„Medien-Sprech“ in der ARD? Verfestigte Sprache in Politik und Medien

BLOG: Semantische Wettkämpfe

Wie die Sprache, so die Denkungsart
Semantische Wettkämpfe


(In Anlehnung an meinen Beitrag Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 46-47/2018), S. 33–38, erschienen in DAS PARLAMENT vom 12.11.2018) Die Aufregung war letzte Woche groß: Die ARD lässt sich in Bezug auf das Wording um die gesellschaftliche Bedeutung öffentlich-rechtlicher und privater Medien rhetorisch beraten. Dabei geistern als Selbstbezeichnung Empfehlungen wie „unser gemeinsamer, freier Rundfunk“ herum sowie für die „profitwirtschaftlichen Sender“ das Bild der „medienkapitalistischen Heuschrecken“. All dies ohne Kenntnis weiterer Kontexte zu diskutieren, dürfte schwierig sein. Mich interessiert etwas anderes: Sind diese rhetorischen Strategien ein Beispiel für den „Sprech“ der Medien?

In der Vokabel „Sprech“ verdichtet sich zum einen die Enttäuschung über politischen Sprachgebrauch. In der Vokabel „Sprech“ kristallisiert sich darüber hinaus aber auch eine politische Denkhaltung und mitunter eine Staatssystem-skeptische Fundamentalkritik. Wer sich für verschiedene Beispiele aus zwei Perspektiven interessiert – aus der des sprechenden Individuums (in der Regel Politiker, Journalisten oder Staatsbedienstete) und aus der der Zuhörerschaft (also der interessierten Staatsbürger), dem sei der ganze Artikel empfohlen (Verfestigte Sprache – Parteien-Sprech zwischen Jargon der Anmaßung und angemessenem Sprachgebrauch).


Welche Bedeutung hat das Wort „Sprech“?

Im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS) ist die graphische Darstellung zum Wortgebrauch von „Sprech“ in den letzten 70 Jahren sehr aufschlussreich. Der Höhepunkt der Verwendungshäufigkeit liegt in den 1970er Jahren des letzten Jahrhunderts. In diesem Zusammenhang ist auf George Orwells „Newspeak“ im Roman „1984“ als politische (Staats-)Propaganda – also als staatlich verordnete und offiziell zu verwendende Sprachregelung – zu verweisen. Diese Vokabel ist ins Deutsche mit der Lehnübersetzung „Neusprech“ hineingekommen. Dem Wort „Sprech“ haftet also die Teilbedeutung der Fremdsteuerung an.


Verwendungsweisen von „Sprech“

Für die überwiegend abschätzige Verwendung von „Sprech“ als Wortbaustein seien (in beliebiger Reihenfolge) die folgenden Belege aus dem Deutschen Referenzkorpus (DeReKo) erwähnt. Die unmittelbaren Wortumgebungskontexte können aus Platzgründen hier nicht aufgeführt werden, sind aber in der kostenfrei zugänglichen Datenbank einsehbar:

Grün-Sprech, SPD-Sprech, CDU-Sprech, AfD-Sprech, FDP-Sprech, NPD-Sprech, Nazi-Sprech, Merkel-Sprech, Korrekt-Sprech, Nerd-Sprech, Plastik-Politik-Sprech, Politik(er)-Sprech, Partei(en)sprech.

„Sprech“ könnte man als – durch Sprachmuster charakterisierten – Jargon einer identifizierbaren Person oder Gruppe in unserer Gesellschaft übersetzen. Eine Ausnahme von der abwertenden Gebrauchsweise und eine Besonderheit stellen Verwendungsweisen wie zum Beispiel in „Marketing-Sprech“ dar. Hier wird „Sprech“ als Synonym für ›Fachsprache‹ gebraucht und vereint sowohl positive Aspekte als auch negative Gesichtspunkte. Schließlich setzt die Fachsprachenkommunikation Fachkompetenz bei den Fachleuten vorauss. Andererseits sind Fachsprachen für Außenstehende schwer verstehbar und können ausgrenzend empfunden werden. Gleiches gilt für die Wortschöpfung „Juristensprech“, diese Vokabel fungiert ebenfalls in ironischer Verwendungsweise als Buchtitel (Falk van Helsing 2017). Die Aktualität des Themas belegt auch das Buch „Bullshit.Sprech“ (Hrsg. von Armin Nassehi, Peter Felixberger 2017).


