Wie viel Politische Korrektheit braucht das Land? Eine Antwort aus sprachlicher Sicht.

(Mein Beitrag in Der Tagesspiegel vom 22.01.2017): „Haben wir es mit der Politischen Korrektheit übertrieben?“ , fragt Causa – Das Debattenportal, und ich habe aus linugistischer Perspektive geantwortet: Sprache ist nie neutral und immer streitbar – und das ist gut so! Denn die Bedeutung der Wörter wird immer wieder neu ausgehandelt. Alle Freunde des Schwarz-Weiß-Denkens werden die folgenden Zeilen zur Politischen Korrektheit aus sprachlicher Sicht enttäuschen.

Sprachtabus – also die Vorgabe, bestimmte Ausdrucksweisen dürfe man aus ethischen Gründen nicht verwenden – fokussieren die Wörter selbst. Dazu ein Beispiel: Bertolt Brecht machte sich im Exil 1935 Gedanken über „Fünf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit!“ Dort formulierte er: „Wer in unserer Zeit Bevölkerung statt Volk sagt, unterstützt schon viele Lügen nicht.“ Brecht rät zum Vermeiden des Ausdrucks, denn dann verbreite man nicht die nationalsozialistische Gesinnung. Wie chamäleonartig sich allerdings der Volksbegriff zu wandeln vermag, zeigt der Umstand, dass das Wort Volk 1989 in der DDR zur Freiheitsvokabel avancieren konnte – nur um wiederum 25 Jahre später im Kontext von Pegida als Anmaßungsvokabel kritisiert zu werden.

Daraus folgt: Die Sprache ist kein Hort der Stabilität. Was hilft dieses Beispiel im Hinblick auf die Frage, ob „wir“ (?) es mit der Politischen Korrektheit übertreiben? Sehr viel!

  1. Es gibt keine unschuldigen Sprachzeichen, und Sprache ist kein neutrales Medium. (Und das ist gut so.) Viele Ausdrücke haben schon einmal einen Inhalt verbreitet, den wir ablehnen oder gar für gefährlich halten. Es ist jedoch zu fragen, ob das Verwerfliche am Ausdruck haften geblieben ist. Und wer bestimmt darüber, was von dem Verwerflichen immer noch am Ausdruck klebt, wenn andere Sprecher diesen Ausdruck in veränderten Zusammenhängen verwenden?
  2. Darauf gibt es nur eine Antwort: Wir Diskursakteure im Aushandlungsprozess. Wer über die Sache streitet, streitet auch über die Worte. Das ist sinnvoll, solange wir über die Durchsetzung bestimmter Bezeichnungen die eigene Denkhaltung stark machen wollen und uns nicht mit Anspruch auf Absolutheit zu wissen anmaßen, welche Wirkungen allgemeingültig Ausdrücke auf die Menschen haben.
  3. Ist diese Aussage ein Freifahrtschein für Verleumdung und Hate Speech? Mitnichten. Die ideologische Infektion von Wörtern wie Durchrassung oder Halbjude steht außer Frage. Warum? Weil wir uns hoffentlich alle einig sind, dass das Menschenbild, für das diese nationalsozialistischen Wortkreationen stehen, zu verachten ist. Und wenn wir uns nicht einig sind, dann wissen wir über unser Gegenüber Bescheid. Die Klärung kommt also über die Sachebene. Eine Sprachfrage wird über einen Konsens in der Sache entschieden: Wer kein Nazi ist oder sein will, kann die genannten Wörter nicht ohne Distanzierung gebrauchen. Hier hat Politische Korrektheit ihre Berechtigung.
  4. Weitaus komplexer ist es, wenn behauptet wird, dass das Wort Flüchtling (im Gegensatz zu Geflüchtete) durch seine Nachsilbe (Suffix) -ling Menschen herabwürdige, weil der Wortbaustein –ling auf Grund seines Vorkommens in Wörtern wie Häftling oder Sträfling negative Assoziationen hervorrufe. Darf ich nun ein Neugeborenes nicht mehr Säugling nennen und im Frühling nicht zu meinem Liebling Liebling sagen? Wer bestimmt über das Assoziationspotential des -ling-Suffixes? Über die Sachebene – wie beim NS-Beispiel – lösen wir die Streitfrage nicht. Von daher hat Politische Korrektheit hier keine Berechtigung.

 

Und damit sind wir bei des Pudels Kern: Die naive Suggestion, Wörtern oder Wortendungen wohne eine ‚eigentliche‘ Bedeutung inne, ist gespeist von einer Sehnsucht nach Unmittelbarkeit, die jenseits der Sachdebatte Halt und Orientierung verspricht. Und in Folge dessen erscheint vieles, was sich zwischen das Individuum und diese Wahrheit drängt, als störend! Der Sprachwissenschaftler Andreas Gardt spricht in diesem Zusammenhang von dem Drang nach „Eigentlichkeit“.

Gegenwärtig in Anti-Establishment-Zeiten stehen Vermittlungsinstanzen (z. B. Parlamente, Medien), Vermittler (z. B. Experten, Journalisten) und Vermittlung im Allgemeinen (Transfer von Gedanken, Ereignisberichten) häufig unter Generalverdacht. Und dieser Verdacht färbt auf das Vermittlungsmedium ab – nämlich die Sprache und die Wörter als manifeste Repräsentanten von Ideen, die uns die Zugänge zu den Gedankeninhalten überhaupt erst ermöglichen. In der Folge dieses Verdachts wird Sprache mitunter als authentischer Repräsentant der Gedanken sakralisiert, und in dichotomischer Manier werden einzelne Wörter exemplarisch verteufelt (z. B. Flüchtling) oder überhöht (z. B. Geflüchtete).

Doch nicht ‚die Sache‘ spricht unmittelbar zu uns, sondern wir sprechen mittelbar (zeichenvermittelt) über Sachen, indem wir sie in unsere begriffliche Gedankenwelt integrieren. Die Wörter instruieren zwar unser Denken, determinieren es aber nicht in einem 1:1-Verhältnis. Es existieren unweigerlich Unschärfen zwischen Ausdruckshülle und Inhaltsseite.

