Wie ein innovatives Arbeitsumfeld aussehen sollte – nicht nur in der Wissenschaft

„Und, was machst du so?“ „Ich arbeite in der Forschung.“
Wenn ich so auf die Frage nach meiner täglichen Beschäftigung antworte, habe ich oft das Gefühl in den Kopf meines Gegenübers hineinblicken zu können. Vor dessen geistigem Auge ist eine Szene abgebildet in welcher ein einsamer Wissenschaftler, tief in der Nacht, in seinem kleinen Labor sitzt und an etwas herumtüftelt, was unglaublich kompliziert, aber irgendwie auch ein bisschen cool aussieht. Das Tüfteln findet ein plötzliches Ende, als wie durch Zauberhand eine helle Glühbirne aufleuchtet und der Wissenschaftler durch einen Geistesblitz die Lösung seines Problems erkennt.

Wäre das die Realität, wäre die Wissenschaft mit Sicherheit nicht so weit, wie sie es heute ist. Doch wenn das nicht das Bild des perfekten wissenschaftlichen Umfelds ist, wie sieht es dann aus? Und vor allem, wie sollte es idealerweise aussehen? Und was macht eigentlich diesen Wissenschaftler zu einem originellen und innovativen Ideengenerator?

Seit ich selbst in der Wissenschaft arbeite, habe ich gelernt, dass alles immer mit einer Idee beginnt. Allerdings kann es harte Arbeit sein, gute Ideen zu entwickeln und sie fallen nicht immer vom Himmel. Vor diesem Hintergrund stelle ich mir oft die Frage wie nicht nur ich selbst, sondern wir alle gute Ideen generieren können und welchen Einfluss unser Umfeld in diesem Prozess hat. Ich möchte hier meine Vorstellungen zu einem innovativen Arbeitsumfeld beschreiben und erklären. In meiner Sichtweise sind Kreativität und innovatives Denken zwei absolut essentielle Grundlagen für gute und erfolgreiche Forschung. Allerdings lassen sich die Beispiele, die ich hier geben werde, auch in viele andere Lebenslagen übertragen.

Der Schweizer Max Kleiber entdeckte in den 1930er Jahren, dass ein nicht-linearer Zusammenhang zwischen der Stoffwechselrate eines Organismus und seiner Masse besteht. Obwohl ein Pferd etwa 100-mal so viel wiegt wie eine Katze, ist seine Stoffwechselrate aber nicht 100-mal, sondern nur etwa 32-mal höher. Gleiches gilt in umgekehrter Weise für den Herzschlag. Ist beispielsweise eine Kuh 1000-mal schwerer als ein Murmeltier, so ist ihr Herzschlag nicht 1000-mal, sondern ca. 5,5-mal langsamer. Dieses Gesetz (Kleiber’s Gesetz) gilt von kleinsten Organismen wie Bakterien bis hin zu Blauwalen. Das an sich finde ich schon mehr als bemerkenswert. Absolut unglaublich finde ich aber die Erweiterung von Kleiber’s Gesetz auf den vom Menschen geschaffenen Superorganismus einer Großstadt. Betrachtet man den Energiebedarf einer Millionenmetropole, findet man, dass dieser nicht zehn-mal so hoch ist wie jener einer Stadt mit 100.000 Einwohner, sondern nur 5,6-mal. Unter dem Strich nimmt der Energiebedarf eines Organismus (oder einer Stadt) also mit seiner Größe ab. Das Gegenteil trifft aber zu, wenn man sich Parameter anschaut, die Kreativität und Innovation widerspiegeln. Hier gilt, je größer die Stadt, umso höher die Zahl der Forschungsgelder, Erfindungen und Patentanmeldungen. Ein Umfeld, das Kreativität und Innovation fördert ist also möglichst belebt mit vielen verschiedenen Menschen und bietet damit automatisch auch viel Diversität, was die Gedanken anregen kann.

Wie kommen Wissenschaftler auf gute Ideen? Symbolbild von: Sandra Meyndt.

Wie kommen Wissenschaftler auf gute Ideen? Bild: Sandra Meyndt.

