korrektor stilistische Probleme. Wenn ich das Kontextmenü aufrufe, erfahre ich, dass es sich bei dem Namen des kleinsten deutschen Bundeslandes um einen Dialektausdruck handelt:

Wenn ich dagegen das Wort Hamburg tippe, geschieht das nicht:

 

Zunächst dachte ich, es habe vielleicht etwas mit der Größe der Städte zu tun, aber das ist nicht der Fall. Würde ich Pinneberg tippen, was ich zum Glück nur selten tun muss, bekäme ich ebenfalls keine blaue Linie:

Ich habe mir den Kopf darüber zerbrochen, warum Bremen ein Dialektwort sein soll. Ein Blick ins Grimmsche Wörterbuch zeigt, dass bremen eine veraltete Schreibweise von brämen ist, was seinerseits ein veraltetes Wort für das Umranden oder Verzieren von Stoffen ist. Es kommt zum Beispiel in einem Gedicht von Friedrich von Logau (1605-1655) vor, in dem er sich über Moden lustig macht. Hier die relevante Zeile:

Aber der Korrektor meint eindeutig nicht dieses Wort, wenn er Bremen als Dialektwort klassifiziert. Wenn man es klein schreibt, bezeichnet er es (wie man an der roten Linie sieht) schlicht als falsch und bietet auf Nachfrage Alternativen an:

Auch gebeugte Formen des Verbs, wie gebremt oder bremten akzeptiert er nicht, brämen, gebrämt, usw. bereiten ihm dagegen keine Schwierigkeiten, obwohl man durchaus erwarten könnte, dass sie als „veraltet“ klassifiziert würde.

Wählt man die vorgeschlagene Korrektur Bremen aus, wird das gleich wieder blau unterstrichen:

Gibt es unter den Sprachlog-Leser/innen Dialektolog/innen, die uns hier weiterhelfen könnten? Oder liest jemand von der Duden-Redaktion mit und kann uns erklären, warum Bremen nach meinen bisherigen Tests die einzige deutsche Stadt ist, die vom Duden sprachlich in die Provinz geschickt wird?

[Nachtrag: Kathrin Passigs Vermutung (siehe ersten Kommentar ist sehr plausibel, der Korrektor kennt auch <em>die Breme</em>:

Interessant.]

[Noch ein Nachtrag (zu Kristins Kommentar unten): Die Bremme kennt der Korrektor gar nicht:

Die Bremm findet er dagegen völlig normal: 

Merkwürdiger und Merkwürdiger…]

[Nachtrag (16. März 2010): Eine Mitarbeiterin der Abteilung Sprachtechnologie beim Duden bestätigt, dass das Problem auf das Wort Breme zurückzuführen ist. In der aktuell erhältlichen Version 6.0 für Microsoft Office ist dieser Fehler übrigens bereits behoben, die aktuelle Version 6.0 für OpenOffice enthält ihn noch, er wird dort aber in der nächsten Version ebenfalls behoben werden.]

Nach Umwegen über Politologie und Volkswirtschaftslehre habe ich Englische Sprachwissenschaft und Sprachlehrforschung an der Universität Hamburg studiert und danach an der Rice University in Houston, Texas in Allgemeiner Sprachwissenschaft promoviert. Von 2002 bis 2010 war ich Professor für Englische Sprachwissenschaft an der Universität Bremen, im August 2010 habe ich einen Ruf auf eine Professur für anglistische Sprachwissenschaft an der Universität Hamburg angenommen. Mein wichtigstes Forschungsgebiet ist die korpuslinguistische Untersuchung der Grammatik des Englischen und Deutschen aus der Perspektive der Konstruktionsgrammatik.

22 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ich könnte mir vorstellen, dass Bremen, süddeutsch für Bremsen, also die Insekten, gemeint sind.

  2. Sprachliche Provinz

    @Patrick Schulz: Der Korrektor verwendet offensichtlich eine Definition von Dialekt die diesen von einer „Hochsprache“ abgrenzt. Bei einer linguistischen Definition müssten ja konsequenterweise alle Wörter blau unterstrichen werden.

  3. @Lars Fischer: Nanana!

    Humor muß auch Grenzen haben! Über Jean-Luc Picard macht man keine Witze, und um zu verstehen, daß man als Hamburger nicht über Bremen spottet, muß man sich nur mal an die Halbfinal-Begegnungen zwischen Werder und dem HSV im DFB-Pokal und UEFA-Cup der letzten Saison erinnern.

    Ich hätte es auch vorgezogen, wenn Anatol Stefanowitsch mit diesem peinlichen Korrektor-Fehler katholischer umgegangen wäre.

