Wahrheitsverzicht als Ursache des Populismus? Ein absurder Vorwurf

Menschen müssen sich in einer komplex empfundenen Welt orientieren und ständig Entscheidungen treffen. Schon deshalb streben sie nach Wahrheit. Sie haben gar keine andere Wahl, sie wären ansonsten orientierungs- und ziellos. Aber wir wollen niemandem folgen, der behauptet, die Wahrheit gefunden zu haben.

Allenfalls Katholiken folgen noch dem Unfehlbarkeitsgebot des Papstes in Glaubensfragen – nota bene: aber nur in Fragen des Glaubens. Außerhalb dieser Sphäre wird jedem Wahrheitsverkünder mit großer Skepsis begegnet, obgleich es uns doch alle da hinzieht. Vielleicht übernehmen wir einzelne Teile eines Gedankengebäudes eines Diskursakteurs – allerdings nur, wenn er oder sie unprätentiös auftritt und eng an der Sache orientiert argumentiert. Selbstzuschreibungen von Wahrheit – zumal in der Politik – irritieren uns in der Regel. Wir suchen also die Wahrheit, gestehen aber den Fund derselben niemandem zu. Wie geht das zusammen?

In diesem Zusammenhang wird ein – angeblicher oder tatsächlicher – Kollateralschaden dieses Befunds diskutiert: Der Verzicht auf Wahrheit führe zu einem zügellosen Relativismus. Wenn wir niemandem – nicht einmal uns selbst – die Möglichkeit einräumen, in einer bestimmten Sach- und Streitfrage die Wahrheit gefunden zu haben, lohnt es sich dann überhaupt zu suchen?

Philosophen wie z.B. Maurizio Ferraris werfen der sogenannten Postmoderne vor, durch ihre Kritik an der Moderne habe sie nicht nur dem Relativismus, sondern auch dem politischen Populisimus Tür und Tor geöffnet: „Das, wovon die Postmodernisten geträumt haben, haben die Populisten verwirklicht“, sagt der italienische Philosoph und Verfasser des „Manifesto del nuovo realismo“  Maurizio Ferraris laut ZEIT ONLINE am 27. August 2015 in der Realismusdebatte.

Um dies zu verstehen, muss man die Kritik der Postmoderne an der Moderne resümieren: Der Vorwurf der monolithisch modellierten Postmoderne an die Moderne lautet, dass die „Fetische“ ihres Denkens – nämlich die Begriffe Vernunft, Aufklärung, Wissenschaft, Fortschritt – im 20. Jahrhundert angesichts von Kriegen, Hungerkatastrophen und Naturzerstörung ihres Versagens überführt wurden. Die selbst zugeschriebene autonome Vernunft der Moderne, die Wahrheit finden und Irrtum identifizieren könne, habe Fortschritt versprochen. Deshalb konnte die vernunftgeleitete Wissenschaft zum Garanten des Fortschritts avancieren. Damit einher ging das Bestreben nach einer wie auch immer gearteten besseren Welt.

Angesichts der aktuellen Probleme scheint für viele Menschen das Versprechen nicht eingelöst. Mitunter gewinnt man den Eindruck – wie es der Berliner Philosoph Volker Gerhardt formuliert –, als ob die Enttäuschung darüber, dass Wissenschaft nicht alle Probleme der Menschheit gelöst hat, der Moderne und der von ihr propagierten Vernunft zum Vorwurf gemacht wird.

„Die Zeiten der Postmoderne sind längst vorbei, und doch hat sich der Vorbehalt gegenüber der Wahrheit gehalten“, bilanziert Volker Gerhardt 2016 (S. 132) und ermittelt zurückblickend eine wichtige Zäsur: „Die nachhaltigsten Zweifel an der Geltung der Wahrheit stammen aus dem Historismus des 19. Jahrhunderts. Denn mit dem angeblichen Zerfall einer universalhistorischen Perspektive ging auch der Anspruch auf eine geschichtliche Wahrheit verloren. Jede Epoche scheint in ihrem begrenzten Horizont befangen.“ (Gerhardt 2016, S. 133).)

Somit sind wir bei einem Kernproblem angelangt, dem schlechtbestimmten Wahrheitsbegriff bzw. einem alltagsweltlichen und einem wissenschaftlichen Wahrheitsverständnis. Es gilt zu unterscheiden zwischen der Wahrheit („absolute“, „letzte“ Wahrheit) und dem Geltungsanspruch bzw. Wahrheitsanspruch einer Aussage. Anders formuliert: Versuche, die Welt bzw. einen Weltausschnitt zentralperspektivisch als Systemraum von einem spezifischen Sehepunkt (Point of View) aus durchzustrukturieren, sind zum Scheitern verurteilt. Dessen ungeachtet ringen wir um Geltungsansprüche von Aussagen und die Dominantsetzung von Perspektiven – und das ist gut so! Die Einsicht in die Multiperspektivität verlangt zwingend einen Kampf um die richtige Perspektive.

Alle Diskussionen und Streitschriften scheinen sich darum zu drehen. Natürlich beanspruche ich als Sprecher – wenn nicht anders angezeigt – die Wahrhaftigkeit meiner Aussagen, auch wenn ich nicht in einem metaphysischen Sinne die Wahrheit deklamiere. Darin ist keinerlei Widerspruch enthalten, mitnichten ein Relativismus. Schließlich stehe ich für die Geltungsbedingungen meiner Aussagen ein, kämpfe semantisch für die Wahrhaftigkeit meiner Aussagen.

Veröffentlicht von

Ekkehard Felder ist Professor für Germanistische Linguistik an der Universität Heidelberg. Er initiierte 2005 die Gründung des internationalen und interdisziplinären Forschungsnetzwerks Sprache und Wissen. Diese Forschungsgruppe untersucht diskurs- und gesellschaftskritisch die sprachliche Zugriffsweise auf Fachinhalte in zwölf gesellschaftlichen Handlungsfeldern – sog. Wissensdomänen (z.B. Recht, Wirtschaft, Medizin, Politik, Naturwissenschaft und Technik). Da Fachinhalte durch die Wahl der Worte geprägt werden und widerstreitende Positionen eine andere Wortwahl präferieren, ist ein Streit um die Sache auch ein Streit um Worte bzw. ein semantischer Kampf um die richtige Sichtweise. Deshalb heißt sein Blog bei SciLogs „Semantische Wettkämpfe – Wie die Sprache, so die Denkungsart“. Seine Forschungen beschäftigen sich mit der Fachkommunikation, der sozio-pragmatischen Diskursanalyse und der Untersuchung von Sprache als Indikator für Identität, Mentalität und Authentizität. 2010 gründete er mit den Kollegen Ludwig M. Eichinger und Jörg Riecke das Europäische Zentrum für Sprachwissenschaften (EZS). Als Fellow des Institute for Advanced Studies in Heidelberg (2008) und STIAS in Stellenbosch / Südafrika (2009) widmete er sich dem diskursiven Wettkampf um erkenntnisleitende Konzepte („agonale Zentren“). Felder ist Autor von fünf Monografien und (Mit-)Herausgeber diverser Sammelbände. Besonders bekannt ist die von ihm herausgegebene Reihe „Sprache und Wissen“ (SuW) bei de Gruyter und die dort mit Andreas Gardt herausgegebenen „Handbücher Sprachwissen“ (HSW).