Das Bild des stillen Kämmerleins ist also überholt. Wissenschaftler und kreative Köpfe brauchen Raum für Interaktionen, Gedankenaustausch und kritische Diskussionen. Wer ein innovatives Umfeld in einer Firma oder einem wissenschaftlichen Institut schaffen will, sollte große offene Räume konzipieren und Wege so anlegen, dass die Menschen die dort arbeiten sich häufig begegnen. Genau dieses Konzept hat z.B. auch Steve Jobs verfolgt, als er das Apple Headquarter in Palo Alto bauen ließ. Da er ohnehin ein fanatischer Glasliebhaber war, verband er seine Faszination mit der Schaffung eines weiträumigen und transparent wirkenden Gebäudes. Und dies war nur eine von vielen Maßnahmen, um Kreativität und Innovation bei Apple zu fördern.

Unterm Strich arbeitet der Wissenschaftler von heute nicht alleine, sondern im Team. Dieses Team sitzt aber in der Regel nicht komplett zusammen am gleichen Ort. Moderne Forschung ist geprägt von internationalen Kooperationen. Als Doktorand erlebe ich dieses internationale Flair hautnah mit. So unterhält unser Labor beispielsweise Kooperationen von den USA bis nach Japan. Es ist faszinierend in diese bunte Welt einzutauchen und auf internationalen Konferenzen, Sommerschulen oder kleineren Besuchen Ideen auszutauschen, weiter zu entwickeln oder sich einfach inspirieren zu lassen.

Es bleibt noch die Frage nach der „mentalen Architektur“ der in einem innovativen Umfeld arbeitenden Menschen: Was macht einen Wissenschaftler zu einem originellen und kreativen Denker? Oder: Was fördert große Ideen?
Eine interessante Perspektive auf diese Frage liefert der amerikanische Kreativitätsforscher Adam Grant. Grant argumentiert, dass die Menschen, die als besonders kreativ oder innovativ gelten, schlichtweg mehr Ideen haben als die anderen Menschen (aber nicht immer bessere). Auf Grund der Fülle an Ideen steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich unter ihnen ein Volltreffer befindet. So haben z.B. Beethoven oder Shakespeare Mengen an Stücken geschrieben, die fast niemand kennt. Was aber im Gedächtnis bleibt sind die (im Verhältnis) wenigen, großen Werke wie die 5. Symphonie oder Macbeth. Diese Erkenntnis ist gleichzeitig ein Plädoyer seine eigenen Ideen sprudeln zu lassen und sie nicht zurück zu halten. Ein innovatives Arbeitsumfeld sollte also im großen Maßstab Ideen wertschätzen und honorieren. Hier schlägt Grant auch direkt den Bogen zwischen materieller und mentaler Architektur, die sich in diesem Punkt perfekt ergänzen. Eines der führenden Beispiele für die Wertschätzung von Ideen findet sich in dem von Google etablierten Modell der „20% Time“. Hier dürfen Mitarbeiter 20% ihrer Arbeitszeit darauf verwenden, an Projekten zu arbeiten die sie sich selbst ausdenken und für die sie sich begeistern. Zu den Produkten dieser Maßnahme zählen unter anderem GMail und Google Maps. Ideen zu generieren ist allerdings schwer planbar. Meiner Meinung nach ist es wichtig flexibel auf plötzliche Einfälle „reagieren“ zu können. Ideen entfallen mir oft genauso schnell wie sie mir einfallen. Deshalb versuche ich sie festzuhalten, indem ich sie entweder sofort ausspreche oder sie mir aufschreibe (digital oder ganz klassisch handschriftlich). Ein gut geführtes Ideenbuch verleiht nicht nur ein besonders kreatives Gefühl, sondern gibt auch die Möglichkeit in Diskussionen gezielt auf seine Ideen zugreifen zu können oder einfach mal wieder in seinen alten Ideen zu stöbern.

