Sprachverbote

Ich versuche normalerweise, alles zu ignorieren, was Josef Joffe von sich gibt. Er schafft es immer wieder, uninformiert kontroverse Meinungen zu vertreten (der Irak-Krieg ist gut, Klimawandel existiert nicht, das Internet böse und Printjournalismus ist immer Qualitätsjournalsimus), ohne dabei irgendetwas Interessantes zu sagen. Aber manchmal klicke ich aus Versehen auf einen Link auf eine seiner Kolumnen, und wenn ich erst einmal angefangen hat, zu lesen, überkommt mich eine derartig bleierne geistige Trägheit, dass ich nicht aufhören kann, bis der Text zu Ende ist.

In einer aktuellen Kolummne geht es ums Thema Sprache, speziell zu „Denk- und Sprechverboten“. In typischer Joffe-Manier mäandert die Kolumne vor sich hin und es bleibt, wie so oft, unklar, worauf er eigentlich hinauswill, außer, dass irgendwie die Postmoderne, die Political Correctness und der Multikulturalismus an allem Schuld sind.

Er vermischt munter völlig verschiedene Arten von Sprachregelungen und Sprachverboten, vom alttestamentarischen Verbot, den Namen Gottes auszusprechen über das Verbot der Majestätsbeleidigung bis hin zum Verbot der Volksverhetzung und von Euphemismen über politisch korrekte Sprache bis hin zu Orwells Neusprech. Alles interessante Themen und Grund genug für mich, mich einmal selbst mit diesen Sprachregelungen auseinanderzusetzen, und sei es nur, um wieder wach zu werden.

Im Prinzip lassen sich die Sprachregelungen aus Joffes Artikel in zwei Gruppen einteilen. Auf der einen Seite stehen Euphemismen, Orwells Neusprech und politisch korrekte Sprache. Dabei handelt es sich nicht um Sprachverbote, sondern um Versuche, die Wirklichkeit zu verdecken oder sogar zu verändern, indem man die sprachliche Darstellung der Wirklichkeit verändert.

Von Euphemismen spricht man, wenn als unangenehm oder anstößig empfundene Dinge oder Sachverhalte mit neutral oder sogar positiv besetzten Begriffen bezeichnet werden (Joffe nennt das Wort Sonderbehandlung, mit dem im Nationalsozialismus die Ermordung von Menschen umschrieben wurde). Das Problem an Euphemismen ist, dass sie im allgemeinen nicht funktionieren: Solange jeder weiß, was gemeint ist, nimmt der Euphemismus unweigerlich die negative Bedeutung des Wortes an, das er ersetzt. Besonders schön kann man das sehen, wenn Wörter mit negativen Bedeutungskomponenten in immer kürzeren Abständen durch den nächsten neutralen oder positiv besetzten Begriff ersetzt werden (ich habe das vor ein paar Jahren im Bremer Sprachblog ausführlich dargestellt).

Orwell’s Neusprech enthält auch Euphemismen (etwa, wenn das Justizministerium als Ministerium für Liebe (Minilieb), oder das Töten von Regimekritikern als vaporisieren bezeichnet wird). Die Euphemismen sind aber nicht das entscheidende am Neusprech. Viel wichtiger ist die Idee, dass man Menschen daran hindern kann, über bestimmte Dinge überhaupt erst nachzudenken, indem man die dafür notwendigen Wörter oder Bedeutungen völlig aus der Sprache entfernt. So wird das Wort frei im Neusprech so umdefiniert, dass es nur noch die Abwesenheit von etwas ausdrücken kann (Das Feld ist frei von Unkraut, Der Hund ist frei von Läusen), nicht aber die Idee von politischer und intellektueller Freiheit.

Auch Orwells Neusprech würde nicht funktionieren. Erstens würde es eine Eins-zu-Eins-Beziehung von Sprache und Denken erfordern, die nicht existiert. Wir können alle über Dinge nachdenken, für die wir keine Wörter haben. Wenn das nicht so wäre, würden wir nie um Worte ringen. Zweitens kann man natürliche Sprachwandelprozesse nicht aufhalten. Nehmen wir an, es gelänge einer Regierung, die Bedeutungskomponente „politische Freiheit“ aus dem Wort frei zu entfernen — es würde nicht lange dauern, bis sich diese Bedeutungskomponente neu herausgebildet hätte. Die Menschen müssten sich dafür nur metaphorisch mit einem Hund und die Herrschenden mit Läusen zu identifizieren — eine Metapher, auf die sie schnell kommen würden, wenn sie von den Herrschenden nur genügend gequält würden.

