Cereal Offenders

Sprachlog

Es gibt Lehnwörter, über die regt sich nur der Verein Deutsche Sprache auf, während der Rest der Welt sie entweder ganz selbstverständlich verwendet (wer würde ernsthaft „Klapprechner“ statt Laptop sagen) oder längst vergessen hat (wer würde überhaupt noch Laptop sagen).

Und dann gibt es Lehnwörter, die lösen selbst bei toleranten Menschen Abscheu oder sogar Rage aus. Ein solches Wort ist Cerealien. Ich bin bisher niemanden, wirklich niemandem begegnet, der bereit wäre, dieses Wort auch nur zu tolerieren (außer mir selbst, aber kann man sich selbst begegnen?).

Bastian Sick kann das Wort naturgemäß nicht ausstehen:

… aber „Das macht Sinn“ ist alles andere als gutes Deutsch. Irgendwer hat es irgendwann zum ersten Mal verkehrt ins Deutsche übersetzt, vielleicht war es sogar derselbe, dem wir die unaussprechlichen „Frühstückszerealien“ zu verdanken haben… [Sick, Stop Making Sense (2003)]

Aber auch besonnene Zeitgenossen sehe ich immer wieder mal über das Wort wüten, zuletzt Elmar Breitbach der es auf Google Plus als „gekünsteltes Werbefuzzisprech“ verurteilt hat.

Der Verein Deutsche Sprache hat interessanterweise kein Problem mit diesem Wort, er schlägt es (in der eingedeutschten Schreibweise Zerealien) in seinem Anglizismenindex sogar als Alternative zum englischen cereal vor.

Und mit Recht, denn es handelt sich keineswegs um Werbefuzzisprech und wer auch immer es erfunden hat, es war mit Sicherheit nicht der Schöpfer der Redewendung „Sinn machen“.

Erste Verwendung von CerealienNein, es ist ein altes, ehrwürdiges lateinisches Lehnwort. Der erste Beleg, den ich gefunden habe, stammt aus Johann Friedrich Zückerts „Medizinischem Tischbuch“ von 1785, in dem er zur Behandlung einer „langwierige Lähmung … die nach Schlagflüseen in feuchten und schleimigten Subjecten zurückbleibt“ unter anderem folgenden Ratschlag erteilt:

Man meidet das erschlappende wässerigte und warme Getränke, die Suppen und Fleischbrühen, Eyer, das gekochte Fleisch, das Obst, die Milch und Milchspeisen, die Schleime aus den Cerealien, die Hülsenfrüchte, den Kohl, die wässerigten Kräuter und Salatpflanzen. Denn sie sind allesammt der Würkung grade entgegen, durch welche die Cur der Lähmung geschehen muß. [Rückert, Medizinisches Tischbuch, 1785].

Dass das kein einzelner Ausrutscher war, sondern dass das Wort sich ganz allgemein großer Beliebtheit erfreut hat, zeigt ein Blick in das Google-Books-Korpus (man beachte, nebenbei bemerkt, das Aufkommen der eingedeutschten Schreibweise um die Jahrhundertwende, der Zeit der ersten amtlichen Orthografien):

Zerealien

Wenn man die beiden Schreibweisen zusammenrechnet, wird deutlich, dass das Wort sich bis ins 20. Jahrhundert hinein einer gewissen Beliebtheit erfreut hat. Erst ab den 1920er Jahren fällt es stärker ab und fristet dann einige Jahrzehnte lang ein Schattendasein, bevor es in den letzten Jahren wieder einen leichten Anstieg verzeichnen kann.

Ob der mit der Verwendung des Wortes in der Werbung zusammenhängt, kann ich nicht beurteilen. Aber nehmen wir an, es wäre so: Müsste man den Werbern nicht dankbar sein, dass sie dieses schöne alte Wort für uns wiederentdeckt haben? Ärgern wir uns wirklich über das Wort, oder machen wir es zum Sündenbock für unseren Ärger über Milchschnitte und Kellogs Frosties?

 

© 2011, Anatol Stefanowitsch

Anatol Stefanowitsch

Nach Umwegen über Politologie und Volkswirtschaftslehre habe ich Englische Sprachwissenschaft und Sprachlehrforschung an der Universität Hamburg studiert und danach an der Rice University in Houston, Texas in Allgemeiner Sprachwissenschaft promoviert. Von 2002 bis 2010 war ich Professor für Englische Sprachwissenschaft an der Universität Bremen, im August 2010 habe ich einen Ruf auf eine Professur für anglistische Sprachwissenschaft an der Universität Hamburg angenommen. Mein wichtigstes Forschungsgebiet ist die korpuslinguistische Untersuchung der Grammatik des Englischen und Deutschen aus der Perspektive der Konstruktionsgrammatik.