Das anfänglich gezeichnete Bild des einsamen Wissenschaftlers muss also weiter korrigiert werden. Der Moment der geistigen Erleuchtung fährt nicht wie ein Blitz in das Gehirn des Forschers. Vielmehr sind Geistesblitze das Resultat von Interaktionen mit anderen, von kontinuierlichem diskutieren, kultivieren und modifizieren von Ideen. Vieles davon passiert nicht bewusst sondern brodelt in unserem Unterbewusstsein. Das ist nicht der augenblickliche Prozess eines Geistesblitzes, sondern einer langsamen Entwicklung. Adam Grant plädiert aus genau diesem Grund auch dafür, dass Meister der Prokrastination oft die kreativeren Köpfe sind. Einfach weil sie ihre Ideen länger inkubieren anstatt ad hoc eine Lösung zu entwickeln, um das Problem abzuschließen.

Das waren jetzt viele Vorschläge, in welcher Umgebung Ideen und Innovationen am besten gefördert werden. Was noch aussteht ist eine Antwort darauf, wie diese Ideen im allerersten Schritt entstehen können. Auch hierauf hat Grant eine klar formulierte Antwort: Ideen werden generiert, indem man den Status Quo infrage stellt. Für mich persönlich bedeutet das mit Blick auf die Wissenschaft, dass man auch die breit akzeptierten Dogmen hinterfragen darf und dies sogar tun sollte. Ein wissenschaftliches Projekt liefert immer mehr neue Fragen, als dass es Antworten liefert. Und auch hier kann wieder die Brücke zum interaktiven Arbeitsumfeld geschlagen werden. Wer sich mit vielen und kritisch denkenden Kollegen umgibt, steigert die Rate seiner Ideen maßgeblich. Dabei ist es auch wichtig, nicht allen Vorschlägen blinde Zustimmung zu schenken, sondern stets das richtige Maß an konstruktiver Kritik zu bewahren. Mit vielen verschiedenen Menschen zu sprechen bildet dafür einen guten Puffer. Ein weiterer wichtiger Punkt, der beim Generieren von Ideen hilft ist eine breite Palette von verschiedensten Einflüssen. Dazu zählen z.B. Hobbies wie Musik und Kunst. Ich bin hierzu über einige faszinierende Zahlen gestolpert, die belegen, dass Wissenschaftler, die sich für Kunst begeistern und selbst tanzen oder theaterspielen, mit einer 22-fach höheren Wahrscheinlichkeit einen Nobelpreis gewinnen, als künstlerisch uninteressierte Kollegen. Abschließend lässt sich also sagen, so großartig und faszinierend die Forschung und ihr Umfeld auch sind, es gibt noch eine ganze Welt da draußen, die man unter keinen Umständen außer Acht lassen sollte.

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Martin Becker hat in Braunschweig Biotechnologie und in Rhode Island/USA Zell- und Molekularbiologie studiert. Nach seiner Masterarbeit, in der er sich mit der Immunogenität von Zeckenspeichel beschäftigt hat, begann Martin seine Promotion in Freiburg. Hier forscht er seit 2012 in der Arbeitsgruppe von Michael Reth am Max-Planck-Institut für Immunbiologie und Epigenetik und wird auch durch BIOSS gefördert. Der Fokus seiner Arbeit liegt auf der Aktivierung von Antikörper-produzierenden B-Zellen und darauf, welche Rolle das Zytoskelett in diesem Prozess spielt. Martin ist Mitglied der Graduiertenschule IMPRS des Max-Planck-Instituts sowie des TransRegio 130 „B cells and beyond“, in dem er über seine Forschungstätigkeit hinaus als Doktorandensprecher fungiert.

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  1. “Das anfänglich gezeichnete Bild des einsamen Wissenschaftlers muss also weiter korrigiert werden. Der Moment der geistigen Erleuchtung fährt nicht wie ein Blitz in das Gehirn des Forschers. Vielmehr sind Geistesblitze das Resultat von Interaktionen mit anderen, von kontinuierlichem diskutieren, kultivieren und modifizieren von Ideen.”

    Diese Aussage entspricht dem derzeitigen Weltbild, der Vorstellung einer offenen Gesellschaft und ihrem Imperativ der Gleichheit, in der es den einsamen Wissenschaftler nicht mehr geben darf. Weshalb der Psychologe Dean Keith Simonton, der sich jahrzehntelang der Erforschung genialer wissenschaftlicher Ideen gewidmet hat, befürchtet, das wissenschaftliche Genie sei ausgestorben. Doch schaut man sich die (zugegeben wenigen) Aussagen,derjenigen Wissenschaftler an, die tatsächlich eine blitzartige Erkenntnis beschreiben, ist nicht nachzuvollziehen, wie dies im heutigen Wissenschaftssystem noch möglich sein sollte, bzw. was sich ammenschlichen Denken geändert haben sollte.
    Anders ausgedrückt: die blitzartige Erkenntnis, das Heureka, gibt es durchaus, nur lässt die derzeitige wissenschaftliche Landschaft sie nicht mehr zu.

