April, April (2012 Edition)

BLOG: Sprachlog

Alle Sprachgewalt geht vom Volke aus
Sprachlog

Wie jedes Jahr präsentiere ich auch heute vier scheinbare Aprilscherze zum Thema „Sprache“, von denen aber drei die reine Wahrheit und nichts als die Wahrheit sind. Dabei geht es in diesem Jahr um kuriose Lehnwörter.

Wer findet den echten Aprilscherz?

  1. Im Japanischen nennt man die „Windschutzscheibe“ furontogarasu — abgeleitet vom Englischen front glass (im Englischen selbst heißt sie wind screen/shield).
  2. Im Navajo sagt man zu einer „Massenkarambolage“ ná’oolkilí — abgeleitet vom Englischen nearly all killed.
  3. In manchen Dialekten des Swahili ist kiplefti das Wort für „Kreisverkehr“ — abgeleitet vom Englischen keep left (in Kenia und Tansania gilt Linksverkehr).
  4. Tok Pisin hat das Verb bagarapim mit der Bedeutung „kaputtmachen“/„zerstören“ — abgeleitet vom Englischen to bugger up.

Wie in den Vorjahren gilt: Zuerst den eigenen Tipp abgeben, dann die Kommentare der anderen lesen (einmal im Jahr ist es sinnvoll, dass das Kommentarfeld über den Kommentaren platziert ist). Außerdem sollten Sie Ihre Vermutungen so äußern, dass Sie anderen nicht den Ratespaß verderben. Das heißt z.B.: Bitte keine Verknüpfungen auf Wikipedia oder sonstige Nachschlagewerke.

Die Auflösung gibt es morgen.

Anatol Stefanowitsch

Nach Umwegen über Politologie und Volkswirtschaftslehre habe ich Englische Sprachwissenschaft und Sprachlehrforschung an der Universität Hamburg studiert und danach an der Rice University in Houston, Texas in Allgemeiner Sprachwissenschaft promoviert. Von 2002 bis 2010 war ich Professor für Englische Sprachwissenschaft an der Universität Bremen, im August 2010 habe ich einen Ruf auf eine Professur für anglistische Sprachwissenschaft an der Universität Hamburg angenommen. Mein wichtigstes Forschungsgebiet ist die korpuslinguistische Untersuchung der Grammatik des Englischen und Deutschen aus der Perspektive der Konstruktionsgrammatik.

60 Kommentare


  1. [Kommentar vorläufig gelöscht wegen akuter Spielverderberei. Wird morgen wieder hergestellt.]

  2. Nr. 2 ist m.E. sehr weit hergeholt. Bei den drei anderen kann ich relativ leicht eine häufige Verwendung erkennen, die ein Lehnwort rechtfertigen könnte. Massenkarambolagen kommen ja nun nicht so häufig vor…

  3. Mein Tipp

    Ich vermute: “2”, allerdings aus einer logischen Erwägung heraus: Ich kann mir in der Navajo Nation und den anderen Regionen, in denen ausgedehnte Siedlungsgebiete von Navajo-Sprechern sind, keine Verkehrsdichte vorstellen, in der massenkarabolages so häufig wären, dass man dafür ein Wort bräuchte.

    Ich erwarte allerdings, dass die Navajo einen eigenen Begriff für “betrunkener Fahrer kommt mit überladenem, nicht verkehrstüchtigem Fahrzeug von der Straße ab und legt Saguaro-Kaktus um” haben.

    Im Japanischen gibt es eine Menge Lehnwörter, wobei die Übertragung nicht immer geglückt ist. “shuu kuriimu” beispielsweise ist nicht etwa, wie man vermuten könnte, Schuhcreme, sondern ein mit einer cremigen Masse gefülltes Gebäck, abgeletet vom französischen “Choux à la crême”.

  4. @Ludowac

    Was an “keine Linke zu Nachschlagewerken” hast Du nicht verstanden? Spielverderber. 🙁

  5. einmal im Jahr ist es sinnvoll…

    …die Kommentarfunktion für einen Tag abzuschalten. 😉

  6. Nummer 1

    wäre zu einfach, oder? Berühmt ist ja das Lehnwort arubaito Nebenjob.
    Deshalb tippe ich auf die 3.

    (Apropos: Warum heißt die Firma “car glass” in englischsprachigen Gebieten “auto glass”?)

