Nachruf auf eine Sprache: Aka-Bo

Man schätzt, dass alle ein bis zwei Wochen eine der derzeit noch sechs- bis siebentausend menschlichen Sprachen für immer verschwindet, weil ihr letzter Sprecher oder ihre letzte Sprecherin stirbt. Meistens geschieht das, ohne dass es jemandem auffällt. Aber da inzwischen in vielen Gegenden der Welt Sprachwissenschaftler versuchen, aussterbende Sprachen in einem Wettlauf gegen die Zeit zu dokumentieren, erfahren wir ab und zu davon.

Diese Woche ging der Tod der 85-jährigen Boa Sr., der letzten Sprecherin des Aka-Bo, durch die Medien.

Aka-Bo gehört zum Zweig der groß-andamanischen Sprachen in der Familie der andamanischen Sprachen, die auf den Andamanen vor der Küste von Birma gesprochen werden [Google Maps], und die vermutlich mit keiner anderen heute noch existierenden Sprachfamilie verwandt sind. Von den zehn bekannten Sprachen dieses Zweiges sind neun bereits ausgestorben, nur das A-Pucikwar hat noch 8-10 Sprecher/innen. Dem anderen Hauptzweig der Sprachfamilie, den drei klein-andamanischen Sprachen, geht es etwas besser, aber auch sie werden vermutlich zu den mindestens 2000 Sprachen zählen, die die nächsten fünfzig Jahre nicht überleben: Sie haben zusammen nur noch etwa 450 Sprecher [Lewis 2009].

Wer wissen will, wie das Aka-Bo klang, kann sich hier anhören, wie Boa Sr. über den Tsunami spricht, der 2004 auch die Andamanen traf.

Als Sprecher einer Sprache mit über hundert Millionen Sprechern, einer lebendigen Presse- und Medienlandschaft und einer umfangreichen literarischen Tradition können wir uns kaum vorstellen, wie es sich anfühlen muss, der letzte Sprecher seiner Sprache zu sein und sich sogar mit der eigenen Familie nur noch in einer Fremdsprache austauschen zu können. Natalia Sangama, die letzte Sprecherin des Chamicuro, sagte einem Reporter der New York Times 1999: „Ich träume auf Chamicuro, aber ich kann meine Träume niemandem erzählen. Einige Dinge lassen sich auf Spanisch nicht ausdrücken. Es ist einsam, wenn man die letzte ist.“ [NYTIMES.com 1999] Und Johnny Hill Jr., der letzte Sprecher des Chemehuevi (eines Dialekts des Ute), erzählte den Machern des Dokumentarfilms The Linguists, dass er sich alte Aufzeichnungen inzwischen verstorbener Stammesmitglieder anhört. Und: „Ich spreche meine Sprache mit mir selbst, weil es niemanden gibt, mit dem ich sie sprechen kann“ [NATIONALPOST.com/Knight 2009].

Das Verschwinden einer Sprache ist für die Wissenschaft jedes Mal ein Verlust, denn eine umfassende Theorie menschlicher Sprachen muss auf einer möglichst breiten Datengrundlage beruhen. Es kommt immer wieder vor, dass eine neuentdeckte oder bislang nicht dokumentierte Sprache eine Struktur oder ein grammatisches Merkmal enthält, von dem man bis dahin annahm, dass es unmöglich vorkommen könne. Es ist deshalb wichtig, verschwindende Sprachen möglichst umfassend zu dokumentieren. Dort, wo das geschieht, gibt es außerdem die Möglichkeit, die Sprache wiederzubeleben, falls die Nachfahren der letzten Sprecher nach deren Tod entdecken, dass ihnen mit der Sprache auch ein Stück ihrer kulturellen Identität verloren gegangen ist.

Wer die Dokumentation aussterbender Sprachen unterstützen will, kann das durch eine Spende an die Gesellschaft für bedrohte Sprachen tun.

KRAMER, Seth, Daniel A. MILLER und Jeremy NEWBERGER (2008), The linguists, Ironbound Films. [IMDB, Offizielle Webseite]

LEWIS, M. Paul (Hg, 2009). Ethnologue: Languages of the world, 16. Auflage. Dallas: SIL International. [Link]

NATIONALPOST.com/KNIGHT, Chris (2009), When the spoken word falls silent, National Post, 27. November 2009 [Link]

NYTIMES.com (1999), With world opening up, languages are losers, New York Times, 16. Mai 1999. [Link]

© 2010, Anatol Stefanowitsch

Nach Umwegen über Politologie und Volkswirtschaftslehre habe ich Englische Sprachwissenschaft und Sprachlehrforschung an der Universität Hamburg studiert und danach an der Rice University in Houston, Texas in Allgemeiner Sprachwissenschaft promoviert. Von 2002 bis 2010 war ich Professor für Englische Sprachwissenschaft an der Universität Bremen, im August 2010 habe ich einen Ruf auf eine Professur für anglistische Sprachwissenschaft an der Universität Hamburg angenommen. Mein wichtigstes Forschungsgebiet ist die korpuslinguistische Untersuchung der Grammatik des Englischen und Deutschen aus der Perspektive der Konstruktionsgrammatik.

42 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Sprachentod kein Schaden

    Je weniger Sprachen es gibt um so besser
    sinnvoll wäre es wohl eine wirkliche
    Weltsprache nicht nur zu haben sondern auch durchzusetzen die in Zukunft jeder
    Mensch auch wirklich spricht und schreibt man denke nur mal daran was das für Vorteile hätte könnte sich doch jeder Weltweit!!!
    verständigen die Vorteile einer
    Weltweiten Einheitssprache wären wohl
    enorm nicht nur in finanzieller Hinsicht
    sondern auch was Effetivität betrifft
    man mache sich darüber nur mal Gedanken
    was dann alles überflüssig werden würde
    welcher enorme Arbeitsaufwand sich auf dauer einfach in Luft auflösen würde
    von der “einfachen” Bedienungsanleitung
    in 10 Sprachen bis zum Fremdsprachenunterricht und noch vielem mehr.
    Nachteile? nicht wirklich oder doch?
    der Verlust von unzähligen Überflüssigen Arbeitsplätzen

  2. Kein Verlust?

    Sicher wäre vieles einfacher, wenn alle dieselbe Sprache sprechen würden. Aber offensichtlich ist das Interesse daran nicht vorhanden, sonst hätte sich eine einzelne Sprache längst durchgesetzt.