    Und nur als Beispiel, wie das mit der blitzartigen Erleuchtung funktioniert:
    Nun bin ich keine Wissenschaftlerin, sondern hatte in der Praxis mehr als ein Vierteljahrhundert lang mit dem Verhaltensphänomen ADHS beschäftigt, dessen Ursache man nicht kennt, weshalb man davon ausgeht, dass mehrere Faktoren gemeinsam an der Entstehung des Verhaltensphänomens beteiligt sind. Während einer Fortbildung wurde mir und den anderen Teilnehmern eine Grafik vorgelegt, mit der Frage, was wir spontan auf den ersten Blick sehen. Meine spontane Antwort fand nicht die Zustimmung der Ausbildungsleiterin – ich habe ebenfalls ADHS -, also habe ich mir die Antworten der anderen Teilnehmer angehört, um den Unterschied zu erfahren. Er war für mich nicht zu erkennen. Da es heißt, Menschen mit ADHS seien häufig sehr kreativ, ich meine Antwort auch kreativ fand, verwendete ich die Grafik für einen Test mit den Eltern meiner Selbsthilfegruppe und in meinem Arbeitskreis. In beiden Gruppen gab es sowohl betroffene als auch nicht von ADHS betroffene Personen. Und ich erwartete, die kreativen Antworten von den Betroffenen und sachliche von den nicht Betroffenen zu erhalten. Doch das Gegenteil war der Fall.
    Ich habe zwei Tage zugebracht, um herauszufinden, was für Antworten ich von den betroffenen Leuten bekommen habe (bis auf zwei hatten alle gefragt, worum es dabei geht, und auch die beiden Antworten waren nicht einzuordnen) , habe mir die Protokolle angesehen, die Antworten analysiert – und keine Erklärung gefunden. Am dritten Tag wollte ich aufgeben, und dachte nur: Warum habe ich eigentlich diese Antwort gegeben .. und im selben Moment hatte ich nicht nur die Erklärung für die Antworten, ich hatte auch die Ursache der ADHS entdeckt. Und das war eine, mit der ich überhaupt nicht gerechnet hatte.

    SO funktioniert blitzartige Erleuchtung, nicht interdisziplinär, nicht notwendig in entsprechender Umgebung (ich war gerade dabei, den Geschirrspüler auszuräumen).

    Nur nebenher: Das ist inzwischen 16 Jahre her. In dieser Zeit habe ich mich in die kognitive Psychologie eingearbeitet, um die Idee entwickeln zu können, habe ein Projekt gemeinsam mit einer Wissenschaftlerin durchgeführt, habe unendliche Irrwege beschritten, habe einen Ansatz zur Arbeitsweise des menschlichen Gehirns und ein Regelwerk zur Kausalität entwickelt, mit dem sich erklären lässt, wieso Menschen in Ursache-Wirkungsketten denken undwir die Welt als kausal geschlossen erleben. Und alles, was mir jetzt noch fehlt ist dessen formale Beschreibung. Aber selbst wenn ich die habe, hilft mir das nicht, denn mein Ansatz passt “nicht in die derzeitige wissenschaftliche Landschaft”, und habe mir von einem renommierten Wissenschaftler den Trost mitgeben lassen, dass ich nicht die erste in der Geschichte der Wissenschaften sei, der eine bahnbrechende Entdeckung gelungen sei, die aber zu ihren Lebzeiten den Durchbruch nicht schafft, weil die Zeit dafür nicht reif ist.

    Auch die heutige Wissenschaft wird also durch eine Weltanschauung daran gehindert, bahnbrechende Entdeckungen zuzulassen.