Sprache wird anstelle der Politikinhalte gescholten

Sprachmuster (im Sinne von wortgleich wiederholten größeren Formulierungseinheiten) gibt es in der politischen Kommunikation nicht selten. Diese Form „verfestigter Sprache“ kann förderlich sein oder hemmend wirken. Diese verfestigten Sprachformen erleichtern einerseits die effiziente Bewältigung von wiederkehrenden Aufgabenroutinen, die beim politischen Handeln in und mit Sprache essentiell sind. Da in wechselnden Kontexten immer wieder Ähnliches gesagt werden muss (die Protagonisten legen ja nicht jeden Tag eine neue Weltsicht an den Tag), hat dies zur Folge, dass Politiker, die eine bestimmte politische Einstellung konstant und verlässlich über einen längeren Zeitraum vertreten, die Inhalte nicht jedes Mal in neue Wortkleider packen können. Wiederholungen sind unvermeidbar, und zwar wegen eines begrenzten Inventars an lexikalischen und grammatischen Mitteln.

Andererseits können die Muster dessen ungeachtet bei Wiedererkennung als floskelhaft wahrgenommen werden. Die abwertende Verwendung der Vokabel „Sprech“ betont in der Regel die Zurückweisung der politischen Inhalte über den Umweg der kritischen Ablehnung eines bestimmten Sprachgebrauchs.

Jedoch aufgepasst: Wer den Sack schlägt, gemeint ist die Sprache, und in Wirklichkeit den Esel meint – hier sinnbildlich mit Verlaub ein Politiker oder Medienvertreter –, der trifft nicht des Pudels Kern. Ist das politische Handwerkszeug, also das Medium Sprache, erst einmal nachhaltig infiziert und beschädigt, so geht der Politik das Vertrauen in ihr Aushandlungsmedium, in ihr Instrumentarium verloren. Damit gerät ihre Handlungsfähigkeit grundsätzlich in Gefahr. Das kann hoffentlich niemand wollen!

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Ekkehard Felder ist Professor für Germanistische Linguistik an der Universität Heidelberg. Er initiierte 2005 die Gründung des internationalen und interdisziplinären Forschungsnetzwerks Sprache und Wissen. Diese Forschungsgruppe untersucht diskurs- und gesellschaftskritisch die sprachliche Zugriffsweise auf Fachinhalte in zwölf gesellschaftlichen Handlungsfeldern – sog. Wissensdomänen (z.B. Recht, Wirtschaft, Medizin, Politik, Naturwissenschaft und Technik). Da Fachinhalte durch die Wahl der Worte geprägt werden und widerstreitende Positionen eine andere Wortwahl präferieren, ist ein Streit um die Sache auch ein Streit um Worte bzw. ein semantischer Kampf um die richtige Sichtweise. Deshalb heißt sein Blog bei SciLogs „Semantische Wettkämpfe – Wie die Sprache, so die Denkungsart“. Seine Forschungen beschäftigen sich mit der Fachkommunikation, der sozio-pragmatischen Diskursanalyse und der Untersuchung von Sprache als Indikator für Identität, Mentalität und Authentizität. 2010 gründete er mit den Kollegen Ludwig M. Eichinger und Jörg Riecke das Europäische Zentrum für Sprachwissenschaften (EZS). Als Fellow des Institute for Advanced Studies in Heidelberg (2008, 2020/21) und STIAS in Stellenbosch / Südafrika (2009) widmete er sich dem diskursiven Wettkampf um erkenntnisleitende Konzepte („agonale Zentren“). Felder ist Autor von sechs Monografien und (Mit-)Herausgeber diverser Sammelbände. Besonders bekannt ist die von ihm herausgegebene Reihe „Sprache und Wissen“ (SuW) bei de Gruyter und die dort mit Andreas Gardt herausgegebenen „Handbücher Sprachwissen“ (HSW).

