Selbstkritik von Politikern und Politikerinnen? Eine bemerkenswerte Woche im Rückblick

(Deutschlandfunk Kultur in Berlin interviewte mich am 25.09.2018 zur Selbstkritik in der Politik): „Was macht eine erfolgreiche Selbstkritik aus?“, fragte mich Liane von Billerbeck von Studio 9 in der Woche der politisch öffentlichen Selbstkritik. Drei Politikerinnen, Bundeskanzlerin Angela Merkel, SPD-Vorsitzende Andrea Nahles und Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen, haben sich in öffentlichen Statements entschuldigt – Merkel und Nahles für die erste und dann später revidierte Entscheidung im Fall Maaßen und von der Leyen für die Bundeswehr wegen des Moorbrands im Emsland. Das kommt wirklich nicht oft vor – im politischen Berlin.

Was ich auf die Frage nach Kriterien der Selbstkritik antwortete, kann nachgehört und nachgelesen werden („Sprachwissenschaftler über die Kanzlerin“). Im Mittelpunkt meiner Erklärungsversuche standen konstitutive Elemente einer authentischen Äußerung. Demnach dürfen solche Entschuldigungen nicht strategisch und zu intentional wirken. Außerdem sollen sie über einen individuellen, emotionalen und nachvollziehbaren Anknüpfungspunkt (also eine persönliche Komponente) verfügen und zum rechten Zeitpunkt kommen (d.h. möglichst spontan ohne vorherige Aufforderung). Entscheidend für Selbstkritik ist meines Erachtens zudem, dass die entschuldigende Person im Moment der Entschuldigung nahbar und bodenständig erscheint (also nicht zu gefangen in ihrer sozialen oder institutionellen Rolle) sowie in Wort und Tat echt und glaubwürdig wirkt. Ob all die Kriterien im konkreten Einzelfall gegeben sind oder nicht, mag jeder Betrachter für sich selbst entscheiden.

Was die Moderatorin aber zu fragen vergaß, ist noch viel interessanter: Warum hat der einzige Mann in diesem Kontext – nämlich Bundesinnenminister Horst Seehofer – keine Selbstkritik geübt? Ganz einfach: Er hat all seine Ziele erreicht. Mit der Unterstützung von Hans-Georg Maaßen bedient er einerseits ein rechtes Wählerspektrum und kann andererseits die SPD-Parteivorsitzende vorführen, die sich zwar vordergründig mit ihrer Rücktrittsforderung Maaßens durchgesetzt hat, aber zu ihrem eigenen Nachteil. So führt man jemanden durch die Manege.

Warum macht er das? Dazu habe ich eine Vermutung, die nichts mit Linguistik, aber mit Hobbypsychologie zu tun hat: Horst Seehofer hat großes Interesse und klammheimliche Freude am Streit. Je mehr Streit von ihm ausgelöst wird, desto mehr steht er im Mittelpunkt. Und wenn der Streit negativ auf die CSU-Wahlergebnisse bei der Landtagswahl am 14. Oktober 2018 zurückschlagen sollte, so kann ihm dies nur recht sein: Er glaubt damit allen beweisen zu können, was er schon immer zeigen wollte, dass er – und nur er – es kann, sein Nachfolger aber eben nicht.

Hier geht es zum ganzen Interview, und ich bin – wie immer – auf Ihre Widerrede gespannt: https://www.deutschlandfunkkultur.de/sprachwissenschaftler-ueber-die-kanzlerin-merkels.1008.de.html?dram:article_id=428936

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Ekkehard Felder ist Professor für Germanistische Linguistik an der Universität Heidelberg. Er initiierte 2005 die Gründung des internationalen und interdisziplinären Forschungsnetzwerks Sprache und Wissen. Diese Forschungsgruppe untersucht diskurs- und gesellschaftskritisch die sprachliche Zugriffsweise auf Fachinhalte in zwölf gesellschaftlichen Handlungsfeldern – sog. Wissensdomänen (z.B. Recht, Wirtschaft, Medizin, Politik, Naturwissenschaft und Technik). Da Fachinhalte durch die Wahl der Worte geprägt werden und widerstreitende Positionen eine andere Wortwahl präferieren, ist ein Streit um die Sache auch ein Streit um Worte bzw. ein semantischer Kampf um die richtige Sichtweise. Deshalb heißt sein Blog bei SciLogs „Semantische Wettkämpfe – Wie die Sprache, so die Denkungsart“. Seine Forschungen beschäftigen sich mit der Fachkommunikation, der sozio-pragmatischen Diskursanalyse und der Untersuchung von Sprache als Indikator für Identität, Mentalität und Authentizität. 2010 gründete er mit den Kollegen Ludwig M. Eichinger und Jörg Riecke das Europäische Zentrum für Sprachwissenschaften (EZS). Als Fellow des Institute for Advanced Studies in Heidelberg (2008) und STIAS in Stellenbosch / Südafrika (2009) widmete er sich dem diskursiven Wettkampf um erkenntnisleitende Konzepte („agonale Zentren“). Felder ist Autor von fünf Monografien und (Mit-)Herausgeber diverser Sammelbände. Besonders bekannt ist die von ihm herausgegebene Reihe „Sprache und Wissen“ (SuW) bei de Gruyter und die dort mit Andreas Gardt herausgegebenen „Handbücher Sprachwissen“ (HSW).

