Stille Post verschlechtert die Grammatik

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Amerikanische Wissenschaftler haben herausgefunden, dass die SMS-Sprache von Jugendlichen deren Grammatik verschlechtert. Zumindest behauptet das eine Presseerklärung des Contentlieferanten „Pressetext“. Aber wie immer, wenn wir etwas über die neuesten Erkenntnisse der amerikanischen Wissenschaft erfahren, haben diese ein langes Stille-Post-Spiel hinter sich.

Es fängt an mit einer relativ nichtssagenden Studie zweier Medienwissenschaftler — S. Shyam Sundar von der Pennsylvania State University und seines ehemaligen Studenten Drew Cingel. Ich sage „nichtssagend“, weil die Studie, nun ja, nichts sagt. Die beiden Autoren korrelieren in dieser Studie die Ergebnisse von Schüler/innen in einem Grammatiktest mit deren SMS-Vehalten — speziell, der Gesamtmenge an SMS, die die Schüler/innen verschicken, sowie der Anzahl von sprachlichen Anpassungen — Abkürzungen (wie LOL), Auslassung von unwichtigen Buchstaben (wie wud für would), die Verwendung von Homophonen (wie gr8 für great), sowie Abweichungen bei Groß- und Kleinschreibung und Interpunktion.

Sie finden heraus, dass Schüler/innen, die in ihren SMS mehr sprachliche Anpassungen verwenden, bei dem Grammatiktest schlechter abschneiden.

Oder auch nicht, denn die Studie hat eine Reihe methodischer Schwächen. Erstens erfassen die beteiligten Schüler/innen ihr SMS-Verhalten selbst. Das kann, vor allem bei der Erfassung der sprachlichen Abweichungen nur schiefgehen, erfordert es doch, dass sie ein komplexes Kategoriensystem auf ihre eigenen SMS anwenden müssen — eine Aufgabe, die nach meiner Erfahrung sogar gut eingewiesene studentische Hilfskräfte überfordert. Zweitens ist der „Grammatiktest“ eine Ansammlung sehr verschiedener Fragen, von denen etwa die Hälfte diverse grammatische Phänomene (Hauptsächlich die Auswahl von Verbformen) abfragen, während die andere Hälfte Rechtschreibung und Interpunktion testet. Drittens — und das ist entscheidend — tun die Autoren zwar so, als untersuchten sie einen kausalen Einfluss von SMS-Sprache auf das Ergebnis des Grammatiktests (sie rechnen eine Regressionsanalyse, in der letzeres als unabhänge Variable verwendet wird), tatsächlich gibt es aber natürlich keinen Grund, eine solche Kausalität anzunehmen. Die Studie zeigt also bestenfalls eine Korrelation — die Schüler/innen, die viele sprachliche Anpassungen in ihren SMS verwenden, sind dieselben, die schlechte Ergebnisse im „Grammatiktest“ erzielen.

Das Stille-Post-Spiel geht damit weiter, dass die Autoren natürlich nicht zugeben wollen, dass ihre Studie nichts aussagt. In der Diskussion ihrer Ergebnisse gehen sie zunächst ohne die leisesten Zweifel von einer Ursache-Wirkung-Beziehung zwischen SMS-Sprache und Grammatikschwäche aus und raten auf dieser Grundlage zu einem sparsamen Einsatz technischer Medien im Schulunterricht. Erst danach erkennen sie die methodischen Schwächen in einer Art Anhang an, den sie „Limitation“ nennen (ich hätte „Serious Methodological Flaws“ für eine passendere Überschrift gehalten).

Die nächste Station für die Stille Post ist eine Presseerklärung der Pennsylvania State University, in der absolute Gewissheit herrscht, dass die SMS-Sprache die Grammatik der Schüler/innen verdirbt. Die Autoren spekulieren dort, dass junge Menschen einen natürlichen Drang haben, die SMS-Sprache ihrer Altersgenoss/innen zu imitieren und dann auch in ihrer allgemeinen Sprachentwicklung nicht mehr zur „richtigen Grammatik“ zurückfinden.