    Im Hinblick auf die kulturelle Vielfalt wäre es sicher auch ein Verlust, wenn es nur noch eine einzige Sprache gäbe.

  3. Was bringt sprachliche Diversität

    Im Grunde habe ich schon auf einen Beitrag wie den meines Vorkommentators gewartet. Das ist aber noch nichts gegen die Kommentare auf den BBC-Artikel von „The Linguist“ K. David Harrison über Sprachtod.

    Natürlich sind aus rein wirtschaftlich-globalisierter Sicht zu viele (i.e. mehr als eine) Sprachen hinderlich. Doch wenn man seinen Blick mal von solchen schlimmen Dingen wie Wirtschaft abwendet merkt man schnell, dass es daneben noch mehr gibt, was sprachliche Vielfalt fördern kann: Der Drang sich von Anderen abzugrenzen, beispielsweise. Man denke an Jugendsprache, wie auch immer sie aussehen mag. Oder eine bewusst gehobene Sprache um sich von wer-auch-immer-da-unten-ist abzuheben. Oder Rotwelsch (oder wegen mir Navaho), wenn man was zu verbergen hat. Die Gründe für’s abgrenzen sind vielfältig.

    Auch glaube ich kaum, dass es je irgendwem geschadet hat, eine oder mehrere Fremdsprachen zu erlernen, und wenn man der Populärwissenschaft glauben schenken will, soll es ja sogar dem Geiste förderlich sein, fremdsprechen zu können… (zumindest solange man dafür nicht seine Muttersprache aufgibt)

    Davon abgesehen ist „Sprache“ etwas sich so rasant entwickelndes, dass zwar in 100 Jahren nur noch 100 Sprachen gesprochen werden, es aber in 200 Jahren wieder 1000 sein werden, auch wenn man vielleicht nur 10 zählen wird — soviel zum Thema „Die Vorteile von globalem Monolingualismus“

    Oder gehen wir ganz linguistisch-egozentrisch an die Sache ran: Wenn es nur noch eine Sprache gäbe wären wir niemals in der Lage, die vollständige Funktionsweise des menschlichen Gehirns zu entschlüsseln, weil wie einfach nicht wissen werden, welche formalen Strukturen es zu bilden in der Lage ist (sage ich, der ich aus einer generativen Schule komme oO ).

    Und auch, wer historisch interessiert ist, wird um das Studium von Sprache nicht herumkommen: Wie sollen wir etwas über vergangene Kulturen lernen, wenn keiner die Sachen versteht, die sie uns sprachlich hinterlassen haben?

    Mir ist aber schon klar, dass das alles Sachen sind, die einen primär wirtschaftlich denkenden Menschen nicht wirklich interessieren. Deswegen kann er auch nichts aus der Vergangenheit lernen und macht stur so weiter, wie er es gewohnt ist, auch wenn er dadurch schnurstracks in den Abgrund latscht.

    So, genug aufgeregt für heute…

  4. Die von (leider) von vielen Menschen geteilte Meinung “weniger Sprachen sind besser/konfliktfreier/effektiver/…” lässt viel zu häufig ein eurozentrisches Weltbild vermuten: die weit verbreitete Monolingualität in unserer westlichen Welt ist global gesehen die Ausnahme – und damit lasse ich bewusst die Bi- und Multilingualität einiger außer acht, denn nach wie vor ist Monolingualität in mindestens den ersten zehn Jahren eines Menschen in der westlichen Welt die Regel, und darüber hinaus bleiben die meisten von uns abgesehen von ein paar in der Schule gelernten FREMDsprachen meist Monolingual.

    Weltweit gesehen ist Bi- und Multilingualität von einem frühen Alter an die Regel. Die meisten Menschen in Afrika und Asien sprechen zwei oder mehr Sprachen, und zwar ihr Leben lang und in unterschiedlichen Funktionen, nicht nur die gebildete Elite ihres Landes, nicht nur im “Urlaub” oder mit ihren Geschäftspartnern. Dies gilt besonders für multilinguale Gesellschaften in Indien, Malaysia oder Indonesien, nur um mal einige zu nennen. Im Vergleich zu Indien sind wir in der EU ja noch unglaublich gut bedient 🙂

    Darüber hinaus hat man in der Geschichte ja schon oft gesehen, wozu gewaltsam durchgesetzte Monolingualität führen kann – Spanien, Balkan, Sovietunion, um nur mal Europa anzuführen. Sprache ist nicht nur für den Austausch von Gütern und deren Effizienz da.

    Wir werden den Rückgang der Sprachenvielfalt nicht aufhalten können (interessiere mich selbst sehr für Sprachdokumentation usw. und muss dementsprechend viel Skepsis meiner Umwelt “ertragen”), zu bedauern ist sie sehr. Nur weil uns in Europa EINE Sprache den Übersetzungsapparat der EU einsparen würde, heißt das nicht, dass wir unser monolinguales Ideal auf die Welt übertragen können. Das ist eine sehr undifferenzierte und bevormundende Einstellung.

  5. @suz: Rein bürokratiestechnisch übertrifft die EU inzwischen Indien; Indien hat 22 Sprachen im “Eight Schedule” und zwei Arbeitssprachen, die EU inzwischen 23 Amtssprachen (ohne den Halbstatus von Katalnisch, Galizisch und Baskisch) und drei Arbeitssprachen.

