Significant Details: Archäologie mit Irrtum

Die ursprüngliche menschliche Ernährung gab es nicht“, sagt Eva Rosenstock. Als Archäologin hält sie wenig von Ernährungstipps, die sich pauschal auf „früher“ berufen. „Ob die damals Vollkornbrot gegessen haben oder nicht, das müssen wir erstmal klären.“
Eva Rosenstock leitet die Nachwuchsgruppe „Lebensbedingungen und biologischer Lebensstandard in der Vorgeschichte“ an der Freien Universität Berlin und weiß, dass man auch innerhalb der Archäologie sehr leicht seinen eigenen Geschichten aufsitzen kann. In ihrem Büro hängt darum – im goldenen Rähmchen von Omas Dachboden – das Portrait eines prominenten britischen Archäologen. „Dem ist nämlich genau das passiert“, sagt sie. Er sei von seinen eigenen Deutungen immer sehr überzeugt gewesen und auch sehr gut darin, sie der Öffentlichkeit zu präsentieren. „Und dann setzt sich ein Bild von der Vorgeschichte fest, das wir so genau eigentlich gar nicht kennen. Eine vorgetäuschte Sicherheit.“

Eigentlich wollte Eva Rosenstock nie Archäologin werden, obwohl oder gerade weil, ihre beiden Eltern auch Archäologen waren. „Nein, brotlos! Und dann wird man arbeitslos, nein, das mach ich nicht.“ Stattdessen: Landwirtschaft. Im Interview erzählt sie, wie sie dann doch den Weg in die Archäologie gefunden hat, welche Rolle Troja dabei spielte, wie es ihr als Frau bei den Grabungen ergangen ist und wie sie gelernt hat, die Unsicherheiten, die der Beruf der Archäologin mit sich bringt, zu ertragen.

Mein Name ist Kerstin Hoppenhaus. Ich habe Biologie studiert und später Wirtschafts- und Wissenschaftsfilm an der Filmakademie Baden-Württemberg. Neben zahlreichen Beiträgen für Wissenschaftsmagazine im öffentlich-rechtlichen Fernsehen (SWR, 3sat, ZDF) habe ich Dokumentarserien für Arte und die ARD als Regisseurin realisiert. Seit dem Frühjahr 2011 bin ich außerdem als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Leuphana Universität Lüneburg tätig. Die Aluscheibe am Schlüsselbund im Profilbild ist mein eigenes "signifikantes Detail": eine Spindmarke aus dem VEB Braunkohlekombinat Bitterfeld, die ich vor fast zwanzig Jahren gefunden habe, als ich als Werksstudentin am Bauhaus Dessau gearbeitet habe. Damals war ich noch Biologin und in meiner Arbeit ging es eigentlich um die Wasserkäferfauna in der Muldeaue. Aber die Muldeaue ist eingebettet in eine großartige Landschaft voller Widersprüche, mit Gärten und Parks, riesigen Braunkohlerestlöchern und Seen, Abraumhalden und zahllosen alten, oft sehr traditionsreichen Industrieanlagen. Und diese Landschaft interessierte mich mindestens so sehr wie die Käfer. Als ich anfing in Dessau zu arbeiten, waren die meisten der Industriebetriebe schon geschlossen. Übrig waren nur noch stillgelegte Maschinen, verlassene Werkhallen und kilometerlange Rohrleitungen in unterschiedlichen Stadien des Verfalls. Tagelang bin ich mit Kollegen vom Bauhaus durch diese "stalkereske" Szenerie gezogen und ich glaube, dass ich in dieser Zeit angefangen habe, mich für das Dokumentarische zu interessieren. Seltsamerweise habe ich aus dieser Zeit kaum Fotos und so ist die kleine Spindmarke eins meiner wenigen greifbaren Erinnerungsstücke aus dieser Zeit. Ich halte sie in Ehren.

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