Diese Vagheiten gilt es auszuhalten und auszuhandeln – denn Herrschaft und Macht werden auch über Semantik ausgeübt. Zur Bearbeitung der Unbestimmtheit benötigen wir einen Diskurs über die Angemessenheit eines Wortes und seines Bezugs zur Wirklichkeit. Ob man Flüchtlingswelle oder Flüchtlingsflut wegen seiner Bildgewalt wirklich sagen darf, darüber kann man trefflich streiten – und das ist gut so! Solche Auseinandersetzungen um Bezeichnungen zur Prägung der Denkhaltung tragen zum politischen Bewusstsein bei; sie dürfen nicht durch Eigentlichkeitstopoi in eine sakrale Sphäre verschoben werden. „Gebt Wortfreiheit jenseits der Verleumdung!“, lautet mein Aufruf an alle Diskursakteure, „und führt auch einen semantischen Kampf für das Richtige. Wehrt Euch aber gegen eine rhetorische Praxis, welche ‚hinter‘ Worten das Eigentliche, das nicht mehr Hinterfragbare zu finden behauptet.“

Veröffentlicht von

Ekkehard Felder ist Professor für Germanistische Linguistik an der Universität Heidelberg. Er initiierte 2005 die Gründung des internationalen und interdisziplinären Forschungsnetzwerks Sprache und Wissen. Diese Forschungsgruppe untersucht diskurs- und gesellschaftskritisch die sprachliche Zugriffsweise auf Fachinhalte in zwölf gesellschaftlichen Handlungsfeldern – sog. Wissensdomänen (z.B. Recht, Wirtschaft, Medizin, Politik, Naturwissenschaft und Technik). Da Fachinhalte durch die Wahl der Worte geprägt werden und widerstreitende Positionen eine andere Wortwahl präferieren, ist ein Streit um die Sache auch ein Streit um Worte bzw. ein semantischer Kampf um die richtige Sichtweise. Deshalb heißt sein Blog bei SciLogs „Semantische Wettkämpfe – Wie die Sprache, so die Denkungsart“. Seine Forschungen beschäftigen sich mit der Fachkommunikation, der sozio-pragmatischen Diskursanalyse und der Untersuchung von Sprache als Indikator für Identität, Mentalität und Authentizität. 2010 gründete er mit den Kollegen Ludwig M. Eichinger und Jörg Riecke das Europäische Zentrum für Sprachwissenschaften (EZS). Als Fellow des Institute for Advanced Studies in Heidelberg (2008) und STIAS in Stellenbosch / Südafrika (2009) widmete er sich dem diskursiven Wettkampf um erkenntnisleitende Konzepte („agonale Zentren“). Felder ist Autor von fünf Monografien und (Mit-)Herausgeber diverser Sammelbände. Besonders bekannt ist die von ihm herausgegebene Reihe „Sprache und Wissen“ (SuW) bei de Gruyter und die dort mit Andreas Gardt herausgegebenen „Handbücher Sprachwissen“ (HSW).

35 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Opi W wird hier gerne definitorisch :

    Wie viel Politische Korrektheit braucht das Land?

    Der Schreiber dieser Zeilen hat ca. um 1993 herum zum ersten Mal von ‚Politischer Richtigkeit‘ gehört, von Bill Clinton, der wohl meinte, dass politische Sachverhalte möglichst sachnah zu kommunizieren sind.
    Was hier gut ankam, niemals war hier anders gemeint.


    Was falsch war, die an sich bemerkenswerte und fürsprechens-werte Sache war von Anfang sozusagen max. verhunzt,
    ansonsten liegt schlicht Neumarxismus vor, in puncto Gender, der unsägliche Herbert Marcuse, ein Frankenstein im neumarxistischen Sinne bleibt an dieser Stelle gegrüßt, wird dies womöglich besonders klar :
    -> https://de.wikipedia.org/wiki/Triebstruktur_und_Gesellschaft (ein D-Sack sondergleichen)

    :
    Die BRD braucht genau keine „politische Richtigkeit“ als Vorstufe dessen, was gemeint werden darf.

    Die „Politische Richtigkeit“ ist ein Herrschaftsinstrument.

    MFG
    Dr. Webbaer (der sich beim dankenswerterweise bereit gestellten WebLog-Eintrag ein wenig bemüht hat Gegenrede zu finden, österlicherseits, Ostern ist das X in You, wie Andy Warhol mal an anderer Stelle und so womöglich nicht meinend ähnlich festgestellt hat – ansonsten: Frohe Ostern!)

    • PS :

      Weiter oben fehlte womöglich genaue Erklärung (der „Überbau“), jeder Bär oder Mensch ist gelegentlich impulsiv.

      Die sog. politische Richtigkeit ist böse, wie Sprache nur sein kann, ihr besonderer „Kick“ besteht darin den Leutz die Sprache zu nehmen indem sie behauptet inhaltlich / semantisch im Besitz des Wahren, Letztlichen und Entscheidenden zu sein. [1]

      Sprache ist stattdessen „nur“ Gesagtes, Ideen derart verkürzt i.p. derartigem Austausch bereit stellend, die Sprache ist frickin unpräzise, [2]

      MFG
      Dr. Webbaer

      [1]
      Hier musste sich Dr. W ein wenig schämen :
      -> Im Deutschen gibt es kein generisches Maskulinum und die „generische“ Verwendung maskuliner Formen bringt keinen praktischen Vorteil mit sich. (Quelle)

      [2]
      Dies ist ihr Wesen, Bonmot:
      Die Sprache ist besonders gut, wenn festgestellt wird, was nicht geht.
      (Opi W hat sich insofern auch seit Langem überlegt, ob die Sprache dem dient, was ungünstig ist und nicht transportiert werden soll.
      So dass die Welt lieblich bleibt.

  2. Politische Korrektheit?
    Wenn ein Linker seine Parteifreunde mit Genossen anspricht, ist das in Ordnung. Jeder weiß, aus welchem Lager der Sprecher kommt. Das ist der große Vorteil von unterschiedlichem Wortgebrauch.
    Wenn eine Zeitung sich dieser Sprache bedient und sich gleichzeitig überparteilich nennt, ist das nicht in Ordnung.
    Ist „überparteilich sein “ überhaupt möglich ?? Werden nicht alle Positionen schon von Parteien besetzt.
    Oder darf sich nur die „politische Mitte“ überparteilich nennen?
    Politisch korrekt wäre dann so etwas wie der kleinste gemeinsame Nenner zwischen den politischen Richtungen.
    Nur mal so schnell angedacht.

  3. Am Rande notiert, auch derart begutachtend: ‚Wer kein Nazi ist oder sein will, kann die genannten Wörter nicht ohne Distanzierung gebrauchen.‘ [1]
    … und hierzu: ‚Das Debattenportal, und ich habe aus linugistischer Perspektive geantwortet: Sprache ist nie neutral und immer streitbar (…)
    Sprache kann ne-uter( neutral sein, das Subjekt nicht, womöglich ein zu beachtenswerter Unterschied.
    MFG
    Dr. Webbaer
    [1] Wer womöglich „böse“ Wörter [1] gebraucht, wie sie auch von Satan in persona gebraucht worden sein könnten, muss bis darf sich nicht soz. mandatorisch ‚distanzieren‘, Begründung :
    A) Satan mag gelegentlich recht haben.
    B) Satan mag auf die Idee kommen oder gekommen sein auch mal etwas zu verlautbaren, das zu Beklatschen oder Plausibilität führt.
    C) Das Gegenteil von Satan ist zwar Nicht-Satan, abär idR doch nicht das Gute meinend.
    D) „Satan“ ist sozusagen da, insbes. auch österlich gemeint.