    Zum Thema selbst kann ich mich nur der Meinung, dass eine höhere Wirtschaftlichkeit der Einsprachigkeit nicht die kulturelle Verarmung wert ist, nur anschließen.
    (Ganz abgesehen davon finde ich die Vorstellung von hunderten Lojban-Dialekten* o.ä. in ein paar Generationen leicht furchteinflößend >_> )

    *Wenn schon Weltsprache, dann eine, die für jedermann gleich schwierig ist.

  6. Ich freue mich sehr, daß das “neue” Sprachlog in letzter Zeit so rege ist. Und besonders freue ich mich über Artikel wie diesen, in denen es zur Abwechslung mal nicht um Sprachkritikkritik geht. Auch wenn ich dieser ihre Berechtigung nicht absprechen will, aber zuviel desselben wird dann eben doch irgendwann langweilig.

    Da mich dieses Thema zur Abwechslung sogar mal beruflich betrifft, nutze ich die Gelegenheit und weise Interessierte einfach mal auf das DoBeS-Programm der Volkswagen-Stiftung hin. Hier widmet sich ein Haufen emsiger Linguisten der Dokumentation Bedrohter Sprachen (=DoBeS) und zumindest einen Teil der so entstandenen Videos und Tonaufnahmen kann man sich auch direkt im Internet anschauen.

  7. @MisterBernie: da gebe ich Ihnen Recht, wobei es mir weniger um die offiziellen Amtssprachen, als vielmehr um die linguistische Vielfalt der Gesellschaft an sich ging. Darüber hinaus ging es mir lediglich um Beispiele, die verdeutlichen sollten, dass unser eurozentrisches Modell von “ein Land, eine Sprache” global gesehen doch eher etwas mickrig ist. (Wobei es, wenn Sie die EU ansprechen, natürlich viel Diskussionsstoff gibt – ob es denn “sinnvoll” ist, jedes Dokument für wenige zehntausend Sprecher in Irisch zu übersetzen, die ja vermutliche alle zweisprachig sind – vom rein ideologischen Standpunkt her finde ich das aber richtig. Die EU definiert sich vielsprachig.)

    Wir mögen in Europa zwar – je nach Bildungsgrad – Zwei- oder Mehrsprachigkeit leben, aber für die meisten bleiben es FREMDsprachen, in vielen anderen Regionen der Erde sind viele aber Sprecher mehrerer MUTTERsprachen, und zwar durch alle Schichten. Darum ging es mir hauptsächlich.

  8. Thanks God…

    Wer weiß, was uns allen noch abgehen würde, wenn es das beliebte Internet nicht gäbe.

  9. da war ich wohl etwas zu Provokativ

    ja ich bin ein primär wirtschaftlich denkender Mensch vor allem im Bezug auf Arbeitszeiteinsparung was wohl an meiner früheren Tätigkeit in einem Arbeitsbereich lag wo Zeit eine sehr wichtige Rolle spielte zudem war mein Kommentar eng mit dem Gedanken von Fremdsprachigen Arbeitsaufträgen verknüpft die niemand wirklich lesen konnte aber dennoch ausgeführt werden sollten und mir schon so manchen Nerv gekostet haben und ich rede nicht von Englisch und für einen primär wirtschaftlich denkenden Menschen wäre es fatal nichts aus seiner Vergangenheit zu lernen und einfach so weiter zu machen wie er es gewohnt ist das Gegenteil ist der Fall ständiger Zwang sich anzupassen zu reagieren und zu verändern. Ich bitte meinen “Kurzschlusskomentar” zu entschuldigen.

    Die derzeitige Sprachenvielfalt wird sich weiter vermindern – eine neue Sprachenvielfalt wohl kaum noch entstehen. Vielleicht wäre es mit einer globalen Einheitssprache als Primärsprache
    und der Muttersprache als “Fremdsprache” getan um einen Mittelweg zu haben damit die kulturelle Vielfalt nicht Verloren geht? Als primär wirtschaftlicher Mensch und aufgrund meiner Erfahrungen sehe ich – muss ich leider zugeben vorrangig den enormen Wirtschaftlichen Kostenfaktor und “Einsparungspotenzial” das wurde mir leider wärend meines Arbeitslebens “antrainiert”.

  10. Sprachentod / Einheitssprache

    Es ist sicher schön eine Sprache zu haben, die alle Menschen gut beherrschen. Denoch ist der Tod jeder Sprache ein Verlust. Und die Einsamkeit der Letzten einer solchen Sprache rührt mich an.
    Eine Sprache ist auch ein Speicher kollektiver Kreativität eines Volkes.
    Es wäre auch ökonomischer nur eine Blumensorte zu züchten, aber es die Erde wäre sicher ärmer.
    Bitte drescht nicht so aufeinander ein!

  11. @Michael Boehm: Auch aus wirtschaftlicher Sicht kann man eine rege Sprachenvielfalt als sehr gewinnbringend betrachten, nämlich wenn es darum geht, diese zu nutzen, um die Funktionsweisen des menschlichen Geistes zu ergründen (hat Patrick Schulz ja schon weiter oben angedeutet). Darum geht es nämlich der Linguistik unter anderem. Es ist nicht einfach “nur” ein kultureller Verlust, wenn eine Sprache ausstirbt, sondern jede einzelne Sprache verrät uns mehr darüber, wie der Mensch als geistiges Wesen ‘funktioniert’. Und das wiederum lässt sich doch prima wirtschaftlich ausschöpfen und sei es nur in Coachings. Aber vorallem auch in der Entwicklung neuer Technologien, die die Mensch-Maschine-Kommunikation vorantreiben, Stichwort: Künstliche Intelligenz. Das eröffnet ganz neue Geschäftsfelder und Märkte.

    Natürlich sollte die Wissenschaft nicht für die Wirtschaft arbeiten, sondern immer unabhängig bleiben, aber dennoch arbeitet sie ihr indirekt zu und das ist doch der Punkt, der die Wissenschaft und auch deren Datengrundlage (in dem Fall die Sprachen der Welt) für sie interessant macht.