45 Kommentare

  1. Was ich mich schon seit Jahren frage:

    Warum ist das Wort plötzlich wieder aufgetaucht? In meiner Wahrnehmung haben tatsächlich Werber damit angefangen, und ich persönlich kann nicht nachvollziehen weshalb. Mir ist das von Anfang an aufgefallen, weil man tatsächlich über das Wort stolpert. Mir verursacht es Zahnschmerzen.

    Ab einem bestimmten Punkt haben sich Werber irgendwann darauf geeinigt, dieses unschöne Wort systematisch zu verwenden. Warum?

  2. Hmmm… ob der Niedergang der assimilierten *Z*erealien wohl mit dem gleichzeitigen Aufstieg der weit zweifelhafteren “Frühstücksflocken” zusammenhängt?

  3. dankeschön!

    Wieder sehr lehrreich hier, nicht zuletzt da ich bei den Zerealien auch immer etwas zucke und intuitiv die Nahrungsmittelindustrie und deren Kommunikatoren dafür in die Haftung nehmen wollte.

    Zumal der historisch-induktive Ansatz ja der gleichfalls intuitiven Abwehrstrategie das Wasser abgräbt, statt des ganzen Corn Flakes Zeugs doch wieder Müsli und Schwarzbrot zum Frühstück zu essen. Zerealien sind ja mindestens schon so lange im Gebrauch wie das Schwarzbrot … 🙂

  4. Ja, aber

    die heutigen Cerealien sind zum Teil vielleicht auf dem Weg in den Supermarkt an einem Feld vorbeigefahren worden und dort den Cerealien begegnet, die man im 18. Jh. meinte.

  5. Offenbar ist das Wort..

    …”Cerealien” auch in wissenschaftlichen Publikationen geläufig zu sein, zumindest findet man via Google Scholar zahlreiche deutschsprachige Publikationen, in denen der Begriff verwendet wird, so z.B.:

    Heimann, W. and Dresen, P. (1973), Über den enzymatischen Hydroperoxidabbau in Cerealien Enzymcharakterisierung und Reaktionsprodukte. Helvetica Chimica Acta, 56: 463–469.

    Oder auch:

    Werner Blaas, Manfred Kellert, Sigrid Steinmeyer, Reinhard Tiebach und Rudolf Weber: Untersuchung von Cerealien auf Deoxynivalenol und Nivalenol im unteren μg/kg-Bereich, in: ZEITSCHRIFT FÜR LEBENSMITTELUNTERSUCHUNG UND -FORSCHUNG A
    Volume 179, Number 2, 104-108.

  6. Dass C-/Zerealien schon lange im Deutschen heimisch sind, war mir nicht neu, wobei ich das Wort am ehesten als ernährungswissenschaftlichen Fachbegriff eingeordnet hätte.

    Ich mag das Wort ja irgendwie (A.S., Sie sind also nicht allein) und habe ein etwas albernes Vergnügen daran, irgendwelche Kelloggs-Flocken so zu bezeichnen oder “Cerealien” auf meinen Einkaufszettel zu schreiben, wenn ich deren Erwerb plane. Dies geschieht allerdings mit ca. 68,5 % ironischer Brechung und ist mit Sicherheit ein Reflex darauf, dass “die” “plötzlich” damit angefangen haben, ihr Zeug so zu nennen. Im Grunde immer noch ein Nachhall meiner Verwunderung bei der ersten Begegnung mit dem Wort auf einer Kelloggs-Packung, die im übrigen gut und gerne 15 Jahre her ist.

