Dreh den Stresstest auf

Ohne Wörterwahlen wäre die Welt vielleicht kein besserer, aber ganz sicher auch kein schlechterer Ort — aber da ich selbst in verantwortlicher Position an einer Wörterwahl beteiligt bin, fühle ich mich verpflichtet, auch die Arbeit der anderen wohlwollend zu kommentieren.

Vom Jugendwort des Jahres war ich ja durchschnittlich angetan (wobei die Jury selbst noch weniger begeistert wirkte). Ich will aber klarstellen (das habe ich in meinem Beitrag letzte Woche versäumt), dass das Jugendwort 2011 — swag — bei Weitem das beste Jugendwort seit Langem ist, einfach schon deshalb, weil es nicht einfach frei erfunden ist.

Normalerweise folgen „Jugendwörter“ ja dem immer gleichen Schema: Man nehme eine Bedeutung (z.B. „Friseur“), und suche ein Wort, das aus demselben Wortfeld stammt, aber möglichst weit entfernt ist. Bier ist ein Getränk, Wasser ist ein Getränk, Apfelsaft ist ein Getränk, Brause ist ein Getränk — Brause, perfekt! Ist für Kinder, Bier aber für Erwachsene, das nehmen wir. Nun wählen wir ein Wort, das uns von diesem entfernten Wort wieder zum eigentlich gemeinten zurückführt, möglichst auf eine pseudoentlarvende Weise. Bier macht lustig, Bier macht gemütlich, Bier macht müde, Bier macht aggressiv — aggressiv, perfekt, die jungen Leute sind ja auch immer so aggressiv! Aber wie nennen Jugendliche „aggressives Verhalten“? Früher haben wir ja Krawall dazu gesagt, das klingt doch ulkig! Und fertig ist die Krawallbrause.

Auf diese Weise kann man beliebig „Jugendwörter“ erfinden, von A wie Asitoaster („Solarium“) bis Z wie Zappelbunker („Diskothek“) über Bulettenschmied („Imbissbudenverkäufer“), Lungenbrötchen („Zigarette“) und Schnittenschaukel („Auto, mit dem junge Männer hoffen, junge Frauen zu beeindrucken“).

Das hat Langenscheit diesmal dankenswerterweise nicht getan, sondern mit Swag („hippe Garderobe inklusive protzigen Schmucks“, oder auch „(durch eine solche ausgelöstes) selbstbewusstes Verhalten“) ein Wort gewählt, das wenigstens im Englischen, aus dem es entlehnt ist, eine angemessene Verbreitung hat (es ist höchstwahrscheinlich(st) als Kurzform des Verbs swagger (“walk or behave in a very confident and typically arrogant or aggressive way”, New Oxford American Dictionary) oder dem daraus abgeleiteten Substantiv entstanden.

Auch das Wort des Jahres ist in diesem Jahr ein englisches Lehnwort: Stresstest. Wie man es von der Gesellschaft für deutsche Sprache bei dieser Wörterwahl gewohnt ist, ist das aus gesellschaftlich-medialer Sicht eine solide Entscheidung, angesichts der Tatsache, dass in diesem Jahr sowohl die Gegner moderner Bahnhöfe als auch die Freunde eines verantwortungsbewussten Bankensektors mit Stresstests beruhigt und ruhiggestellt werden sollten. Ein wenig ärgerlich vielleicht, dass nach dem letztjährigen Wutbürger schon wieder ein Wort mit Stuttgart-21-Stammbaum die Wahl gewonnen hat — etwas weniger süddeutsche Heimatverbundenheit könnte der Jury hier vielleicht gut tun. Andererseits bieten die Plätze 2 bis 10 auch keine wirklich ansprechenden Alternativen, sodass mehr als der Stresstest wohl einfach nicht drin war.

Aus sprachwissenschaftlicher Sicht bietet das Wort leider wenig Spannung. Der Sprachwissenschaftler Jochen Bär hat sich für den Duden alle Mühe gegeben, ihm ist aber neben einer Diskussion der Ereignisse, die das Wort bekannt gemacht haben, nur die Anmerkung eingefallen, dass das entsprechende englische Wort eigentlich stress testing hieße und Stresstest deshalb kein „lupenreiner Anglizismus“ sei. Das ist im Übrigen falsch: Das Wort stress test gibt es im Englischen durchaus, wie eine einfache Google-Suche gezeigt hätte.