  12. Wirtschaftliche Universalsprache

    @Michael Boehm
    Ihnen wurde also „leider wä[h]rend [Ihres] Arbeitslebens ‘antrainiert’“, alles dem Primat der Wirtschaftlichkeit unterzuordnen. Offensichtlich bedauern Sie dies sogar. Ich habe aber den Eindruck, dass dieses Training in Sachen Wirtschaftlichkeit nicht hundertprozentig erfolgreich war und Sie sich einen Rest an Individualität bewahren konnten; das legt zumindest Ihr Schreibstil nahe.
    Oder aber es erscheint Ihnen wirtschaftlich, Ihre Gedanken so aufzuschreiben, wie sie Ihnen gerade durch den Kopf gehen und dabei beispielsweise weitestgehend auf die Verwendung von Satzzeichen zu verzichten. Für den Leser bringt dies hingegen einen Mehraufwand mit sich. In kommunikativer Hinsicht ist da also kein „wirtschaftlicher“ Vorteil entstanden.
    Dies offenbart aber auch, dass „Wirtschaftlichkeit“ kein besonders aussagekräftiges Konzept ist, wenn es um Sprache, ihre Verwendung und ihre Funktionen geht.

    Zur „Universalsprache“ ist aus sprachhistorischer Sicht anzumerken, dass eine solche den gleichen Veränderungsprinzipien unterworfen wäre, wie jede andere Sprache auch. Es würden sich also eher über kurz als über lang verschiedenste Sprachregister bis zu Dialekten und schließlich verschiedene Sprachen herausbilden (hierzu kann ich wärmstens Jean Aichisons ‘Language change: progress or decay? Cambridge, 2006’ als einführende Literatur empfehlen). Die Weltsprache Englisch ist beispielsweise wesentlich uneinheitlicher als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Britisches, amerikanisches, indisches und australisches Englisch hören sich nicht nur unterschiedlich an, es können sich hinter den gleichen Wörtern auch unterschiedliche gedankliche Konzepte verbergen. Das führt dann dazu, dass die Sprecher nur GLAUBEN, sie würden sich gegenseitig verstehen. Dies gilt natürlich in besonderem Maße für die Alltagssprache. Kleines Beispiel aus dem US- und dem kanadischen Englisch: „to be pissed“ bedeutet in New York State soviel wie „genervt sein/von etwas angekotzt sein“, in Alberta bedeutet es hingegen „betrunken sein“. Wenn man bedenkt, dass die (west-)kanadische Alltagskultur eine Vielzahl an Berührungspunkten mit der US-Alltagskultur hat, so kann man sich leicht ausmalen, was passiert, wenn es um Varianten einer Sprache geht, deren Sprecher nicht Tür an Tür leben.
    Vor dem Hintergrund sprachhistorischer Forschung ist die utopische Vorstellung, dass eine weltweit einheitliche Sprache von dauerhaftem Nutzen (und Bestand) wäre, nichts anderes als – eben eine Utopie.

  13. Noch ein Beispiel

    @ Lars von Karstedt

    Irgendwann in den 70er Jahren kaufte ich mir ein Büchlein, ich glaube “What’s the difference” war der Titel, in dem zahllose Beispiele für Bedeutungsunterschiede des selben Wortes im AE und BE angeführt wurden. Viele waren durch kleine Anekdoten ausgeschmückt. Eine ist mir im Gedächtnis hängen geblieben: Ein Engländer bemerkt in einem Gespräch über einen gemeinsamen Bekannten einem Amerikaner gegenüber: “He was my fag at Eton.” Wobei der Amerikaner bei sich denkt: “My god, they are frank, those English.”
    Wie ich eben bei Wikipedia gelesen habe, ist “fagging” in den 80er Jahren abgeschafft worden.

  14. Verstaendigungsprobleme

    @ hanswerner

    Das “Verstaendigungsproblem” mit “fag” gibt’s aber auch heutzutage noch:

    Im Britischen Englisch ist “fag” ein umgangssprachlicher Begriff fuer eine Zigarette, “he’s gone for a fag” heisst so viel wie “Er ist eine rauchen gegangen”.

    Gib’ die Antwort mal einem Amerikaner der mit dem Begriff bzw der Redewendung nicht vertraut ist wenn er nach jemanden fragt…

  15. @ Holland

    Wir hatten gestern Abend/Nacht auf unseren neuen Webserver umgestellt. Daher hat es mit dem Trackback nicht geklappt. Das wird aber bald wieder funktionieren.

  16. @Holland

    Das Stille-Post-Prinzip funktioniert noch immer: Nicht der Stamm ist ausgestorben, sondern die Sprache, die nach dem Stamm benannt wurde.

    Aber man kann natürlich streiten, ob beides einher geht…

  17. Verständnisprobleme

    @Lars von Karstedt:

    Das führt dann dazu, dass die Sprecher nur GLAUBEN, sie würden sich gegenseitig verstehen.

    Eben. Das größte Problem in der deutsch-östereichischen Verständigung ist die gemeinsame Sprache. Hab ich vor einigen Jahren beruflich selbst erlitten.

    Andererseits frage ich als gebürtiger Schleswig-Holsteiner mich manchmal, ob das Gewese um friesischsprachige Ortsschilder etc. nicht doch ein bisschen doll ist. Rein zahlenmäßig kommt Friesisch (alle Dialekte zusammen) in Schleswig-Holstein inzwischen weit hinter Türkisch. Aber der Status von Einwanderersprachen ist nun wirklich ein anderes Thema

  18. Warum sollen eigentlich einzelne Sprachen schutzwürdig sein, während gleichzeitig die Versuche, einen bestimmten Sprachstand zu bewahren (durch die sog. Sprachnörgler), angeblich lächerlich (oder zumindest völlig unnütz) sein sollen. Es würde mich wirklich interessieren, wie dieser (scheinbare?) Widerspruch aufzulösen ist.