  7. Cerealienhass

    Für mich klang das Wort tatsächlich immer nach Werbefuzzisprech – und das wohl auch nicht zu unrecht, denn wenn man sich die Grafik anschaut, wurde das Wort ab den späten 80er/frühen 90er Jahren (nach einem kurzen Aufbäumen der “Cerialien”) so gut wie gar nicht mehr benutzt. Als Ende der 80er geborener Mensch kenne ich es also nur auch der Kinder-Country-Werbung, wo es, wenn ich mich recht erinnere, im Voice-Over auch noch von einem Kind gesagt wird, bei dem der Gebrauch des Wortes noch mal doppelt aufgesetzt wirkt.
    Ich kenne auch keinen einzigen Menschen, der sich ernsthaft “Cerialien” auf den Einkaufszettel schreibt. Daher würde ich schon sagen, dass das Wort – auch wenn es eine altehrwürdige Geschichte hat – heute eher Bestandteil der Werbe- als der Umgangssprache ist.

  8. und demnächst..

    .. auch wieder im Programm, weil Krieg im deutschen so einen fiesen Beigeschmak hat:

    Urlog oder auch Orolg.

    Dann kann der Verteidigungsminister auch Orlogminister heissen und unsere Niederländischen Nachbarn wissen auch gleich was er für einen Job hat 🙂

    Mal ehrlich, nur weil ein Wort alt ist muss man es doch nu nicht wirklich wieder einführen oder? Und für mich verhält es sich bei den Cerealien genauso wie man beim Bund auch das chargieren nicht mehr einführen wird.

  9. Prost!

    Von der sprachkritischen Öffentlichkeit Weitgehend unbemerkt hat sich die Göttin des Ackerbaus, Ceres, der die Cerealien ihren Namen verdanken, schon Jahrzehnte vor Kellogs und Co. in den deutschen Sprachraum zurückgeschlichen – dank Asterix und Obelix weiss jeder, was “Cervisia” ist.

    Ich plädiere von ganzem Herzen für eine Frühstücks-Cervisia zu den Frühstücks-Cerealien.

  10. Aber: Bedeutungsentlehnung

    Das frühe Cerealien im Deutschen scheint mir aber ganz allgemein ‘Getreide’ geheißen zu haben (so z.B. die 5 Verwendungen, die ich im DWDS-Kernkorpus für das 20. Jh. bis 1967 finde).
    Der Bedeutungswandel wird damit dann doch auf engl. cereal zurückgehen, wir haben es also mit einer semantischen Entlehnung zu tun, die zu einer Bedeutungserweiterung oder gar -verschiebung führte. (Das OED gibt als erste Frühstücksverwendung von cereal die USA und das Jahr 1899 an.)
    Wäre schick, wenn man zeigen könnte, wann die neue Bedeutung hinzukam, aber ich fürchte, das Books-Korpus ist dafür ungeeignet (weil Ernährungsfachbücher mit der Getreidebedeutung überrepräsentiert sein werden, mit der Müslibedeutung würde ich in Büchern hingegen kaum rechnen).

  11. Ähm… danke

    für die Solidaritätsbekundungen. Ich kann es nicht anders beschreiben als “körperliches Missempfinden”, welches von diesen Begriffen ausgelöst wird. Ist man kein Sprachforscher sondern eher “poweruser” der deutschen Sprache, lässt man sich halt von solchen Bauchschmerzen leiten, auch in der Bewertung einzelner Wörter.

    Die Wörter “Destinationen” und “Cerialien” sind ja auch nicht grundsätzlich zu verdammen. Mich stört jedoch insbesondere der wichtigtuerische Kontext, in dem sie verwendet werden.

  12. Pluraletantum?

    Ist ‘Cerealien’ eigentlich ein Pluraletantum? Ich kann mich nicht erinnern, jemals auf den Singular gestoßen zu sein.
    Im Übrigen kenne ich auch niemanden, der das Wort in der alltäglichen Kommunikation ohne gesprochene Anführungszeichen, den Vorsatz ‘sogenannte’ oder dergleichen verwendet.
    Es wäre vielleicht mal einen eigenen Artikel wert, ob die Urheber von “Werbefuzzisprech” eigentlich wissen, dass sich so vielen ihrer Adressaten bei ihren Wortschöpfungen die Nackenhaare aufrichten. Soll so etwas provozieren, damit es sich einprägt?

  13. Meiner Erfahrung nach – einige Jahre Werbemacher – stammen solche eher technisch anmutenden Begriffe tatsächlich von Kundenseite. Wenn es den CDs und Textern gefällt, weil z.B. emotional aufladbar, dann wird das gerne übernommen [oder wenn der Kunde darauf besteht].

