Lifestyle PhD Student – Einmal Grundlagenforschung und zurück?!

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Graduation Goggles. Das ist der englische Ausdruck für die rosa-rote Brille die man trägt, wenn man beispielsweise nach dem Abschluss auf seine Schulzeit zurückblickt und feststellt, dass es doch eine sehr schöne Zeit war, auch wenn es sich währenddessen eventuell anders angefühlt hat. Nach vier Jahren Doktorarbeit schaue ich nun zurück und lasse das Ein oder Andere noch einmal Revue passieren. An dieser Stelle warne ich schon mal davor, dass manche beschriebenen Eindrücke durch meine Graduation Goggles betrachtet werden.

Als ich mich vor vier Jahren dazu entschloss eine Promotion anzufangen, war das vor allem meiner Neugier geschuldet. Der Reiz in die Welt der Grundlagenforschung einzutauchen, an Problemen zu tüfteln und Dinge herauszufinden, auf die bisher niemand eine Antwort kannte, war eine sehr aufregende Vorstellung (höchstwahrscheinlich kannte auch niemand die Frage). Die Arbeit hat sich rückblickend tatsächlich als so spannend erwiesen, wie ich sie mir vorgestellt habe. Allerdings muss ich zeitgleich zugeben, dass man als Anfänger trotzdem keine reale Vorstellung von dem hat, was einen erwartet.

Was ist es also, was einen in der Promotion (in meinem Fall im Fachbereich der Immunologie) erwartet? Wie sind der Lifestyle und der Forschungsalltag eines Doktoranden geprägt?
Der Einstieg in dieses Leben lässt sich am besten mit dem Sprung ins kalte Wasser versinnbildlichen. Nichts anderes war es auch in meinem Fall. Ich kam mit einem romantischen Bild der Forschung direkt von der Uni in den Forschungsalltag des Max-Planck-Instituts in Freiburg. Während es in den Vorlesungen im Studium relativ klare Differenzierungen zwischen richtig und falsch gab, fand ich ein eher verwaschenes Bild in den Seminaren sowie den wissenschaftlichen Publikationen der Forschung vor: Im Gegensatz zu einer eindeutigen Theorie liegen viel häufiger kontroverse Meinungen vor, die sich auf verschiedenste Experimente stützten und teils hitzig diskutiert werden. Eine der wichtigsten Fähigkeiten, die man schnell erlernen muss, ist die kritische Auseinandersetzung mit den eigenen Ergebnissen und deren Einordnung in die verschiedensten Blickwinkel der wissenschaftlichen Gemeinde. Das ist ein bisschen so wie im Politikbetrieb, wo auch teilweise sehr unterschiedliche Meinungen aufeinander prallen – im wissenschaftlichen Betrieb gehen diese Sichtweisen jedoch auf Experimente zurück. Es ist eine der größten Herausforderungen für junge (und alte) Forscher seine Experimente rational und emotionslos zu interpretieren. Dies gilt gerade in Situationen in denen man die Experimente schon mit einer gewissen Erwartungshaltung durchführt. Dementsprechend muss man lernen mit einem wesentlichen Maß an Ungewissheit leben zu können, denn es ist jederzeit möglich, dass ein neues Experiment ein Altes komplett in Frage stellt. Es dauert einige Zeit bis man das Selbstvertrauen und die Fähigkeiten entwickelt, um seinen Forschungsergebnissen auch wirklich zu vertrauen bzw. diese realistisch einschätzen zu können. Ein Beispiel aus meiner eigenen Erfahrung: Zu Beginn meiner Doktorarbeit habe ich B-Zellen mit verschiedenen Inhibitoren behandelt und mir dann die Signalleitung in den Zellen angeschaut. Ich habe natürlich erwartet, dass die Signale schwächer werden, die Zellen wurden schließlich inhibiert. Bei einem Inhibitor habe ich aber das genaue Gegenteil beobachtet: Das Signal wurde stärker, und heute weiß ich, dass das ein richtiges Ergebnis war.