    MFG
    Dr. Webbaer (übrigens kein Doitscher, vielleicht lockert diese Angabe im hiesigen Kommentariat ein wenig auf, wie dies Dr. W auch wünscht)

    [1]
    Wer etwas sagt, ist in der Regel nicht gefordert nachtragend zu erklären, was er nicht gemeint hat.

    PS + Huch!

  4. Der Schreiber dieser Zeilen bricht insofern das Brot nicht unter Nicht-Brüdern, selten hat es jemand derart in wenigen Schritten – K-Proben: ‚und ich habe aus lin[gu}stischer Perspektive geantwortet: Sprache ist nie neutral und immer streitbar‘ + ‚mein Aufruf an alle Diskursakteure, „und führt auch einen semantischen Kampf für das Richtige‘ derartige Tiefpunkte erlebt.
    So etwas – ‚Denn die Bedeutung der Wörter wird immer wieder neu ausgehandelt.‘ – ist in der Annahme weder berechtigt, doch desaströs.

    MFG
    Dr. Webbaer

    • *
      aus lin[gui]stischer Perspektive

      Witzigerweise versach(k)t Dr. W hier wie im WebLog-Artikel, wo es heißt:
      ‚ich habe aus linugistischer Perspektive geantwortet ‚

      MFG
      Dr. Webbaer

  5. Political correctness wird dann zum Problem, wenn es nicht mehr um einzelne Wörter sondern um eine (vermeintlich) entschärfte Sprache insgesamt geht – eine Sprache in der jedes einzelne Wort, jede Wendung und auch jede mögliche mit Aussagen verbundene Assoziation auf die Waagschale gelegt wird, denn für den Connaisseur könnten sich dahinter Mikroagressionen, Herabsetzungen, Diskriminierungen und Rassismus verbergen. In gewissen US-Universitäten gibt es für Neulinge, also Studenten, die noch nicht mit dem Hinterhalt der Sprache vertraut sind, Empfehlungen, was man alles vermeiden sollte. Beispielsweise sollte man einen anderen Studenten nicht danach fragen, aus welchem Land er komme, denn das könnte als ausgrenzend empfunden werden (wer denn will die Schmach auf sich nehmen kein US-Bürger zu sein?).
    Zudem geht es bei diesem ganz neuen Kommunikationsstil, den eine extreme poltical correctness erzwingt, eben nicht nur um Rücksichtsnahme (wie die der PC gegenüber positiv gestimmten meinen), sondern um das Framing, also den Rahmen in dem Kommunikation stattfindet oder wie in der deutschsprachigen Wikipedia zu lesen ist: Der PC-Code erscheine nicht als Zensur, obwohl der Code implizit diese Funktion erfülle, indem er öffentliche Diskurse und die Autorität und Glaubwürdigkeit der Diskursteilnehmer reguliere und darüber entscheide, worüber und in welcher Weise über Themen gesprochen wird
    Dass diese (vermeintliche) Entschärfung des Diskurses durch political correctness zum Albtraum werden kann bringt Slavoj Žižek im Artikel Das Leben ist nun einmal krass (Müssen wir Verträge schliessen, bevor wir Sex haben? Die Träume der politisch Korrekten sind die Albträume einer freien Gesellschaft.) zum Ausdruck. Darin geht es zuerst um den vertraglich abgesicherten Gelegenheitssex, der aber nur Symptom ist für eine neue Kultur, in der jeder nur die Sprache und die Kommunikationsmittel verwenden darf, die dem anderen genehm sind (Zitat):Es ist klar, wohin dies führt: Am Ende kann jeder für sich in Anspruch nehmen, sich durch alles Mögliche beleidigt oder verletzt zu fühlen. Ergo kann jeder beliebig nach Trigger-Warnungen verlangen: Linksliberale vor Konservativen, Reiche vor Armen, Pazifisten vor Gewaltdarstellungen, Frauen vor jeder Auseinandersetzung mit Sexismus, Minderheiten vor jedem Ausdruck von Fanatismus, Kreationisten vor jeder Theorie, die auch nur im Entferntesten an Darwins Evolutionstheorie gemahnt.
    Doch mit dem Vermeiden von Schärfen, von jeglicher Provokation oder beispielsweise der Darstellung von Gewalt verschwinden diese Schärfen, verschwindet die Gewalt nicht. Hier täuschen sich die politisch Korrekten: Eine entschärfte, weichgespülte Sprache kann anders als ein Feinwaschmittel die Unebenheiten und Rauheiten der gesellschaftlichen und sozialen Realität nicht wegwaschen. Es gibt keinen Schonwaschgang für die Realität. Zudem sind die Politisch Korrekten in ihrer behaupteten Empathie mit den Schwachen oft auf ihre eigene Art ausgrenzend. Žižek zitiert dazu die schwarze Publizistin Nikki Johnson-Huston:«Diese Leute können kein Gespräch mit jemandem führen, der die Welt anders sieht als sie, ohne dazu Zuflucht zu nehmen, sie Rassisten, Homophobe, Frauenhasser oder Fanatiker zu nennen, sie vom Campus ausschliessen zu lassen oder sie und ihren Ruf zu ruinieren. Sie sagen, dass sie das Leiden der Schwarzen nachfühlen, weil sie einmal nach Afrika gereist sind, um den Benachteiligten zu helfen, sind aber nicht willens, ein schwarzes Quartier der Stadt zu besuchen, in der sie wohnen. Dieselben College-Studenten werden Partei ergreifen für die Freuden der Vielfalt, wobei sie im selben Atemzug annehmen, du seist bloss dank positiver Diskriminierung auf dem Campus oder alle Schwarzen seien in Armut aufgewachsen.»

  6. Eine Diskussion über Politische Korrektheit nimmt in Deutschland naturgemäss andere Formen an als in den USA, denn die Herkunft und Geschichte des Begriffs ist eine andere – vor allem aber sind die aktuellen Vorkommnisse, die mit dem Begriff in Zusammenhang gebracht werden in Deutschland andere als in den USA. Im Tagesspiegel-Diskurs unter dem Titel „Haben wir es mit der Politischen Korrektheit übertrieben?“ ordnet schon der Einleitungssatz Populisten werfen den etablierten Medien und Politikern vor, einen politisch-korrekten Diskurs geprägt zu haben, der einem verbietet zu reden, wie es einem passt. den Diskussionsgegenstand in die aktuelle politische Auseiandersetzung zwischen Rechtspopulisten und der Restgesellschaft ein. Der Ausgangspunkt ist also die Frage: „Haben die Rechtspopulisten das Recht auf eine Sprache in der es Wortungetüme gibt wie Asylantenflut, Volksverräter, Sozialtourismus, Umvolkung und völkisch“ gibt. Das ist von Anfang an eine Verengung des Diskurses, selbst wenn man nur die deutschsprachige Wikipedia und dort vor allem das Unterkapitel „Nicht abwertende Wendungen“ zu Rate zieht. Gemäss diesem Unterkapitel geht es sprachlich bei der politischen Korrektheit um Dinge wie die gendergerechte Sprache oder den Ersatz von Bezeichungen wie „Krüppel“ durch „Menschen mit Behinderung“, vom Ersatz von „geistig behindert“ durch „mental herausgefordert“ und von „blind“ durch „visuell herausgefordert“, von „lernbehindert“ durch „Förderschüler“.
    Es stimmt zwar, dass der Begriff Politische Korrektheit vor allem durch die Reaktion von Rechts diskreditiert und damit auch zum Diskussionsgegenstand wurde, doch die Bemühungen um sprachliche Korrektheit, um Minderheitenschutz durch nicht diskriminierende und euphemistische Sprache, die begann schon lange vorher und man kann sie auch aus einer anderen als einer rechten Position kritisieren.