  19. Im einen Fall geht es um Sprachen, im andern Fall um einen arbiträren Sprachstandard, wie sie ja selbst schreiben.

  20. Tolle Erkenntnis. Wär ich nie drauf gekommen.

    Bloß: Ich kann den wesentlichen Unterschied nicht erkennen. In beiden Fällen scheint es um die Frage zu gehen, ob ein bestimmter Sprachstand bewahrenswert ist oder nicht.

    Die (linguistischen) Argumente, die für die Bewahrung von Sprachen gebracht werden, kann man ebenso für die Bewahrung von einzelnen Sprachmerkmalen anführen.

    Um ein Beispiel anzuführen:
    Eine bestimmte Sprache soll bewahrenswert sein, weil sie beispielsweise eine bestimmte grammatische Struktur enthält, die von keiner anderen Sprache bekannt ist.

    Wenn aber just diese grammatische Struktur aufgrund eines Sprachwandels verlorengeht, soll es Unfug sein, sich für ihren Erhalt einzusetzen?

  21. Ich versuchs mal mit diesem Beispiel: Sprachnörgler wollen das Auto auf dem Stand von 1929 halten und verhindern, dass es irgendwann mit einem einer neuen Karosserie ausgestattet wird. Wenn eine Sprache stirbt, ist das, als würde es auf einmal keine Mottorräder mehr geben. Beides sind Fahrzeuge, oder im weitestens Sinne Hilfmittel um von A nach B zu kommen. Aber ein Motorrad hat Eigenschaften, die kein Auto der Welt hat und umgekehrt, z.B. dass man ein Fahrzeug auch in der Spur halten kann, wenn es nur zwei Räder und trotzdem einen Motor hat, was man, wenn man nur Autos und Fahrräder kennt, nicht wissen würde.

    Ich hoffe, es ist einigermaßen klar, was ich meine?

  22. Es ist klar, aber die Analogie ist schief.

    Sprachnörgler wollen, dass der neue Golf nicht mit Automatikgetriebe ausgestattet wird, weil Handschaltung irgendwie besser ist.

    Wenn eine Sprache stirbt, als würde die Produktion des Golf eingestellt.

    Wenn der Golf das letzte Auto mit Handschaltung ist, ist das ein großer Verlust. Dieselben Leute, die ihn beweinen behaupten aber, den neuen Golf (der jetzt aber nicht gebaut wird) mit Automatik auszuliefern wäre in Ordnung gewesen und eine natürliche Weiterentwicklung und die Automatiknörgler seien Deppen.

  23. @Gerhard:

    Können Sie mir bitte mal ein Beispiel für ein interessantes und exklusives grammatisches Merkmal des Deutschen nennen, das im Aussterben begriffen ist und von den Sprachnörglern verteidigt wird? Damit wir wissen, wovon wir eigentlich reden. (Meinem Eindruck nach sind die Nörgler ja zumeist viel zu sehr damit beschäftigt, sich amüsante neue Vokabeln auszudenken, als daß sie noch wirklich auf die Sprache achten könnten. Aber mir mag da was entgangen sein.)

  24. @David

    Es handelt sich um eine rein theoretische Fragestellung, völlig losgelöst von der Frage, ob das Sprachnörgeln im Aka-Boa, im Labourdischen Baskisch oder im Standarddeutsch des frühen 21. Jahrhunderts stattfindet; denn Sprachnörgelei ist ebenso universell wie das Sprachensterben.

    Ob das Aka-Boa irgendwelche interessanten linguistischen Merkmale hat, die evtl. in keiner anderen Sprache der Welt vorhanden sind, haben wir ja auch nicht gefragt, oder?

  25. Hm, also doch unklar… Dann Klartext:

    Was Sprachnörgler wollen, und das wurde im Sprachblog schonmal erörtert, ist eine Sprachstandsbewahrung, nicht etwa eine Sprachbewahrung. Sprachen sterben in dem Moment, in dem sie sich nicht weiter entwickeln, vielleicht weil sie nicht mehr gesprochen werden, oder weil sie irgendwann so stark standardisiert sind, dass es keinen Raum mehr für Entwicklungen gibt. Demnach sind es gerade die Sprachstandswahrer, die dem Deutsche Sterbehilfe leisten wollen.

  26. @Gerhard:

    Ob es solche Merkmale hatte, wird man jetzt aber auch nur noch anhand von Aufzeichnungen beurteilen können. Vielleicht enthalten die Aufzeichnungen aber für bestimmte Merkmale, die es hatte, gar keine Zeugen.

    Im Fall von Sprachnörgelei ist die Sachlage anders, denn die fraglichen Merkmale, ob sie nun befürwortet oder abgelehnt werden, stehen bereits im Fokus und zumindest ihre Existenz ist damit bewiesen.

  27. Im Übrigen könnte zumindest ich mich für halbwegs anspruchsvolle ‘Sprachnörgelei’ durchaus erwärmen. In einer Form etwa, die althergebrachte Konstruktionen solchen gegenüberstellt, die erst durch den Einfluß des Englischen entstanden und populär geworden sind. Sofern sie sich nicht als Sprachwissenschaft ausgibt, von Sachkenntnis geprägt ist und vor allem nicht versucht, ihre Positionen am Ende in Gesetzesrang zu erheben. (Auch solche Bestrebungen gibt es ja, wenngleich das Extreme sein mögen.)

    Man muß schließlich bestimmt nicht alles mögen. Ich bekam immer einen leichten Anfall, wenn Steffen Seibert vom “größten XY jemals” quasselte. Sich über solche Dinge zu streiten ist ja völlig OK.

    Aber die hier vorgetragene Kritik an ‘Sprachnörgelei’ muß sich ja immer auch auf den gegenwärtigen Stand derselben berufen können, und der ist hierzulande äußerst kläglich. Das Feld wird von Vokabelheinis dominiert. Ein echtes Interesse an Sprache ist da weithin nicht zu erkennen.

  28. @ Patrick Schulz

    Nein, ich glaube, Sie verstehen nicht.