    • Hab’s nicht verstanden: was ist denn jetzt Ihrer Meinung nach die Ursache der ADHS? Können Sie das hier skizzieren – oder uns Literatur nennen?

      • “Ursache” ist eigentlich der falsche Begriff.
        ADHS gilt als Störung der Informationsverarbeitung, nur handelt es sich nicht um eine Störung, sondern um eine etwas andere,komplementäre Art der Informationsverarbeitung.

        Falls Sie die “Gehirn & Geist”- Ausgabe von 2004 haben, in der das Manifest der Hirnforscher abgedruckt ist, können Sie auf Seite 33 lesen: “Nach welchen Regeln das Gehirn arbeitet;(…) all das verstehen wir nach wie vor nicht einmal in Ansätzen. Mehr noch: Es ist überhaupt nicht klar, wie man dies mit den heutigen Mitteln erforschen könnte”.
        Die Regeln habe ich entdeckt, genauer: das Regelwerk, nach dem das Gehirn arbeitet. Wie man die allerdings mit den heutigen Mitteln “erforschen” will, weiß ich auch nicht. Regeln kann man nur ableiten.
        Jedenfalls, von diesem Regelwerk gibt es zwei Varianten. Mit der einen Variante arbeitet ein “normales” Gehirn, mit der anderen das Gehirn von Menschen, die angeblich ADHS haben.

        Die Professorin, mit der gemeinsam ich damals ein Projekt durchgeführt habe, heißt Inge Schwank. Sie hat fast dasselbe entdeckt wie ich – allerdings mit dem Unterschied, dass sie die Regeln nicht kannte, die habe ich ihr beschrieben -, und dass sie damals nicht wusste, dass die eine Gruppe ihrer Versuchsteilnehmer – es waren Kinder – in unserer Gesellschaft mit dem Etikett ADHS versehen werden. Sie nennt es die funktionale Art logischen Denkens, im Unterschied zur normalen, prädikativen Art.
        Sie lehrt an der Universität zu Köln, und auf dieser Seite
        http://www.mathedidaktik.uni-koeln.de/11357.html?&L=0
        finden Sie Literatur zu ihren Untersuchungen.
        Sie müssen etwas scollen, bis zur Literatur von 2000-2004

        Ich habe Bücher veröffentlicht und auf meiner Homepage etwas dazu geschrieben. Nur weiß ich nicht, ob ich die Adresse hier veröffentlichen darf.

    • Hallo Trice,
      vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar.
      Ich denke es gibt viele Gesichter des Genies und eines davon ist sicherlich in der Gruppe abgebildet. Es gibt ja z.B. auch das Phänomen der Schwarmintelligenz. Das heißt natürlich nicht, dass es nicht auch Genie-Individuen gibt.
      In Bezug auf den Geistesblitz oder Heureka-Moment bin ich nicht der Ansicht das es in der Wissenschaft nicht zugelassen wird. Letztendlich ist es eh sehr schwer nachvollziehbar wie exakt eine Idee entstanden ist und das Wichtigste ist letztendlich ihr Inhalt.
      Ich möchte an dieser Stelle gerne auf deine Erleuchtungsgeschichte eingehen und sie dir aus meiner Leserperspektive schildern:
      Es geht dir um die Frage, was die Ursache von ADHS ist. Mit diesem Thema beschäftigst du dich schon sehr lange und hattest das auch zum Zeitpunkt deiner Erleuchtung schon getan. Du warst auf einer Fortbildung, auf welcher du von anderen Menschen gelernt und dich mit ihnen ausgetauscht hast. Und schlussendlich bist du über Unterschiede zwischen den Teilnehmern auf eine Frage gestoßen: Warum reagieren Menschen unterschiedlich? Nach der Fortbildung hast du deine Frage im Kreise anderer Menschen (deine Selbsthilfegruppe) weiter verfolgt. Zu guter Letzt hast du selbst auch noch über den gesamten Zeitraum über deine Thematik nachgedacht. Meine These ist, dass alles die ganze Zeit in dir gebrodelt hat, teilweise auch unbewusst. Die Idee ist in dir gereift, durch eigenes Denken aber auch durch die Interaktionen mit anderen. Und genau das stützt meine These, dass Erkenntnis langsam wächst und nicht blitzartig entsteht. Es ist dir vielleicht nur blitzartig bewusst geworden, aber wenn du all die Momente zuvor nicht gehabt hättest, wäre dir deine Erleuchtung über der Geschirrspülmaschine wahrscheinlich nicht gekommen.
      Ich glaube auch nicht, dass man ausschließlich in den von mir beschriebenen Umgebungen innovativ und kreativ sein kann. Ich glaube aber, dass sie maßgeblich dazu beitragen.