    Die Texte, die ich über die Political Corrrectness in den USA gelesen haben, beziehen sich im Gegensatz zur Diskussion in Deutschland und Europa fast alle auf die Sprach- und Verhaltensregelungen an US-Colleges und US-Universitäten. Diesen Berichten über die Verhältnisse auf den US-Campus entnehme ich, dass politische Korrektheit in den USA ein eigentliches Wahrnehmuns- und Kommunikationssystem ist wozu eine eigene Begrifflichkeit gehört. Beispiele für solche Begrife sind Triggerwarnungen (Students at UC Santa Barbara passed a resolution in support of mandatory trigger warnings for classes that could contain potentially upsetting material. Professors would be required to alert students of such material and allow them to skip classes that could make them feel uncomfortable). , Safe Spaces(terms used to indicate that a teacher, educational institution or student body does not tolerate anti-LGBT violence, harassment or hate speech, thereby creating a safe place for all lesbian, gay, bisexual, and transgender students
    Political Correctness mit allem was dazu gehört scheinen in einigen US-Universitäten inzwischen den Alltag und den Umgang zwischen den Studierenden und zwischen den Studierenden und DozentInnen weitgehend zu bestimmen und untergründig zu reglementieren.
    Vor diesem Hintergrund erhält der Begriff Political Correctness eine ganz andere Bedeutung.

  7. Ui,
    hier geht aber die Post ab – der eine hat einen „Schreibschub“ und die einzige inhaltliche Antwort kommt von einem Linkslacanieraner.
    Ich werfe mal als Argument ein, dass PC eigentlich eine dumme Erfindung von Rechts ist (F. Prokop hat dies neulich auf ze.tt sehr gut herausgearbeitet). Sprache hat immer einen sozialen Kontext – diese komischen Zuckerberge mit Schokolade nannten meinen Eltern „Mohrenköpfe“, ich nannte sie „Negerküsse“ und wie sie jetzt gerade heißen, ist mir egal! Herleitung: Mein dunkelhäutiger Freund Sascha nannte sie auch „Negerküsse“ und inhaltlich geht es darum, dass es sich um ein Baisser (deutsch: Kuss) mit dunklem Überzug aus Schokolade (dummerweise stammt der Kakaobaum aber gar nicht aus Afrika…) handelt.
    Badesalz haben vor über 25 Jahren einen Witz über das „Kinderschnitzel“ gemacht – und ganz ehrlich, was einem Gericht namens „Zigeunerschnitzel“ verwerflich sein soll, geht mir nicht in den Kopf (wobei ich mich unlängst belehren lassen musste, dass das Gericht jetzt „Balkanschnitzel“ heißen soll… – ähm Moment, Hitler liess vorallem Zigeuner in Deutschland, Frankreich, Polen und der Ukraine „entsorgen“, also nix Balkan), weil Schweine wohl diejenigen Haustiere sind, die sich zum ständigen Reisen am wenigsten eignen!
    Den Ausgangsbeitrag kann man mit einer 3 stehen lassen, manche Beiträge hier gehen eher in Richtung des 2stelligen Bereichs, sorry….

    • Ich werfe mal als Argument ein, dass PC eigentlich eine dumme Erfindung von Rechts ist (F. Prokop hat dies neulich auf ze.tt sehr gut herausgearbeitet).

      In gewisser Hinsicht schon, bevor die politisch Linken am US-amerikanischen Campus die Polical Correctness erarbeiteten [1] gab es politisch konservatives, „rechtes“ Spießertum mit ähnlichen Sprachregelungen, die allerdings nicht „politisch korrekt“ genannt worden sind, sondern witzigerweise „anständig“.

      Ansonsten bliebe die Political Correctness zu definieren, Dr. Webbaer versucht es wie folgt :

      Political Correctness liegt genau dann vor, wenn die geübte Sprache moralisch konnotiert wird auf eine Weise, die bestimmte auf der Hand liegende Fragen [2] gezielt tabuisiert.

      MFG + schöne Ostern!
      Dr. Webbaer

      [1]
      Was wohl in den Achtzigern geschah. – Der Schreiber dieser Zeilen ist vor ca. 25 Jahren auf dieses Konzept aufmerksam geworden, als Bill Clinton anfing von politischer Richtigkeit zu sprechen. Der Schreiber dieser Zeilen fand den Ansatz dann erst mal gut, denn es spricht nichts dagegen politische Zusammenhänge möglichst präzise zu erklären und in der Folge zu erörtern; nach einigen Monaten wurde dann allerdings klar, dass Linksspießertum und die Tabuisierung bestimmter Fragestellungen vorliegt.

      [2]
      Es spricht nichts gegen die Tabuisierung abwegiger Fragestellungen, bspw. bestimmte historische Ereignisse in Frage stellend, die bestens belegt sind.
      Die Tabuisierung bleibt sehr sparsam einzusetzen, als soziales Mittel, sie sollte freiwillig und der Moral der Gesellschaft folgen.

  8. Towerowitch,
    …….Mohrenkopf,
    mit dem Verschwinden des Mohrenkopf geht auch ein Stück Identität verloren.
    Zigeuner darf man auch nicht mehr benützen. Interessanterweise nennen sich die Zigeuner in Portugal mit Stolz Zigeuner.
    Fazit: Selbstbewusstsein ist wieder angesagt.
    Mit dem Verschwindenlassen von Bezeichnungen wird die dunkle Vergangenheit nicht reingewaschen.

    • @ Kommentatorenfreund ‚Bote17‘ :

      Der ‚Mohrenkopf‘ war womöglich schon eine politisch korrekte Verbesserung des ‚Negerkusses‘. – Dr. Webbaer meint sich dbzgl. zu erinnern, irgendwann war aber auch der ‚Mohr‘ („Maure“) tabuisiert, es heißt inzwischen ‚Schoko-Kuss‘, woll!?
      Auch die Negierung [1] des ‚Zigeuners‘ hat Dr. Webbaer nicht verstanden, Kollegen dieser Art, wie sie oft gerade im Osten Europas vorkommen, nennen sich auf >Romani ‚Cygani‘, sofern Dr. W hier korrekt gelauscht hat.

