Unwort des Jahres: Döner-Morde

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Mein Verhältnis zur alljährlichen „Unwort-des-Jahres“-Wahl ist etwas gemischt. Wie ich gerne sage, als Sprachwissenschaftler kann man zu „Unwörtern“ etwa genausoviel sagen, wie ein Zoologe zu „Untieren“. Andererseits erkenne ich natürlich an, dass es Beispiele manipulativer und verzerrender Sprache gibt, die die öffentliche Diskussionskultur verzerren, verbiegen und manchmal auch vergiften — die Kollegen von Neusprech.org sezieren solche Wörter ja regelmäßig. Wenn man möchte, kann man hier also wahrscheinlich von „Unwörtern“ sprechen (der Duden definiert Unwort als „schlecht, falsch gebildetes, unschönes Wort“ oder als „schlimmes, unangebrachtes Wort“).

Die „Sprachkritische Aktion Unwort des Jahres“ hat m.E. eine gemischte Erfolgsbilanz beim Auffinden solcher „Unwörter“. Manchmal werden Wörter gewählt, die irgendjemand in irgendeinem obskuren Zusammenhang verwendet hat und die ohne die Auszeichnung zum „Unwort des Jahres“ niemandem aufgefallen wären (z.B. betriebsratsverseucht 2009), manchmal werden Wörter gewählt, deren Unwortcharakter darin besteht, dass die Jury den ironischen Unterton des Wortes nicht verstanden hat (z.B. Herdprämie 2007).

Aber manchmal hat die Jury auch ein gutes Händchen, z.B. als sie 2010 das unselige alternativlos der Merkelschen Nicht-Politik zum Sieger kürte. Auch in diesem Jahr hat die Jury ein „schlimmes, unangebrachtes Wort“ gefunden: Döner-Morde. Dieses Wort war im Prinzip schon in dem Moment unangefochtener Spitzenreiter der Unwörter, als es im November 2011 durch eine Pressemeldung der Generalbundesanwaltschaft in die Medien geriet:

Im Wohnmobil der am 4. November 2011 nahe Eisenach tot aufgefundenen Uwe B. und Uwe M. wurden die Dienstwaffen der Heilbronner Polizisten sichergestellt. In der Wohnung der Männer in Zwickau wurde zudem die Pistole aufgefunden, mit der in den Jahren 2000 bis 2006 die sogenannten Döner-Morde verübt wurden. [Pressemeldung des Generalbundesanwalts, 11. November 2011]

Erfunden hat das Wort natürlich nicht die Generalbundesanwaltschaft, sondern die Presse, die seinerzeit über die Morde berichtete — Verwendungen von 2006 und 2007 finden sich z.B. in Meldungen der der dpa und der AP.

Während es 2006/2007 soweit ich sehe keine Einwände gegen das Wort Döner-Morde gab, löste die erneute Prominenz des Wortes im November schnell Empörung aus. Stefan Kuzmany drückte das auf Spiegel Online schon fünf Tage nach der Pressemeldung der Generalbundesanwaltschaft deutlich aus. Er sah in dem Wort einen „traurige[n] Beweis für den latenten Rassismus der deutschen Gesellschaft – auf drei Ebenen“. Erstens sah er in dem Wort

eine herablassende Gleichsetzung und Entmenschlichung: Die Opfer werden allesamt zum „Döner“ gemacht, als hätten sie keine Namen, als hätten sie keine Berufe. … [w]elch Aufschrei ginge durch Politik und Presse, würden in der Türkei serienmäßig deutsche Staatsbürger ermordet und man spräche dort von „Kartoffel-“ oder „Sauerkraut-Morden“? [Spiegel Online, 16. November 2011]

Zweitens spielt das Wort seiner Meinung nach mit dem

Klischee der Ausländerkriminalität. Mit der Aufklärung der Mordserie beschäftigt war eine Polizeikommission unter dem bezeichnenden Namen „Bosporus“, und deren lange gehegte Täter-Theorie, wie auch die der Presse, war vermeintlich naheliegend: Irgendwelche organisierten Kriminellen aus der Türkei oder sonst woher hätten da wohl ihre Schutzgeld- und/oder Drogenstreitigkeiten blutig ausgetragen. [Spiegel Online, 16. November 2011]

Drittens sah er im Bezug auf Döner eine Strategie, um Distanz zwischen der „deutschen Mehrheitsgesellschaft“ und den Morden herzustellen:

Alles so schön weit weg. … Sollen sich die doch gegenseitig umbringen, sie gehören ja sowieso nicht zu uns, also ist uns das Morden eigentlich egal. Wir haben nichts damit zu tun. [Spiegel Online, 16. November 2011]

Eine sprachwissenschaftliche Nebenbemerkung: Durch das Wort Döner-Morde werden die Ermordeten zwar mit Dönern in Zusammenhang gebracht, und in sofern kann man Kuzmanys Analyse grundsätzlich nur zustimmen. Sie werden aber nicht „zu Dönern gemacht“. In deutschen Komposita kann das Erstglied fast jede beliebige semantische Beziehung zum Zweitglied haben. Bei Komposita mit Mord kann das Erstglied den Täter bezeichnen (wie in dem Wort Nazi-Mord, das viele Medien inziwschen verwenden), es kann das Opfer bezeichnen (wie in dem auch gelegentlich verwendeten Ausländer-Mord), es kann echte oder vermeintliche Motivationen bezeichnen (wie in dem 2005 zurecht als Unwort nominierten Ehrenmord), aber auch die Art und Weise (z.B. Meuchelmord, Ritualmord), oder eben herausragende Aspekte des Umfelds oder des Tatmusters.