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. “sein Nachfolger aber eben nicht.”
    Das hat wohl auch viel mit der heftigen Rivalität, um nicht zu sagen, dem Hass zu tun, der Seehofer mit Söder verbindet. Wer weiß, vielleicht begreift Seehofer sogar, daß er mit dem “Anlehnen” an rechte Wählerkreise eher das Original stärkt als seine eigene Partei, und hat aber kein Problem damit, weil das seinem Erzrivalen Söder schadet.
    Könnte nach hinten losgehen, Söder hat was teflonartiges an sich, es ist nicht gesagt, daß er auch wirklich für das zu erwartende Desaster verantwortlich gemacht werden wird.

  2. SELBSTKRITIK war in der DDR eine beliebte Taktik, um die Bestrafung für sein falsches Handeln so gering wie möglich zu halten. Wer zum Bsp. dabei erwischt wurde wie er seinen Betrieb bestahl oder politisch eine eigene Meinung äußerte, übte zur Strafminderung Selbstkritik. Dieses “Spiel” scheint systemübergreifend äußerst beliebt zu sein, da es den anderen Mitmenschen suggeriert, dass man reumütig GELERNT hat.Und wer schlägt schon auf jemand ein, der seine Fehler zugibt und Besserung verspricht ?! Wer also sogesehen Asche auf sein Haupt streut, also Selbstkritik übt, wirkt ehrlich und authentisch(Ein Mensch wie Du und Ich).In der DDR gab es dann nach solchen scheinheiligen SelbstkritikOrgien oft “Erzieherische Maßnahmen ” , da man wirklich ernsthaft glaubte, dass Menschen sich ändern können.Den Betrieb hat man dann trotzdem weiter bestohlen bzw. seine eigene Meinung geäußert, auf subtilere Art.Es ist eben alles eine Frage der Taktik bzw. wer auf diese Selbstkritik hereinfallen soll…

  3. Selbstkritik sollte jedenfalls nie so angelegt sein, dass sie im Kern behauptet, zwar richtig gehandelt, aber falsch kommuniziert, unzureichend erklärt zu haben, denn dies bliebe im Kern Kritik an der Rezipienz (die nicht folgen konnte).

    Andererseits sollte Selbstkritik auch nicht um den Schein der Wahrhaftigkeit bemüht sein, denn es kann nie in den sich selbst Kritisierenden hinein geschaut werden, also derart, dass von außen bestätigt werden kann, dass die Wahrhaftigkeit nur gespielt ist – oder auch nicht.

    Womöglich ist Selbstkritik, also das eigene Ego meinend, generell etwas für die anderen.
    Sachkritik wäre aus diesseitiger Sicht, gerade auch einsichtige, deutlich zu bevorzugen.
    Fehler darf und soll jeder machen, es klingt nicht nur gut, wenn Fehler eingesehen werden, sondern es ist auch gut.
    Leutz, die Fehler einsehen, sind wohlgelitten, wenn die Gesamt-Performance stimmt, auch nur dann, korrekt.

    MFG + schöne Mittwoche noch,
    Dr. Webbaer (der sich nun noch das Audio-Dokument zuführen wird, auch für diesen Inhalt dankt, wie vorausschauend schon einmal ebenfalls für das Audio-Dokument)

  4. Widerrede hierzu :
    -> https://www.deutschlandfunkkultur.de/sprachwissenschaftler-ueber-die-kanzlerin-merkels.1008.de.html?dram:article_id=428936

    Es ging dem werten hiesigen Inhaltegeber also mehr um die Darstellung, den Stil sozusagen, wenn scheinbar oder anscheinend Selbstkritik vorliegt, um so wiederum scheinbar oder anscheinend in der Menge Glaubwürdigkeit herzustellen oder zu kommunizieren.

    Also, da weiß Dr. Webbaer nicht so recht, Frau Dr. Angela Dorothea Merkel, die sprachlich, rhetorisch, enge Grenzen zu haben scheint, ist schon irgendwie glaubwürdig, wie ihr Vater es ebenfalls war.

    I.p. sachlicher Kritik am eigenen Handeln fehlt Dr. Webbaer bei Merkel abär einiges…

    MFG
    Dr. Webbaer (der mal für die BRD hofft, dass der “Spuk” mit der sog. “GroKo” in Bälde vorbei ist, auch Anhang Seehofer meinend, der sich eine Renaissance der Sacharbeit wünscht und die Gefühligkeit (vs. den Anstand) satt hat)

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