    Der eine will einen bestimmten Sprachstand bewahren, der andere eine bestimmte Sprache. Die Argumente für letzteres sind mindestens ebensoweit hergeholt wie für ersteres.

    Eine Sprache verändert sich, weil die Sprecher diese Veränderung vollziehen. Eine Sprache stirbt, weil die Sprecher sie nicht mehr benutzen. Das ist in aller Regel (seltene Ausnahmen gibt es natürlich) ein freiwilliger Prozess. Und es ist vor allem ein natürlicher Prozess. Irgendwann wandeln sich äußere Gegebenheiten und eine bestimmte Sprache hat nur noch einen sehr eingeschränkten Nutzen. Wenn dieser Nutzen den Sprechern zu gering erscheint, geben sie die Sprache auf. Ganz normal, seit der Antike (wahrscheinlich schon seit der Steinzeit).

    Mit der Sprache gehen notwendigerweise auch Merkmale verloren, die die Forschung nicht bemerkt hat. Bei relativ wenig erforschten Sprachen werden das sehr viele Merkmale sein, bei gut erforschten nur wenige.

    Aber auch aus dem Sprachsterben kann die Wissenschaft Erkenntnisse ziehen. Sie kann nämlich den Prozess des Sprachtods erforschen, en gros und en detail. Sie kann ihn vor allem auch interdisziplinär erforschen: In Zusammenarbeit etwa mit Wirtschaftsgeographen, Soziologen, Psychologen.

    Stellen Sie sich vor: Welcher Erkenntnisverlust, wenn eine Sprache widerborstig ist und nicht stirbt. Schreckliche Vorstellung.

    Andererseits der Sprachwandel: Ein bestimmter Sprachstand wird konserviert, damit er am lebenden Objekt erforscht werden kann. Dem Genitiv sein Leben lässt sich doch in der Realität viel besser erforschen als aus irgendwelchen staubigen Büchern, die davon berichten, dass er vor Jahrzehnten einmal hinter “wegen” stand.

    Klingt weit hergeholt? Ist es auch. Genauso weit hergeholt wie das Argument, man solle Sprachen, die von der Sprechergemeinschaft aufgegeben werden, bewahren, damit die Sprachwissenschaftler etwas Nettes zum Forschen haben.

  29. nochmal @ Patrick Schulz

    Das hier
    Was Sprachnörgler wollen, und das wurde im Sprachblog schonmal erörtert, ist eine Sprachstandsbewahrung, nicht etwa eine Sprachbewahrung. Sprachen sterben in dem Moment, in dem sie sich nicht weiter entwickeln, vielleicht weil sie nicht mehr gesprochen werden, oder weil sie irgendwann so stark standardisiert sind, dass es keinen Raum mehr für Entwicklungen gibt. Demnach sind es gerade die Sprachstandswahrer, die dem Deutsche Sterbehilfe leisten wollen.
    ist natürlich absurd.

    Denn erstens gibt es keinen bekannten Fall einer Sprache, die sich nicht irgendwie verändern würde (Sprachen entwickeln sich nicht, sie verändern sich nur einfach). Das wissen zweifellos auch die seriöseren Sprachschützer, -pfleger oder -nörgler. Denen geht es um bestimmte Sprachmerkmale, die sie für bewahrenswert halten. Darüber zu urteilen ist müßig. Ein Sprachmerkmal für “bewahrenswert” zu halten ist ebenso eine Geschmacksfrage, wie es für “nicht bewahrenswert” zu halten.

    Zweitens ist die Behauptung, “Sprachnörgler” leisteten dem Deutschen Sterbehilfe völlig aus der Luft gegriffen. Dann müsste das Französische seit Jahrhunderten tot sein.

    Drittens ist der Bezug Ihrer Antwort zu meinem Beitrag nicht erkennbar.

  30. @ David

    Danke, das ist eine Antwort, die nachvollziehbar ist.

    Andererseits gibt es Sprachnörgeleien auch in Sprachen, die nicht richtig dokumentiert sind. Kritik an neuen Sprachgewohnheiten ist so alt wie die Sprache selbst. Müsste man daher evtl. Sprachnörgeleien bei bedrohten Sprachen und Dialekten (etwa Elsässisch oder Sorbisch) gutheißen?

    Darüberhinaus halte ich es für äußerst fragwürdig, eine Sprachgemeinschaft in eine bestimmte Richtung (nämlich i.d.R. zur Behaltung einer obsoleten und möglicherweise stigmatisierten Minderheitensprache) zu drängen und das mit wissenschaftlichem Erkenntnisinteresse zu begründen.

  31. Ich merk schon, ich hab Probleme damit, mich und was ich meine einigermaßen klar auszudrücken…

    Aber der Reihe nach.

    Zunächst gebe ich ihnen Recht, dass das Bewahrenwollen einer Sprache genauso unsinnig ist, wie das eines Sprachstandes, zumal das in den allermeisten Fällen eh dasselbe ist.

    Und ja, es gibt (z.T. unvermeidbare) Gründe dafür, dass Sprachen sterben. Aber auch wenn man den Tod einer Sprache betrauert und auf die Konsequenzen von Sprachtod warnend hinweist, heisst das nicht, dass Sprachwissenschaftler o.ä. versuchen, die Sprachen zu bewahren. Die Initiative dazu muss von den (verbliebenen) Sprechern ausgehen und Sprachwissenschaftler können lediglich Hilfestellungen geben, etwa in Form von Dokumentationen oder eine Sensibilisierung für die Bedeutung einer (eigenen) Sprache. Das versuchte ich auch mit meinem Fahrzeug-Beispiel darzustellen: Das Auto auf dem Stand von 1929 halten ist ein bewusster und vom Geschmack abhängiger Wunsch, während das Verschwinden der Motorräder als ein (weitestgehend) ungesteuert vorgehnder Prozess mit erheblich weitreichenderen Konsequenzen zu verstehen gewesen wäre.