      Und es geht natürlich nicht im irgendwelche dunklen Vergangenheiten, sondern um die Gegenwart.

      MFG + schöne Ostern!
      Dr. Webbaer

      [1]
      ‚Negierung‘ geht hoffentlich noch.

  9. Bonus-Kommentar hierzu, auch weil Dr. Webbaer genau in diese Richtung seit einiger Zeit überlegt :

    Und damit sind wir bei des Pudels Kern: Die naive Suggestion, Wörtern oder Wortendungen wohne eine ‚eigentliche‘ Bedeutung inne, ist gespeist von einer Sehnsucht nach Unmittelbarkeit, die jenseits der Sachdebatte Halt und Orientierung verspricht.

    Wobei ‚des Pudels Kern‘ Satan meint, v. Goethe war so freundlich diese Metapher bereit zu stellen, die eigentliche Frage lautet:
    Gibt es böse Wörter?

    Seinen (liberalen) Absichten gegensprechend muss der Schreiber dieser Zeilen einräumen, dass es sie gibt.
    Der Klassiker sozusagen ist hier ‚judenrein‘, die Kollektivismen, seien es nationalistische oder internationalistische oder theozentrische, waren in der Lage per se böse Wörter zu entwickeln.
    Womöglich ist auch von anderer Seite derart geleistet oder „geleistet“ worden, die linguistische Fachkraft weiß hier womöglich mehr.

  10. Die denunziatorische mit bewussten Missverständnissen arbeitende Political Correctness wie sie gelegentlich auf dem US-Campus gepflegt wird, spielt in Philip Roths Der menschliche Makeleine wichtige Rolle. Dort wird die Karriere des jüdischen Dekans beendet, indem man ihm Rassismus unterstellte, als er
    zwei regelmäßig nicht anwesende Teilnehmerinnen am Seminar ironisch als „dunkle Gestalten, die das Seminarlicht scheuen“ bezeichnete. Die Silk unbekannten Studentinnen waren Schwarze, und seine Wortwahl wurde ihm als Rassismus ausgelegt.
    . Wie später dem Leser offenbart wird, war der betroffene Professor Coleman Silk selbst ein hellhäutiger Schwarzer, der sich aber als Weisser und zudem Juden ausgab um seine Karriere zu fördern.
    Extreme Formen politischer Korrektheit scheint es vor allem an US-Colleges zu geben. Ein Bewusstsein für ein politisch korrektes Sprechen und Verhalten existiert aber inzwischen in der gesamten US-Gesellschaft. Allerdings gibt es zugleich weiterhin öffentlich demonstrierten Sexismus und auch Rassismus, also Dinge, die gemäss den Absichten der PC-Erfinder hinter einer Sprachbarriere versteckt werden sollen. Ein Beispiel für öffentlich zur Schau gestellten Sexismus findet sich bei einigen Rap-Gruppen – vor allem im Bereich des Gangsta-Rap -, die ein Frauenbild pflegen, in denen Frauen willige, männliche Befehle und Begehren erfüllende Bitches sind (siehe dazu:https://en.m.wikipedia.org/wiki/Misogyny_in_rap_music>Misogyny in rap music
    Warum aber empfinden viele US-Amerikaner einen viel stärkeren Zwang zum politisch korrekten Sprechen als die Europäer? Einerseits wohl weil PC in den USA schon länger wirkt, andererseits aber weil Konformismus die US-Gesellschaft stärker als die europäische prägt. Entgegen dem von Amerikanern selbst gepflegten Klische des rauhen, selbbestimmten Indivualisten zeigen Umfragen immer wieder, dass in den USA die Bereitschaft sich der Gruppe, der man zugehörig ist und allgemeinen moralischen Maximen unterzuordnen (siehe dazu den Huffington Post Artikel „sweet land of .. conformity“).

    • Der Stanford-Professor Hans Ulrich Gumbrecht berichtet wie er selbst Opfer denunziatorischer, bewusst misinterpretierender Political Correctness wurde. Vorgeworfen wurde ihm «tendency to use language offensive to women» wie er im Artikel Die Dialektik der Mikro-Aggression berichtet. Diese vernichtende Bewertung mit anschliessendem Entzug von Studentinnen/Dozentinnen (er erhielt keine jungen Kollegen und Doktoranden mehr anvertraut) ging auf folgendes zurück: So hörte ich schliesslich, dass der Stein des Anstosses ein im öffentlichen Rahmen gefallener Satz war, in dem ich meine eigene und die Tochter eines Kollegen als Beispiele für sehr gutes Aussehen («looking gorgeous») angeführt hatte.
      Wer also öffentlich Frauen als «looking gorgeous» bezeichnet kann des Vergehens der Mikroaggression angeklagt werden, denn damit würde er auf das Aussehen von Frauen abstellen und weniger gut Aussehende diskriminieren.
      Das beurteilt Hans Ulrich Umbrecht folgendermassen:

      Diese Korrektheit ist ein aktiver Moralismus, der nicht mehr nur von linken (progressiv-alternativ-wohlmeinenden) Kollegen getragen wird, sondern längst zum Habitus einer neuen Generation der College-Studenten um das zwanzigste Lebensjahr gehört. Viele von ihnen sind in pädagogisch ambitionierten Kreisen aufgewachsen, wo man nicht mehr lernt, Frustrationen schweigend wegzustecken. Hier mag ein Grund dafür liegen, warum der Staat und die Institutionen der höheren Bildung, welche die Jugend-Sensibilität mit erstaunlicher Entschlossenheit unterstützen, die klassische Rechtsfrage nach Absichten eingeklammert haben. Sie geben allein den Gefühlen derer Relevanz, die sich verletzt fühlen.

      Interessant am oben verlinkten Artikel ist auch, dass Hans Ulrich Gumbrecht durchaus positive Seiten am Moralismus und Idealismus entdecken kann, der hinter der an gewissen Unis gepflegten Political Correctness steckt.
      Vor allem aber fiel mir zum ersten Mal auf, dass diese College-Studenten mit ihren so unendlich verschiedenen Herkunftsmilieus in einem Ton miteinander umgehen, der ohne persönliche Verletzungen auskommt.

      Wir Veteranen der Studentenrevolte von 1968 – ich gehörte damals dem Sozialistischen Studentenbund an – machen uns lächerlich, wenn wir gegenüber dem Moralismus unserer Studenten denselben Ton der Empörung anstimmen, mit dem die Professoren von damals behaupteten, dass unser marxistisches Revolutionsgerede das Ende von Kultur schlechthin einläute.

