Sprachbrocken 16/2012

BLOG: Sprachlog

Alle Sprachgewalt geht vom Volke aus
Sprachlog

Dass die deutsche Sprache verfällt, ist eine traurige Tatsache, an der wir in den Sprachbrocken nur schwer vorbeikommen. In Cottbus beispielsweise, erfahren wir in einem Leserbrief in der Lausitzer Rundschau, wird Deutsch nur noch zu Hause gesprochen — in der Öffentlichkeit bedient man sich nur noch der „Sprache der Vereinigten Staaten von Amerika“ (womit vermutlich Englisch gemeint ist). So werden „deutsche identitätsstiftende Werte unter den Tisch gekehrt“.

Ach so, der Beleg für dieses düstere Szenario? Nun, Studierende der Brandenburgischen Technischen Universität (die „zukünftigen intellektuellen Elite unseres Landes“ so der Leserbriefverfasser) protestierten gegen eine Umstrukturierung ihrer Universität mit Schildern, auf denen We ♥ BTU stand (hier ist dieses Zeichen des rapiden Sprachverfalls auf einer offiziellen Webseite der BTU zu sehen).

Dabei könnte Sprache so schön sein. Französisch, zum Beispiel, „ist wie eine schöne Melodie, ein Fluss, dessen Wellen an keine spitzen Steine stoßen, eine Sprache ohne Ecken und Kanten eben“, berichtet ein Schüler in der Märkischen Allgemeinen von einem Workshop im literarischen Schreiben. Dieser Ausbruch lyrischen Schwärmens ist umso erstaunlicher, als wir dieser Tage aus der Bild erfahren, dass wir uns in einer Fremdsprache rationaler verhalten und weniger von Gefühlen beeinflussen lassen als in unserer Muttersprache (die Studie, auf die sich die Meldung bezieht, dürfte diese hier sein).

Ob auch der „geheime Polit-Code“ der Piraten als Fremdspache durchgeht und wir auf eine entsprechend rationale Politik hoffen dürfen, weiß der Berliner Kurier zwar nicht, aber dafür erklärt er die „neue Sprache“, an die sich gewöhnen muss, wer mitreden will. Ich möchte nicht zuviel verraten, aber diese Sprache besteht auf folgenden Wörtern (in alphabetischer Reihenfolge): afaik, BGE, btw, Crew, liquid feedback, n8, np und Pad.

Anatol Stefanowitsch

Nach Umwegen über Politologie und Volkswirtschaftslehre habe ich Englische Sprachwissenschaft und Sprachlehrforschung an der Universität Hamburg studiert und danach an der Rice University in Houston, Texas in Allgemeiner Sprachwissenschaft promoviert. Von 2002 bis 2010 war ich Professor für Englische Sprachwissenschaft an der Universität Bremen, im August 2010 habe ich einen Ruf auf eine Professur für anglistische Sprachwissenschaft an der Universität Hamburg angenommen. Mein wichtigstes Forschungsgebiet ist die korpuslinguistische Untersuchung der Grammatik des Englischen und Deutschen aus der Perspektive der Konstruktionsgrammatik.

5 Kommentare

  1. Irgendwie weiß ich bei den Sprachbrocken nie, ob ich lachen oder weinen soll… Btw, gilt Weinen eigentlich als liquid feedback? 😉

  2. Hmm…

    Ich möchte nicht zuviel verraten, aber diese Sprache besteht auf folgenden Wörtern (in alphabetischer Reihenfolge): afaik, BGE, btw, Crew, liquid feedback, n8, np und Pad

    Erinnert mich ein Bisschen an Chicken

  3. Das hat mich…

    …wieder gut amüsiert, dankeschön.

    Darauf ein fröhliches Nah8!

  4. “Viele Ausdrücke (np – kein Problem, afaik – as far as I know, so weit ich weiß) stammten aus der SMS-Sprache”

    “lol”

    Ich wusste gar nicht, dass man in Großbritannien in den 80’ern schon SMS verschickt hat:

    http://groups.google.com/…afaik#5398eb8272c8407c

    Es gäbe vermutlich noch ältere Referenzen, wenn Google wirklich alle News seit Anbeginn des Usenet hätte.

    “afaik” und “BTW” sind in jedem Fall sooo 80’er.

  5. zum anglophoben Leserbrief aus Cottbus

    Diesen Leserbrief fand ich auch ziemlich schlimm. Ab und zu merkt man halt doch, daß noch rechtes Gedankengut durch die Köpfe geistert.

    Den Slogan „I [herz] BTU“ find ich auch nur mäßig einfallsreich (um nicht zu sagen, abgedroschen), aber ich muß auch zugeben, daß mir nichts besseres einfällt, das ähnlich kompakt ist. (D.h. geeignet für Buttons, T-Shirts, usw., die auch auf Entfernung und in kurzer Zeit erfasst werden sollen.)

    Unser Hilfsnazi blendet zudem völlig aus, daß an der BTU gute 1000 der insgesamt 6700 Studenten Ausländer sind. Da ist Englisch keine so schlechte Wahl. (Und „BTU“ ist ja weiterhin Deutsch…)

    „Umstrukturierung“ ist übrigens ein netter Euphemismus (ähnlich wie „Fusion“) für die Schließung zweier Hochschulen und Neugründung einer Universität. 😉