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  1. Wahrheit bedeutet für naturwissenschaftlich orientierte Menschen leider oft etwas anderes als für geisteswissenchaftlich orientierte. Vernunft, Aufklärung, Wissenschaft, Fortschritt ist für Naturwissenschaftler nach wie vor wichtig, denn mit jeder Erkenntnis, die der Nachprüfung und Reproduktion widerseht, gibt es in Mathematik und Naturwissenschaft einen echten Fortschritt. Es ist deshalb wohl kein Zufall, dass der Wikipedia-Artikel über die Postmoderne Naturwissenschaftler nur als Kritiker der postmodernen Haltung aufführt. Auch die Sokal-Affäre taucht dort auf. Sokal publizierte in “Social Text” einen Artikel, der sich (Zitat) um die Weiterentwicklung postmoderner Konzepte unter Berücksichtigung neuer Entwicklungen der Quantengravitation drehte, aber nichts anderes als kunstvoll zusammengeschusterter Unsinn war. Da dieser Text aber sehr affirmativ bezüglich Feminismus und Relativismus war, wurde er akzeptiert und publiziert.
    Es gibt aber auch Schrifsteller, die die postmoderne Haltung auf die Schippe nehmen. Jan Mc Ewan hat das in seinem Roman Solar getan, wo eine Sozialwissenschaftlerin (als Romanfigur) darlegt, wie ein bestimmtes Gen nicht von Wissenschaftlern entdeckt werde, sondern vielmehr ein soziales Konstrukt darstelle. Auch das folgende Fragment aus Solar zeugt von Mc Ewans Kritik an dem, was im Umkreis des Postmodernimus möglich ist (Zitat):

    It was said that humanities students were routinely taught that science was just one more belief system, no more or less truthful than religion or astrology. He had always thought that this must be a slur against his colleagues on the arts side. The results surely spoke for themselves. Who was going to submit to a vaccine designed by a priest?

    Vor diesem skizzierten Hintergrund wird der Vorwurf an den Postmodernismus, Beliebigkeit, Relativisimus und “gefühlte Wahrheiten” (Trump) zu fördern verständlich.
    Tatsächlich gibt es da einen Berührungspunkt zum Trump’schen Populismus, und es macht Trumps Bestehen darauf verstänlich, dass wahr sei, was er selbst als wahr empfinde, weil er es beispielsweise x-Mal auf Fox-News gehört hat.

    Wenn oben zu lesen ist, das Problem sei (Zitat) der schlechtbestimmte Wahrheitsbegriff bzw. einem alltagsweltlichen und einem wissenschaftlichen Wahrheitsverständnis., dann würde ich einwenden, dass der wissenschaftliche Wahrheitsbegriff gar nicht so weit entfernt ist vom Wahrheitsbegriff, der auch für einen Journalisten wichtig ist. Als Beispiel würde ich die Fotografie von Trumps Inauguration verwenden, die eindeutig zeigt, dass sie von weniger Leuten besucht wurde als Obamas Inauguration. Trump und sein Pressesprecher aber bestanden darauf, dass es anders sei, dass nicht die Fotographie die Wahrheit zeige, sondern dass die Wahrheit die von Trump “gefühlte Wahrheit” sei.

    Was wir mit Wahrheit meinen lässt sich in Wirklichkeit nicht einen alltagsweltlichen, gefühlten Wahrheitsbegriff und einen wissenschaftlichen Wahrheitsbegriff aufspalten. Tendenziell meint Wahrheit immer das selbe, nämlich die Übereinstimmung mit den Fakten.

  2. Die gefühlte Wahrheit entspricht tatsächlich oft nicht den Fakten, wenn man eine breitere Perspektive einnimmt. Dazu folgendes Zitat von oben:

    Die selbst zugeschriebene autonome Vernunft der Moderne, die Wahrheit finden und Irrtum identifizieren könne, habe Fortschritt versprochen. Deshalb konnte die vernunftgeleitete Wissenschaft zum Garanten des Fortschritts avancieren. Damit einher ging das Bestreben nach einer wie auch immer gearteten besseren Welt.
    Angesichts der aktuellen Probleme scheint für viele Menschen das Versprechen nicht eingelöst.

    Hier ist der kritische Punkt “Angesichts der aktuellen Probleme scheint das Versprechen nicht eingelöst”
    Es ist absolut natürlich, dass die meisten Menschen Probleme sehen – auch und gerade heute, denn mit problemlosen Dingen muss man sich gar nicht beschäftigen. Man sieht also die Umweltzerstörung, den durch den Menschen ausgelösten Klimawandel, Terrorismus und Kriege im Nahen Osten, sieht aber nicht die für fast alle Menschen weit besseren Lebensbedingungen gegenüber einer Welt vor 100 Jahren oder gar gegenüber der Zeit der Aufklärung, als die Lebenserwartung noch 40 Jahre weniger betrug, die Kindersterblichkeit hoch war und Demokratie und Meinungsfreiheit die Ausnahme waren. Wer in Aufklärung, Vernunft und Fortschritt den Weg zum Heil und zum (sozialistischen?) Paradies sieht, der hat ein ganz anderes Problem als eines mit der Wahrheit. Er hat ein Erlösungsproblem, ein religiöses Problem. In der Tat führen Vernunft, Aufklärung und naturwissenschaftlicher Fortschritt nicht zur Erlösung, nicht zum Paradies. Wer die Erlösung und das Paradies möchte und sucht, der muss noch einmal ganz schreckliche Kriege führen. Nur ist das vielen eben gar nicht bewusst oder es wird ihnen erst nach dem nächsten Krieg und Hassausbruch bewusst.

  3. MH,
    ……”Wer die Erlösung und das Paradies möchte und sucht, der muss noch einmal ganz schreckliche Kriege führen. Nur ist das vielen eben gar nicht bewusst oder es wird ihnen erst nach dem nächsten Krieg und Hassausbruch bewusst.”…

    Übertreiben Sie da nicht ein bischen? Wenn man mit Paradies den Frieden meint und nicht das Schlaraffenland, dann besteht ja das Ziel darin Konflikte und Kriege zu vermeiden. Das geschieht ganz pragmatisch und vollkommen rational. Die Religionen sind dabei gesondert zu behandeln. Das Christen tum hat schon längst auf eine direkte Einflussnahme auf die Politik verzichtet und richtet nur moralische Appelle an sie.
    Beim Islam, wo Staat und Religion nicht getrennt sind, wird es schwieriger. Aber auch hier gilt, Respekt vor der Religion zusammen mit pragmatischer Außenpolitik verringert die Konflikte.
    Zum Titel dieses blogs: Wahrheitsverzicht und Populismus können eine unheilige Allianz eingehen. Der Nationalsozialismus ist ein beredtes Beispiel dafür. Populistische Parteien neigen dazu die Wahrheit in ihre Richtung zu verbiegen.