Dass Forschungsergebnisse auf verschiedene Arten ausgelegt werden können und die Argumentation für eine bestimmte Interpretation wichtig ist, verleiht aber auch einiges an Freiheit. Da jedes Vorgehen kritisch hinterfragt wird, ist es am sinnvollsten, das eigene Vorgehen und die wissenschaftliche Fragestellung so auszuwählen, dass man bestmöglich argumentieren kann. In anderen Worten, man kann seinen eigenen Interessen folgen, da man diese selbst auch am besten darlegen und erklären kann. Verbindet man sein inneres Interesse an der Sache noch mit einem gewissen Maß an Frustrationstoleranz (denn Hand aufs Herz, der Großteil der Experimente geht immer schief), kann man doch ein bisschen in diese romantische Forschungswelt eintauchen. Dies soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass es viel Arbeit bedeutet, seine eigenen Experimente zu entwerfen und durchzuführen. Oft steht man früh morgens und spät abends im Labor, sicherlich auch mal am Wochenende. Aber wer die eigene Begeisterung mitbringt, dem wird das nichts ausmachen. Ganz im Gegenteil, derjenige macht das sogar gerne. Der Lifestyle eines Doktoranden ist also arbeitsintensiv, aber auch selbstbestimmt. Gleichzeitig gehört man einer kleinen, eingeschworenen Gruppe an, die diese Leidenschaft teilt und die Erfahrung intensiviert. Diese Gruppe ist ein wesentlicher Bestandteil und prägt die Erfahrungen während der Doktorarbeit sehr stark. Wie ich bereits im Beitrag zum innovativen Arbeitsumfeld geschrieben habe, ist es für die Kreativität förderlich, wenn das Umfeld möglichst vielfältig ist. In diesem Sinne ist eine internationale Gruppe, die viele verschiedene Hintergründe vereint, ein großer Vorteil.

Damit haben wir jetzt quasi Brot und Butter des Lifestyles. Das Ganze schmeckt natürlich mit ein bisschen Belag noch besser. Dieser Belag besteht aus einer Vielzahl von Seminaren, internationalen Konferenzen, Summer Schools und anderen Arten von Interaktionen mit Wissenschaftlern aus der ganzen Welt. Nie zuvor in meinem Leben hatte ich die Möglichkeit mit Menschen aus so vielen Ländern in Kontakt zu kommen, die alle durch eine gemeinsame Begeisterung angetrieben werden. Und genau diese Kontakte, zusammen mit der Möglichkeit seine eigenen Ergebnisse präsentieren und diskutieren zu können, waren eine der wertvollsten Erfahrungen der letzten vier Jahre. Da ist sie wieder, die Romantik.

Am Ende der Promotion ist es nun aber auch an der Zeit ein Fazit zu ziehen, die Graduation Goggles abzulegen und eine Entscheidung zu treffen, wie es weitergehen soll. Was ist es schlussendlich, was in der Wissenschaft zählt?
Diese Frage lässt sich aus meiner Sicht leider ganz einfach beantworten: Publikationen und Geld. Und beide bedingen sich gegenseitig. Und weg ist sie, die Romantik. Am Ende bleibt die realistische Betrachtung. Ich mag die Wissenschaft. Ich mag die Idee, danach zu streben, etwas Neues zu entdecken und unser Wissen zu erweitern und es macht mich auch ein bisschen stolz, etwas Neues herauszufinden. Gleichzeitig muss man sich aber auch eingestehen, dass man in seiner eigenen kleinen Welt lebt. Ich stelle mir oft die Frage, wer sich draußen, außerhalb dieser kleinen Welt, für das interessiert, was wir tagtäglich untersuchen. Wie oft haben Sie sich schon gefragt, wie genau eigentlich die B-Zellaktivierung funktioniert? Was ist also der Impact meiner Arbeit? Ich habe aktuell keine Antworten auf diese Fragen.