Schließlich bedient sich auch die politisch korrekte Sprache sich einer Reihe von Euphemismen, etwa, wenn geistig behinderte Menschen als geistig herausgefordert pder anders begabt bezeichnet werden. Dieser Aspekt wird häufig persifliert, aber er ist auch hier nicht entscheidend. Entscheidend ist bei der politisch korrekten Sprache das Ziel, duch eine Bewusstmachung sprachlicher Diskriminerung eine Bewusstmachung tatsächlicher Diskriminierung zu erreichen. Bei aller unfreiwilligen Komik, die manchmal in Begriffsneuschöpfungen stecken mag, kann das auch durchaus funktionieren. Als ich jung war, war es noch völlig normal, auch dann männliche Bezeichnungen (z.B. Berufsbezeichnungen) zu verwenden, wenn Frauen gemeint waren. Durch die vorbildliche Beharrlichkeit einer Generation von Feminist/innen ist das inzwischen glücklicherweise nicht mehr so: Wer heute noch durchgängig Maskulina verwendet, outet sich damit mindestens als jemand, der sich für einen Querdenker hält obwohl er (und es ist ja meistens ein „er“) eigentlich nur ein Reaktionär ist. Da die Sprachentwicklung sich nur in Maßen beschleunigen lässt, sind geschlechtergerechte (und ganz allgemein politisch korrekte) Sprachregelungen manchmal holprig, aber das sollte es uns Wert sein.

Auf der anderen Seite stehen die Verbote, den Namen Gottes zu verwenden, Majestäten zu beleidigen oder Volksverhetzung zu betreiben. Dabei handelt es sich tatsächlich um Verbote, im ersten Fall religiöser, in den anderen beiden Fällen juristischer Natur.

Das Tabu, den Namen Gottes nicht zu verwenden, erwähnt Joffe, ohne es weiter zu kommentieren. Ich nehme an, das Tabu leitet sich aus dem (je nach Zählweise) zweiten bzw. dritten Gebot ab, den Namen Gottes nicht zu mißachten, aber ich kenne mich nicht gut genug damit aus, um viel dazu zu sagen, außer, dass ich damit, wenn ich an Arthur C. Clarkes The Nine-Billion Names of God (dt. „Die neun Milliarden Namen Gottes“) denke, schon aus Sicherheitsgründen völlig einverstanden bin.

Interessant ist aber, dass es (anders als Euphemismen, Neusprech oder politisch korrekte Sprache) ein explizites Verbot ist, ebenso wie die Majestätsbeleidigung. Zu der sagt Joffe auch nicht viel, eigentlich schade, denn es ist ein Thema, das nicht nur altmodische Monarchien betrifft: Auch in Deutschland im Jahr 2010 ist jede Art der Verunglimpfung des/der Bundespräsident/in strafbar. Sie wird mit einer Gefängnisstrafe von drei Monaten bis fünf Jahre geahndet (StGB §90, Abs. 1), allerdings nur, wenn der/die Bundespräsident/in die Verfolgung der Tat anordnet (StGB §90, Abs. 4). Bundeskanzler/in und andere Personen des politischen Lebens sind dagegen vor Beleidigungen nur dann besonders geschützt, wenn diese „aus Beweggründen begangen [wird], die mit der Stellung des Beleidigten im öffentlichen Leben zusammenhängen“ und wnn sie „geeignet [ist], sein öffentliches Wirken erheblich zu erschweren“ (StGB §188, Abs. 1).

Da habe ich Glück, dass ich mit Horst Köhler sehr zufrieden bin, und dass meine Abneigung gegen Angela Merkel erstens nicht damit zusammenhängt, dass sie Bundeskanzlerin ist, und zweitens schon allein deshalb nicht geeignet ist, ihr öffentliches Wirken zu erschweren, weil sie in ihrer bisherigen Amtszeit nichts getan hat, was man als öffentliches Wirken bezeichnen könnte.