    • @Robert. Nicht wenige die das Paradies suchen, sind der Überzeugung, das Paradies wäre eigentlich schon da, wenn wir nicht in einem Schweinesystem leben würden, in dem uns Andere ausbeuten und unterdrücken. Ein bekannter von mir meinte jedenfalls (vor langer Zeit), ja Bankangestellte und Manager müsse man bei der nächsten bevorsteheneden Revolution einfach am nächsten Kandelaber aufknüpfen. Auch er suchte das Paradies, mindestens aber einen paradiesischen Zustand. Und klar müssen einige über die Klinge springen um das Paradies möglich zu machen.

  4. @Robert

    Das Christentum ist von Anbeginn der Ursprung von Unwahrheit, Unvernunft und zeitgeistlicher Konfusion heutiger Problematik, weil es seine textlichen Grundlagen nie als eigenständige / eindeutig-zweifelsfreie Wahrheit in eine uns befriedende Kommunikation nutzen konnte – leicht korrumpierbare KAPITULATION, vor dem Kreislauf …!!!

  5. @Ekkehard Felder

    So wie ich das sehe, die Wahrhaftigkeit deines Textes:
    Konfusion, “Verantwortungslosigkeit” (eine verschleierte Sündenbocksuche), Surfen auf dem Zeitgeist (der Finger in der Wunde), alternatives Konzept, also im Prinzip auch wieder nur Populismus!?

  6. hto,
    das AT scheint dir konfus vorzukommen. So wie einem Laien eine Differentialgleichung unverständlich ist, so ist dir die Bibel unverständlich. Ein Pfarrer muss einige Jahre studieren, bevor er die Bibelgleichnisse richtig versteht. Das sollte Dir zu Denken geben.

    • @Robert

      Das AT erscheint mir absolut NICHT konfus. Es hat aber, ausser der Vernunft, nichts mit dem Ideal des Christentums zu tun!

      Was die Bildung / das Studium betrifft, da sehe ich nur die systemrationale Suppenkaspermentalität als Ergebnis. 😎

  7. hto,
    AT und Christentum, da gehe ich mit dir schwanger.
    Systemrational sind alle Zivilisationen. Das ist ja der Sinn der Kultur, dass sie sich ständig dupliziert um nicht vergessen zu werden. Aber es gibt Menschen, die diesen Mechanismus durchschauen und Verbesserungen anstreben. Das gibt Hoffnung.

  8. Ja, systemrational im geistigen Stillstand seit der “Vertreibung aus dem Paradies” – diese Welt- und “Werteordnung” im nun “freiheitlichen” Wettbewerb um illusionären KOMMUNIKATIONSMÜLL.

  9. @Robert

    Ich gehe damit aber nicht schwanger 😁, denn mein Verständnis von Christentum ist kompromisslos sozialistisch – eine Welt OHNE Steuern zahlen, OHNE “Sozial”-Abgaben, OHNE manipulativ-schwankende “Werte”, OHNE irrationalem Zeit-/Leistungsdruck zu einer Karriere von Kindesbeinen, usw., auf der Basis eines UNKORRUMPIERBAREN Menschenrechts auf KOSTENLOSER Nahrung, MIETFREIEM Wohnen und KASSEN-/KLASSENLOSER Gesundheit. Denn wenn GRUNDSÄTZLICH alles allen gehören darf, so das die Symptomatik von “Wer soll das bezahlen?” und “Arbeit macht frei” keine Macht mehr hat, kann PRINZIPIELL alles wirklich-wahrhaftig …

  10. Hallo,

    tja, ich weiß gar nicht, wie ich anfangen soll. Na vielleicht so: Ich bin kein philosoph, habe aber in den neunzigern linguistik studiert. Meine damalige professorin Helen Leuninger sagte mir damals sinngemäß, das problem mit aussagesätzen sei, dass sie alle glaubenssätze darstellen und deshalb ein zusatz wie, ‘ich gehe davon aus’, ‘ich nehme an’, ‘ich glaube, dass es sich so verhält’ immer mitgedacht werden müsse. Was ich daraus schließe ist, dass alle aussagen einen überprüfbaren behaupteten wahrheitsgehalt haben, der per se zur disposition steht. Nun sind aussagen ja keine realitäten, sondern sprachliche konstrukte, ob sie nun in einer formalen sprache, wie der logik, der mathematik, oder einer anderen menschlichen sprache formuliert sind. Sie bilden allenfalls die realität ab, und fast immer nur in kleinen teilen und sie sind deshalb an vorannahmen geknüpft, axiome etc. oder z.b. an die annahme, man könne überhaupt sinnvolle aussagen über die welt treffen, ferner dass es überhaupt eine welt gebe, über die aussagen gemacht werden können. Aussagen beziehen sich also auf eine vorangenommene welt, das heißt aber nicht, dass sie per se wahr sein müssen, dennoch sollten sie prinzipiell überprüfbar sein. So viel zu meinen vorannahmen.

    Das problem, welches sich daraus ergibt, ist meiner ansicht nach folgendes, wir müssten eigentlich alle aussagen grundsätzlich anzweifeln und auf ihren wahrheitsgehalt hin überprüfen. Um das nicht tun zu müssen, weil wir dann nicht mehr lebensfähig wären, müssen wir von einigen dingen einfach ausgehen, die wir bereits als wahr angenommen haben und deshalb glauben können. Wir sind ja nun einmal wesen mit sinnesorganen, die uns helfen sollen einige gewissheiten über die welt zu gewinnen. Gewissheiten sind aber meiner ansicht nach lediglich verallgemeinernde schlüsse aus sinneseindrücken und achtung! wahrnehmungen. Unsere sinne sind aber so beschaffen, dass sie nicht perfekt funktionieren, sie sind täuschbar. Hierzu können als beispiele dienen, optische täuschungen oder auch das – ich glaube es heißt – ‘paradoxe entkleiden beim kältetod’, wo der betroffene glaubt, es sei ihm fürchterlich heiß. Wir können uns also nicht einmal darauf verlassen. Wir sind aber deshalb darauf angewiesen, uns gewissheiten zu verschaffen, also dinge wahrzunehmen, als wahr anzuerkennen, also zu glauben. D.h. aber unsere gehirne müssen prinzipiell glaubensfähig sein. Ich meine damit, dass wir auch dinge als wahr oder richtig anerkennen können müssen, die mit unsicherheit behaftet sind, die evtl. wahr sind, oder zu 90% oder vielleicht nicht immer. Wir müssen also schlüsse aus einer unvollständigen, situativ bedingten und vielleicht sich nicht vollständig manifestierenden realität ziehen können, die zu gewissheiten werden, zu unserer realität. Dabei können auch trugschlüsse und sogar fehlschlüsse entstehen, die aber bei verbesserter datenlage korrigiert werden können. Aber wir können uns prinzipiell selbst täuschen und aber auch genauso getäuscht werden. Wenn z.b. jemand bewusst lügt, fakten verschweigt, motive verbirgt etc. Diese tatsache wird immer wieder ausgenutzt, um kriege anzuzetteln, entscheidungen politisch herbeizuführen, gewünschte reaktionen hervorzurufen, die liste lässt sich beliebig erweitern. Und es sind nicht nur die populisten, die dies tun. Man nennt das meinungsbildung, propaganda, oder alternativlos.