    Es sollte jedem klar sein, dass ‘Kelloggs’, egal in welcher Verbindung, für fast alle Anbieter ausscheidet, auch wenn der Begriff inzwischen ebenso generisch verwendet wird wie Tempo, Kleenex oder Velcro. Die Vorschläge ‘Getreideflocken’ und Frühstücksflocken’ sind sperrig und nicht weniger technisch, sie referieren weniger auf die Handlung des Verbrauchers als auf die Herstellung der Ware. Das tut ‘Cerealien’ zwar auch, aber das Wort ist kryptisch genug, es neu aufzuladen; die gebildeteren Verbraucher kommen natürlich auch schnell auf die Göttin – immer eine verkaufsfördernde Verbindung.

    Ob der Verbraucher die gewünschte emotionale Bindung mitmacht ist nie sicher; das allgemeine Unbehagen bei ‘Cerealien’ zeigt, dass es nicht immer klappt. Ich vermute ja, dass es vor allem der scharfe Zischlaut mit dentalem Plosiv sowie die ungewöhnliche Häufung von Vokalen, das dicht liegende ‘r’ und ‘l’ machen uns das Wort doch sehr fremd, schwierig und wenig attraktiv.

  14. v

    Danke für diese Details, die mir neu waren. Die historischen Belege machen mir dieses Wort ein wenig erträglicher, doch angenehm wäre es mir wohl nur in einem anderen als dem üblichen und – wie Elmar Breitbach schon sagte – wichtigtuerischem Rahmen, in dem es lediglich der (scheinbaren) Aufwertung dient.

    Ich werde mich mit dem Eintrag “Zehrealien” auf meiner Einkaufsliste von der großen “C…”-Regalbeschriftung im Supermarkt ablenken.

  15. Also ich

    hab überhaupt kein Problem mit dem Begriff “Cerealien” (und ich schreibe es bewusst mit einem “C” am Anfang, weil ich es einfach hübscher finde, und CCH für das CongreßCentrumHamburg ist mir auch lieber als die nach Sick richtige Schreibweise KZH, das könnte historisch missverstanden werden und bedeutet außerdem bei der Bundeswehr “krank zu Hause”).

    Der Begriff “Cerealien” macht für mich durchaus Sinn (hups, schon wieder widersickt). Früher gab es nur Corn Flakes, und man nannte es eben einfach Corn Flakes. Dann kamen alle möglichen anderen Scheußlichkeiten dieser Machart auf den Markt (ich mag das Zeug durch die Bank nicht), also ist es doch nur sinnvoll, dieser Kategorie von Lebensmitteln einen Oberbegriff zu verpassen.

    Und dann hat irgendjemand, meinetwegen auch ein “Werbefuzzi”, überlegt, welcher Oberbegriff passend wäre. Tja, diese Produkte basieren ja zumindest irgendwie auf Getreide, also ist die Reaktivierung des Begriffs “Cerealien” durchaus sinnvoll.

    Übrigens hab ich auch mit der “Destination” null Problemo. Dieser Begriff bezeichnet ja eher für ein Reiseziel oder Reisegebiet, so wirbt eine Tourismusregion bei mir um die Ecke mit der Überschrift “Destination Fehmarnbelt”. Und “Destination München” ist doch viel schöner als “Franz-Josef-Strauß-Flughafen im Erdinger Moos ganz weit draußen vor dem eigentlichen Ziel, der Stadt München”.

    Doch, das macht schon Sinn…..

  16. Klapprechner ist ein wunderbares Wort, das ich sehr gerne verwende. Cerealien ist ein hässliches Wort, das ich nicht verwende – daran ändert auch die Antiquität des Wortes nichts. Deren Fehlen ist nie ein legitimer Grund, ein Wort zu verdammen; ihr Vorhandensein entschuldigt aber ebensowenig die Verwendung.

  17. Wunderbare Wörter

    @Herr Rau

    Mal sehen:

    Google [laptop site:herr-rau.de]
    Ungefähr 133 Ergebnisse (0,15 Sekunden)

    Google [notebook site:herr-rau.de]
    Ungefähr 22 Ergebnisse (0,22 Sekunden)

    Google [klapprechner site:herr-rau.de]
    Es wurden keine mit Ihrer Suchanfrage – klapprechner site:herr-rau.de – übereinstimmenden Dokumente gefunden.

    Ein wunderbares Wort, das Sie gerne verwenden? Aber mehr so im Geheimen, oder?

  18. Ich sage tatsächlich nach wie vor Laptop, einfach um das elektronische Gerät von dem Notebook, das ich mit Kugelschreibern bearbeite, sprachlich zu unterscheiden. Spreche halt viel englisch.