  11. Es wurden zwei verschiedene Schwerpunkte genannt :

    1.“Wer kein Nazi ist oder sein will, kann die genannten Wörter nicht ohne Distanzierung gebrauchen. Hier hat Politische Korrektheit ihre Berechtigung.“, und
    2. „Zur Bearbeitung der Unbestimmtheit benötigen wir einen Diskurs über die Angemessenheit eines Wortes und seines Bezugs zur Wirklichkeit. “

    Zu 1:
    Politische Korrektheit hat auch im genannten Fall keine Berechtigung, denn immer, wenn eine Regelungsmacht auftritt, mit dem Anspruch einer selbstverständlichen Moral, ist dies der Versuch, zu indoktrinieren und, wie ähnlich schon @Herr Holzherr schreibt, die inneren Feinde zu bekämpfen sucht, indem für Konformität im Denken gesorgt wird. Es gehört zur Freiheit des Individuums, dass es sich seine Urteile, Entscheidungen und Überzeugungen selbst und unbeeinflusst von Indoktrinierungsmachenschaften bildet.
    Ganz abgesehen davon ist es auch psychologisch unklug, denn Ver- und Gebote haben, wenn sie apodiktisch verkündet werden, den Reiz, sie zu übertreten.

    Zu 2:
    Dies zu fordern wird schwierig, wenn ein Wort / Begriff mit einem Wert verbunden wird, also mit der Verwendung eines Wortes ein Werturteil abgegeben wird, oder wenn z B. biologisch Unverfügbares als Kommunikationsproblem dargestellt wird, um es ändern zu können.
    Wer ein Weltbild, eine Weltordnung etablieren will, wird Gegenargumenten nicht aufgeschlossen gegenüberstehen. Hier sorgt auch die Politische Korrektheit für Tabuisierung von Wörtern. Es ist daher nicht so, dass hier eine Unbestimmtheit von Wörtern und Begriffen überhaupt vorliegen darf, weshalb nicht mehr das Wort und die Bedeutung diskutiert werden, sondern der Charakter des Häretikers zum Gegenstand wird.

    • @ Kommentatorenfreund ‚Trice‘ :

      Vielleicht ließe sich so im Konsens zusammenfinden:
      Die sogenannte Politische Richtigkeit ist genau dann gut, wenn sie richtig und gut ist. [1]

      Es gibt wohl böse Wörter, ‚judenrein‘ hier sozusagen der Klassiker, bei ‚Durchrassung‘ hat der Schreiber dieser Zeilen aber wenige Probleme, es gibt ja auch ‚biracial‘ (i.p. „Affirmative Action“ von Relevanz in den Staaten – die Rasse oder „Rasse“ darf es geben, auch wenn Dr. Webbaer diesen Begriff regelmäßig meidet, weil s.E. sozial schädlich), bei dem ‚Halbjuden‘ (bei Konstrukten der Art ‚Vierteljude‘ + ‚Achteljude‘ wird’s wohl noch klarer [2]) dagegen wieder deutlich mehr Probleme – und bei ‚völkisch‘ (’national‘ oder ’národní‘ (tschechisch), alles gleichbedeutend) dagegen wiederum GAR NICHT.


      Vielleicht könnte sich darauf geeinigt werden, dass Fachvokabular verbrecherischer Gesellschaftssysteme, der ‚Klassenfeind‘ fiel hier gerade noch ein, zu vermeiden ist im heutigen Umgang.

      Wobei auf das Konzept der soziodynamischen dezentralen Zensur der sog. Politischen Richtigkeit verzichtet und stattdessen das gute alte Konzept „Anstand“ wieder hervorgeholt werden soll.


      Insgesamt, Dr. Webbaer vergaß diese kleine pers. gehaltene Einschätzung bisher :
      Ein vely schlauer und vely sittlich gehaltener WebLog-Eintrag des werten hiesigen Inhaltegebers Ekkehard Felder !

      MFG
      Dr. Webbaer

      [1]
      Was regelmäßig nicht der Fall ist.

      [2]
      Im Judentum gibt es das mütterlicherseits geprägte Abstammungsprinzip, was einige, bspw. Dr. Webbaer ((auch) kein (X-tel)Jude), recht witzig und nicht unschlau finden.
      ‚Halbjuden‘ etc. sind dort nicht vorgesehen, sondern existieren begrifflich wohl nur in nationalsozialistischer Rassenlehre – wären dann begrifflich böse.

  12. Denn die Bedeutung der Wörter wird immer wieder neu ausgehandelt.

    Ist nicht „ganz richtig“, denn Sprache wird auch persistiert und ständiges „Neu-Aushandeln“ würde den Altvorderen die Bedeutung nehmen, die sie sich bei der Entwicklung der Sprache mühsam erarbeitet haben.
    Die Sprache ist kein schwammiges Objekt, sondern dient dem Fortkommen des hier gemeinten Primaten, und zwar ziemlich („wie es sich gehört“) direkt.
    Die Idee der ständigen Aushandlung, auch die Sprache der Altvorderen teilend, es darf Altsprachler geben, Altphilologen müssen nicht böse sein, ist eine neumarxistische. [1]
    Der konservative Ansatz besteht darin Altvorderen bei ihren Bemühungen, bei ihren auch kleinen sprachlichen Bemühungen bestmöglich folgen zu wollen und sich so womöglich auch ein wenig anthropologisch zu fitten.

    Das Jetzt ist nicht die Sprache, die Sprache ist eine wichtige Errungenschaft des hier gemeinten Primaten, oft mühsamst entwickelt und um Sinn, auch in feindlicher Umgebung, suchend, dem Bestandserhalt durchaus folgend. [2]

    MFG
    Dr. Webbaer

    [1]
    Opi Webbaer muss bspw. bei Anatol S. immer ein wenig schmunzeln, insbes. auch bei diesem Aufsatz, K-Probe :
    -> ‚Im Deutschen gibt es kein generisches Maskulinum und die „generische“ Verwendung maskuliner Formen bringt keinen praktischen Vorteil mit sich.‘ (Quelle – so kann’s enden, linguistischerseits >:->)

    [2]
    Sprache ist also nicht ohne Grund, sondern Veranstaltung, die sich in Buchstaben, Ziffern etc. tarnt, ein wenig tarnt womöglich, in Zeichen, nicht sonderlich letztlich, Opi W fand insofern bspw. Robert Gernhardt oder Helge Schneider oder Terry Pratchett immer recht „neuernd“.
    Karl Kraus und so auch nicht schlecht…

  13. Opi Webbaer, der der bekannten Visualisierung bei Donald J. Trumps’s Vereidigung nicht ganz traut, diese ist an einem bestimmten Punkt zeitlich abgebrochen, es lag ein Vid vor, das Dr. W ein wenig „beforscht“ hat, verweist gerne wie folgt :

    A) http://www.deutschlandradiokultur.de/alternative-fakten-jeder-experte-ist-erst-mal-verdaechtig.1008.de.html?dram:article_id=377076 (hier bleibt das (anzuklickende) Audio-Dokument von Interesse [1])

    B) https://www.youtube.com/watch?v=oUlk15EzKDk (hier andere, „alternative“ Sicht) – Dr. W folgt hier „RY“.