Schließlich ist auch Volksverhetzung (StGB, § 130) verboten und mit einem ähnlichen Strafmaß versehen wie die Verunglimpfung des Bundespräsidenten.

Insgesamt bekommt man den Eindruck, Joffe hält die tatsächlichen Verbote für gerechtfertigt (die Tabuisierung von volksverhetzenden Aussagen ist für ihn ein „gewaltiger moralischer Fortschritt nach 1945“), während er die eingebildeten Sprachverbote der politisch korrekten Sprache eher ablehnt (um es kurz zusammenzufassen: Er befürchtet, dass durch sie bei zu vielen gesellschaftlichen Gruppen Begehrlichkeiten nach Gleichbehandlung ausgelöst werden könnten).

Ich sehe das tendenziell umgekehrt. Politisch korrekte Sprache kann dabei helfen, strukturelle Ungleichheiten aufzudecken. Dabei macht es noch nicht einmal etwas aus, wenn die politisch korrekten Begriffe selbst thematisiert und zur Zielscheibe von Spott gemacht werden — there’s no such thing as bad publicity.

Gesetzlichen Sprach- und Sprechverbote sähe ich dagegen lieber abgeschafft. Mir ist es lieber, wenn die Denker dumpfer Gedanken sich dadurch selbst entlarven, dass sie diese laut aussprechen. Mit gesetzlichen Verboten stilisiert man Leute zu Märtyrern, die sonst bestenfalls als schlecht erzogen und schlimmstenfalls als gemeingefährlich einstufen würde. Die Aufforderung zu Straftaten sollte selbstverständlich strafbar sein — nicht, weil ein Sprachverbot gebrochen wurde, sondern, weil eben zu Straftaten aufgefordert wird.

 

Clarke, Arthur C. (1953) The Nine Billion Names of God. [Link]

Joffe, Josef (2010) Neusprech und Gutdenk, Zeit Online, 16. April 2010. [Link]

Stefanowitsch, Anatol (2007) Auf der konnotativen Leiter. Bremer Sprachblog, 27. Dezember 2007 [Link]

StGB (§ 90) Verunglimpfung des Bundespräsidenten [Link]

StGB (§ 130) Volksverhetzung [Link]

StGB (§ 188) Üble Nachrede und Verleumdung gegen Personen des politischen Lebens [Link]

 

© 2010, Anatol Stefanowitsch
Dieser Beitrag steht unter einer Creative-Commons BY-NC-SA-3.0-(Deutschland)-Lizenz.

Nach Umwegen über Politologie und Volkswirtschaftslehre habe ich Englische Sprachwissenschaft und Sprachlehrforschung an der Universität Hamburg studiert und danach an der Rice University in Houston, Texas in Allgemeiner Sprachwissenschaft promoviert. Von 2002 bis 2010 war ich Professor für Englische Sprachwissenschaft an der Universität Bremen, im August 2010 habe ich einen Ruf auf eine Professur für anglistische Sprachwissenschaft an der Universität Hamburg angenommen. Mein wichtigstes Forschungsgebiet ist die korpuslinguistische Untersuchung der Grammatik des Englischen und Deutschen aus der Perspektive der Konstruktionsgrammatik.

22 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Schöner Kommentar!

    Dem ich inhaltlich zu 95% einfach zustimmen möchte.

    Und die Vermutung mit dem Gottesnamen stimmt auch: Aus den Geboten, Gottes Namen “nicht zu mißbrauchen” (z.B. für Meineid, Flüche etc.) sowie Aufrufen, Ihn zu ehren, entstand die Scheu, seinen Namen überhaupt zu verwenden (wer ihn z.B. auf Papier schriebe, dieses dann irgendwann wegwerfe – you got it). Deshalb wurde der Gottesname häufig umschrieben und ersetzt (z.B. mit Adonai = Herr), damit die Würde des Eigentlichen unterstreichend.

    Intuitiv würde ich Ihrer Einschätzung da zustimmen: Wer das freiwillig tut, okay, ist sogar ein bewußter Umgang mit Sprache. Aber wenn ein staatliches Gesetz dieses vorschreiben und z.B. die Verwendung bestimmter Gottesnamen unter Strafe stellen würde, fände ich es problematisch.