    Dass Cerealien so fremd erscheint, bringe ich damit in Verbindung, dass es einfach nicht wirklich an den Küchentisch passt. Welche Familie hat denn so viel Auswahl zuhause, dass die Frage fallen muss: “Welche Cerealien möchtest du?”. Die natürliche Küchenfrage ist doch: “Nimmst du Corn Flakes oder Frosties?”

    Den Oberbegriff braucht es im Supermarkt und in der Werbung. An den meisten Frühstückstischen dürfte er unnötig sein.

  19. @Frank: Die Häufigkeit im schriftlichen und mündlichen Sprachgebrauch dürfte bei vielen Wörtern verschieden sein… mehr noch der, ob man mit fremden oder bekannten Leuten spricht.

    Trotzdem natürlich: erwischt.

  20. Nachtrag

    Vielleicht sollte man sich neben den Cerealien auch mal den Vegetabilien widmen *duckundwegrenn*

    @ Joachim: “Welche Familie hat denn so viel Auswahl zuhause, dass die Frage fallen muss: “Welche Cerealien möchtest du?”

    Da könnte ich (leider) einige Namen nennen, wo das nötig wäre…

  21. Für mich

    ist das ja alles immer noch Müsli. Falls das aus der Mode gekommen ist, werde ich nun umso verbissener daran festhalten. Corn Flakes oder Frosties kommen bei uns jedenfalls nicht auf den Tisch.

  22. @Statistiker Also ich

    “Der Begriff “Cerealien” macht für mich durchaus Sinn (hups, schon wieder widersickt).”

    Ein Wort wird nicht bereits dadurch zum Bestandteil der deutschen Sprache, daß B. Sick etwas dagegen hat.

  23. @ Frank Wunderbare Wörter

    Mein damals vierjähriger Enkel hat mich vor einigen Jahren zu überreden versucht, mir einen “Klappkompjuta” zu kaufen. Das schien ihm die richtige Bezeichnung für dieses Ding, das er gesehen hatte, von dem er aber nicht wußte, wie es heißt.
    Ich habe noch niemand getroffen, der das nicht schöner fand als “Laptop” – “Klapprechner” ist auch schöner -, und doch sagt jeder, ich auch, “Laptop”. Wie kommt das?

  24. Dass sich das Wort im Deutschen – anders als im Englischen – nicht so recht durchgesetzt hat, dürfte zwei Ursachen haben:

    – die schwierigere Aussprache (selbst mir als deutschem Erstsprachler geht das englische “cereals” leichter über die Lippen, auch in einem deutschen Satz).

    – Die amerikanische Frühstückskultur kennt die entsprechenden Produkte länger und in größerer Vielfalt – dort ist es einfach wichtiger als bei uns.

  25. @ Ludwig Trepl @ Frank Wunderbare Wörter

    Nun, die meisten Menschen sind eben keine Lyriker und wollen nicht in erster Linie schön sprechen und schreiben, sondern reden eben so, wie sie glauben, dass die anderen auch reden. ‘Laptop’ versteht jeder, und ich kann nicht finden, dass das Wort z.B. wegen seiner Länge oder schwierigen Aussprache nach Ablösung schreit.

    Ich habe mal irgendwo gelesen, dass viele die Wörter ‘Wurst’ und ‘Brustwarze’ als hässlich empfinden. Für mich gilt das jedenfalls, und trotzdem würde ich sie nicht durch irgendwelche weniger gebräuchlichen ersetzen wollen, wenn ich nicht zufällig gerade ein Sonett schreibe.

    Übrigens mag ich persönlich das Wort ‘Klapprechner’ nicht besonders. Ich assoziiere dabei einen klapprigen Notbehelf, vermutlich wegen ‘Klappspaten’ und ähnlichen Bildungen.

  26. Dierk,

    Es sollte jedem klar sein, dass ‘Kelloggs’, egal in welcher Verbindung, für fast alle Anbieter ausscheidet, auch wenn der Begriff inzwischen ebenso generisch verwendet wird wie Tempo, Kleenex oder Velcro.

    Dass Kelloggs so generisch verwendet wird wie Tempo, wage ich zu bezweifeln. Wer sagt denn Wir brauchen neue Kelloggs? Im Übrigen habe ich Velcro noch nie im Deutschen gehört. Dazu sagt man m.E. fast ausnahmslos Klettverschluss.

