Lasst 1.000 neue Ideen erblühen

In den Jahren 2003 und 2004 hatten unsere Politikerinnen und Politiker zusammen mit ihren Beraterinnen und Beratern aus den verschiedenen wissenschaftlichen Organisationen eine tolle Idee. Sie stellten sich und allen die Frage „Gibt es noch Leben an deutschen Universitäten?“. Zur Beantwortung dieser Frage lobten sie einen Ideenwettbewerb aus, der mit einer besonders großzügigen Förderung (1,9 Milliarden Euro) der Wissenschaft verbunden war. Nach jahrelanger Unterfinanzierung (z.B. keine Erhöhung der Professuren in der Biologie in den letzten 15 Jahren, trotz enormer Forschungsleistungen und einer Wissensexplosion) und ständig neuen administrativen Herausforderungen (Bologna-Reform mit Einführung verschulter Bachelor-/Master-Studiengängen) zweifelten viele, ob sich die Universitäten noch einem solchem Wettbewerb um die besten Forschungsideen und Projekte stellen könnten. Das Ergebnis, bekannt unter dem Namen Exzellenzinitiative, hat dann doch viele überrascht. In kürzester Zeit wurden viele wissenschaftliche und strukturelle Ideen im Rahmen der gewünschten Formate entwickelt und umgesetzt. An deutschen Universitäten erblühten dadurch neue Gärten der Erforschung des Unbekannten mit zum Teil exotischen Pflanzen. Der Leitsatz „think big, meaning think creatively“ vom damaligen DFG-Präsidenten Prof. Dr. Ernst-Ludwig Winnacker, einem der Begründer des Programmes, war ein wichtiger Anreiz für die biomedizinischen Forscherinnen und Forscher der Universität Freiburg, den Plan für ein Zentrum für biologische Signalstudien (BIOSS) mit einer neuartigen Strategie „Von der Analyse zur Synthese“ zu entwickeln.

Das BIOSS-Konzept ging von den folgenden zwei Überlegungen aus: Erstens, durch die Erfolge der molekularbiologischen Forschung der letzten 30 Jahre waren viele Signalkomponenten in Zellen entdeckt worden, aber wegen der enormen Komplexität der zellulären Signalsysteme war man weit von einem umfassenden Verständnis der Signalprozesse entfernt. Dabei sind falsch geleitete Signale Ursache vieler menschlicher Erkrankungen. Zweitens, durch die Entwicklung der Hochdursatz Genomics und Proteomics Verfahren bestand um die Jahrtausendwende herum die akute Gefahr, dass die biomedizinische Grundlagenforschung eine rein analytische und weniger experimentelle Wissenschaft wird. Eine solche weitgehend maschinengetriebene Wissenschaft passt nicht gut zum universitären Umfeld, in dem es vor allem um Menschen und deren Ausbildung geht. Die BIOSS-Forscher wollten diesem Trend eine neue Strategie entgegensetzen und die Synthese von biologischen Signalkomponenten und Systemen vorantreiben. Ausgangspunkt dieser Überlegung war die Erkenntnis, dass erst eine erfolgreiche Synthese zum umfassenden Verständnis eines Systems führt. Diese Erkenntnis teilte BIOSS mit den Pionierinnen und Pionieren der synthetischen Biologie, einem noch jungen biologischen Fach, das hauptsächlich in den USA entwickelt wurde. Allerdings hat mein eigenes Labor schon in den 90er Jahren Versuche zum Zusammenbau zellulären Signalsystem durchgeführt und gezeigt, dass man dadurch wesentliche neue Erkenntnisse über Signalprozesse gewinnen kann (Nature Reviews Immunology 3, 6 (2003)).

BIOSS Signalhaus in Freiburg

Foto: Olaf Herzog/BIOSS. Das Freiburger Signalhaus, für den Exzellenzcluster BIOSS gebaut und 2012 fertig gestellt.

Die Gutachterinnen und Gutachter in Bonn haben das vorgeschlagene BIOSS-Konzept einer biologischen Signalforschung von der Analyse zur Synthese dann auch begeistert angenommen und BIOSS zur Förderung empfohlen. Dies ermöglichte es BIOSS nicht nur seine Forschung und Infrastruktur vor Ort besser zu finanzieren, sondern auch neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nach Freiburg zu locken. Die ersten von BIOSS besetzten Professuren waren zwei analytische Wissenschaftlerinnen (Proteomics und Proteinstruktur) und zwei hauptsächlich synthetisch arbeitende Wissenschaftler (Synthetische Biologie und synthetische Polymerchemie). Die so gesetzte Initialzündung hat funktioniert. Der dialektische Prozess von der Analyse zur Synthese, welche wiederum zur besseren Analyse führt, ist mittlerweile tagtägliche Realität in der Signalforschung des BIOSS-Clusters. BIOSS erstellt neuartige molekulare Detektoren und Schalter, um Signalprozesse in der Zelle gezielt auszulösen – etwas, was noch vor wenigen Jahren nicht möglich war. Jährlich erscheinen mehr als 200 BIOSS-Publikationen, die ein weiterer Indikator für den Erfolg des BIOSS-Programmes sind. Die Universität Freiburg ist dadurch ein international sichtbarer Ort der biologischen Signalforschung geworden, der analytische und synthetische Forschung miteinander in neuer Weise verbindet und dadurch zu ganz neuen Erkenntnissen kommt.