  7. @Michael Khan

    Hm, andererseits läuft die Interstate 40 direkt durch Navajo County (Google Maps) — und das ist die meistbefahrene Ost-West-Verbindung der USA (sie ersetzt unter anderem die alte Route 66).

    Ich votiere für 3 — das klingt zu sehr nach „Der eingeborene Wilde versteht die Verkehrsregeln nicht“.

  8. Navajo

    Nr. 2
    Ich kann mir in den Regionen beim besten Willen keine Massenkarambolagen vorstellen, so ganz spontan und unwissenschaftlich überlegt und die Herleitung klingt nicht stimmig.

  9. Hmm…

    Ich vermute mal 2., wegen einer diffusen Irritation darüber, warm sich die Anzahl der Toten im Namen niederschlagen sollte.

  10. Ich glaube, die Nummer 2 ist der Scherz. Ich denke nicht, dass es in Navajo einen eingenständigen Begriff für Massenkarambolage gibt. Da erscheinen mir die anderen Begriffe wahrscheinlicher.

  11. Mein Tipp: Nummer 2

    Das, was ich über Navajo gehört habe, ist Navajo eine Sprache die noch sauberer gehalten wird als Französisch und Isländisch zusammen. Deswegen wurde sie ja im Krieg als Chifriersprache benutzt (da keine Fremdwörter). Es ist auch eine deskriptive Sprache. Ich würde eher (für Massenkarambolage), eine Umschreibung im Stile “viele Dinge sind an einem langen Weg ganz doll kaputt”

  12. Nr. 2 scheint der beliebteste Kandidat zu sein – dabei wurden die Navajo Code Talkers ja schon erwähnt. In diesem Zusammenhang könnte ich mir eine derartige Entlehnung schon vorstellen …
    Einen besseren Vorschlag habe ich allerdings auch nicht, da müsste ich raten.

  13. Stefan

    Ich tippe auf 2.

    1. Japanisch ist bekannt dafür, dass sie Fremdwörter gerne einjapanischen.

    2. Navajo wurde bekanntermaßen im 2. WK benutzt, danach aber soweit ich weiß am aussterben. Glaube nicht, dass sie ein so ungebräuchliches Wort in ihre Sprache aufgenommen haben.

    3. Swaheli scheint mir aufgrund der Kolonialgeschichte Afrikas wahrscheinlich (aber hatten die dann nicht linksverkehr?)

    4. Tok Pisin kenne ich nicht, aber ich glaube Herr Stefanowitsch hat absichtlich so eine Unbekannte Sprache mitaufgenommen, dass alle denken das wärs 😛

  14. Logisch ist das wohl kaum heraus zu bekommen. Mein Navajo ist genauso schlecht, wie mein Japanisch – und wie die Japaner verstehe ich Navajo nicht. Anders als Nicholas Cage tauche ich aber nicht dauernd in schlechten Filmen auf.

    Kann mir jemand sagen, wie spät es ist?

  15. Ich glaube, die japanische Frontscheibe ist falsch. Die Japaner produzieren – glaube ich – seit den 30er-Jahren Autos und das war keine Zeit, in der sie englische Begriffe übernommen hätten. Ist das ein überzeugendes Argument? Bin gespannt.

  16. Ich vermute mal 2., denn das wäre doch sehr makaber, und die Entstehung des Wortes könnte ich mir nicht wirklich vorstellen.

  17. Tipp

    Nummer 2.

    Nummer 1 ist so wunderbar vokalharmonisch, 3 bezieht sich auf eine kleine Dialektgruppe, das wäre zu wenig “Ach so?!” und Angebot 4 weist ja auch wieder Vokalharmonie auf – die selbstverständich auch gut konstruiert sein könnte 😉

  18. @ Stefan

    Abgesehen davon, wie unbekannt Tok Pisin ist, ist es auch eine Kreolsprache. Diese entstehen, wenn erst aus irgendwelchen Gründen Menschen zusammenkommen und kooperieren müssen, die keine gemeinsame Sprache haben (sie behelfen sich mit Brocken ihrer eigenen Sprache, ua werden Phrasen, auch idiomatische Ausdrücke, dabei von den Nichtsprechern oft als Wörter interpretiert und so übernommen) – und dieses behelfsmäßige Sprachgemisch, ein Pidgin, dann von Kindern als Erstsprache erworben wird. Dabei wird irgendwann eine vollwertige Sprache draus mit allen Eigenschaften, die sowas eben hat. Das Vokabular bleibt dabei so, hm, interessant. bagarapim würde tatsächlich ins Bild passen.
    (Natürlich kann auch das eine schöne, regelgeleitete Irreführung sein. Hier ist wohl alles möglich.)