  27. Macht Sinn

    @ Ludwig Trepl: Der Verweis auf B. Sick bezog sich auf den Ausdruck “Sinn machen”, nicht auf die Cerealien.

  28. Sehr interessanter Text, aber die Abbildung ist nichtssagend, solange die y-Achse unbeschriftet ist.

    [Wenn Sie dem Link folgen, kommen Sie zur Originalgrafik des Google Ngram Viewers, wo Sie beschriftete Achsen und auf Wunsch auch ausführliche Erklärungen der Methode finden. Außerdem können Sie dort eigene Wörter eingeben, um zu sehen, wie die sich in ihrer Häufigkeit entwickelt haben. Sehr zu empfehlen! (beachten Sie in Zukunft bitte auch, dass Kommentare ohne gültige E-Mail-Adresse hier normalerweise gelöscht werden). — A.S.]

  29. @ Statistiker Macht Sinn

    “Der Verweis auf B. Sick bezog sich auf den Ausdruck “Sinn machen”, nicht auf die Cerealien.”

    Das meinte ich ja auch. Cerealien ist zweifellos ein deutsches Wort, nämlich in seiner alten Verwendung – die einzige, die mir bis gestern bekannt war. Daß es auch im Jargon der “Werbefuzzis” vorkommt, wußte ich gar nicht, liegt wohl an meinen Eßgewohnheiten.

  30. Die Fuzzies sind überall

    Auch Journalisten tragen hauptberuflich dazu bei, dass der Fuzzisprech zunimmt. Sie sind, hinter den sogenannten Kreativen der Werbung, die Nummer zwei in der Rangliste der Schöpfer von Wörtern, die niemand braucht. Ich käme deshalb nie in die Versuchung, den Werbeheinis und diesen Schreiberlingen die Absicht zu unterstellen, schöne alte Wörter zu reanimieren. Meine Dankbarkeit hält sich deshalb in Grenzen.
    Während in der Werbung seit Jahren hauptsächlich der Denglischfuzzisprech regiert, verhält es sich bei den Presseakrobaten (mit Ausnahme der Sportreporter) etwas anders. Da sie sich mit Anglizismen nicht mehr hervortun können, weil die allgegenwärtige Werbung das Feld besetzt hält, kramen sie in der Mottenkiste der Sprache. Was sie dabei ausgraben sind Wörter wie etwa reüssieren und klandestin.
    Meiner Erinnerung nach, war es einst ein “Spiegel”-Redakteure, der alle Welt reüssieren ließ. Andere machten es ihm nach – und so hatte er mit der Ausgrabung eines Wortes aus dem 17. Jahrhundert den erhofften Erfolg nach Aufmerksamkeit und Beachtung. Vermutlich ist er darauf noch heute stolz. Ich musste den Begriff damals nachschlagen, deshalb erinnere ich mich an den Vorfalll so genau, und fand im Duden diesen Eintrag: “Veraltet für Erfolg haben.”
    Klandestin hat einen ähnlichen Weg genommen, hatte allerdings, so meine ich, ein nicht so langes Haltbarkeitsdatum wie reüssieren

    Sich über ein Wort zu ärgern, wäre albern, die verdiente Ohrfeige gehört den Schöpfern.

  31. irgendwie notwendig

    Das Wort – ich finde es auch sperrig – wird halt irgendwie benötigt. Die Leute, die mit der Herstellung und dem Vertrieb von Cerealien befasst, sagen wohl lieber “Cerealien” (oder auch “Frühstückscerealien”) also die entsprechende Produktgruppe mit “Müsli, Corn Flakes und son Zeugs” zu überschreiben.

    Ich brauche das Wort zum Glück nicht, wenn es zum Frühstück kein Marmeladebrot gibt, gibt es Müsli oder Porridge. Auf dem Einkaufszettel steht dann “Müsli” oder “Haferflocken” 🙂

    Britische Hotels preisen ihr Frühstücksangebot zum Beispiel mit “a wide variety of breakfast cereals” an. Machen deutsche Hotels eher weniger, oder?

    Herr Sick sollte sich mal dem Müsli zuwenden, falls noch nicht geschehen. Zum einen haben wir das Wort ja verfälscht bei der Übernahme aus der helvetischen Variante unserer Sprache, zum anderen gibt es das mit so schrecklichen Beinamen wie “Crunchy”.