  2. “frei”

    Bin nicht sicher, ob Neusprech nicht funktioniert. Wäre mal interessant zu wissen, was ein Apple-Nutzer unter “frei” versteht.

  3. Evidenz?

    “Politisch korrekte Sprache kann dabei helfen, strukturelle Ungleichheiten aufzudecken.” Gibt es dazu auch Evidenz, oder ist es nur Ihre persönliche Meinung? Ich bin davon nämlich im momentan weniger überzeugt als Sie. Auch wenn ich mich damit als Reaktionär oute, der sich für einen Querdenker hält.

    Übrigens finde ich Ihren Stil inklusive dieser kleinen Provokationen sehr unterhaltsam. In diesem Fall habe ich es leicht, da ich mich weder mit Querdenker noch mit Reaktionär zutreffend beschrieben finde.

    Ihre ersten Sätze muß ich noch besonders loben. Der aktuelle und auch der zum iPad stehen für mich schon in einer Reihe mit Anna Karenina, Die Verwandlung, Stiller.

  4. “Bin nicht sicher, ob Neusprech nicht funktioniert. Wäre mal interessant zu wissen, was ein Apple-Nutzer unter “frei” versteht.”

    Hä? Gibt’s dafür ‘ne App?

  5. Klimawandel existiert!

    Ganz gleich, was Herr Joffe in seinen Artikeln problematisiert – mit dem Klimawandel ist er wohl auf dem Holzweg. Den gibt es schon seit 4,5 Milliarden Jahren! Ein „stabiles Klima“ hat es in 4,5 Milliarden Jahren Erdgeschichte nie gegeben – und wird es auch in Zukunft niemals geben, trotz „2°C-Ziel“, „Klimaschutz“ und anderen Hysterien der Gegenwart (besonders ausgeprägt in Deutschland). Selbst in historischer Zeit mit einen angeblich seit 10000 Jahren stabilen Klima (seit dem Ende der letzten Eiszeit) hat es zahlreiche Klimaschwankungen gegeben – und die warmen Zeiten waren immer gute Zeiten! Also Leute, bleibt cool und laßt Euch nicht verrückt machen!
    Phasen der Abkühlung brachen allerdings immer zahlreiche Katastrophen mit sich – Kriege, Völkerwanderungen, Seuchenzüge, Sturmfluten. Vor mehr als 20 Jahren erschien dazu ein wundervoller Artikel in der FAZ („Hexenjagd im Regen – Wie das Klima die Gesellschaft beeinflußt“ vom 5.7.1989) über die Klimageschichte Mitteleuropas. Dieser tolle Artikel sollte Pflichtlektüre für alle Klimahysteriker sein – für „Klimawandel-Leugner“ ebenso für die Klimawandel-Angsthasen. Was folgt daraus? Klimawandel ist gut, wenn er zur Erwärmung führt; nur eine Abkühlung wäre gefährlich. Wir sind die erste Generation, die unbegründete Angst vor warmen Zeiten hat!

  6. “Sprachverbote”

    Es ist immer wieder interessant, wer sich unter welchen Vorzeichen von vermeintlichen Sprachverboten (worauf Joffe m.M.n abzielt, ohne es explizit zu erwähnen) unterdrückt fühlt. Meistens ist es nämlich die “Man wird ja wohl noch sagen dürfen” (… “Israel kritisieren”, “das Leiden der Vertriebenen thematisieren”, “von ‘Kopftuchmädchen’ sprechen”, usw.)-Fraktion – ohne daß irgend jemand die Dochnochsagendürfer daran hätte hindern wollen. Was sie vielmehr meinen, ist wohl eher, daß sie Kritik und Widerspruch bereits als Unding (vermutlich nahe der erwähnten Majestätsbeleidigung) statt als Teil der demokratischen Kultur empfinden.