  19. Nr2

    Ich habe über 1., 3. und 4. schon mal was gehört oder gelesen, falls ich mich nicht sehr täusche, deshalb denke ich, dass der Navjo-Begriff der Scherz ist, habe aber keine Ahnung, wieso. Gibt es dort vielleicht keine Lehnwörter aus dem Englischen?

  20. Aprilscherz

    Ich tippe auf Nr.4. Die Verbendung -im kommt mir schräg vor, zumal Tok Pisin keine Konjugation kennt. Ich nähme an, dass ein Verb aus dem Englischen daher a) die Schreibweise beibehalten würde, also: bugger up geschrieben wäre, und dass es im Pigin die Endung -im nicht gibt für eine Infinitiv-Form.

  21. 3. scheint mir unwahrscheinlich. Nach dem Nominalklassensystem des Swahili sollte dieses Wort zur Ki-Klasse gehören, in der sich hauptsächlich Bezeichnungen für Werkzeuge und sonstige Artefakte befinden, wenn auch bei weitem nicht exklusiv (Sprachen, wie etwa kiswahili gehören auch hinein). Den Begriff des Linksverkehrs würde man vermutlich eher mit einem Substantiv der N-Klasse bezeichnen, in der sich wohl generell viele englische Lehnwörter aufhalten.

    Außerdem bin ich mir gerade nicht sicher, ob die Konsonantenfolge “pl” im Kiswahili phonologisch überhaupt möglich ist. Ich kann mich jedenfalls nicht definitiv an ein Wort erinnern, in dem sie vorgekommen wäre (bin aber auch nur wenig über die umfangreiche Menge von Grußfloskeln hinausgekommen).

  22. Highway 40

    Ich gebe die Suchbegriffe “Interstate 40 Navajo” in Google Image ein und sehe diese Bilder.

    Massenkarambolagen? Ja, klar.

    Abgesehen davon ist die Massenkarambolage wohl eher nicht die Art Unfall, die sich primär dadurch kennzeichnet, dass man eine gering Überlebenschance hat. Das wäre wohl eher bei einer Frontalkollision der Fall.

    Bestimmt haben die Navajo dafür ein Wort. Wahrscheinlich sogar “ná’oolkilí”

    Schnell den Google translator angeschmissen, Ausgangssprache Englisch, Zielsprache Navajo, links “head-on collision” eingegeben, und siehe da, es ist “ná’oolkilí”.

    Dachte ich’s mir doch. Da hat Anatol sich einfach nur vertan.

  23. @s

    Ich bin kein Linguist, ich hoffe man verzeiht mir mein Unwissen zu südostasiatischen Kreolsprachen. Man durfte ja nicht googlen :). Jetzt weiß ich mehr :).

  24. Schwierig…. wie jedes Jahr…

    Hmmmmm, ich schwanke zwischen 1 und 3. 1 passt phonetisch am schlechtesten, 3 ist einfach so naheliegend richtig, das könnte eine Falle sein…. Ich tipp mal auf 3, das sit so offensichtlich wahr, das es gelogen sein muss….

  25. Brad Pitt auf Japanisch

    @Anton Maier: Die in Japan übliche Bezeichnung für Brad Pitt ist “burapi”. Die japanische Zunge schlingt sich nicht gern um Konsonantenhäufungen und löst diese durch Einfügen von Vokalen oder Weglassen oder beides.

  26. @Michael Khan

    ich hatte das in erinnerung aus “kilians podkost”

    ÖéÃÉûÔÃÈ
    das ist die umschrift in kana aus dem japanischen wikipedia, romanji umschrift heißt dann ungefähr:
    burasido pisito
    das burapi ist die verniedlichung. dennoch war meine erinnerung falsch

  27. Ich vermute, das 2. falsch ist, denn es besteht kein logischer Zusammenhang zwischen einer Massenkarambolage und der relativen Zahl der darin verstorbenen Menschen, die das Wort bildet.

  28. @Anton Maier

    Doch, das gibt’s leider, dass das uns hier zugemutete System keine japanischen Schriftzeichen darstellen kann. Glauben Sie mir, an Beschwerden seitens der hier Bloggenden mangelt es nicht aufgrund der Unzulänglichkeiten von “LifeType”.