  32. @ Ludwig Trepl: “Klappkompjuta”

    Schönheit ist erstens subjektiv – nicht jeder dürfte Ihr Empfinden hinsichtlich der Schönheit bestimmter Wörter teilen. Wörter sind nicht schön oder sonstwas, sondern werden von konkreten Personen zu konkreten Zeitpunkten als schön empfunden. Zweitens ist Schönheit in den allermeisten Situationen nicht das einzige Kriterium, das die Verwendung von Wörtern beeinflusst. Es gibt da Sperrigkeit/Griffigkeit, Coolness/Rückständigkeit, Verständlichkeit, Gängigkeit und wahrscheinlich noch andere. Als schön empfundene Wörter können sperrig, altmodisch und zumindest jüngeren Leuten kaum verständlich sein.

    Und wenn z.B. Laptop der zur Zeit gängige Ausdruck ist, benutzt man den eben, zumindest bei offiziellen Anlässen (etwa wenn man so ein Gerät erwerben möchte oder bei der Kommunikation mit der IT-Abteilung), auch wenn man Klapprechner, Rechenbrett oder sonstwas schöner findet. Schönheit kann man allenfalls dann zum Hauptkriterium machen, wenn man für sich selbst oder einen Kreis Gleichgesinnter schreibt, oder – wie oben erwähnt – Lyrisches, wo es mehr um Klang und Assoziationen geht als um konkrete Information.

  33. Interessanter Artikel

    Beim Lesen dieses Artikels wurde mir zum ersten Mal klar, dass mit Cerealien das Gericht selbst gemeint ist. Ich habe es bisher immer so verstanden, dass Cerealien die “Inhaltstoffe” von verschiedenen Müsli- und Flakes-Sorten sind; quasi à la “da sind Kohlenhydrate, Vitamine und Cerealien drin”.
    In der Tat habe ich bisher noch niemanden (bewusst) sagen hören, er esse Cerealien zum Frühstück; als Oberbegriff kenne ich nur Müsli (für die (subjektiv) gesünderen Varianten) und [Corn-]Flakes (für alles ungesunde, was Kellogg’s so im Sortiment hat; auch für nachahmende No-Name-Produkte).

  34. Ob Ce- oder Zerealien

    Als ob’s gestern wäre – ein Ce- oder Zeralien-Gespräch über Bücher hinweg:

    Die frühesten Beispiele – ob Cerealien oder Zerealien – im 20. Jh. (Schon in den 20zigern verliert sich die Wortspur sehr schnell. Erstaunlich. Verwendete man/frau diesen Kollektivbegriff nicht mehr…, weil das Frühstück stärker “verbrotet” wurde, mit allen Formen: Brötchen, Wecken, Schrippen usw. – Entsprechend den Spezialisierungen in den sich entwickelnden Bäckereien.

    Georg Hermann:
    „Aber es war niemand zu sehen, niemand zu finden, keine Seele; trotzdem irgendwo hinten in einem Winkel bei einem Schuppen Wäsche hing. Nur die Blumen standen in kleinen Reihen dicht und schweigsam um das Häuschen, Narzissen und Stiefmütterchen, Maiglöckchen und bunte Zerealien . Und sie leuchteten schon grell und unirdisch in der beginnenden Dämmerung, die hier unter den Bäumen eben ihre ersten Schatten breitete.“
    (Hermann, Georg [d.i. Georg Hermann Borchardt], Jettchen Gebert, Berlin: Fleischel 1906, S. 231)

    M.A. Dressler:
    „Einen großen Fehler begehen Frauen, wenn sie glauben, durch Genuß mehlhaltiger Speisen, Mehltrank etc. die Milchabsonderung anzuregen, alle Cerealien (Körnerfrüchte) haben zu wenig Kalk und Natron, schließlich wird es auch der Milch an diesen Stoffen fehlen und das Kind schlecht ernährt und krank werden. Viel besser ist es für die Mutter, sich mehr an Obst und grüne Gemüse, Milchgemüse und Kompott zu halten und besonders Fleischbrühen, Bohnenkaffee, Tee und alkoholische Getränke zu meiden.“
    (Dressler, M. A., Was jede Frau wissen sollte!, Dresden: Selbstverlag 1903, S. 14 )

    Gefunden über den Kernkorpus bei
    http://www.dwds.de

  35. @gnaddrig @ Ludwig Trepl: “Klappkompjuta

    “Schönheit ist erstens subjektiv ” – schon, aber doch zu einfach. Zumindest müßte man berücksichtigen, was in der philosophischen Tradition als “Sinnengeschmack” vs. “Reflexionsgeschmack” unterschieden worden ist. Das rückt manches in ein ganz anderes Licht.