    Ihr Einwurf mit dem Erkenntnisgewinn aus Sprachtod fasse ich als sarkastisch gemeint auf. Und auch wenn mir kein Fall bekannt ist, wo eine Sprache bewusst ausgerottet wird, nur um zu schauen, wie die Noch-Sprecher damit umgehen, halte ich die Vorstellung für sehr interessant. Ethik und solcher Schmarrn wird sowieso viel zu sehr überbewertet…

    Aber natürlich gibt es auch aus sprachwissenschaftlicher Sicht keinerlei Gründe, warum eine Sprache nicht sterben sollte. Aber trotzdem kann man doch den Tod einer Sprache bedauern, zumal dadurch die verfügbare Datenmenge wieder etwas abnimmt.

    Ihr Punkt ist, wenn ich das richtig verstehe, dass Sprachwissenschaftler dasselbe empfinden sollten, wenn dieses „Verschwinden“ nur eine Struktur in einer ansonsten weiterbestehenden Sprache betrifft. Vielleicht tun sie das auch. Wenn ich zynisch veranlagt wäre, würde ich jetzt wohl sagen: Ich weiß, dass in bestimmten Varitäten des Deutschen die Phrase nach „wegen“ im Genitiv flektiert wird und jetzt wo ich es weiß, hab ich auch nichts dagegen, wenn das Phänomen verschwindet. Aber, wie gesagt: Ethik und so… Wer als Linguist eine Sprache nur desswegen bewahren will, um seinen Forschungsgegenstand nicht zu verlieren, hat in der Branche nichts verloren.

    Zum Französischen: Vielleicht ist es das. Ebenso wie ich behaupten würde, dass das Standarddeutsche tot ist. Oder sonst eine Sprache, die man allein auf Basis feststehender Regeln verwendet. Ab und an mal kommt es vor, dass so eine tote Sprache aktualisiert wird, aber das ändert nichts an ihrer „Lebendigkeit“.

    Ich denke aber so alles in allem, dass wir (oder vielmehr ich) die falsche Diskussionsgrundlage gewählt habe(n). Was die Sprachwissenschaftler an den Nörglern stört ist weniger ihr Ziel ( = Sprach(stands)wahrung), sondern vielmehr der Weg, der zum Erreichen des Ziels bestritten wird. Da werden Un- und Halbwahrheiten verbreitet, zweifelhafte Methoden angewendet und, und das gilt für beide Seiten: mit viel Schlamm um sich geworfen. Das ist es, was (seriöse) Sprachwissenschaftler von Sprachnörglern unterscheidet, wenn sie sich über Veränderungen in den Sprachen beklagen.

    Zumindest meiner Meinung nach, um das nochmal deutlich zu machen. Ich kann nicht für andere Sprachwissenschaftler sprechen.

  32. “Darüberhinaus halte ich es für äußerst fragwürdig, eine Sprachgemeinschaft in eine bestimmte Richtung (nämlich i.d.R. zur Behaltung einer obsoleten und möglicherweise stigmatisierten Minderheitensprache) zu drängen und das mit wissenschaftlichem Erkenntnisinteresse zu begründen.”

    Aber das tut doch auch niemand.

  33. @ Patrick Schulz

    Danke für diese ausführliche Antwort. Ich habe den Eindruck, dass wir weitestgehend einer Meinung sind.

    Ihr Einwurf mit dem Erkenntnisgewinn aus Sprachtod fasse ich als sarkastisch gemeint auf. Und auch wenn mir kein Fall bekannt ist, wo eine Sprache bewusst ausgerottet wird, nur um zu schauen, wie die Noch-Sprecher damit umgehen, halte ich die Vorstellung für sehr interessant. Ethik und solcher Schmarrn wird sowieso viel zu sehr überbewertet…
    Das war sarkastisch gemeint. Aber ernst meine ich, das mindestens genausoviel Erkenntnis aus dem Prozess eines Sprachtodes gewonnen werden kann wie aus dem Studium der Strukturen dieser Sprache. Nancy Dorian hat ja auch nicht versucht, das Gälisch von Embo zu retten.

    Ihr Punkt ist, wenn ich das richtig verstehe, dass Sprachwissenschaftler dasselbe empfinden sollten, wenn dieses „Verschwinden“ nur eine Struktur in einer ansonsten weiterbestehenden Sprache betrifft.
    Mein Punkt – und das hätte ich vielleicht besser formulieren sollen – ist, dass es der Sprachwissenschaft beides egal sein kann; den Sprachwissenschaftlern bleibt es überlassen, ob sie persönlich einen gänzlich unwissenschaftliche Wehmut empfinden, wenn bestimmte Sprachen sterben oder auch bestimmte sprachliche Strukturen verschwinden.

  34. @ Bernhard

    Doch, es gibt eine ziemlich weitverbreitete Tendenz, Sprachen zu retten oder zu revitalisieren. Der Begriff “drängen” war allerdings wahrscheinlich etwas unüberlegt gewählt.

  35. @ Gerhard

    Wie weit diese Tendenz verbreitet ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Aber in den Fällen, in denen versucht wird, eine Sprache zu retten, geht die Initiative dazu doch nicht von irgendwelchen Wissenschaftlern aus, die um ihr Forschungsobjekt bangen, sondern von denjenigen, die die Sprache gerne (wieder) sprechen möchten oder die die Sprache selbst noch sprechen und sich wünschen, dass auch ihre Kinder und Kindeskinder das tun.

  36. Wer als Linguist eine Sprache nur desswegen bewahren will, um seinen Forschungsgegenstand nicht zu verlieren, hat in der Branche nichts verloren.

    Ich weiß nicht – welche Motivation sollte den Linguisten als Linguisten denn sonst dazu antreiben?

  37. wegen

    Die Ersetzung von wegen+Genitiv zu wegen+Dativ ist übrigens ein typisches Beispiel für eine sprachwissenschaftlich eher uninteressante sprachliche Veränderung. Eine minimale Änderung des Lexikoneintrages der Präposition genügt, um eine Grammatik entsprechend anzupassen.