    Ein besonders “schönes” Beispiel dieser verzerrten Wahrnehmung sind Thilo Sarrazin und seine Sekundanten, die hinter der Empörung über die in der Tat empörenden Äußerungen Sarrazins nichts weniger als eine “politisch korrekte” Meinungsdiktatur sehen wollten. Und tatsächlich fanden sie ja nur Gehör in den Untergrundmedien von “Bild” bis “FAZ” …

  7. Altes Testament

    bitte nicht “alttestamentarisch” sondern “alttestamentlich”

    Ich bin vor kurzem auf Ihren Blog gestoßen und lese Ihre Beiträge gerne.

  8. Aus den Geboten, Gottes Namen “nicht zu mißbrauchen” […] entstand die Scheu, seinen Namen überhaupt zu verwenden (wer ihn z.B. auf Papier schriebe, dieses dann irgendwann wegwerfe – you got it). Deshalb wurde der Gottesname häufig umschrieben und ersetzt (z.B. mit Adonai = Herr), damit die Würde des Eigentlichen unterstreichend.

    adonai wurde bei uns im Religionsunterricht nur im Gebet bzw. beim Umgang mit Gebetstexten benutzt. Für alles außerhalb dessen wurde hashem (wörtlich: der Name) benutzt. Wenn wir das deutsche Wort Gott benutzten, in Aufsätzen o.ä., musste es G’tt geschrieben werden.

  9. @Anke: Richtig; “man wird doch wohl noch sagen dürfen” und “man darf das ja eigentlich nicht sagen, aber” fungieren im Deutschen gewissermaßen als Inquit-Formeln, mit denen die Sprecher im Allgemeinen besonders dumme Aussagen einzuleiten pflegen.

  10. Lachhaft

    Meine Güte, was sind Sie bloß für ein Bückling. Mich wundert fast, dass Sie nicht jene Leute, die die sogenannte “geschlechtergerechte Sprache” für unsinnigen Quatsch halten als Nazis bezeichnen.
    Und dass sich Michael Blume wieder mal als 95%iger Claqueur outet, obwohl der Autor dieses Blogs ihm nur Unfreundlichkeiten auszurichten hat, irritiert noch mehr.
    Komisches Schauspiel. Es sollte jedenfalls mehr für die “OpferInnen” seltsamer Ideologien getan werden.
    Mit freundlichen Grüßen.

  11. [quote]”Politisch korrekte Sprache kann dabei helfen, strukturelle Ungleichheiten aufzudecken.” Gibt es dazu auch Evidenz, oder ist es nur Ihre persönliche Meinung? Ich bin davon nämlich im momentan weniger überzeugt als Sie. Auch wenn ich mich damit als Reaktionär oute, der sich für einen Querdenker hält.[/quote]
    Das würde mich allerdings auch interessieren. Ich habe den Eindruck, dass der Trend zum binnen I und den verschiedenen Bindestrich Konstruktionen wieder abnimmt, wenn man mal ein gewisses studentisches Milieu außen vor lässt (Ich weiß immer noch nicht, was eigentlich eine FrauenLesbe ist…).

  12. “Ich habe den Eindruck, dass der Trend zum binnen I und den verschiedenen Bindestrich Konstruktionen wieder abnimmt, wenn man mal ein gewisses studentisches Milieu außen vor lässt”

    Das mit dem Binnen-I stimmt, liegt aber wohl einfach daran, dass Großschreibung mitten im Wort in der deutschen Rechtschreibung nicht vorgesehen ist, und daher immer “irgendwie blöd” ausschaut und nie beliebt war.

    Im Gegensatz dazu ist jedoch die geschlechtergerechte Formulierung mit Schrägstrich (z.B. “ein/e Ingenieur/in”) inzwischen (meines Wissens nach) zumindest für alle öffentlichen Einrichtungen zwingend vorgeschrieben und wird auch von den meisten Unternehmen verwendet.

  13. “Im Gegensatz dazu ist jedoch die geschlechtergerechte Formulierung mit Schrägstrich (z.B. “ein/e Ingenieur/in”) inzwischen (meines Wissens nach) zumindest für alle öffentlichen Einrichtungen zwingend vorgeschrieben und wird auch von den meisten Unternehmen verwendet.”

    Ja, keine Frage, das liegt aber eher daran, dass es eine Abmahnindustrie gibt, die von solchen Sachen lebt (was ich im übrigen Pervers finde). Ich hab den Eindruck, dass das im “richtigen Leben” lockerer gesehen wird, nicht zuletzt auch und gerade von Frauen.
    Im übrigen: Hat jemand das jemals in normaler gesprochener Sprache gehört? Von Frauen oder Männern?