    C) und hier Meinung von Dr. W, der schon meint, dass Datenerhebung generell auschnittsweise, näherungsartig und an die Interessen (!) der Erfassenden gebunden ist – wie sich auch anschließende Theoretiserung.


    Will sich natürlich nicht an der Fragestellung herumärgern, wie viele bei Trumps Vereidigung nun wirklich da waren: der eine meint so, der andere so, es könnte schon gut so gewesen sein, dass bei Obama 2008 mehr da waren, Menschen bleiben gemeint, beobachtende.

    ‚Daten sind‘ nämlich nicht die ‚unstrittig gegebenen Beweisfotos‘ [Ihr Zitat oder Sie zitierend], sondern (in diesem Fall) Bestandsaufnahmen zu einem bestimmten Zeitpunkt.

    Daten, aber nicht unbedingt solide Fakten oder Tatsachen meinend.

    Wobei sich Dr. W also nicht „Ranga Yogeshwa-mäßig“ abarbeiten möchte, ja!, womöglich waren weniger da als 2008, sondern den Unterschied betonen möchte zwischen Datum und Faktum.

    Genauere Erklärung erspart sich Dr. W an dieser Stelle, weil eigentlich alles klar ist, woll, Herr Ekkehard Felder.

    Unterschiedliche Daten und Fakten kann bis muss es geben.
    Auch Daten meinend.
    Dies gilt sozusagen noch mehr für Daten als für Fakten oder Tatsachen, oder?!

    MFG
    Dr. Webbaer

  14. @Dr. Webbaer

    „Vielleicht könnte sich darauf geeinigt werden, dass Fachvokabular verbrecherischer Gesellschaftssysteme, der ‚Klassenfeind‘ fiel hier gerade noch ein, zu vermeiden ist im heutigen Umgang.“

    Ja, darauf kann ich mich mit Ihnen einigen. Und dafür braucht es auch keinen moralischen Zensor, denn diejenigen, die sich dieses Vokabulars bedienen, werden sich auch davon nicht beeindrucken lassen, im Gegenteil: sie werden es verwenden, um zu provozieren.

    „Wobei auf das Konzept der soziodynamischen dezentralen Zensur der sog. Politischen Richtigkeit verzichtet und stattdessen das gute alte Konzept „Anstand“ wieder hervorgeholt werden soll.“

    Auch damit bin ich absolut einverstanden, obwohl Anstand m.W. inzwischen als Wert durch den „Jargon der Weltoffenheit“ (Frank Böckelmann) auch abgelöst wurde, weil reaktionär.

    • @ Trice :

      ‚[Bestimmtes] Fachvokabular verbrecherischer Gesellschaftssysteme‘ war natürlich gemeint, ein Wort wird nicht dadurch böse, dass es ein Verbrecher gesagt hat (gar als erster).
      Es muss wohl tatsächlich um jedes Wort gerungen werden, um die sogenannte Politische Richtigkeit wieder sukzessive in ihren Käfig zurück zu zwingen.

      MFG
      Dr. Webbaer

      PS :
      ‚Anstand‘ mittlerweile ebenfalls „politisch falsch“?!
      Ja, könnte sogar sein…

  15. Dr. Webbaer, Trice,
    …….Sprachgebrauch,
    Man kann die übertriebene PC auch positiv sehen. Durch den falschen Gebrauch eröffnen sich sprachliche Nuancen, die es vorher nicht gab.
    Vielleicht mutiert die PC dann zu einer überregionalen Mundart.
    PC= political correctness
    Zur Not können wir auch den Sprachgebrauch des Dr. W imitieren, die neutralisiert die PC dann wieder.
    (Kleiner Spaß zum Schluss)

    • @ Kommentatorenfreund ‚Bote17‘ und hierzu :

      Man kann die übertriebene PC auch positiv sehen. Durch den falschen Gebrauch eröffnen sich sprachliche Nuancen, die es vorher nicht gab.

      Jein, die sogenannte politische Richtigkeit ist in praxi böse und schlecht, sie würgt vglw. zuverlässig den gesellschaftlichen Diskurs ab, es ergibt sich aber so eine gewisse Komik, wenn sie angegriffen wird, die Komiker sind hier ihre Apologeten.

      Mini-Anekdote :
      Dr. Webbaer schaut sich in einem Vid vor ca. zehn Jahren eine Diskussion im bundesdeutschen Staatsfernsehen (das es nicht sein will) an und sieht dort eine Moderatorin, die die eingeladene Runde anfragt, ob es denn die Politische Richtigkeit eigentlich gebe oder ob sie nicht eine Art Zwangsvorstellung von Benachteiligten wäre.
      So weit, so breit, Dr. W schmunzelt hier noch nicht, aber dann gibt es einen Prof, so um die 40, einen Geisteswissenschaftler, der bestätigen kann, dass es die sog. politische Richtigkeit nicht gibt (gegensätzlich zu Bill Clinton, siehe weiter oben in diesem Kommentariat), sondern eine Projektion oder Ersatzhandlung vorliegt, und sich auch ansonsten, leicht erregt, an einen weiteren Gast wendet, an den bekannten Publizisten Henryk M. Broder.

      Der reagierte nun aber ganz anders, als dies Dr. W und womöglich auch andere erwartet haben, der sagte dann sinngemäß :
      „Ja, die politische Richtigkeit gibt es nicht, aber es gibt etwas, das (soziodynamisch und ohne festes Zentrum wie ein Zensursystem (wie die „PC“) wirkt).“

      Wobei sich die beiden beim „Ja, gibt es nicht“ freundlich an nickten und dann der Prof schlecht argumentatorisch nachlegen konnte.

      Kurzum, die „PC“ ist schon durch sich auch ein wenig witzig.

      MFG
      Dr. Webbaer

        • Dr. Webbaer schrieb (20. April 2017 @ 00:08):
          > Gibt es eigentlich aus Sicht der Politischen Richtigkeit die Politische Richtigkeit?

          Me likee.

          p.s.
          Anstelle einer Antwort ein Scherz:
          Nein, aus Sicht der Politischen Richtigkeit gibt es selbstverständlich nichts, was zutreffend „die Politische Richtigkeit“ zu nennen wäre; sondern allenfalls „Politische Unrichtigkeit“.

