Sprachbrocken 33/2012

Die eigene Sprache ist uns vertraut, fremde Sprachen sind uns fremd — mit dieser Einsicht beginnt ein Artikel auf WELT ONLINE. Trivial, aber doch wenigstens wahr. Aber eine Sprache gebe es, überrascht uns die Autorin dann, die sei ganz anders: Wer das Glück habe, sie zu hören, erlebe gleichzeitig Heimat und Ferne. Es geht um das Friesische. Nach einem (gar nicht mal so schlechen) Kurzausflug in die Geschichte und geographische Verteilung dieser Sprache erfahren wir dann, warum die Sprache so ganz anders sein soll als alle anderen Sprachen: Weil wir (also, wir Deutschen) zwar „nicht unbedingt jedes Wort verstehen“ (für mich die Untertreibung der Woche) aber doch etwas „Vertrautes“ heraushören. Katze z.B. heiße kaat und Schiff skeb. Womit klar wäre, dass es mit der Einzigartigkeit des Friesischen nicht weit her ist, denn vage Wortähnlichkeiten können wir (also, wir Deutschen) in allen germanischen Sprachen, vom Nordkap bis in die Alpen und vom Harz bis an die Westküste der Vereinigten Staaten finden. Aber der Artikel stellt sich dann ohnehin als ein befremdlich umweghafter Geburtstagsgruß an die aus Friesland stammende Verlagseignerin Friede Springer heraus, als vertrauliches Fishing for Compliments bei der Chefin, also.

Fische sind auch der Fluch der europäischen Übersetzer/innen in Brüssel, berichtet die Westdeutsche Zeitung. Sie alle stöhnen über deren Namens- und tatsächliche Vielfalt. Jeder Fisch würde in jeder Sprache durch ein eigenes Wort bezeichnet, berichtet eine Übersetzerin, dazu noch dialektale Variation. Warum das nur bei Fischen so sein soll, erfahren wir nicht, aber bei der andauernden Überfischung der Meere wird sich dieses Problem wohl ohnehin bald von alleine lösen. Auch die aktuelle deutsche Bundeskanzlerin bereite den Übersetzer/innen wenig Probleme, erfahren wir weiter. Während Helmut Kohl noch frei gesprochen habe (die Älteren unter uns erinnern sich über diesen Quell unfreiwilliger Komik), sei die Kanzlerin eine „normale Rednerin, keine schwere Aufgabe.“ Obwohl es doch für alternativlos sicher auch in jeder Sprache ein eigenes Wort geben dürfte.

Nicht nur fremd, sondern „bizarr“ klingt für die Badische Zeitung das Volapük, die Kunstsprache des Konstanzer Pfarrers Johann Martin Schleyer, dessen einhundertsten Todestag wir heute feiern könnten — wenn wir es denn täten, doch nicht einmal die Geburtsstadt des Kunstsprachlers kann sich zu einem offiziellen Gedenken aufraffen. Grund dafür dürfte nicht der angeblich „bizarre“ Klang der Sprache sein (die auch nicht bizarrer klingt als irgendeine andere natürliche oder künstliche Sprache), sondern die Tatsache, dass das Volapük keine internationale Fanbase vorweisen kann (wie etwa das von mir jüngst gescholtene Esperanto). Selbst das Klingonische, so die Badische Zeitung, habe wohl aktuell mehr Sprecher — ein Argument, das mir befremdlich vertraut vorkommt.

Nach Umwegen über Politologie und Volkswirtschaftslehre habe ich Englische Sprachwissenschaft und Sprachlehrforschung an der Universität Hamburg studiert und danach an der Rice University in Houston, Texas in Allgemeiner Sprachwissenschaft promoviert. Von 2002 bis 2010 war ich Professor für Englische Sprachwissenschaft an der Universität Bremen, im August 2010 habe ich einen Ruf auf eine Professur für anglistische Sprachwissenschaft an der Universität Hamburg angenommen. Mein wichtigstes Forschungsgebiet ist die korpuslinguistische Untersuchung der Grammatik des Englischen und Deutschen aus der Perspektive der Konstruktionsgrammatik.

Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. OT: Link kaputt

    Der Link “Blog-Startseite” führt nicht mehr auf die Startseite des Sprachlogs, sondern auf die Hompepage der Scilogs.

  2. Harz als Sprachgrenze?

    “in allen germanischen Sprachen, vom Nordkap bis in die Alpen und vom Harz bis an die Westküste der Vereinigten Staaten finden.”

    Ist das eine kleine Spitze gegen das Deutsch, das östlich des Harzes gesprochen wird?

  3. Das Problem bei Fischen ist, dass die entsprechenden Worte (ähnlich wie andere kleine Tiere und Pflanzen) relativ selten und selbst unter Sprechern der Sprache häufig nicht prominent sind.

    Beispiel: Wir sagen: “Gestern gabs Fisch”, und halten das für einen akzeptablen Satz. Aber niemand sagt: “Gestern gabs Säugetier.”

    D.h. auch wenn die Sprache eine genaue Differenzierung für allerei Grätentier bereithält, wird dieses nicht standardmäßig angewendet. Pflanzen und kleine Tiere sind Fachvokabular.

    Emotionale Reaktionen, wenn ein Text viel solches Getier enthält, kenne ich daher auch aus dem Kollegenkreis.

  4. Allein schon die Überleitung vom ersten zum zweiten Absatz macht den Text lesenswert!

  5. Dolmetscher!

    Wenn wir es mit den Fakten schon genau nehmen wollen, dann nota bene:

    Übersetzen = schriftlich
    Dolmetschen = mündlich

    Wird immer wieder durcheinander gebracht.

  6. Pellworm

    Friede Springer kommt von Pellworm. Und wie jeder Nordfriese weiß: Von dieser Insel ist noch nie was Gutes runtergekommen….