  14. Wer heute noch durchgängig Maskulina verwendet, outet sich damit mindestens als jemand, der sich für einen Querdenker hält obwohl er (und es ist ja meistens ein „er“) eigentlich nur ein Reaktionär ist

    Ich interpretiere das einmal wohlwollend und nehme an, dass “sich outen als” im Lexikon des Autors nicht als faktivisch vermerkt ist.

    “ein/e Ingernieur/in” steht ja eigentlich für “ein Ingenieur oder eine Igenieurin”, aber das ist natürlich auf die Dauer zu Umständlich, darum will das niemand sagen (und es sagen nur wenige, die dann, außerhalb eines gewissen studentischen Milieus, zum Beispiel in anderen studentischen Milieus, meiner Erfahrung nach eher belächelt werden). Was die Leute sagen, ist bisweilen ein Disclaimer, und dann verwenden sie in der gesprochenen Sprache weiter das generische Maskulinum, oder, wenn sie sich nur ja keiner Kritik aussetzen wollen, das generische Femininum, das zwar um ein Suffix länger zu sein pflegt als das generische Maskulinum, aber jedenfalls deutlich praktischer ist als die “oder”-Konjunktion, die im Plural sowieso semantisch problematisch ist.

  15. “[…] aber das ist natürlich auf die Dauer zu Umständlich, darum will das niemand sagen […]”

    Ja, natürlich ist das alles nur eine Krücke und wird irgendwann auch wieder fallen gelassen werden. Eine Mode halt.
    Aber es führt auch dazu, dass Menschen ans Nachdenken kommen und sich neue Begriffe aussuchen, wie zum Beispiel die im nächsten Beitrag erwähnten Studierenden.
    Und das alleine finde ich schon begrüßenswert.

    Abgesehen davon sehe ich nicht, dass “die Frauen” das im allgemeinen lockerer sehen (“die” sind einfach mal keine homogene Masse), und ich sehe auch nicht, dass dieser Diskurs nur von einem bestimmten Milieu geführt wird, schon lange nicht mehr.

  16. Der Begriff “politisch korrekt” hat längst die oben skizzierte Bedeutung verloren. Wenn etwas als “politisch korrekt” bezeichnet wird, ist heute meistens gemeint, das der oder die etwas gesagt hat, was sie sagen muss — angeordnet vom “internationalen Judentum” oder dem “internationalen Freimaurertum” oder einer ähnlichen Verschwörung.
    “Politisch korrekt” ist längst — nicht erst kürzlich — zum Kampfbegriff gegen selbstständige und verantwortungsbewusste Denker und Schreiber geworden. Gebraucht wird der Begriff zumeist in der rechten Szene. Man lese Leserbriefe: Wer “politisch korrekt” schreibt, schreibt auch “sogenannte Demokratie”, “Demokratur”, bezeichnet Menschen, sie sich um mehr als ihr eigenes Wohlergehen kümmern, als “Gutmenschen” und fühlt sich verfolgt.
    Ich bin erstaunt, dass ich den Begriff hier lesen muss.

  17. guter Klimawandel

    @ Armin Quentmeier:

    Klimawandel ist gut, wenn er zur Erwärmung führt; nur eine Abkühlung wäre gefährlich. Wir sind die erste Generation, die unbegründete Angst vor warmen Zeiten hat!

    Das sehen die Bewohner der Malediven sicher auch so. Ihre nassen Füße werden wenigstens in warmem Wasser stehen.

    In manchen Teilen Deutschlands besteht das große Risiko, dass durch den Klimawandel die Niederschläge deutlich zurückgehen und sich übers Jahr ungünstiger verteilen. In ohnehin eher trockenen Gebieten wie Brandenburg eher ungünstig.

    Und überhaupt: Wer behauptet denn, dass das Klima der letzten 10.000 Jahre stabil war?