    Wir als menschen haben nun das problem, dass wir nicht auf allen gebieten experten sind – sogar auf den meisten nicht -, uns gewisse informationen gar nicht vorliegen bzw. vorenthalten werden, so dass wir den experten oder den gewählten vertretern vertrauen müssen, dass sie in unserem sinne argumentieren oder entscheiden und handeln. Weil wir entweder keine meinung haben können, oder weil wir eben glauben, dass das alles schon so stimmt.

    Ich will es mal dabei belassen,

    ndray

    • @andrej (Zitat):

      dass alle aussagen einen überprüfbaren behaupteten wahrheitsgehalt haben, der per se zur disposition steht.

      Das ist eine der wenigen Aussagen, die für mich nicht zur Disposition steht, sondern die einfach wahr ist und die unsere Beziehung zur Welt der Behauptungen bestimmen sollte. Entscheidend ist hier aber mit welcher Methodik der Wahrheitsgehalt einer Aussage geprüft wird. Nur weil eine Aussage von allen mir Bekannten gemacht wird oder weil sie in Fox News oder einem andern Medium des Vertrauens gemacht wird, ist die Aussage noch lange nicht wahr. Zu erkennen, welche Art der Wahrheitsüberprüfung etwas bringt, ist entscheidend. Paradoxerweise gibt es heute mehr für jeden nachprüfbare Fakten als je in der Menschheitsgeschichte, aber nur wenige benutzen diese Fakten und vertrauen in sie, viel mehr lassen sich irgend etwas aufschwatzen, was mir zeigt, dass die Menschen trotz mehr allgemeiner Bildung und Ausbildung als je heute nicht gescheiter sind als in unserer unseligen Vergangenheit.
      Vieles was sie sonst noch schreiben liegt aber auf der (postmodernen?) Linie des Relativierens, der Verneinung von absoluten oder auch nur relativen Wahrheiten, einer Linie, die dann entweder (bei Pessimisten) zur Haltung führt „nichts ist gewiss, alles ist anfechtbar“ oder aber zur Haltung (bei Optimisten ) „anything goes“. Man muss sich aber bewusst sein, dass bei aller Täuschbarkeit der Sinne und der Wahrnehmung, wir jeden Tag gut damit umgehen können. Jeder der sich mit dem Auto oder Fahrrad Tag für Tag in den Verkehr wagt, vertraut seinen Sinnen, seiner Wahrnehmung und riskiert den Tod bei Sinnestäuschung – und dennoch sind ernste Verkehrsunfälle nicht alltäglich. Das zeigt, dass man bei entsprechender Ausbildung und Aufmerksamkeit durchaus gültige Schlüsse ziehen kann – selbst wenn Fehlschlüsse und Täuschungen mit dem Tod bestraft werden.

  11. @Andrej

    Nach nicht nur meinem Verständnis der christlichen Philosophie der “Vertreibung”, Vorsehung und möglicher Überwindung selbiger, bedeutet Mensch ALLE!
    “Wie im Himmel all so auf Erden” – Wenn wir diesen sinnhaften Auftrag des Zusammenlebens also nicht umsetzen können, dann ist unsere Vernunftbegabung “individualbewusst” für’n Arsch, bzw. wir sind nicht wirklich-wahrhaftig entwicklungs-/ lebensfähig!?

  12. Der letzte Absatz beschreibt treffend, was zwischen Relativismus und absoluter Wahrheit liegen könnte.

    “Und es sind nicht nur die populisten, die dies tun. Man nennt das meinungsbildung, propaganda, oder alternativlos.” (Andrej Kristuf)

    Sehe ich auch so.

    Darüberhinaus stimmt es nicht durchgängig, daß “Wahrheitsverkündern mit großer Skepsis begegnet wird”. Im Gegenteil, die Tendenz zur Verkündung absoluter Wahrheiten hat in den letzten 20-25 Jahren wieder deutlich zugenommen.
    Heute wimmelt es überall von Dogmen, in der Wirtschaftspoltik, bei Dikriminierungsfragen, in der Geschlechterfrage, bei Idenditätsfragen, man könnte noch einiges mehr hinzufügen.
    Allerdings kommt das tatsächlich nicht mehr ganz so aggressiv daher wie in früheren Zeiten, es brennt quasi auf kleinerer Flamme, trägt eher pseudoreligiösen Charakter, ist allerdings dennoch geeignet, die Demokratie von innen heraus auszuhöhlen.
    In Bezug auf Religionen greift es zu kurz, nur die Unfehlbarkeit des Papstes anzuführen. Auch Protestanten, Moslems und wahrscheinlich alle anderen Religionen und Konfessionen haben ein genauso starkes Unfehlbarkeitspotenzial in den eigenen Reihen (etwas sarkastisch könnte man auch die deutsche Justiz mit anführen).
    Sie leben es nur eher über starre Wertvorstellungen aus, der Evangelikalismus etwa, der ebenfalls wieder zugenommen hat, vertritt z.T. Dinge, gegen die nichtdogmatische Katholiken die reinsten Waisenknaben sind.

  13. Tja, auf religionen bezogen habe ich mich noch gar nicht, aber grundsätzlich einmal finde ich es nicht sehr vernünftig einem glauben anzuhängen, der etwas oder jemand prinzipiell unbeweisbaren, wie einen GOTT behauptet. Aber genereller gesehen, ist das von mir behauptete glauben können müssen bzw. vertrauen müssen etwas, das der vernunftbegabung des menschen, die er offensichtlich hat, denn er kann seine hypothesen über die welt durchaus ändern, entgegenläuft. Aber wenn das individuelle welttheoriegebäude keine updates erfährt, keine neuen inputs bekommt oder anerkennt, also daten mit alternive facts bspw. ausgekontert werden, können auch völlig abstruse ideen überdauern. Und sicher sind religionen kein vehikel der aufklärung, eher im gegenteil.

    Ganz anders stellt sich das aus der sozialen perspektive dar, denn da sind die glaubensgemeinschaften ganz stark. Sozialer zusammenhalt, zugehörigkeit und das formulieren geteilter werte und normen sind hier die kernkompetenzen. Das gemeinsame ausführen ritueller handlungen und das aufgeben des anzweifelns des behaupteten weltgebäudes gehören genauso dazu. Ich will das nicht weiter ausführen, halte es aber für reinen hokuspokus. Steven Pinker und auch andere haben dazu gute vorträge auf youtube stehen.