      • Hallo Martin,

        nein, so war es nicht. Da hat nichts gebrodelt, :-). Bis zu diesem Moment hatte ich die Auffassung des Mainstreams vertreten, in meinen Gruppen, in Vorträgen, auf Lehrerfortbildungen. Also: Ursachen sind Neurotranmitteranomalie, genetische Ursache.
        Wie gesagt, ich gehöre selber zu den Betroffenen, meine inzwischen erwachsenen Kinder auch. Ich kenne und kannte daher die Probleme, die die Betroffenen haben, zudem gibt das DSM und die ICD der WHO, als die Kriterien, nach denen ADHS diagnostiziert wird, es gibt jede Menge Literatur, auch Fachliteratur, in der die Unterschiede beschrieben werden usw.

        In der Fortbildung ging es um Familienhilfe, mit ADHS hatte sie nichts zu tun. Und die Grafik, die uns gezeigt wurde, war das Kaizsa-Dreieck:
        http://www.123opticalillusions.com/pages/kanizsa_triangle.php

        Meine Antwort war: Das sind Leute, die ins Leere reden. – Falsche Antwort, weil Interpretation, aber ich fand’ s kreativ.
        Ein Schwerpunkt meines Arbeitskreises war, darüber zu informieren, dass die betroffenen auch positive Eigenschaften haben und man nicht nur darauf achten solle, was sie alles nicht können. Kreativität ist positiv, also dachte ich, ich mache den test mit den Leuten in der Gruppe und im Arbeitskreis und werde die kreativen Antworten meiner ADHSler bei meinen Vorträgen und Lehrerfortbildungen verwenden.
        Nur dass die kreativen Antworten von den nicht betroffenen Leuten kamen – die sahen einen Stern, eine Mickymaus , einen Ziegenbock …, während die ADHSler durch die Bank fragten: Worum geht es dabei, worauf wollen Sie hinaus? Und die beiden einzigen Antworten, die ich bekam waren eine Beschreibung des Dreiecks mit der anschließenden Erklärung, dass derjenige das aus seiner Firma kennt, dass man Leuten alles erklären muss, während die andere Antwort war, das habe etwas mit optischer Täuschung zu tun.

        Aber mich hat die Frage nicht losgelassen, was das für Antworten waren, die ich von den Betroffenen bekommen hatte. Also habe ich zu analysieren versucht, woran es gelegen haben könnte, dass diese Leute nicht geantwortet hatten, wie ich es erwartet habe – an mir, an der Situation, der Fragestellung …
        Und als ich schließlich aufgeben wollte und meinte, dann ist es eben so, dachte ich noch, warum ich eigentlich in der Fortbildung diese Antwort gegeben hatte – und in dem Moment hatte ich die Antwort: ich hatte nicht auf die Frage geantwortet, sondern auf den Zweck, den ich der Aktion unterstellt hatte – und genau das hatten alle ADHSler auch gemacht, sie hatten entweder nach dem Zweck gefragt, oder ihn unterstellt: das kenne er aus der Firma, das hat was mit optischer Täuschung zu tun. Und da ich die Materie kenne, war das in dem Moment auch die Lösung des ADHS-Problems: zwei verschiedene Arten des Denkens. Im ersten Augenblick dachte ich: das glaubt mir kein Mensch, im zweiten: Warum muss es ausgerechnet Mathematik sein (ich habe Formeln “gesehen”). Und danach hatte ich erst einmal Panik, weil ich einen Ruf zu verlieren hatte. Ich habe ein halbes Jahr lang niemandem davon erzählt, auch meinem Mann und meinen Kindern nicht, bis ich merkte, ich halte das nicht aus.

        Da war also nix mit einer Idee, die hätte reifen können, ;-).

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