8 Kommentare

  1. Heute sind wir wieder auf der Wanderung mit Gästen und Eseln an zwei “Wildschutzflächen” vorbeigekommen. Ein schönes Schild mit Rehkitz und Bodenbrüterküken der Firma “Kiepenkerl”. Ihre Aussaat ging nicht auf, der Sommer 2018 war zu trocken, sie sollte eigentlich Wild anlocken – Ansitz jeweils in der Nähe.
    Ein schönes Beispiel für “Neusprech”, denn eigentlich müßte auf den Tafeln “Wildschußfläche” stehen…

  2. Lieber Herr Has, etwas verspätet noch eine kurze Replik auf Ihre Eindrücke, die Sie bei der Wanderung gewonnen haben. Wer von “Neusprech” spricht, unterstellt der anderen Position und der anderen Perspektive eine Manipulationsabsicht. Ist das in Ihrem Beispiel wirklich gegeben? Oder haben wir es nicht einfach mit zwei verschiedenen Blickwinkeln (“point of view”) auf den gleichen Sachverhalt zu tun?

  3. Ich finde es ja interessant und optimistisch , dass sie bei diesen SPRECH-Aufzählungen zwischen dem CDU-Sprech und Merkel-Sprech einen sichtbaren Unterschied machen. Ich selbst würde als ehemaliger DDR Bürger dieses Merkel-Sprech nochmals differenzieren zwischen dem Sprech von Frau Merkel als ehemalige FDJ-Sekretärin für Agitation und Propaganda in der DDR und dem heutigen Sprech. Solche FDJ-Sekretäre haben mir nämlich in ihrem Sprech versucht einzuhämmern, dass der Sozialismus den sterbenden Kapitalismus besiegen wird. Wenn ich das also zu verstehen versuche, ist also SPRECH keine moralische Kategorie, sondern eher eine taktisch kalkulierende . Oder um im Sprech von Konrad Adenauer zu denken: Was interessiert mich mein Geschwätz(Sprech) von gestern…

  4. Lieber Herr Golzower. Man kann jede Äußerung als eine interessengeleitete auffassen, oder man kann jeder Äußerung eine Manipulationsabsicht unterstellen. Dabei bewegen wir uns an der Schnittstelle zwischen legitimer Beeinflussung des Gegenüber im Diskurs und illegitimer Manipulation durch ungerechtfertigte Machtausübung oder mutwillige Intransparenz. Beide theoretischen Kategorien sind für die Praxis sehr hilfreich: Wir können die jeweiligen Poltiker damit konfrontieren und um eine Klarstellung bitten. Dann wird das Zusammenspiel von Sprachgebrauch und Machtverhältnissen deutlich – und der Staatsbürger kann sich sein Bild machen.

  5. Ist das politische Handwerkszeug, also das Medium Sprache, erst einmal nachhaltig infiziert und beschädigt, so geht der Politik das Vertrauen in ihr Aushandlungsmedium, in ihr Instrumentarium verloren.

    In etwa so.

    Dr. W führt gerne an dieser Stelle die beiden möglichen Philosophien / Denkmuster an, die wie folgt binär aufgeteilt werden können :

    1.) Die Sprache ist herrschaftssystem-unzugänglich, sie ist dem gemeinen Volk sozusagen auf das Maul (Webbaeren dürfen dies so schreiben) gewachsen; das sich sprachlich bemühende Individuum hat sich um die Etymologie, die Logik der Altvorderen zu kümmern, diese ergänzend, aber nie als generell verwerfenswert in Frage stellend.

    2.) Die Sprache ist liquid, Moden unterworfen, im Kontext zu bearbeiten, nicht zu essentialieren, wie dies abwertend gemeint ist.
    Sondern stets zu kontextualisieren.