    Aber genauso lässt sich das für staatlich verfasste gesellschaften formulieren, deren bibel dann halt das grundgesetz oder die menschenrechte oder werte wie würde (dt. GG), gleichheit, freiheit und brüderlichkeit (frz. revolution), einigkeit und recht und freiheit (dt. nationalhymne) oder glück (am. constitution) sind. Diese werden dann in gemeinsamen ritualen abgefeiert und dürfen auch nicht angezweifelt werden. Wie wehrhaft sich diese gebilde dann auch gegen zweifler in stellung bringen, ist allenthalben zu sehen. Da sind auch die demokratien keine ausnahme. Z.B. werden whistleblower als staatsverräter verurteilt, obwohl sie ja im sinne der aufklärung handeln und missstände aufdecken, das geht bis zur todesstrafe in manchen fällen heute und in der vergangenheit allemal. Oder das niederknüppeln legitimer proteste. Und das müssen sie auch tun, denn die schwäche dieser gemeinschaften ist ihr narrativ, man kann daran glauben muss es aber nicht.

    So weit erstmal, nur zur klarstellung ich selbst bin anarchist, ich zweifle erstmal alles an, bis ich genug gegrübelt oder mehr infos habe, bin dann aber meist dagegen,

    ndray

    • Religiöse und bis zu einem gewissen Grad auch staatliche/organisatorische Gemeinschaften behaupten Wahrheiten, die, wenn geglaubt, auch zur Zugehörigkeit zur Gemeinschaft führen. Wer an Gott, die Dreifaltigkeit und die Unfehlbarkeit des Papstes glaubt, ist ein Katholik, wer Katalanisch spricht und dort lebt ist ein Katalane (der aber typischerweise noch viel mehr mit dem Katalanentum verbindet), etc. Glauben und Zugehörigkeit gehen hier also zusammen. Nach einer längeren Phase der gefühlten Auflösung von Zugehörigkeit, nimmt jetzt das Bedürfnis vieler, etwas anzugehören wieder zu – und damit auch die Bereitschaft Aussagen zu glauben, die die Zugehörigkeit erhöhen oder erst ausbilden. Meist gehört man aber mehreren Gemeinschaften an. Ein Bayer ist Deutscher und Europäer, möchte aber vielleicht nur oder vor allem Europäer oder nur Bayer sein. Wenn er nur Bayer sein will, liegt es nahe, dass er die Freistaatlichkeit von Bayern betont, wenn er vor allem Europäer sein wiil, dann betont er dagegen gerade wie unwichtig Bayern oder gar Deutschland gegenüber der europäischen Gemeinschaft sei.
      Jedenfalls zeigen diese Beispiele, dass der Glauben an gewisse Aussagen eben nur wenig mit verifizierbarer Wahrheit zu tun hat, sondern dass in vielen Fällen, der Glauben an gewisse Aussagen eine Glaubensgemeinschaft schafft oder jedenfalls ermöglicht.

      • Das aber ist doch gerade der punkt, man muss die argumente einer aussage als sinnvoll anerkennen, sie verinnerlichen, um daran zu glauben. Was das aber bei ‘bayern’ oder ‘deutsch’ sein soll, habe ich noch nie verstanden, bzw. fand ich immer geradezu blöde. Und wenn das auf einen begriff von identität herauslaufen soll, ist es noch viel blöder. Denn identisch können nur zwei absolut gleiche dinge sein, evtl. kann man mit einigen abstrichen bei dem genom von eineiigen zwillingen das so nennen. Und schon gar nicht kann ich mit etwas oder jemand anderem identisch sein. Der begriff macht einfach keinen sinn. Da kann ich allenfalls so etwas wie individualität oder subjektivität entgegensetzen. Und frage den bayern, wie wird er sich in die weltgemeinschaft einbringen, als seperatist in einem befreiungskrieg etwa? Na, dann gute nacht.

        “und dennoch sind ernste Verkehrsunfälle nicht alltäglich”

        zu diesem zitat und dem dazugehörenden beitrag, ich habe keine ahnung, wie ihre argumente zu dieser aussage führen bzw. überhaupt mit ihr zusammenhängen, mal abgesehen davon, dass sie offensichtlich falsch ist. Jeden tag passieren schreckliche unfälle im straßenverkehr, nur halt nicht jedem einzelnen von uns, sie sind in diesem sinne alltäglich. Und das heißt doch nur, dass wir darauf vertrauen und daran glauben, dass es auch heute wieder mal nicht uns betreffen wird, bei dem risiko, dass wir eingehen. Ich war an einem solchen unfall beteiligt und habe mit den folgen heute noch zu kämpfen, ich war schwer verletzt und bedauerlicherweise ist nicht alles wieder wie vorher. Aber als verkehrsteilnehmer trifft man immer wieder solche entscheidungen, das risiko einzugehen, bei mir war es, mich dafür zu entscheiden weiter motorrad zu fahren, nachdem ich es drei monate lang hatte stehen lassen, weil ich innerhalb einer saison bei täglichem fahren jeden tag mindestens eine gefährliche situation zu überstehen hatte, an der ich selbst nicht schuld war, sondern andere unaufmerksame (fußgänger) oder rücksichtslose (vor allem autofahrer) verkehrsteilnehmer. Ein jahr später ist der unfall dann passiert. Niemand war schuld, am ehesten noch ich. Aber so ist das eben.

        Und was ist eigentlich an einer ‘postmodernen’ kritik der moderne verkehrt? Sind ihre argumente etwa falsch oder einfach nur aus der mode? Und blinde markt- oder fortschrittsgläubigkeit führt doch auch zu nichts gutem. Und wenn wir es nicht schaffen, nachhaltiger zu wirtschaften, und unsere lokalen, nationalen interessen mal hintan zu stellen, um weltweit unsere erdenprobleme gemeinsam zu lösen, wird es richtig schlimm werden, da braucht man nicht mal pessimist zu sein, wenn man die fakten kennt.

    • @Andrej

      “Zweifelnder Anarchist” – Aber das Dogma der Religionen, der Gottesglaube nach Bibel, den scheinst du nicht anzuzweifeln, obwohl gerade dies seit Jahrhunderten nach einer Richtigstellung im Sinne der eindeutigen Wahrheit schreit.

      Die “Demokratie”, also die vorherrschende Staatsform, dieser immernoch ziemlich offensichtlich imperialistisch-faschistischen Welt- und “Werteordnung”, ist begründet auf der Zweifelhaftigkeit dieses “christlichen Glaubens”, also allein deshalb …!?

      Gott ist die Metapher für einen Zustand des Geistes, den Menschen wie ich Zentralbewusstsein nennen. Würde ich an die Sinnhaftigkeit von zufälliger Einmaligkeit glauben, wäre jedes Wort hier und sonstwo / die Wahrheitssuche absoluter Blödsinn. 😎

      • Ich muss das wohl noch deutlicher sagen, mir sind alle religionen und ihre umdeutungen und neuinterpretationen vollkommen wurscht, da lässt sich nichts retten. Und schon gar nicht mit einem zentralbewusstsein. Und mir sind leider auch alle ihre anhänger von vornherein suspekt, da können ihre handlungen noch so gut gemeint sein. Sie gehen von den falschen prämissen aus, weshalb ihre schlüsse falsch sein müssen. Da hilft alles beten und glauben nichts. Aber mach dir nichts draus, da sind die religionen nicht alleine.