Dazu kommt die Frage nach den Perspektiven in der Forschung und die sind leider ernüchternd. Es gibt nicht annähernd genug akademische Stellen, sodass der Wettbewerb hart ist und viele PostDocs auf der Strecke bleiben, auch wenn sie wissenschaftlich exzellent sind. Unter dem Strich stehen also oft harte Arbeit und viele Opfer, ohne den erhofften Erfolg; eine Perspektive die gerade bei der Generation Y nicht sehr hoch im Kurs steht. Im Gegensatz dazu haben viele Wissenschaftler und Investoren verstanden, dass es große Potenziale außerhalb des akademischen Umfelds der Universitäten gibt. Entsprechend steigt die Rate der Gründungen von Start-ups, in denen junge Akademiker ihre Leidenschaft für die Wissenschaft mit einer wirtschaftlichen Komponente verknüpfen und einen nachhaltigen Impact erzielen können.

Mein Fazit lautet daher: Einmal Grundlagenforschung und zurück!

Martin Becker

Veröffentlicht von

Martin Becker hat in Braunschweig Biotechnologie und in Rhode Island/USA Zell- und Molekularbiologie studiert. Nach seiner Masterarbeit, in der er sich mit der Immunogenität von Zeckenspeichel beschäftigt hat, begann Martin seine Promotion in Freiburg. Hier forscht er seit 2012 in der Arbeitsgruppe von Michael Reth am Max-Planck-Institut für Immunbiologie und Epigenetik und wird auch durch BIOSS gefördert. Der Fokus seiner Arbeit liegt auf der Aktivierung von Antikörper-produzierenden B-Zellen und darauf, welche Rolle das Zytoskelett in diesem Prozess spielt. Martin ist Mitglied der Graduiertenschule IMPRS des Max-Planck-Instituts sowie des TransRegio 130 „B cells and beyond“, in dem er über seine Forschungstätigkeit hinaus als Doktorandensprecher fungiert.

4 Kommentare

    • Hallo Axel,
      danke für den Link, dass ist in der Tat ein sehr interessantes und passendes Interview.
      Aber was meinst du denn mit “Nicht dass ich alles OK finde…”?

      • Hallo Martin,

        na ja – für meinen Geschmack manchmal zu überzogene Aussagen.

        Z.B. dass sie just _hugely_ grateful waren to these physicists who had somehow brought the war to an end. So als ob es nicht noch andere Möglichkeiten gäbe Kriege zu verhindern.

        Oder dass er den Ph.D. _hasst_ bzw. dass das Ph.D. System _completely_ inappropriate ist. Hass ist (bei allem Verständnis) keine gute Eigenschaft.

        Statt knowing too much is a great handicap hätte ich gesagt dass knowing too much could be a great handicap. Und no, _not at all_ metaphysical finde ich auch nicht so gut. Allerdings bezieht sich das ja nur auf seinen frame of mind (wegen der Frage: Do you have a metaphysical frame of mind?).

        Überwiegend find ich den Artikel aber gut. Zu schweigen von (sehr) interessant – man lernt wieder etwas bzgl. des Lebens. Z.B. die Antwort auf die “Frage”

        You knew a lot of people who worked on the atomic bomb. Many of those people at Los Alamos said that was the most exciting time of their lives. Yet there’s a deep irony. Their work produced the most devastation we’ve ever seen.

        That’s all true. Those people were my friends. I’ve been trying all my life to deal with problems of war and peace. When I’m not doing science, I’m worrying about problems of war and peace. Of course, that’s a perennial problem. It was particularly bad in the ’30s when I was a teenager because we had to deal with Hitler, which was worse than anything we have at the moment. It goes up and down. There’s definitely a huge problem with the world divided into nations. We’re all murdering each other. But I also find it very good that the whole basis of our society is having a variety of cultures and languages. This variety is what makes the human species so creative. It’s a question of how you can reconcile those two aspects

        ist OK. Und Zustimmung auch zu: After a while, you get so attached to things as they are.

        • Hallo Axel,
          danke für diese ausführliche Antwort. Das sind alles gute Punkte, denen ich größtenteils zustimme.

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