Wie geht es weiter mit diesem Programm, bei dem für BIOSS die Kreativität und weniger die Exzellenz im Vordergrund steht? Leider scheint unseren Politikern, trotz des Erfolges des Exzellenzprogramms, der Mut zur wissenschaftlichen Freiheit abhandenzukommen. Schon in der zweiten Phase des Programmes zeigte sich eine große Bremsspur, da die Politik sich lange Zeit nicht über die Weiterführung des Programms einigen konnte. Die damit verbundenen Unsicherheiten machten es schwerer, die jetzigen BIOSS-Mitarbeiter zu motivieren und neue Mitarbeiter anzulocken. Auch wenn jetzt beschlossen wurde, den Universitäten eine weitere, ähnlich große Förderung bereitzustellen, ist es noch nicht klar, nach welchen Regeln diese Förderung erfolgen wird. Wie man hört, sollen die erfolgreich aufgebauten Gärten der Erkenntnis nicht weiter gehegt und gepflegt werden, sondern mit größeren Strukturen und Forschungsverbünden fusionieren. Dabei geht es anscheinend weniger um Kreativität, sondern mehr um anwendungsorientierte und Programmforschung. Es besteht daher die reale Gefahr, dass die vielen blühenden Gärten an den deutschen Universitäten zu Kartoffeläckern umgepflügt werden. Die sind sicher nützlich, aber die Zukunft ist somit eher grau als bunt. Was bleibt, ist die Erinnerung an den Duft der verblühten exotischen Pflanzen und an das, was einmal an deutschen Universitäten möglich war, wenn man auf die Freiheit und Kreativität setzt. Aber vielleicht werden sich zukünftige Forschergenerationen, wenn sie genug Kartoffeln gegessen haben, wieder an die Gärten der Erkenntnis erinnern und auf den Weg nach ihnen machen. Noch sind die Länder des Unbekannten größer als jeder Kartoffelacker.

Kartoffelacker

Foto: CC BY-NC-SA 2.0 Dominik W. Neuffer. Droht den vielen blühenden Gärten an den deutschen Universitäten, gepflanzt von der Exzellenzinitiative, dass sie zu Kartoffeläckern umgepflügt werden?

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Michael Reth ist seit 2007 Wissenschaftlicher Direktor und Sprecher des Exzellenzclusters BIOSS Centre for Biological Signalling Studies der Universität Freiburg. Zudem ist er Gruppenleiter am Freiburger Max-Planck-Institut für Immunbiologie und Epigenetik. Reth erforscht unter anderem, wie sich B-Lymphozyten entwickeln und wie sie Fremdstoffe, sogenannte Antigene, erkennen und zur Antikörperproduktion angeregt werden. 2014 erhielt er für seine herausragenden Forschungsleistungen auf dem Gebiet der Antikörperforschung den Paul Ehrlich- und Ludwig Darmstaedter-Preis. Reth promovierte an der Universität zu Köln in den Fächern Immunologie und Genetik. Danach arbeitete er an der Columbia University in New York/USA, an der Universität zu Köln, am Max-Planck-Institut für Immunbiologie und Epigenetik in Freiburg sowie an der Universität Freiburg.

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  2. Schön, dass das BIOSS nun hier auf den Scilogs vertreten ist! Ich freue mich schon auf eure Beiträge!

    Bzgl. Absatz 4:
    Soll heißen, es ist gut möglich, dass das BIOSS nach 2017 nicht mehr weiter gefördert wird?!
    Das wäre sehr bedauerlich.

    Können Sie etwas dazu sagen, was sich mit einer Fusion mit “größeren Strukturen und Forschungsverbünden” und “anwendungsorientierte und Programmforschung” konkret verändern würde?

    Liebe Grüße und viel Erfolg dem iGEM-Team

    • Lieber Dima, vielen Dank für deinen Kommentar und für dein Interesse an unseren Beiträgen! Wir freuen uns, jetzt bei Scilogs zu sein.

      Es ist tatsächlich möglich, dass BIOSS nach 2017 nicht mehr oder in einem komplett anderen Umfang gefördert wird. Aber wir arbeiten natürlich daran, dass es mit BIOSS erfolgreich weitergeht und fahren auch in unserer Wissenschaft zurzeit viele Erfolge ein. Die Bedingungen des neuen Exzellenzprogrammes sind leider noch nicht endgültig festgelegt und kommuniziert worden.

      Zu deiner zweiten Frage: Bei einer Fusion zu größeren Forschungsverbünden mit der Zielsetzung der Anwendungsorientierung oder ganz allgemein Programmforschung könnte sich der Schwerpunkt für unsere Forschung ändern – ohne dass es dafür einen Anlass gäbe, der sich aus unserer bisherigen Forschung ergibt.

      • Vielen Dank für Ihre Antwort, Herr Reth.
        Dann hoffen wir mal, dass die erzielten Erfolge reichen um die Verantwortlichen davon zu überzeugen, dass das BIOSS so weiter zu fördern!

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