        • Andrej,
          Massenbewusstsein, bestenfalls geistig-heilendes, ist die “Formel” die zur Identitätsbestimmung …
          Doch weil die “individualbewusste” Realität WETTBEWERBSBEDINGT von imperialistisch-faschistischer Wertvorstellungen bestimmt ist, ist besonders die “Identität Mensch” …!?

          Mit dem Zentralbewusstsein verhält es sich im irdischen vergleichsweise wie mit dem Anarchismus, es fehlen die Grundvoraussetzungen und ist somit …!? 😎

  14. hto,
    ….mein Verständnis von Christentum ist kompromisslos sozialistisch….
    Bravo, dass es noch nicht korrumpierte Christen gibt.
    Nicht alle Menschen denken so. Lieber den Spatz in der Hand, als die Taube auf dem Dach, sagt der Volksmund.
    Die Linken kommen auch nicht über die 10 % hinaus, weil sie zu kompromisslos sind.
    Aber du bist und bleibst Vorbild, das muss mal gesagt werden.

    • Robert,
      die Linken machen ZUVIELE Kompromisse, wo es doch offensichtlich ist, dass dieser parlamentarische Zirkus von “demokratischen” Kreuzchen auf dem Blankoscheck multischizophren und somit nicht erstrebenswert ist!

  15. @Ekkehard Felder

    “Jede Epoche scheint in ihrem begrenzten Horizont befangen.”

    Scheint???

    Als Mensch anfing seine Toten zu bestatten, wurde Mensch zum Mensch. Als Mensch aber anfing auch daraus ein GESCHÄFT zu machen, war alles für’n Arsch, bzw. war alles im Kreislauf des Geschäfts-Sinns / des geistigen Stillstandes MANIFESTIERT!?

    Die URSACHE des Populismus / der symptomatischen Probleme unseres “Zusammenlebens” wie ein wachstumwahnsinniges Krebsgeschwür, ist der nun “freiheitliche” WETTBEWERB, der mit dem “gesunden” Konkurrenzdenken!!! 😎

  16. MH,
    …..Schweinesystem überwinden…..
    Das Christentum ist den “Aufgeklärten” voraus. Ein Schweinesystem kann man niemals mit Gewalt überwinden. Gewalt erzeugt Gegengewalt. Oder archaisch ausgedrückt, Auge um Auge , Zahn um Zahn.
    Mit Gewaltverzicht erreicht man auf lange Sicht am meisten. Deshalb hat das Christentum die richtige Geisteshaltung.

    hto,
    Gottesglaube nach der Bibel.
    Gott ist unverzichtbar, die Bibel schon. Entscheidend ist doch, dass du eine höhere Gewalt über Dir akzeptierst, an der du deine ethischen Maxime festmachen kannst.

    AK,
    Glauben und Wahrheit haben eine Schnittstelle und die liegt genau im Menschen. Jeder Mensch macht individuelle Erfahrungen aus denen er lernt, weil er sie für “wahr” hält . Das hat Auswirkungen, weil andere Menschen, die diese Erfahrungen nicht gemacht haben, diese “Wahrheit” deshalb nicht besitzen.
    Das gilt für das Verhältnis zur Religion, bis zur Homöopathie.

    • Robert,
      da muss ich widersprechen.
      Gott ist NUR für die Ängstlichen unverzichtbar.
      Die Bibel ist ABSOLUT unverzichtbar, denn sie ist mit der Logik für Verstand und Vernunft beschrieben.
      Da ist Geist und KEINE höhere Gewalt, einzig die Kraft des Ursprungs, die es zu transformieren und wieder zu fusionieren gilt.

  17. @Andrej Kristuf

    Das war ein Mißverständnis, das auf meine Kappe geht. Der Absatz in meinem Kommentar vom 27.10., 23:11, ab
    “Darüberhinaus stimmt es nicht durchgängig…

    bis Ende Kommentar richtete sich an den obenstehenden Artikel, ich hab vergessen, das dazu zu schreiben.
    Im Artikel wird behauptet, der Hang zur Behauptung absoluter Wahrheiten werde heute fast immer hinterfragt, was ich überhaupt nicht so sehe.

    Dennoch überwiegende Zustimmung zu den Ausführungen zur Religion im Kommentar 28.10., 0:28.

    “Aber wenn das individuelle welttheoriegebäude keine updates erfährt, keine neuen inputs bekommt oder anerkennt…..können auch völlig abstruse ideen
    überdauern”
    So ist es, erstaunlich, was sich bis heute so alles halten konnte, besonders faszinierend finde ich die breitere Wiederkehr der wörtlichen Bibelauslegung, mit der Behauptung einer Erde, die 4000 Jahre alt sei, und das mitten im westlichen Führungsland.
    Aufgeklärtheit würde ich Religionen allerdings nicht prinzipiell absprechen, genauso wenig wie Atheismus automatisch aufgeklärt ist. Kommt immer drauf an, wen und welche Auslegung man vor sich hat.

  18. DH,
    allein dieser Satz war es wert, deinen Beitrag gelesen zu haben.
    “genauso wenig wie Atheismus automatisch aufgeklärt ist. Kommt immer drauf an, wen und welche Auslegung man vor sich hat.”

  19. Das (Zitat) Kernproblem ist nicht der (Zitat) schlechtbestimmte Wahrheitsbegriff bzw. [der Unterschied zwischen] einem alltagsweltlichen und einem wissenschaftlichen Wahrheitsverständnis.
    Nein, das Kernproblem ist, dass Wahrheit im technisch/naturwissenschaftlichen (wozu auch unser technischer Alltag gehört) Umfeld eine andere Bedeutung hat als in der fiktiven Welt der sozialen Konstrukte, in denen wir eben auch leben. Beispiel: Wer über das Wetter, den Verkehr oder die durchgemachte Grippe spricht, spricht über für jeden auf die gleiche Art überprüfbare Dinge, wer aber über die Ungerechtigkeit der Einkommensverteilung spricht, der bewegt sich in einem ganz andern Feld, wo auch „Wahrheit“ etwas anderes bedeutet.

    • @Robert: wer über verhungernde Kinder in Afrika spricht, welche Art von Wahrheit ist das dann Wer darüber spricht, dem geht es sicher nicht nur um Wahrheit im Sinne einer Tatsachenfeststellung, denn dann könnte er ebenso gut über die häufigen Staus vor gewissen Einfallsstrassen in München sprechen, sondern es geht ihm vielleicht darin Menschen auf ein Problem hinzuweisen oder ans Schuldgefühl zu appellieren, weil er etwa Spenden einsammelt und die Sammelbereitschaft erhöhen will.. Wenn es hier überhaupt um Wahrheit geht, dann um eine Wahrheit, die etwas bewegen will und nicht um eine Aussage, die wahr und korrekt oder die unwahr .und falsch sein könnte.