    Interessanter ist vielleicht, daß das Phänomen den Genitiv allgemein, also auch bei “gedenken”, “während” etc., betrifft. Aber auch da sind die systematischen Anpassungen ähnlich einfach.

    Wesentlich interessanter scheint mir beispielsweise die in den letzten Jahren kontinuierlich gewachsene Akzeptabilität des ‘Reflexivpassivs’ wie in “Hier wird sich nicht übergeben”, da sie Passivanalysen vor ziemliche Herausforderungen stellen kann – vor allem dann, wenn man den Unterschied zwischen Akzeptabilität und Nicht-Akzeptabilität der Konstruktion in der Grammatik parameterisieren möchte.

    Das ist übrigens auch wieder ein Fall, in dem eine vorher nicht mögliche Konstruktion Verbreitung gefunden hat anstatt umgekehrt.

    Nochmal allgemein in die Runde gefragt: Gibt es grammatisch interessante Konstruktionen im Deutschen, die derzeit im Aussterben begriffen sind?

  38. @David

    zum ersten: Er kann auf Anfrage der verbleibenden Sprecher beipielsweise die Sprache dokumentieren und Wörterbücher oder Grammatiken für die Lerner der Sprache erstelllen… Er betreibt dann auch Bestandsschutz, allerdings nicht (nur) aus Forschungsdrang sondern eben auch um den Sprechern wenigstens eine Chance zu geben, ihre Sprache am Leben zu halten, wenngleich die Erfolgsaussichten meist eher gering sind. Übrigens habe ich mir von einigen Feldforschern sagen lassen, dass manchmal schon die reine Präsenz ausreicht um bei den Sprechern eine Art Stolz auf „ihre“ Sprache zu wecken und sie als etwas Erhaltenswertes und Interessantes zu betrachten.

    zum zweiten: Der Ersatzinfinitiv. Der kommt mir in freier Wildbahn kaum unter und ist aus theoretischer Sicht höchst interessant. (Ich weiß allerdings nicht, ob man sich so weit aus dem Fenster lehnen und behaupten sollte, dass die Konstruktion am Aussterben ist…)

  39. @ Bernhard
    Wie weit diese Tendenz verbreitet ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Aber in den Fällen, in denen versucht wird, eine Sprache zu retten, geht die Initiative dazu doch nicht von irgendwelchen Wissenschaftlern aus, die um ihr Forschungsobjekt bangen, sondern von denjenigen, die die Sprache gerne (wieder) sprechen möchten oder die die Sprache selbst noch sprechen und sich wünschen, dass auch ihre Kinder und Kindeskinder das tun.

    Suchen Sie mal einfach über Guggel nach “language revitalisation” oder Ähnlichem. Da gibt es unzählige Projekte, die natürlich den betroffenen Gemeinschaften nicht aufoktroyoiert werden, die aber von Sprachwissenschaftlern begleitet und unterstützt werden.

    Die Gruppen, die sich für die Rettung ihrer meist moribunden Sprache interessieren, sind normalerweise sehr klein im Verhältnis zur tatsächlich existierenden Sprachgemeinschaft und haben oft auch kaum Kontakt zu tatsächlichen Muttersprachlern. Letztere haben ihre Sprache ja meist bewusst zum Sterben verurteilt, indem sie sie nicht an die Kinder weitergegeben haben.

  40. @Patrick Schulz:

    Es kann (und es wäre erfreulich, wenn es so ist) natürlich ein menschliches Interesse daran hinzukommen, die verbleibenden Muttersprachler beim Erhalt ihrer Sprache zu unterstützen. Aber das ist ja für sich noch kein genuin linguistisches Interesse. Ob man es dennoch zwingend voraussetzen sollte, weiß ich nicht.

    Zum Ersatzinfinitiv: Danke! Aber ist es wirklich so, daß er Dir inzwischen fast gar nicht mehr begegnet? Sätze wie “Du hättest das nicht machen gedurft” kommen mir jedenfalls noch sehr merkwürdig vor.

  41. Sprachpolitik der Sowjetunion

    @suz

    “Darüber hinaus hat man in der Geschichte ja schon oft gesehen, wozu gewaltsam durchgesetzte Monolingualität führen kann – Spanien, Balkan, Sovietunion, um nur mal Europa anzuführen.”

    Dem möchte ich widersprechen, zumindest, was die Sowjetunion angeht. Zwar war Russisch natürlich die Amtssprache der Union, aber sämtliche Republiken und sonstige “Autonomien” (Autonome Gebiete, Kreise etc.) durften und sollten Ihre jeweilige Nationalsprache pflegen. Manche Sprachen sind überhaupt erst in sowjetischer Zeit in den Rang von Sprachen mit eigener Literatur erhoben worden. Es gab nationale Medien, Theater etc.

    Schulunterricht in der jeweiligen Nationalsprache war ab einer bestimmten Ebene für alle Bewohner verpflichtend; z. B. mußten die Bewohner der Stadt Odessa Ukrainisch lernen, obwohl diese Stadt historisch gesehen zu Rußland gehörte und es dort keine indigenen Ukrainisch-Sprecher gibt. In Estland mußten alle Schulkinder, auch die von Russen, Estnisch lernen. Selbst die Russlanddeutschen, die über keine Autonmie verfügten und im 2. Weltkrieg als angebliche Nazi-Kollaborateure „repressiert“ wurden, hatten nach dem Krieg wieder deutsche Zeitungen und andere Medien.

    Man mag darüber streiten, wie hoch das Niveau dieser Medien war, ob diese Politik propagandistischen Zwecken geschuldet war. Die Märchen, die im Westen im Umlauf sind, in der Sowjetunion seien die nationalen Sprachen unterdrückt worden, entbehren jeder Grundlage.

    Es läßt sich heute eher eine Diskriminierung der russischen Sprache in den ehemaligen Sowjetrepubliken feststellen.