Sprachbrocken 13/2012

BLOG: Sprachlog

Alle Sprachgewalt geht vom Volke aus
Sprachlog

Den Missionaren und Missionarinnen der Wycliffe Bible Translators kann man vieles vorwerfen (unter anderem eben, dass sie Missionarinnen und Missionare sind), aber einen Vorwurf kann man ihnen nicht machen: Falsche Bescheidenheit. Bis 2050 wollen sie die Bibel in alle Sprachen der Welt übersetzt haben. Das ist keine kleine Aufgabe, denn derzeit werden, nach allem, was wir wissen, noch etwa 7000 Sprachen gesprochen, von denen laut Wycliff nur für 1211 wenigstens das Neue Testament vorliegt. Wenn der Plan aufgehen soll, müssten die Bibelübersezter ab jetzt alle zweieinhalb Tage eine neue Übersetzung vorlegen.

Da die Missionstätigkeit bisher ausschließlich auf die Rettung menschlicher Seelen abzielt, muss Wycliffe sich wenigstens keine Gedanken um die „Sprache“ der Delfine machen. Denn die, so erfahren wir in der Welt, ist für uns Menschen immer noch „rätselhaft“. Das könnte daran liegen, dass es sich bei den — beeindruckend komplexen — kommunikativen Fähigkeiten von Delfinen eben nicht um eine Sprache handelt. Die ISO-Norm 639-2, die allen Sprachen einen eindeutigen Identifikationscode zuweist, enthält deshalb zwar den Oberbegriff “art” für „künstliche Sprachen“ (Klingonisch hat mit “tlh” einen eigenen Code), aber keinen für die „Sprache“ der Delfine oder andere Mitglieder der Cetacea (anders übrigens, als das fiktive Klassifikationsschema in Suzette Elgins Roman Native Tongue, in dem die Kategorie „2“ für den Fall reserviert ist, dass sich die Pfeifgeräusche der Wale doch als Sprache erweisen.

Auch in die „Sprache der Models“ wird die Bibel wohl so bald nicht übersetzt, aber wenigstens schafft die Main Post Abhilfe für die (vermutlich mikroskopisch kleine) Schnittmenge der Mitmenschen, denen diese Sprache einerseits fremd ist, die aber andererseits das Bedürfnis verspüren, Sendungen wie „Germany’s Next Topmodel“ zu konsumieren.

PS. In manchen Wochen stolpere ich alle paar Schritte über Sprachbrocken, in anderen Wochen muss ich sie eher mit der Lupe suchen. Wer bei der Suche helfen will — sachdienliche Hinweise auf aktuelle Interessantheiten und Kuriositäten zum Thema „Sprache“ nehme ich gerne unter sprachbrocken@sprachlog.de entgegen.

Anatol Stefanowitsch

Nach Umwegen über Politologie und Volkswirtschaftslehre habe ich Englische Sprachwissenschaft und Sprachlehrforschung an der Universität Hamburg studiert und danach an der Rice University in Houston, Texas in Allgemeiner Sprachwissenschaft promoviert. Von 2002 bis 2010 war ich Professor für Englische Sprachwissenschaft an der Universität Bremen, im August 2010 habe ich einen Ruf auf eine Professur für anglistische Sprachwissenschaft an der Universität Hamburg angenommen. Mein wichtigstes Forschungsgebiet ist die korpuslinguistische Untersuchung der Grammatik des Englischen und Deutschen aus der Perspektive der Konstruktionsgrammatik.

4 Kommentare

  1. Intensionalität

    Das Missionarsziel ist wahrscheinlich, etwas genauer formuliert, die Bibel bis 2050 in alle dann noch existierenden Sprachen übersetzt zu haben. Wenn man gleichzeitig fleißig übersetzt und als Ziel der Missionstätigkeit nicht nur die Bekehrung zu Christus sondern auch zum Englischen – unter vollständiger Aufgabe der eigenen Muttersprache – ins Auge faßt, dann wird das Ziel womöglich wesentlich leichter zu erreichen sein, als im Artikel angedeutet.

    Bleibt für die Missionare nur zu hoffen, daß alle Völker die englische Sprache so bereitwillig annehmen werden wie das deutsche, dessen Sprache ja inzwischen durch die fortwährende Übernahme englischer Wörter nurmehr ein komischer englischer Dialekt ist. Abhängen wird dies aller Voraussicht nach davon, ob es den Heiden zu vermitteln sein wird, daß das Englische wesentlich cooler und weltmännischer ist als ihre eigene degenerierte Popelsprache; exakt dieser Umstand bewog ja auch dereinst die Deutschen, sich von ihrer eigenen Sprache, die heute niemand mehr versteht, zu verabschieden, und durch die vollständige Übernahme des Englischen darüber hinwegtäuschen zu wollen, daß sie letztlich doch nur nach Sauerkraut und Bier riechende Provinzheinis sind, deren größter Dichter im Vergleich mit Shakespeare gerade soviel Bumms hat wie Angela Merkel im Vergleich mit Margaret Thatcher. Oder so.

  2. Die Sprache der Models und der Delfine

    Mit keinem der von der Main-Post ausführlich erklärten Wörter aus der Model-Sprache hätte ich ohne diese Erklärung ein Verständnisproblem gehabt. Das sollte mir jetzt schon Anlass zur Sorge geben.

    Zur Sprache der Delfine hat der US-Wissenschaftler Dr. Gary Larson eine eigene Theorie.