Letzters ist beliebt als Titel für Krimis (z.B. „Die Pythagoras-Morde“, „Die Naschmarkt-Morde“, „Die Whitechappel-Morde“, „Die Merlot-Morde“, usw.), und hier liegt möglicherweise noch ein weiteres Problem an dem Wort Döner-Morde — es verleiht den Taten etwas krimihaftes, so, als ob es um Unterhaltung ginge, und nicht um echte, rassistisch motivierte Morde.

Die „Unwort“-Jury hat in ihrer Begründung Kuzmanys Artikel im Prinzip nichts mehr hinzuzufügen:

Mit Döner-Morde wurden von Polizei und Medien die von einer neonazistischen Terrorgruppe verübten Morde an zehn Menschen bezeichnet. Der Ausdruck steht prototypisch dafür, dass die politische Dimension der Mordserie jahrelang verkannt oder willentlich ignoriert wurde: Die Unterstellung, die Motive der Morde seien im kriminellen Milieu von Schutzgeld- und/oder Drogengeschäften zu suchen, wurde mit dieser Bezeichnung gestützt. Damit hat Döner-Mord(e) über Jahre hinweg die Wahrnehmung vieler Menschen und gesellschaftlicher Institutionen in verhängnisvoller Weise beeinflusst. Im Jahre 2011 ist der rassistische Tenor des Ausdrucks in vollem Umfang deutlich geworden: Mit der sachlich unangemessenen, folkloristisch-stereotypen Etikettierung einer rechtsterroristischen Mordserie werden ganze Bevölkerungsgruppen ausgegrenzt und die Opfer selbst in höchstem Maße diskriminiert, indem sie aufgrund ihrer Herkunft auf ein Imbissgericht reduziert werde. [Pressemitteilung der Sprachkritischen Aktion Unwort des Jahres, 17. Januar 2011 (PDF)]

Das einzige, was man der „Unwort“-Jury also vielleicht vorwerfen kann, ist, dass sie auf ein „Unwort“ aufmerksam macht, das bereits breit diskutiert und als ein solches akzeptiert worden ist. So hat sie zwar eine nachvollziehbare, aber nicht besonders lehrreiche Wahl getroffen.

© 2012, Anatol Stefanowitsch

Anatol Stefanowitsch

Nach Umwegen über Politologie und Volkswirtschaftslehre habe ich Englische Sprachwissenschaft und Sprachlehrforschung an der Universität Hamburg studiert und danach an der Rice University in Houston, Texas in Allgemeiner Sprachwissenschaft promoviert. Von 2002 bis 2010 war ich Professor für Englische Sprachwissenschaft an der Universität Bremen, im August 2010 habe ich einen Ruf auf eine Professur für anglistische Sprachwissenschaft an der Universität Hamburg angenommen. Mein wichtigstes Forschungsgebiet ist die korpuslinguistische Untersuchung der Grammatik des Englischen und Deutschen aus der Perspektive der Konstruktionsgrammatik.

10 Kommentare

  1. Ungarische Mordprävention

    Da haben’s die Ungarn aber gut. Die braten einen leckeren Baumkuchen aus Hefeteig am hölzernen Drehspiess über dem offenen Grill. Sie nennen das:

    Kürtöskalács.

    Und einen “Kürtöskalács-Killer” würde kein deutscher Rassist, schon des Zungenknotens wegen, abgeben wollen.

    Disclaimer – das ist KEIN inhaltlicher/politischer/kritischer Kommentar, ich hab’ mich nur über den Wohlklang der Trouvaille des “Kürtöskalács-Killers” gefreut. Das Gebäck schmeckt übrigens hervorragend.

  2. Fontane fand ich schon in der Schule unerträglich, was natürlich nur meine persönliche Einstellung ist und nichts über seine literarischen Fähigkeiten aussagt, aber was genau hat Fontane jetzt mit den “Döner-Morden” zu tun? Kommentare beziehen sich am besten immer aufs Thema. Zumindest ein bisschen.

    [Anm.: Dieser Kommentar bezieht sich auf eine wirren und inzwischen gelöschten Kommentar, in dem auch Fontane vorkam. Ich lasse diesen Kommentar hier stehen, weil ich „impala“ 100%ig zustimme: Am besten immer aufs Thema beziehen. –A.S.]