      • “Wahr und korrekt / unwahr und falsch”???😒

        Man kann dann über DIE EINE Wahrheit sprechen, die klar macht das ALLE Bereiche unseres “Zusammenlebens” vom möglichst schnell zu beendenden Geschäfts-Sinn beherrscht werden.
        Man kann aber auch wie gewohnt PERIPHER über diese Lebenslügen faseln und den ZEITGEISTLICHEN ABLASSHANDEL wieder als “Lösung” ins Spiel bringen!? 😎

    • Wahrheit bedeutet eben nicht nur Faktentreue, sondern auch “Echtheit”, Bedeutsamkeit. Deshalb gibt es Wortschöpfungen wie “die Wahren Finnen” und deshalb wird das Wort Wahrheit auch im religiösen Konzept so gern gebraucht, etwa in folgenden Bibelsprüchen:

      Meine Kinder, lasst uns nicht lieben mit Worten noch mit der Zunge, sondern mit der Tat und mit der Wahrheit

      [Joh 3:18] oder

      Da sprach nun Jesus zu den Juden, die an ihn glaubten: Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.

      [Joh 8:31-32]

      Es ist unschwer zu erkennen, dass mit Wahrheit im religiösen Kontext mehr gemeint ist als die Unterscheidung zwischen wahr und falsch im Sinne der Faktentreue, vielmehr geht es um die Unterscheidung zwischen wahr und falsch in einem tieferen Sinne, im Sinne der Sinnsuche, der Suche nach dem Echten und Wahren.

      Die Postmodernisten um die es in diesem Artikel geht, haben jedoch in der Mehrzahl einem Relativismus zugesprochen, der behauptet, es gebe keine absolute Wahrheit, vielmehr sei die Wahrheit des einen der Irrtum des Anderen oder nach einem alten Spruch: eder soll nach seiner eigenen Façon glücklich werden, der Asket ebenso wie der Päderast. Diese Art von Relativismus widerspricht aber gerade auch den Zielen der Aufklärung, des Humanismus und der Verteidigung der Menschenrechte, denn Menschenrechte werden von den Aufklärungsgläubigen für alle Menschen eingefordert und nicht nur für die die Menschenrechte “erfunden” haben. Die postmodernen Relativisten werden dagegen sehr schnell einig mit den Islamisten, wenn die Menschenrechte als Erfindung der kolonialistischen Westler abgetan werden.

  20. Ja, sehr gut Robert, über diese Wahrheit spricht der “zivilisierte” Wohlstandsmensch und Profitler des “freiheitlichen” Wettbewerbs nicht gern, da lässt er dann wieder seine gewählten “Treuhänder” und “Verantwortungsträger” den gewohnten zeitgeistlichen Populismus im Kreis zum Quadrat labern! 😎

  21. Wahrheitsverzicht als Ursache des Populismus? Das ist nicht nur ein Vorwurf sondern sogar eine häufig gehörte Diagnose, die beispielsweise das Phänomen Trump erklären möchte. Nach dieser Sichtweise ist Trump eine Figur, die selber definiert, was Wahrheit ist und solche Figuren, sind überhaupt erst im Gefolge einer Bewegung möglich geworden, die sich im popkulturellen Bereich etwa im Glamrock äusserte, in Kunst-Figuren wie Ziggy Stardust (formerly known as David Bowie), der in einem Interview sagte (übersetzt von DeepL):

    David Bowie sprach in seinen Interviews Mitte der siebziger Jahre von einem “starken Führer”, der die westliche Welt “durchfegen” soll: ein charismatischer Superheld, der vielleicht nicht aus der konventionellen Politik, sondern aus der Unterhaltung hervorgeht. Manchmal war Bowies Tonfall ominös. Anderen würde er es wie ein notwendiges Korrektiv eines Weimarer Dekadenzzustands erscheinen lassen, mit scheinbar anerkennender Vorfreude auf “eine rechtsradikale, total diktatorische Tyrannei” reden, die das ganze Chaos der permissiven Gesellschaft aufräumen würde.

    Die Übereinstimmungen mit der Glam-Rock, später Reality-TV-Welt, gehen aber noch weiter, wie der Guardian-Artikel feststellt (übersetzt von DeepL):

    Trump und die Glam-Rocker teilen eine Obsession mit Ruhm und einem rücksichtslosen Drang, die Aufmerksamkeit der Welt zu erobern und zu verschlingen. Trump spielt “We Are the Champions” von Queen (eine Band, die zu Beginn ihres Bestehens mit Glamour verbunden war) auf seinen Rallyes, weil sein triumphaler Refrain – “no time for losers” – sein wirtschaftliches darwinistisches Weltbild kristallisiert.

    Was nun das Verhältnis zur Wahrheit betrifft, gilt eben, dass diese von Glam-Rock-und Reality-TV-Typen selbst definiert wird, was im Artikel so angesprochen:

    eine bewundernde Projektion auf eine prahlerische Gestalt, die in seinem Reichtum schwelgt, frei zu tun und zu sagen, was immer sie will. Trump ist eine aspirationale Projektion genauso wie er ein Sprachrohr für Groll (Ressentiment), Hohn und Hass ist.

    Off-Topic aber aus Verblüffung über die Ähnlichkeit von Ziggy-Stardust und Donald Trump hier auch noch wiedergegeben: Bowie said in 1974, recalling the height of Ziggymania in Britain a few years earlier. “There were times when I could have told the audience to do anything.” und Donald Trump sagte während dem Wahlkampf: Donald Trump: ‘I could shoot somebody and I wouldn’t lose any voters’

    The Times they are Not changing

  22. MH,
    …Wahrheit als Bedeutsamkeit, ….
    sehr gut, das war es , was ich immer gesucht habe.
    Das mit David Bowie erschreckt mich und das mit Donald Trump viel mehr. Ist dieser Mensch nur radikal ehrlich oder ist er dumm eitel und anmaßend?

    hto,
    du musst Geduld mit den Menschen haben. Gott hat die Menschen aus dem Paradies vertrieben, damit sie zur Wahrheit wiederfinden. Bedenke, seit Christi Geburt sind erst 70 Generationen vergangen. (1 Generation = 30 Jahre)
    Gib der Menschheit weitere 70 Generationen!

    • Lieber Robert, kommt es dir nicht merk-, denk- und glaubwürdig vor, dass dieser Christus, als Jude (des Gottes der Vorsehung!) versucht hat den Kreislauf dieser Religion zu beenden / gottgefällig zu überwinden – die Aussage dann, er hat den Tod und unsere Sünden für uns überwunden, ist da doch etwas sehr billig???!

      Nee, die Wahrheit bekommen wir nicht wie im Schlaraffenland!!! 😎

    • Robert,
      Bedeutsamkeit – MH hat mit seiner Antwort einen Bogen um die FAKTISCHE Wahrheit des Jesus gemacht. So hat auch die verfluchte Systemrationalität des Zeitgeistes eine gottgefällige Wahrhaftigkeit!

  23. @Martin Holzherr
    “Die postmodernen Relativisten werden dagegen sehr schnell einig mit den Islamisten, wenn die Menschenrechte als Erfindung der kolonialistischen Westler abgetan werden.”
    Gutes Beispiel dafür, daß völliger Relativismus und der Glaube an absolute Wahrheit zwei Seiten derselben Medaille und Denkweise sind.
    (Allerdings wird der Begriff “Wahrheit” auch sehr häufig für “Fakten” oder “plausible Annahmen” u.ä. verwendet. Das mag unsauber sein, hat dann aber nichts zu tun mit der Behauptung absoluter Wahrheit.)