    So ist bspw. in den Staaten eine Diskussion um die dortige Verfassung fortlaufend, die literalistisch und intentionalistisch verstanden werden soll, wie einige meinen, und auf der anderen Seite, auf der kollektivistischen, kulturmarxischen, wird die Anschauung beworben, dass die Sprache liquid sei, auch die der Verfassung und sozusagen Moden unterworfen, die Altvorderen missachtend und kulminierend darin, dass die Verfassung soz. lebend wäre, vgl. hiermit :
    -> https://en.wikipedia.org/wiki/Living_Constitution

    Wobei dann i.p. “Lebendigkeit” bestimmte Linguisten abzufragen wären, was dieses oder jenes Wort heutzutage bedeutet bzw. zu bedeuten hat.

    Dr. W hat sich, dankenswerterweise, auf den Scilogs.de mit Anatil Stefanowitsch ein wenig auseinandersetzen können, der bspw. “liquid” wie folgt zitiert meint :

    -> ‘Im Deutschen gibt es kein generisches Maskulinum und die „generische“ Verwendung maskuliner Formen bringt keinen praktischen Vorteil mit sich.’ [Quelle]

    Ein offensichtlicher, auch das Tennis meinend, Doppelfehler.

    MFG
    Dr. Webbaer (der die generischen Genera kennt, wie schätzt, und insofern auch keine Probleme damit hat einen Vorteil zu erkennen, wenn Substantive ohne Sexus (das Fachwort) auskommen)

  6. Ein wenig zeitversetzt und nach einiger Kontemplation zum letzten Absatz der dankenswerterweise bereit gestellten Nachricht, der hier einmal im Ganzen zitiert werden soll, nachgetragen :

    Jedoch aufgepasst: Wer den Sack schlägt, gemeint ist die Sprache, und in Wirklichkeit den Esel meint – hier sinnbildlich mit Verlaub ein Politiker oder Medienvertreter –, der trifft nicht des Pudels Kern. Ist das politische Handwerkszeug, also das Medium Sprache, erst einmal nachhaltig infiziert und beschädigt, so geht der Politik das Vertrauen in ihr Aushandlungsmedium, in ihr Instrumentarium verloren. Damit gerät ihre Handlungsfähigkeit grundsätzlich in Gefahr. Das kann hoffentlich niemand wollen!

    Die Sprache gerät, wie Dr. W findet, nicht ‘grundsätzlich in Gefahr’, wenn sich fast täglich neue Wörter bilden und die diesbezüglichen Lexika sozusagen überzuquellen scheinen, sondern ‘Slang’, ‘Sprech’, ‘Kiez-Deutsch’, ‘Jargon’ (btw, niemand scheint genau wissen, wie sich ‘Slang’ und ‘Jargon’ genau etymologisch herleiten lassen) und eben Fachsprache bereichern zuvörderst sprachlich, sinnstiftend.
    Klar, die Gefahr besteht, dass sich nicht mehr verständigt werden kann, vgl. auch mit dem bekannten Essay von Peter Bichsel seinerzeit, mit der Überschrift ‘Ein Tisch ist ein Tisch ‘, allerdings schätzt der Schreiber dieser Zeilen diese Gefahr als nur theoretisch ein.

    Sollten Sie, werter Herr Lobin, die Politik im Speziellen meinen, also dann, also dann wäre Dr. W abär auf einmal bei Ihnen, denn bspw. Gesetze und Verfassungen sind aus seiner Sicht immer literalistisch und intentionalistisch zu bearbeiten, auch um einer Sich-Auflösung von Recht und Ordnung bestmöglich vorzubeugen.
    Die sog. Living Constitution wird also hier abgelehnt, konzeptuell.

    Nunja, ‘Sprech’, lol, Dr. W geht mit der hier gemeinten Sprache und generell nicht mit Sprachen sonderlich pfleglich um.
    Was natürlich kein Vorbild darstellen muss.

    MFG
    Dr. Webbaer

  7. Huch!

    ‘Lieber Herr Ekkehard Felder’ war natürlich gemeint, sorry!

    MFG
    Dr. W (der sich dies kaum verzeihen wird)

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