  4. Bremme

    Ich musste auch sofort an das Insekt denken, allerdings hätte ich es (verhochdeutscht) Bremme geschrieben, der Vokal ist kurz. (Alemannisch ist es natürlich, der Apokope sei Dank, Bremm bzw. im Plural Bremme.) Siehe auch die alemannische Wikipedia:

    (S’dièf Surre vu dèrè fèr Rindvichèr läbènsgfährlichè Brèmmè vèrmag ganzi Chuèhhèrdè in d’Flucht z’triibè.)

  5. Insekten sind’s.

    Als auf dem Land aufgewachsener und zahlreich gestochener Schwabe kann ich Katrhin Passig nur bestätigen: “Bremen” sind der schwäbische Plural der standarddeutschen Bremse. Das erste E ist dabei lang, wird oft auch wie EA ausgesprochen, das zweite so ein typisch schwäbischer -a-Auslaut, also wie ein Schwa nur deutlich mehr A.

    Spätestens wenn das Getreide zur Ernte steht wird man bei so einem Spaziergang durch die Felder gerne gänzlich “verstochen”. Den Gäulen hilft gegen die Plage das unabwaschbare, komplett eklig stinkende Franzosenöl (ein schwarzes, zähflüssiges Knochenöl).

  6. Warum in die Ferne schweifen?

    Ein Blick in den Duden hätte das Rätsel schnell gelöst. Dort steht:

    Bre|me, die; -, -n (südd., schweiz. mdal. für Stechfliege, 2Bremse)

  7. Danke

    Danke an alle für die Hinweise. Bleibt die Frage: Warum hat die Duden-Redaktion sich dafür entschieden, den Namen eines Bundeslandes, der ja relativ häufig geschrieben werden dürfte, grundsätzlich als Dialektwort markieren zu lassen, nur, um zu verhindern, dass jemand den Plural des Wortes Breme, das relativ selten geschrieben werden dürfte, fälschlicherweise für Hochdeutsch hält?

  8. Zielführend

    Lieber Herr Stefanowitsch,

    kennt Ihr Duden-Korrektor das Wörtchen “zielführend”?

    In meinem Duden (22. Aufl.) finde ich es nicht, und der MS-Word-Korrektor kennt “zielführend” auch nicht. Handelt es sich vielleicht um ein Unwort?

    Beste Grüße und Danke!

  9. @A.S.

    “Grundsätzlich” markiert der Dudenkorrektor – jedenfalls in meiner Version – Dialektausdrücke nicht. Dazu muß man bei den Optionen unter “Stil” das entsprechende Kästchen anklicken. In den Standardeinstellungen ist es nicht eingeschaltet.

  10. Ähnlich bei Pages

    Ähnliche Probleme habe ich bei meinem Firmennamen Tee Heimat mit Pages von Apple. Hier wird mir eine grüne Linie angezeigt, da das Programm gerne Tee und Heimat zusammenschreiben würde. Gerade bei einem so ureigenen deutschen Wort wie Heimat hätte ich das nicht gedacht, da alle anderen Kombinationen mit Tee keine Beanstandungen verursachen.

  11. Tee Heimat?

    Nee, Herr Könemann, das ist kein „ähnliches” Problem — die Rechtschreibprüfung tut in Ihrem Fall genau das, was sie soll: Sie weist Sie absolut korrekt darauf hin, dass Komposita im Deutschen nicht getrennt geschrieben werden können.

  12. @ A.S.

    A.S. adversus Könemann:

    “Tee Heimat?
    …dass Komposita im Deutschen nicht getrennt geschrieben werden können.”

    Das ist ja Ihr Problem, Herr Professor. Erstens kann er es. Zwotens macht er es. Drittens sagen Sie in ihrem Blog, dass er machen kann, was er will. Zum Beispiel TEE Heimatbahnhof arrivieren. Oder so.
    Schnurzschnuppen.

  13. Ein Rechtschreibkorrektor der einen einfach nur machen läßt, was man will, wäre aber doch äußerst unpraktisch.

  14. Bremen und Provinz

    Oder liest jemand von der Duden-Redaktion mit und kann uns erklären, warum Bremen nach meinen bisherigen Tests die einzige deutsche Stadt ist, die vom Duden sprachlich in die Provinz geschickt wird?

    Das liegt wohl daran, dass Bremen schon immer Proviz war!

  15. “Er zog eine Silbermünze aus der Tasche und warf sie auf den Tisch. Das Tischtuch erstickte den Klang. ‘Nun’, sagte er ungeduldig, ‘wo bleiben die Untertanen des Fliegengottes? Die Wespen, Hummeln, Bremen? Herbei, herbei!’ Aber es blieb still im Zimmer. ‘Sie kennen die Worte nicht’, sagte Professor Dominicé leise. ‘Man muss die Worte kennen.’ – ‘Die Worte, die Worte!’ knurrte Herr Martinet ärgerlich.”
    (Friedrich Glauser: Der Tee der drei alten Damen)