Sprachbrocken 21.1/2012

BLOG: Sprachlog

Alle Sprachgewalt geht vom Volke aus
Sprachlog

Manchmal quäle ich mich ja etwas, um für diese Kolumne interessante oder kuriose Meldungen über Sprache und Sprachen zusammenzuklauben, aber diese Woche war die Ausbeute so reichhaltig, dass sie für zwei Mal Sprachbrocken reicht. Und da ich zur Zeit sonst nicht viel schreibe, bekommen die geschätzen Leser/innen des Sprachlogs deshalb heute und morgen eine Portion. Der erste Gang steht dabei ganz im Zeichen unserer Freunde vom Verein Deutsche Sprache, die ihr fehlendes Wissen über Sprache ja stets sehr lobenswert durch linguistische Ignoranz wettmachen.

Beginnen wir in Gera, wo man sich wieder mal um unsere älteren Mitmenschen sorgt. VDS-Mitglied Hartmut Großmann befürchtet nämlich, dass die durch ihre mangelnden Fremdsprachenkenntnisse inzwischen quasi von der Teilnahme am auch in der Perle Thürigens an der Bundesautobahn A 4 (oder wie heißt dieser beschauliche kleine Fluss, an dem das Städchen liegt?) nun durchgängig englischsprachigen öffentlichen Leben ausgeschlossen sind. Die Beispiele, die er nennt, sind allerdings tatsächlich dramatisch: Mit Wörtern wie Back Factory, Mc Paper, For Girls, Sale, Price attack und Goodbye Winter dürften die Seniorinnen und Senioren völlig überfordert sein. Die Konsequenz? Nun, verhungern werden sie, ohne Schreibwaren, in versehentlich gekauften Mädchenkleidern, die sie nicht einmal zu einem guten Preis bekommen haben. „Diskriminierung“ sei es allemal, findet Großmann. (Ach, und „Goodbye Winter“, echt? Ach ja, Gera liegt ja irgendwo im Osten, da fängt wohl gerade erst der Frühling an.)

Vom sibirischen Ostrand geht es tief in den Westen der Republik, nach Leverkusen. Die Stadt gehört ja bekanntlich der Bayer AG, und die wirbt für ihre Produkte mit dem englischen Wahlspruch Science for a better life. Das rief, wie der Kölner Stadt-Anzeiger berichtet, den Leverkusener Ableger des im nahen Dortmund beheimateten VDS auf den Plan. Eine Bürgerbefragung wurde durchgeführt, in der sich 71,1 Prozent der Befragten für den deutschen Alternativvorschlag „Wissen schafft besseres Leben“ aussprachen. Sogar einen Rechtsanwalt hatte man dabei, der die Umfrage „offiziell beglaubigte“. Nur eins hatte man nicht bedacht: die mangelnde Repräsentativität der Umfrage. Und die lag nicht nur daran, wie der Autor des Beitrags korrekt einwendet, dass „nur Leute befragt [wurden], die am Samstag, 12. Mai, zufällig in der Wiesdorfer Fußgängerzone an ihrem Stand vorbeikamen“, sondern daran, dass auch von denen nur diejenigen befragt wurden, die am Stand des VDS auch tatsächlich anhielten. (Die Bayer AG ließ sich vom Willen der Bevölkerung übrigens nicht beeindrucken.)

Zum Schluss reisen wir nach Süden, ins schöne Koblenz (ich schreibe „ins schöne Koblenz“ weil man das so sagt, nicht, weil ich tatsächlich wüsste, wie es dort aussieht; ich stelle es mir ein bisschen vor wie Gera ohne die A 4, aber dafür mit einem Schuss Leverkusen). Auf jeden Fall ärgert man sich auch dort darüber, dass die deutsche Sprache vom Englischen völlig aus dem öffentlichen Raum verdrängt worden ist. Deshalb hat man unter der fachkundigen Leitung des VDS-Regionalleiters und Historikers Heinz-Günther Borck eine Liste bedrohter Wörter zusammengestellt. Altertümlich anmutende Ausdrücke wie Fahrkarte und Schlussverkauf stehen darauf, und erinnern an ein längst vom Wind der Globalisierung verwehtes goldenes Zeitalter der deutschen Sprache. Und damit diese Liste auch wahrgenommen würde, hängte man sie auf der Bundesgartenschau neben einer Liste bedrohter Pflanzen auf. „Drei Millionen Besucher hatten die Gelegenheit“, diese Liste zu sehen, vermeldet die Gruppe jetzt zufrieden. (Wieviele sie tatsächlich gesehen haben, ist nicht bekannt).

Anatol Stefanowitsch

Nach Umwegen über Politologie und Volkswirtschaftslehre habe ich Englische Sprachwissenschaft und Sprachlehrforschung an der Universität Hamburg studiert und danach an der Rice University in Houston, Texas in Allgemeiner Sprachwissenschaft promoviert. Von 2002 bis 2010 war ich Professor für Englische Sprachwissenschaft an der Universität Bremen, im August 2010 habe ich einen Ruf auf eine Professur für anglistische Sprachwissenschaft an der Universität Hamburg angenommen. Mein wichtigstes Forschungsgebiet ist die korpuslinguistische Untersuchung der Grammatik des Englischen und Deutschen aus der Perspektive der Konstruktionsgrammatik.

8 Kommentare

  1. Marketingsprech

    Mit Wörtern wie Back Factory, Mc Paper, For Girls, Sale, Price attack und Goodbye Winter …

    Diese Wörter dürften ja wohl auf dem Mist von Marketing-Typen gewachsen sein, deren Ziel es ist, Aufmerksamkeit zu erregen, um das Verhalten von Kunden zu beeinflussen. Solcherart Marketinganstrengungen stören mich, ich finde sie aufdringlich ähnlich wie verkaufsfördernde Musik oder verkaufsfördernde “Düfte”.

  2. “Wissen schafft besseres Leben” klingt doch direkt nach einer Übersetzung, bei der die Genauigkeit einem fürs Deutsche doch recht schönen Wortwitz gewichsen ist.

  3. @bernhard:
    Tatsächlich ein schöner Wortwitz, ist aber auch nicht neu. Das Klinikum der TU München wirbt mit “wissen schafft Heilung”.

  4. Wissen schafft…

    Die deutsche Version klingt für mich irgendwie eher nach Gentechnik als nach Lebensqualität.

    Gera liegt übrigens an der White Magpie (früher Weiße Elster). 😉

  5. Demokratie ist machbar, Herr Nachbar!

    Der VDS ist, wenn man so will, eigentlich nichts anderes als eine (relativ) große Bürgerinitative. Kann man also eigentlich nichts gegen haben. Den VDS interessiert Sprache an sich kaum, sondern nur die eigene Muttersprache. Darf der dat? – Der darf!

  6. Bürgerinitiativen…

    … haben in der Regel nicht so eine große überregionale Presse. Die Klagen von Sprachwissenschaftler_innen zu diesem Verein sind ja nun altbekannt, und ich finde es gut, wenn auf Blogs wie diesem auch versucht wird, dem entgegenzutreten.

    Hierfür noch mal mein Dank an Anatol!

  7. Martina

    Hatte nicht der “Stern” mal – vor gefühlten 100 Jahren – eine Rubrik auf seiner Kinderseite: “Spiel das Wissen schafft”?

    (Ich hab das als Kind ewig nicht kapiert.)