    David Bowie hat sich später von seinen Äußerungen distanziert, außerdem fielen sie in seine aktivste Drogenphase. Mit Glamrock kenne ich mich nicht aus, aber es liegt nahe, eine ganz andere Parallele zu Trump zu suchen, ausgehend von der Vermutung, daß der Herr Präsident nicht zu denen gehört, die der Zuführung erheblicher Fremdstoffmengen allzu reserviert gegenüber stehen.
    Ähnliches Führergeschrei findet sich ohnehin sehr häufig bei Alkoholikern und anderen Süchtigen.

  24. Wahrheitsverzicht als Ursache des Populismus? Ein absurder Vorwurf

    muss wohl als Reaktion eines überzeugten Postmodernisten auf Anwürfe und Verdächtigungen von Postmodernismuskritikern wie dem Philosophen Maurizio Ferraris, gesehen werden, der für einen von Multiperspektivität Überzeugten schlimme Dinge sagt wie (Zitat aus „Die Postmoderne und die Populisten“):

    weg vom Geist des Antirealismus und der Realitätsverweigerung, den Ferraris in der Postmoderne verkörpert sieht, hin zu einem neuen Realismus, für den Tatsachen wieder Tatsachen und nicht nur Interpretationen sind und für den «Wahrheit» ein ebenso nötiger wie nützlicher Begriff ist, der sich nicht in die unendliche Vielfalt von subjektiven Perspektiven auflösen lässt.

    Den Postmodernismus direkt für den Populismus verantwortlich zu machen, ist wohl nicht gerechtfertigt, jedoch haben Postmodernismus und popkulturelle Phänomene wie der Glamrock, den Populismus nicht nur für die Massen, sondern auch für entfesselte „geistige Unternehmer“ denkbar gemacht und für ihn eine Basis geliefert. Postmodernismus und Glamrock haben den Wahrheitsunternehmer, der seine Wahrheiten gleich selber kreirt, gleichsam ein glaubwürdiges Persönlichkeitsprofil geschaffen, sie haben (Zitat) den postmodernen Traum des ironischen Spiels mit den sich vervielfältigenden Wirklichkeiten als Traum einer Befreiung geschaffen – dessen kulturindustrielle, medienpopulistische Verwirklichung indes gerade das Gegenteil bewirkt habe. .
    Selber sehe ich durchaus eine Synthesemöglichkeit einer multiperspektivischen und einer universalistischen Sicht und zwar in der Form der Stellungsnahme, der Selbstpositionierung. Unsere Gesellschaft beziehungsweise ihre Vertreter sollten nicht mehr versuchen es allen recht zu machen inklusive den Gegnern dieser Gesellschaft ( und ihrer Ideale). Nein, wer beispielsweise Menschenrechte nicht beachten will, der mag nach seiner eigenen Perspektive recht haben, nur kann er in unserer Gesellschaft niemals recht bekommen, denn unsere Gesellschaft ist kein Haufen von Menschen, die nichts anderes als der gemeinsame Aufenthaltsort verbindet, sondern es ist eine Gemeinschaft von Menschen, die auf dem Weg in eine gute oder noch bessere Zukunft ist.

  25. Ich hab jetzt keine Lust alles von M.H., Robert, D.H, hto usw zu lesen . Deswegen nur dazu:

    , “…..die Welt bzw. einen Weltausschnitt zentralperspektivisch als Systemraum von einem spezifischen Sehepunkt (Point of View) aus durchzustrukturieren, sind zum Scheitern verurteilt. Dessen ungeachtet ringen wir um Geltungsansprüche von Aussagen und die Dominantsetzung von Perspektiven – und das ist gut so! Die Einsicht in die Multiperspektivität verlangt zwingend einen Kampf um die richtige Perspektive……………… (Zitatende)

    1. Eine metaphysische Wahrheit gibt es vermutlich (!!) nicht. Man kann (vermutlich) nicht wissen,ob doch irgendwann (nach Popper usw.) ein ein “schwarzer Schwan”
    auftaucht.
    2 .Faktische (reale) Wahrheit gibt es aber durchaus: Entweder es ist wahr,dass der Verdächtige jemanden getötet hat oder es ist wahr,dass er niemanden getötet hat.
    Entweder es ist wahr, dass jemand sich geheim mit einigen anderen verschwört, um sich auf Kosten einer größeren Gruppe wieder Anderer zu bereichern, oder es ist nicht wahr.
    3. Die Frage, ob es wahr ist ,dass jemand rechtlich oder moralisch/ethisch “schuldig” ist, hängt von Konventinen ab, ist also gesellschaftliche Verhandlungssache.

    4. Ethischen Relativismus halte ich für in humanistischem Sinn für untragbar, da er den Vorwand für sozialdarwinistischen Egoismus bildet oder dessen Ursache ist.
    Das ist keine Wahrheit, sondern meine (oder auch nicht nur meine) persönliche Meinung. (Oder meine Ethik)

    Deshalb nochmal in Anspielung auf das Zitat:
    Man sollte “Philosophie” nicht allzusehr durch spachliche Abstrahierungen verkomplizieren, selbst wenn solches die (berufliche) Reputation anzuheben scheint.
    (-: (-;

  26. In diesem Zusammenhang wird ein – angeblicher oder tatsächlicher – Kollateralschaden dieses Befunds diskutiert: Der Verzicht auf Wahrheit führe zu einem zügellosen Relativismus. Wenn wir niemandem – nicht einmal uns selbst – die Möglichkeit einräumen, in einer bestimmten Sach- und Streitfrage die Wahrheit gefunden zu haben, lohnt es sich dann überhaupt zu suchen?

    Alle Diskussionen und Streitschriften scheinen sich darum zu drehen. Natürlich beanspruche ich als Sprecher – wenn nicht anders angezeigt – die Wahrhaftigkeit meiner Aussagen, auch wenn ich nicht in einem metaphysischen Sinne die Wahrheit deklamiere. Darin ist keinerlei Widerspruch enthalten, mitnichten ein Relativismus. Schließlich stehe ich für die Geltungsbedingungen meiner Aussagen ein, kämpfe semantisch für die Wahrhaftigkeit meiner Aussagen.

    Der Aussagende muss nicht wahrhaftig sein, seine Aussagen dürfen sich um das Sinnhafte sozusagen drehen.

    Es darf bis muss in diesem (letztlich : gemeinten gesellschaftlichen) Zusammenhang nicht darum gehen, was der Einzelne fühlt und in seiner sich anschließenden Fühlung zu verausgaben gedenkt, zu publizieren hat,

    Dr. W steht insofern Herrn Dr. F streng bei.

    Wer sagt, was er meint und tut, steht gut.
    Claudia Roth ist eine Größe!

    MFG + schönen Tag des Herrn noch,
    Dr. Webbaer

    PS:
    Anderweitig ergänzt :
    Die BRD ist gerade dabei an Nicht-Populismus zu verrecken.

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