    Ansonsten beschreiben Sie m.E. schon richtig, was die Gründe dafür sein können, warum man auf die Schönheit unter manchen Bedingungen wenig Rücksicht nimmt. Interessant fände ich aber vor allem, warum, trotz heftigster Abneigung z. B. dagegen, sich die Sprache davon bestimmen zu lassen, ob sie weltläufig oder “cool” wirkt, man das doch tut (wie sonst würde sich dann der Erfolg englischer Wörter erklären?).

  36. Dass es sich bei Cerealien um einen Latinizismus und keinen Anglizismus handelt, war mir gefühlsmäßig schon immer klar.

    Meine persönliche Ablehnung dem Wort gegenüber rührt aus der gleichzeitigen Verwendung mit “das beste aus der Milch” (was offensichtlich Milchpulver ist).
    Wenn Cerealien als Kategoriebezeichnung für Frühstückscerealien verwendet wird, gehts ja noch. Frühstücksgetreide klingt halt wirklich nicht so schön.
    Aber wenn das Müsli Cerealien enthält, dann isses halt Werbefuzzisprech, weil einfach Getreide gemeint ist. Das Wort ist nicht bäh, aber die Vorstellungen, die man damit verknüpfen will: Vitamine, Gesundheit, wichtige Mineralien. Viiiiel gesünder als einfaches Getreide!

  37. Zerealien

    Ich war bei dem Wort schon immer schmerzbefreit, weil ich es (nicht über die lateinische Wurzel nachdenkend) für einen guten Anglizismus hielt: Immerhin ist er ein Oberbegriff für allerlei Mampf, der der deutschen Sprache sonst fehlen würde. Corn Flakes sind halt kein Müsli usw.

  38. serials

    In einem berliner Café haben sie einen Abschnitt der Frühstückskarte mit dem Wort “Serials” überschrieben. Fand ich sehr ironisch, es war nämlich ein englisches Café.

  39. “Ärgern wir uns wirklich über das Wort, oder machen wir es zum Sündenbock für unseren Ärger über Milchschnitte und Kellogs Frosties?”

    Ich gehe mal davon aus, dass das keine rhetorische Frage sein soll 😉

    Also, ja, ich ärgere mich über dieses Wort. Es liest sich für mich wichtigtuerisch. Als hätten die Werbefuzzis aus einem Fremdwörterlexikon ein unwahrscheinlich toll klingendes Wort für “Getreide” herausgesucht.

    Dass es ein Anglizismus ist, habe ich übrigens durch diesen Artikel erst gelernt. Da hat mir mein frankophoner Migrationshintergrund wohl eine direkte Übernahme aus dem Französischen oder Lateinischen suggeriert.

    Ich selbst sage übrigens “Cornflakes” 😉 oder halt “Müsli”, so oft brauche ich dafür auch keinen Oberbegriff.

  40. Die volle Härte des Schleims

    Tserealien mit “z”… wie kann man nur!?

    Was bei der Statistik (die zwei Grafen Graphen) untergeht (durch Nichtbeachtung) ist:

    WO das Wort auftaucht
    WER die Zielgruppe ist
    WAS die Alternativwörter sind (bzw. die sprachlichen Umschreibungen)

    The Cereal Killer ist doch nur so heliobacterpylorisch, weil es KEIN Fachbegriff aus der Lebensmittelchemikerszene ist, sondern Werbemist, der 1 zu 1 aus den USA übersetzt wurde, wo “cereal” auch ein umgangssprachlich bekannterer Ausdruck ist, denn “corn” ist Mais, was im Nachkriegsdeutschland lange Gesichter verursachte…

  41. @impala Re: Velcro

    > Im Übrigen habe ich Velcro noch nie im
    > Deutschen gehört. Dazu sagt man m.E.
    > fast ausnahmslos Klettverschluss.

    Das stimmt so nicht. Kletterschuhe zum Beispiel werden in aller Regel als Velcro- oder Schnürschuhe verkauft. Oder eben als Slipper, wozu man wohl auch besser nicht “Schlüpfer” sagt.