  16. Der Artikel Hexenjagd auf dem Campus mit dem Untertitel Die Auswüchse der Political Correctness auf dem amerikanischen Campus hat nicht nur für die Freiheit der Lehre, sondern auch für die Psyche der Studierenden gravierende Folgen. zeigt wie Political Correctness eine Atmosphäre der Angst unter Dozenten/Dozentinnen und unvorsichtigen oder „ertappten“ Studierenden schafft, was die institutionellen Elemente der Political Correctness auf dem US-Campus sind (Trigger-Warnings, Safe-Spaces,Vorgehen gegen cultural appropriation (z.B. Kostümierung an Halloween)), was die legalen Voraussetzungen für PC-Hexenjagden geschaffen hat (Im Jahr 2013 hat das Department of Justice and Education die Antidiskriminierungs-Statuten erheblich erweitert und dafür gesorgt, dass schon eine Ausdrucksweise, die «nicht willkommen» ist, unter sexueller Belästigung firmiert.) und welche Auswirkungen Political Correctness auf die Psyche der Betroffenen hat («Eine Campus-Kultur, die die Sprache zensiert, ist dazu angetan, Denkmuster zu befördern, die von Verhaltenstherapeuten als typisch für Angststörungen und Depressionen identifiziert worden sind»). Eine Folge einer Atmosphäre der Political Correctness kann auch sein, dass sich ( Zitat:Segregation breitmacht, in der Gruppen unterschiedlicher Minderheiten und Hautfarbe einander aus dem Weg gehen, um nicht mit anderen Ansichten konfrontiert zu werden. ).
    Inzwischen gibt es aber auch US-Universitäten, die sich gegen Exzesse der Political Correctness wehren wie die New York Times im Artikel University of Chicago Strikes Back Against Campus Political Correctness berichtet. Dort erhielten Neueintretende folgenden Brief:Unser Engagement für die akademische Freiheit bedeutet, dass wir keine sogenannten Triggerwarnungen unterstützen, wir kündigen die eingeladenen Redner nicht auf, weil ihre Themen umstritten sein könnten, und wir dulden nicht die Schaffung von intellektuellen „sicheren Räumen“, in denen sich Einzelpersonen abkapseln können um sich Ideen und Perspektiven zu entziehen, die ihnen nicht passen „, schreibt John Ellison, Dekan der Studenten, an Mitglieder der Klasse von 2020, die nächsten Monat kommen wird.

  17. Es gibt einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen den faschistoiden Denk-und Sprechverboten der politischen Korrektheit (pK) und der explodierenden Hetze im Netz. Beides nimmt parallel zueinander zu, was doch eigentlich ein Indiz dafür sein müßte (ganz besonders für Wissenschaftler!), daß pK eben kein wirksames Instrument gegen Hetze ist.

    Das hängt damit zusammen, daß nur der freie Diskurs ein wirksames Mittel gegen Hetzer darstellt, weil nur er die innere Legitimität erzeugt, die es braucht, um sich glaubwürdig gegen Hetze abgrenzen zu können.
    Wer aber selber faschistoide Denkverbote verteilt, gibt rechten Hetzern ein Alibi, um sich hinter einer vermeintlichen Unterdrückung zu verschanzen.
    Und ich bin mir gar nicht so sicher, daß „Korrekte“ überhaupt ein Problem haben mit rechter Hetze, und ob ihr Hauptfeind nicht tatsächlich eher der Liberale im eigenen Lager ist.
    Allerdings zeigt auch dieser Artikel die unterschiedlichen Auffassungen über das, was „korrekt“ bedeutet. Den Begriff der „Durchrassung“ abzulehnen, ist in meinen Augen einfach demokratisch, nicht politisch korrekt.

    Das Spannungsfeld zwischen Korrektheit und rechter Hetze ist eine Wiederholung der Vorgänge der Weimarer Republik, wo es ebenfalls Rechtsnationale und Pseudolinke (die Kommunisten) waren, die von rechts und „links“ die Demokratie ausgehöhlt haben.

    „Wer immer stramm links marschiert, kommt irgendwann rechts wieder raus“ (Simon Wiesenthal)

    • Die ‚Hetze‘ meint den ‚Hass‘ und dieser wiederum die Feindschaft und die Bearbeitung der Feinde, die historisch nachgewiesen auch oft unangemessen streng erfolgt ist.

      An sich ist aus liberaler Sicht die Freiheit der Meinungsäußerung primär dadurch eingegrenzt, dass :

      A) Keine Gewaltandrohungen erfolgen dürfen, auch keine Aufrufe hierzu.

      B) und allgemeiner formuliert und explizit aufklärerische Gesellschaftssysteme meinend, auch keine Aufrufe zu Gesetzesverstößen.

      (Wobei B natürlich hinfällig wird, insbesondere in der BRD, wenn dort Recht sage und schreibe ausgesetzt wird und eine Art unerklärte Notstandsgesetzgebung faktisch vorliegt. – Traurig, undemokratisch, weil Gesetze in dafür befugten Vertretungen ja auch durch Parlaments-Beschluss angepasst werden könnten, aber eben faktisch vorliegend.)


      ‚Hetze‘ und ‚Hass‘ sind abär leider keine stabilen Rechtsbegriffe, sie meinen die Emotionalität, die rechtlich kaum zu greifen ist, wenn sich Täter nicht dbzgl. klar verlautbaren.

      Insgesamt scheint das bundesdeutsche Rechtssystem zunehmend zu vermurksen, es finden dann „Stellvertreterkriege“ im Sprachlichen statt, wobei viele wiederum nicht die Bedeutung der Wörter, die der Sprache, kennen und insofern wird Dr. W schon ein wenig kulturpessimistisch.

      MFG
      Dr. Webbaer

  18. Hallo Herr Dr. Webbaer, so kulturpessimistisch?

    Solange unsere Wirschaft boomt und die Leute dem Geld nachrennen, gibt es keine Gefahr.
    Grund zur Sorge besteht schon. wenn es stimmt , dass 70 % der türken in Deutschland für edogan gestimmt haben, dann sollte das als Alarmsignal gesehen werden. Dann ist unsere Integrationspolitik gescheitert.
    Sprachlich wird sich das auch irgendwie manifestieren.
    Der Zwiespalt in der Flüchtlingspolitik wird sich auch verschärfen, wenn unsere Exportwirtschaft zu schwächeln beginnt.
    Der Staat sollte dann durch eine klare Gesetzgebung auf solche Veränderungen vorbereitet sein.

  19. Die Diskussion im Tagesspiegel zur Politischen Korrektheit startet mit folgendem Strohmann-Argument Populisten werfen den etablierten Medien und Politikern vor, einen politisch-korrekten Diskurs geprägt zu haben, der einem verbietet zu reden, wie es einem passt.
    Als Einleitungssatz ist es ein Strohmann-Argument, denn es ordnet Gegner der Politischen Korrektheit unter den Rechtspopulisten ein und Befürworter und Erfinder im linksliberalen und elitären Umfeld. Tendenziell wird damit jedem Diskussionsteilnehmer mitgeteilt, wie er über Politische Korrektheit urteilen soll, denn dieser Satz verbindet die politische Gesinnung mit der Einstellung zur politischen Korrektheit.
    An einer durch solche einen Satz vorgespurten (Pseudo)-Diskussion sollte man gar nicht teilnehmen.

  20. Warum sollte es so klar sein, dass man nicht das Wort „Halbjude“ benutzen darf, wenn man die Nazis ablehnt?

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