Der letzte Schritt ist dann die oben erwähnte Pressemeldung, in der behauptet wird, dass das Versenden von Kurznachrichten ganz allgemein einen negativen Einfluss auf die Grammatik von Jugendlichen habe (die Autoren der Studie weisen übrigens explizit darauf hin, dass ein solcher allgemeiner Zusammenhang nicht bestehe). Immerhin zitiert die Presseerklärung dann den Österreichischen Sprachwissenschaftler Oswalt Panagl, der vernünftigerweise erhebliche Zweifel an einem Einfluss der SMS-Sprache auf die Grammatik äußert. Sie machen diese lobenswerte Eigenrecherche dann allerdings zunichte, indem sie behaupten, die Studie zeige außerdem einen Einfluss „technischer Faktoren“ wie „die Größe oder die Bedienbarkeit des Handys“. Das ist aber frei erfunden.

Tatsächlich zeigt die Studie also nur eins: Schüler/innen, die glauben, in ihren SMS bestimmte Kategorien von SMS-typischer Sprache gefunden zu haben, schneiden bei einem Grammatiktest schlechter ab als Schüler/innen, die nicht glauben, in ihren SMS bestimmte Kategorien von SMS-typischer Sprache gefunden zu haben.

Aber das wäre in diesen technikfeindlichen und kulturpessimistischen Zeiten wohl keine Nachricht, und so dürfen wir auf die nächsten Stationen im Stille-Post-Spiel gespannt sein.

Nach Umwegen über Politologie und Volkswirtschaftslehre habe ich Englische Sprachwissenschaft und Sprachlehrforschung an der Universität Hamburg studiert und danach an der Rice University in Houston, Texas in Allgemeiner Sprachwissenschaft promoviert. Von 2002 bis 2010 war ich Professor für Englische Sprachwissenschaft an der Universität Bremen, im August 2010 habe ich einen Ruf auf eine Professur für anglistische Sprachwissenschaft an der Universität Hamburg angenommen. Mein wichtigstes Forschungsgebiet ist die korpuslinguistische Untersuchung der Grammatik des Englischen und Deutschen aus der Perspektive der Konstruktionsgrammatik.

4 Kommentare

  1. Kausalkorrelat

    In Ermangelung der Kenntnis der Originalstudie kann ich ja nicht über die methodischen Schwächen wie die Selbstbeurteilung urteilen (25$ – für 24 Stunden! – war mir der Artikel nicht wert und meine UB scheint nicht zu den Abonnenten des Magazins zu gehören). Es würde mich aber stark wundern, wenn wie die behauptete Kausalbeziehung vernünftig aus der Korrelation abgeleitet werden kann. Ich halte die umgekehrte Ursache-Wirkung für genauso plausibel, wenn nicht sogar für naheliegender, als die von den Autoren vertretene und in den Presseerklärungen manifestierte: Wer spielerischer (präskreptiv gesehen: falscher) mit seinen grammatischen Bildungen umgeht, ist auch einfallsreicher, was Verkürzungsformen angeht. Ist aber natürlich nur ins Blaue geschossen. Aber vielleicht will irgendein Verlag einen darauf basierenden Aufsatz für 25€/24h verticken? Passt aber nicht so gut in das Jugend-wird-durch-schreckliche-neue-Technik-verdorben-Weltbild. Pressemitteilungen der Uni gibt es deshalb wohl eher nicht.

  2. Wissenschaft feit nicht vor Blödsinn

    Es genügt eigentlich ein wenig gesunder Menschenverstand: Wir erleben zur Zeit unbestritten die größte Schreibbewegung der Geschichte – den Siegeszug des Web 2.0 und der ‘sozialen Medien’. Jeder Depp muss unverhofft auch zum Buchstabendompteur werden – wie elegant auch immer. Dadurch – also durch die Multiplikation des schreibenden Volks – sollten sich der Studie zufolge die ‘grammatischen Fähigkeiten’ der Menschen in der Breite verringern? Ich glaube ja gern, dass die Grammatik und Orthographie sich verändern, ob zum Guten oder Schlechten ist aber bloß eine Frage des Dudens. Manche der beschriebenen Reduktionen könnte ja auch ganz sinnvoll sein – “er ver8et mich, da habe ich meine 2fel …” Das heilige Buch aus dem Hause Duden ist schließlich nicht sakrosankt. – Heute jedenfalls muss längst das größte Landei simsen und twittern können, dessen Vorfahren früher noch drei Kreuze auf ihren Anstellungsvertrag malten. Der Alphabetismus und die Schriftkunde gewinnen folglich massiv an Boden …

    Ich reagiere auf solche interessierten Tartarenmeldungen gar nicht mehr …