Etwas interessanter wäre der Hinweis gewesen, dass das Wort Stress im Deutschen die Hauptbedeutung „psychische Belastung“ hat, während die Lesart „physische Belastung“, die für das Wort Stresstest relevant ist, bestenfalls randständig ist, durch die neue Prominenz von Stresstest aber vielleicht gestärkt wird. Interessant vielleicht auch noch, dass das Wort Stresstest im laufenden Jahr erstmals Eingang in den Duden gefunden hat — eine doppelte Ehrung, die zeigt, dass ein Wort nichts Besonderes sein muss, um es zu etwas zu bringen. Auch ein einfaches Wort vom Lande kann es mit etwas Fleiß und etwas Glück in aller Munde und ins Wörterbuch schaffen.

Die entscheidende Frage ist aber natürlich: Wird nach dem Jugendwort 2011 und dem Wort des Jahres 2011 auch der Anglizismus des Jahres ein englisches Lehnwort sein? Warten wir es ab!

Die Nominierungen zum Anglizismus des Jahres laufen noch bis Ende Dezember.

Nach Umwegen über Politologie und Volkswirtschaftslehre habe ich Englische Sprachwissenschaft und Sprachlehrforschung an der Universität Hamburg studiert und danach an der Rice University in Houston, Texas in Allgemeiner Sprachwissenschaft promoviert. Von 2002 bis 2010 war ich Professor für Englische Sprachwissenschaft an der Universität Bremen, im August 2010 habe ich einen Ruf auf eine Professur für anglistische Sprachwissenschaft an der Universität Hamburg angenommen. Mein wichtigstes Forschungsgebiet ist die korpuslinguistische Untersuchung der Grammatik des Englischen und Deutschen aus der Perspektive der Konstruktionsgrammatik.

Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Platz 3

    ‘Arabellion’? Ist das wirklich irgendwo aufgetaucht? Bin ich einfach nur sehr viel schlechter informiert, als ich immer dachte, kümmere ich mich zu wenig um aktuelle Berichterstattung und Politik?

  2. Arabellion

    Dieses Wort hat mich auch überrascht. Ich habe es vor einigen Tagen zum ersten Mal gelesen, und zwar in einem Blog oder einer Online-Zeitung, auf jeden Fall war es eine englischsprachige Publikation.
    Laut Duden-Verlag (http://szenesprachenwiki.de/definition/arabellion/) wurde das Wort von der FAZ erfunden und “gepusht”. Ah ja. Ich bin gefläscht oder so.

  3. Arabellion

    Hm, wenn ich “Arabellion” höre, liefert mein Gehirn mir nicht Bilder des Arabischen Frühling sondern einen Zuschauer-Aufstand bei Arabella Kiesbauer *grusel*.

    “hebeln” … Puuh, hätte ich jetzt nicht mit der Bankenkrise in Verbindung gebracht.

    “Ab jetzt wird geliefert!” … Satz mit X, war wohl nix, Herr Rösler. (Wobei ich ehrlich zugeben muss, dass ich den Satz bis zu diesem Zeitpunkt nicht gehört habe oder mich zumindest nicht daran erinnere – ist das ein Zeichen, dass ich zwischendrin ziemlich viel verpasst habe oder deutet es eher darauf hin, wie am Ende die FDP inzwischen ist?)

  4. Semantik

    “Ohne Wörterwahlen wäre die Welt vielleicht kein besserer, aber ganz sicher auch kein schlechterer Ort”
    Meinten Sie das wirklich? Das hieße ja, dass Wörterwahlen möglicherweise einen negativen aber ganz sicher keinen positiven Effekt auf die Welt hätten. Wenn ich das so sähe, würde ich keine Wörterwahlen organisieren.

    Was ich wirklich schlimm finde: Die Verwendung des Worts “Burnout” für alle Zustände vom Leistungstief, über die Lustlosigkeit, die Erschöpfung bis hin zur Depression und anderen behandlungsbedürftigen psychischen Krankheit, wird von Fachleuten nicht nur abgelehnt, sondern für gefährlich gehalten – und das heißt lebensgefährlich. Das braucht natürlich die Jury nicht daran zu hindern, das Wort auf den sechsten Platz zu setzen. Aber dass man in der Pressererklärung diesen gefährlichen Unfug weiter betreibt und Burnout als Krankheit bezeichnet, finde ich entsetzlich verantwortungslos.