    Sie haben übrigens ein Zeichen in der Katakana-Umschrift falsch interpretiert, und zwar das “Spannungs-tsu”, nicht “shi/si” vor dem “do” des Vornamens un dem “to” des Nachnamens. “shi” sieht so ähnlich aus, aber doch anders. Das “spannungs-tsu” wird selbst nicht ausgesprochen, es macht nur den nachfolgenden Konsonanten doppelt bzw. den davorstehenden Vokal kurz: “buraddo pitto”.

  29. 2

    Für mich tönt 2 am wenigsten glaubwürdig, denn bei einer Massenkarambolage muss es ja nicht viele Tote geben so langsam wie die Amis fahren.

  30. Mein Tipp

    Ich tippe auf Option 2.: Navajo.
    Meine Begründung ist mehr so ein Gefühl. Navajo gilt als so schwierige/ungewöhnliche Sprache, dass sie im 2. Weltkrieg als Code-System betrieben wurde. Da würde mich eine so simple lautliche Übernahme sehr wundern. Zudem finde ich die Übernahme einer so unspezifischen Wendung wie “nearly all killed” für etwas so spezifisches wie eine Massenkarambolage unwahrscheinlich, zumal Massenkarambolagen wahrscheinlich ein recht modernes Phänomen im Lebensraum der Navajo sind.
    Ich nehme an, seine Glaubwürdigkeit soll Lösung 2 daraus beziehen, dass Indianer der Legende nach Namen wie Der-mit-dem-Wolf-tanzt tragen, demnach Ereignisse auch nach einem Geschehen wie nearly-all-killed benannt sein könnten. Dem kann ich aber nicht so recht folgen.

  31. Tipp

    Ich habe die Frontscheibe vermutet (Anspielung an “bakkushan”?) bis ich dann die Nr. 2 gelesen habe. Die accents aigus sooo placiert? Nimmer!

  32. Navajo…

    … markiert mit diakritischen Zeichen seine 4 Töne und Nasale. Das ergebnis macht Tick-tack und hängt an der Wand.

  33. @Michael Khan

    ja das hatte ich mir schon gedacht, dass das tsu nicht mit ausgesprochen wird. ist aber auch schon was her als ich das gelernt hatte

  34. Vier

    Ich vermute Nummer 4 aus ganz anderen Gründen: ich kann ganz gut Englisch aber ich finde die angegebene Bedeutung ziemlich obskur: ich kannte die Genau genommen gar nicht.

  35. @ David

    “kiplefti” sieht man öfters als Beispiel für ein Fremdwort, das in Klasse 7 (ki-) eingefangen wurde. Sucht man danach, findet man es höchst selten — wohl weil es wenig Kreisverkehre in Ostafrika gibt — und dann meist in Klasse 9 (n-). Also ein schlechtes Beispiel, besser wäre etwa kilabu (engl. Club), kitabu (arab. Buch) oder in Klasse 3 (m-/mi-) musuli (engl. Muskel).

    -pl- und -ft- sind in der Tat unpassend für Swahili-Phonologie, aber das passendere “kipulefti” findet man noch seltener. Bei Fremdwörtern gibts sowas öfters; die Anpassung durch angehängtes -u (nach Labiallauten) oder -i (sonst) passiert meist nur am Wortende.

  36. Ich tippe auf 2), und zwar aus drei Gründen:

    1) Ich kann mir nicht vorstellen, dass es im im Navajo überhaupt ein Wort für “Massenkarambolage” gibt.

    2) Die Erklärung für das Wort scheint mir sehr weit hergeholt. Es gibt viele Massenkarambolagen, die glimpflich ausgehen (für die Menschen, nicht die Fahrzeuge).

    3) Die anderen drei Fremdwörter erscheinen mir logisch.

  37. @ Peer

    “”Morgen” scheint ein sehr dehnbarer Begriff zu sein”

    Noch nie in den April geschickt worden?

    Ich halte 1,2,3 und 4 für falsch.

  38. Alles ist schonmal nicht falsch, denn zumindest das japanische Beispiel stimmt. Wenn, dann ist alles richtig, was aber auch ein ziemlich formidabler Aprilscherz wäre. Und AS lacht sich ins Fäustchen darüber, wie alle den vermeintlichen Fehler suchen 😛

  39. 1.04 ist vorbei

    Im nachhinein habe ich doch Tante Google bemüht. Tatsächlich existieren alle Begriffe, aber eine Übersetzung ist falsch.