  3. Volle Zustimmung, kleine Ausnahme: Ab und an kann die Jury m. E. durchaus mal ein in der Öffentlichkeit wenig bis nicht gebräuchliches Unwort wie “betriebsratsverseucht” küren, um zu verdeutlichen, wie manchmal in den Hinterzimmern der Macht geredet wird.

  4. Doppelwörter

    Wir sind daran gewöhnt, dass der erste Bestandteil eines Wortes den zweiten spezifiziert. Wie gut, dass man sich in Europa einigermaßen darauf verlassen kann:

    “Baumkuchen” ist ein Kuchen in Form eines Baumes.
    “kürtöskalács” ist ein Kuchen in Form einer Hupe (kürte).
    “fruit cake” ist ein Kuchen mit Früchten.

    Umgekehrt ist es im Arabischen:
    “asir burtoqal” ist Saft (asir) aus Orangen (burtoqal).
    In europäischen Sprachen müsste man für sowas wenigstens noch ein Verbindungswort dazwischensetzen:
    “zumo de naranjas” Saft (zumo) aus Orangen.

    Die armen Vietnamesen können sich leider nicht darauf verlassen:
    In ihrer Sprache steht die Spezifizierung hinter dem Wort:
    “nuóc cam” Saft (nuóc) aus Orange (cam)
    Mit einem Wort, das ursprünglich chinesisch ist, dreht es sich um:
    “Viet ngu” Vietnamesische Sprache

  5. “Die Unterstellung, die Motive der Morde seien im kriminellen Milieu von Schutzgeld- und/oder Drogengeschäften zu suchen, wurde mit dieser Bezeichnung gestützt.”

    Das versteh ich nicht. Inwiefern stützt das Wort “Döner-Morde” eine Assoziation zur organisierten Kriminalität? Gilt das auch für das Wort “Döner-Bude”?

    Bitte nicht mißverstehen; natürlich ist der Begriff “Döner-Morde” sehr unglücklich gewählt, da nur zwei der neun Opfer tatsächlich einen Döner-Imbiß hatten, und ich hab auch kein Problem mit der Nominierung an sich. Aber oben genannter Grund erscheint mir ironischerweise diskriminierend.

    Kann mir das jemand erklären?

  6. @Tapirkatapult

    Das ist vielleicht etwas verkürzt dargestellt worden. Natürlich würde ‘Döner-Morde’ allein kein kriminelles Milieu implizieren, allerdings wurde der Begriff nicht im luftleeren Raum geschaffen, sondern immer im Zusammenhang mit ‘… sucht nach Motiven im Bereich Schutzgelderpressung’*. Das Ergebnis war – ich habe das beim Hamburger Mord sehr nah miterlebt -, dass viele gesagt haben, es ginge uns [nichtsüdländische, “anständige” Deutsche] nichts an, denn es geht ja “nur” um Milieumorde.

    Auch wenn ich nicht die Ansicht teile, dass die Opfer zu Dönern erklärt wurden, ermöglicht der Begriff eine Distanzierung sowohl im Sinne von ‘das sind nur die Anderen’ als auch ‘ja, so Mafia halt und so, nich?!’ In dem Kontext stützte ‘Döner-Morde’ die Assoziation zur organisiertem Gewaltkriminalität – und sollte das wohl auch.

    *beispielhaft; ganz wörtlich ist das evtl. nicht gefallen.

  7. @Tapirkatapult

    Wie Dierk finde auch ich die Begründung der Jury an dieser Stelle (zu) sehr verkürzt. Genau deshalb habe ich ausführlich aus Kuzmanys Artikel zitiert, dessen Argumentation genauer ist (ich nehme übrigens an, dass auch die Jury diesen Artikel kennt und sich implizit darauf bezieht, aber ich kann mich natürlich irren).

  8. @Dierk & A.S.

    Diese Begründung hängt aber nicht am Wort, sondern am Kontext. Jede andere (oder nur jede pressetaugliche?) Bezeichnung dieser Mordserie hätte dieselben oder zumindest ähnliche Darstellungen wie “Geht uns nichts an” erlaubt.

    Wahrscheinlich geht es beim Unwort des Jahres nicht nur um das Wort selber, sondern auch um das Umfeld, in dem es aufgewachsen ist? Weiß ich nicht, wie ich fair ich das finden soll.

  9. Es wird behauptet, dass das Wort “Döner-Morde” eine Presseerfindung ist. Ich glaube ja eher, dass die Presse lediglich gern die verkürzte Sprache der Polizei übernimmt. “Döner-Morde” ist das Ergebnis, Schnittmengen von Ereignissen so zu verdichten, dass man die Zusammengehörigkeit der Ereignisse zur Hypothese nehmen kann. Sonst müssten die Polizei ja sagen: “Die Morde 1…,2…,3…,4…,5…,6…,7…,8… und 9… haben die Gemeinsamkeit, dass ein Döner-Spieß in der Nähe stand und es ist deshalb zu vermuten, dass die selben Täter dahinter stecken.” Erst die Weiterführung des Wortes in der Politik macht es zum Unwort.