  18. @ Stefanowitsch

    Lieber Herr Professor Stefanowitsch,

    ich befinde mich mit Ihnen im Dissens – mir gefällt der Joffesche Stil des Ungefähren, des mäandernden Gedankens. Dennoch kann ich Ihnem meinen Applaus für _Ihre_ folgende Sentenz:

    “Da habe ich Glück, dass ich mit Horst Köhler sehr zufrieden bin, und dass meine Abneigung gegen Angela Merkel erstens nicht damit zusammenhängt, dass sie Bundeskanzlerin ist, und zweitens schon allein deshalb nicht geeignet ist, ihr öffentliches Wirken zu erschweren, weil sie in ihrer bisherigen Amtszeit nichts getan hat, was man als öffentliches Wirken bezeichnen könnte.”

    nicht verweigern. Chapeau! Ich liebe Redefiguren, die ex negativo daherkommen.

    Denken Sie übrigens noch an unser Bloggewitter? Deadline: 1. Mai!

    Grüße
    Helmut Wicht

  19. Gegenderte Sprache

    Ich bin eigentlich auch ein großer Verfechter gegenderter Sprache (also SprachbloggerInnen, Reaktionär_innen etc.) – bin jetzt allerdings in einem Einführungstext in das Feld Kommunikation und Geschlecht (Ayaß 2008) darauf gestoßen, dass die Idee, durch Sprache Bewusstsein zu verändern, letztlich nur unter Sapir-Whorf-Bedingungen funktioniert. Die Metaebene politischer Symbolik bleibt bestehen – aber kann Sprache das Denken verändern?

  20. G ” s Name oder Zeichen oder Bild

    Ergänzung zum Artikel:
    „Gottes“ Namen- oder Bilderverbot; beides hängt zusammen.
    Das Bilderverbot und die Namenlosigkeit Gottes – und umgekehrt – bedingen einander! (Max Frisch sagte mal, nicht nur für menschliche Liebes- und Sexbeziehungen: Du sollst dir kein Bildnis machen…“ – von dem Geleibten oder Geliebten.)
    Im Pentateuch finden sich zahlreiche weitere Textstellen, die sich mit dem Bilderverbot beschäftigen:
    „Nehmt euch um eures Lebens willen gut in Acht! Denn eine Gestalt habt ihr an dem Tag, als der Herr am Horeb mitten aus dem Feuer zu euch sprach, nicht gesehen. Lauft nicht in euer Verderben und macht euch kein Gottesbildnis, das irgendetwas darstellt, keine Statue, kein Abbild eines männlichen oder weiblichen Wesens, kein Abbild irgendeines Tiers, das auf der Erde lebt, kein Abbild irgendeines gefiederten Vogels, der am Himmel fliegt, kein Abbild irgendeines Tiers, das am Boden kriecht, und kein Abbild irgendeines Meerestieres im Wasser unter der Erde. Wenn du die Augen zum Himmel erhebst und das ganze Himmelsheer siehst, die Sonne, den Mond und die Sterne, dann lass dich nicht verführen! Du sollst dich nicht vor ihnen niederwerfen und ihnen nicht dienen. Der Herr, dein Gott, hat sie allen anderen Völkern überall unter dem Himmel zugewiesen.“ (Dtn 4,15-19)
    „Du sollst dir kein Gottesbildnis machen, das irgendetwas darstellt am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde. Du sollst dich nicht vor anderen Göttern niederwerfen und dich nicht verpflichten, ihnen zu dienen.“ (Dtn 5,8-10)
    Mein Fazit: Die wahrste Aussage dessen, den sich Männer – als den/das Wahr-Gott und das Männliche in und für sich – vorstellten, kann übersetzt nur lauten: „Ich bin, der ich bin!“ – Oder, besser: “…, der ich immer sein werde.”

    Das Bilderverbot hat dabei eine Parallele in der Namenlosigkeit Gottes. Denn Gott selbst hatte seinen Namen nicht preisgegeben; vgl. Ex 3,13-15.
    *
    Erich Fromm schlug vor, die (wenn nicht vermeidbare) Nennung des Namens Gottes adäquat mit „Namenlos ist mein Name“ zu übersetzen.

  21. Ach, Frauen, die darauf bestehen, dass man weibliche Bezeichnungen verwendet, sind also keine „Sprachnörgler“, Verzeihung, „Sprachnörglerinnen“?