  5. Psychischer Stress

    “Etwas interessanter wäre der Hinweis gewesen, dass das Wort Stress im Deutschen die Hauptbedeutung „psychische Belastung“ hat, während die Lesart „physische Belastung“, die für das Wort Stresstest relevant ist, bestenfalls randständig ist, durch die neue Prominenz von Stresstest aber vielleicht gestärkt wird.”

    Aber es geht doch hier quasi um psychischen Stress, nämlich, wie sich die betreffenden Systeme (Banken, Bahnhöfe) verhalten, wenn es unruhig wird und Abweichungen vom Plan (Zugverspätungen, Zahlungsausfälle) auftreten?

  6. Stress

    Wenn alle Wortwahlen so bierernst nehmen, hier was zum locker machen. Wenn einem ein Kollege oder eine Kollegin (die tun das bevorzugt) sagt “Ich bin total im Stress”, dann kann man sofortige Ruhe dadurch herstellen, daß man sagt “Stress? Stress ist, wenn man seiner Aufgabe nicht gewachsen ist.”
    Naja, und was ist schlimmer als Stress?
    Richtig, kein Stress.
    Einen schönen Sonntag allerseits. Stressfrei.

  7. @Jens Müller

    Aber es geht doch hier quasi um psychischen Stress, nämlich, wie sich die betreffenden Systeme (Banken, Bahnhöfe) verhalten, wenn es unruhig wird und Abweichungen vom Plan (Zugverspätungen, Zahlungsausfälle) auftreten?

    Schreiben Sie Gegenständen und Abstrakta eine Psyche zu?

  8. @Jens Mueller

    Bei den Stresstests der Banken geht es aber hauptsaechlich um Ratios, also was passiert wenn ich x um y% aendere und aehnliches. Das wuerde ich eher mit physischen Tests vergleichen, also meinetwegen wenn ich den Druck auf einen Traeger um 20% erhoehe. Bricht der dann oder haelt er? Aehnliches wird bei den Banken gemacht. Wenn ich die saeumigen Schuldner um 20% erhoehe, was passiert mit der Liquiditaet?

    Da geht es nicht um die Stresslevel der Banker (die gehen dann auch hoch, aber das ist ein anderes Thema), sondern um die Banken als Gebilde. Aehnlich wie ein physisches Gebilde.

  9. “Ohne Wörterwahlen wäre die Welt vielleicht kein besserer, aber ganz sicher auch kein schlechterer Ort”.

    Vielleicht kein besserer? Mit Sicherheit ein viel besserer!

    Nietzsche war der Meinung, in der Welt hänge alles so eng zusammen, daß eine Revolution der Oper unausweichlich die Umwälzung aller anderen Dinge nach sich ziehen wird, und zwar, denn er war damals noch Verehrer von R. Wagner, zum Besseren hin. Nur hinsichtlich des letzteren hat er sich, glaub’ ich, geirrt, nicht im Prinzip. Ich war immer der Meinung, die Abschaffung der Fernsehfußballkommentatoren müßte die von N. erhoffte Kettenreaktion auslösen. Mit den Wörterwahlen – nur den ernstgemeinten natürlich – sollte man es aber auch mal versuchen, der weltrevolutionäre Effekt dürfte kaum geringer sein.

  10. Nietzsche und Wagner

    Daß Wagner-Opern die Welt verändert haben, ist ja erwiesen, wenn auch nicht unbedingt zum Besseren. Hoffen wir, daß Wortwahlen nicht so extreme Auswirkungen haben.

  11. Stresstest ist das neue Blitzeis

    Was in allen Begründungen und Erläuterungen zum Wort des jahres noch fehlt, ist m.E. der Aspekt, dass es einfach ein sehr medientaugliches Wort: Knackig, kurz, zweisilbig. Da steckt konnotativ eine gewisse Dramatik drin. Banken-Funktionstest oder Bahnhofs-Belastungsprobe transportiert das nicht.

    Ein bisschen erinnert mich der Stresstest – gerade jetzt im Winter – an das “Blitzeis”. Das klingt ebenso hochdramatisch und hat vor einigen Jahren die meteorologisch-biedere “überfrierende Nässe” abgelöst…

  12. Stresstest

    In Deutschland wurden neben Banken und Bahnhöfen 2011 auch AKWs stressgetestet.