Wie spricht Europa? Fünf Perspektiven auf Sprachnormierung und Kultur

In welcher Weise sprachliche Streitpunkte in verschiedenen Sprachen einen Spiegel kultureller Selbstreflexion darstellen, ist Thema eines Heidelberger Promotionskollegs „Sprachkritik als Gesellschaftskritik im europäischen Vergleich“. Gemeinsam mit der Projektgruppe „Europäische Sprachkritik Online (ESO)“ untersuchen die Doktorandinnen und Doktoranden, wie Akteure sprachliche Phänomene bewerten und welche gesellschaftlichen Implikationen damit einhergehen.

Was ist Sprachkritik?

Sprachkritik wird im Sprechen und Reflektieren über Sprache und ihren Gebrauch greifbar und analysierbar (z.B. der Streit um “alternative Fakten”). Ausgehend von der Prämisse, dass Sprache Indikator für individuelle und kollektive Denkhaltungen und sprachkulturspezifische Verhaltensweisen ist, fokussiert die Analyse der praktizierten Sprachkritik Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Identitäten in Europa (z.B. wer wirft wem einen populistischen Sprachgebrauch vor). Dabei ist aus vergleichend europäischer Perspektive besonders interessant, dass nicht in jedem nationalsprachlichen Diskurs über Sprachnormen ein Bezug zu sozio-ökonomischer Macht und politischer Handlungsfähigkeit hergestellt wird. Aber genau dies war der Kern der ursprünglichen Sprachnormenkritik im Deutschen ab den 1950er Jahren. Dieser politische Charakter lässt sich eindrücklich auch im Kroatischen demonstrieren. In den 1960er Jahren ist die Kritik an kroatischen Sprachnormen nicht nur eine, die degressiv erscheinende Zustände aufzudecken versucht, sondern vor allem eine progressive Kritik, die als Vorreiter der politischen Bewegung für die Unabhängigkeit Kroatiens angesehen werden kann. Damit werden Spracheinstellungen und Sprachideologien deutlich: Die Konzeptualisierung der >Kritik an sprachlichen Normen< sind im Englischen, Französischen, Italienischen und Kroatischen nicht einheitlich und seit Jahrhunderten in der Diskussion.

Untersuchungsergebnisse online

Die ersten Ergebnisse aus der Projektarbeit werden nun einer sprachinteressierten Öffentlichkeit auf einer multilingualen und multimodalen Plattform zugänglich gemacht. Den Leserinnen und Lesern wird über einzelsprachliche und sprachvergleichende Artikel auf einem Blog ein Einblick in das breite Spektrum der Sprachreflexion und Sprachkritik im vergangenen und gegenwärtigen Europa gegeben.

Außerdem liegen diese Artikel jetzt auch in Form des Handbuchs Europäische Sprachkritik Online (HESO) vor, herausgegeben von der Projektgruppe „Europäische Sprachkritik Online (ESO)“. Sie arbeitet am „Europäischen Zentrum für Sprachwissenschaften“ (EZS) – eine Kooperation zwischen der Neuphilologischen Fakultät der Universität Heidelberg und dem Institut für Deutsche Sprache (IDS) in Mannheim.

In der ersten Ausgabe widmen sich die Autorinnen und Autoren dem Zusammenhang zwischen Sprachnormierung und Sprachkritik. Das Handbuch steht Leserinnen und Lesern in fünf Sprachen frei über den Online-Zugang im Verlag heiUP zur Verfügung. Alle Artikel sind in deutscher Sprache zu lesen. Die einzelsprachlichen Artikel, die die Sprachkritik im Englischen, Französischen, Italienischen und Kroatischen beleuchten, sind in der deutschen Sprache und in der Sprache, auf die sich der Artikel bezieht, zu lesen (also in deutscher/englischer, deutscher/französischer, deutscher/italienischer oder deutscher/kroatischer Sprache). In diesen europäischen Sprachkulturen wird behandelt, wie über Sprache nachgedacht und was von ihr im gesellschaftlichen Orientierungsprozess erwartet wird. Ausgehend von der Praxis beschreibender und bewertender Sprachreflexion wird eine Konzeptgeschichte der europäischen Sprachkritik präsentiert.

Ausblick zur Sprachkritik im europäischen Vergleich

Im zweiten und dritten Band, die 2018 erscheinen werden, geht es um den Zusammenhang zwischen Standardisierung und Sprachkritik sowie Sprachpurismus und Sprachkritik. Das multilinguale Handbuch erscheint periodisch in Bänden. Die folgenden Bände des Handbuch Europäische Sprachkritik Online (HESO) sind in Vorbereitung

  • Standardisierung und Sprachkritik (Band 2)
  • Sprachpurismus und Sprachkritik (Band 3)
  • Sprachinstitutionen und Sprachkritik (Band 4)
  • Sprachideologie und Sprachkritik (Band 5)
  • Internetkommunikation und Sprachkritik (Band 6)
  • Migration und Sprachkritik (Band 7)
  • Mehrsprachigkeit und Sprachkritik (Band 8)

Veröffentlicht von

Ekkehard Felder ist Professor für Germanistische Linguistik an der Universität Heidelberg. Er initiierte 2005 die Gründung des internationalen und interdisziplinären Forschungsnetzwerks Sprache und Wissen. Diese Forschungsgruppe untersucht diskurs- und gesellschaftskritisch die sprachliche Zugriffsweise auf Fachinhalte in zwölf gesellschaftlichen Handlungsfeldern – sog. Wissensdomänen (z.B. Recht, Wirtschaft, Medizin, Politik, Naturwissenschaft und Technik). Da Fachinhalte durch die Wahl der Worte geprägt werden und widerstreitende Positionen eine andere Wortwahl präferieren, ist ein Streit um die Sache auch ein Streit um Worte bzw. ein semantischer Kampf um die richtige Sichtweise. Deshalb heißt sein Blog bei SciLogs „Semantische Wettkämpfe – Wie die Sprache, so die Denkungsart“. Seine Forschungen beschäftigen sich mit der Fachkommunikation, der sozio-pragmatischen Diskursanalyse und der Untersuchung von Sprache als Indikator für Identität, Mentalität und Authentizität. 2010 gründete er mit den Kollegen Ludwig M. Eichinger und Jörg Riecke das Europäische Zentrum für Sprachwissenschaften (EZS). Als Fellow des Institute for Advanced Studies in Heidelberg (2008) und STIAS in Stellenbosch / Südafrika (2009) widmete er sich dem diskursiven Wettkampf um erkenntnisleitende Konzepte („agonale Zentren“). Felder ist Autor von fünf Monografien und (Mit-)Herausgeber diverser Sammelbände. Besonders bekannt ist die von ihm herausgegebene Reihe „Sprache und Wissen“ (SuW) bei de Gruyter und die dort mit Andreas Gardt herausgegebenen „Handbücher Sprachwissen“ (HSW).

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Howdy, Herr Dr. Ekkehard Felder, ganz untergeordnet und hauptsächlich auch deshalb im Feedback-Bereich kurz beigetragen, damit es Feedback gibt, hierzu :

    In der ersten Ausgabe widmen sich die Autorinnen und Autoren dem Zusammenhang zwischen Sprachnormierung und Sprachkritik.

    Der Schreiber dieser Zeilen kennt das generische Maskulinum in der deutschen Sprache, wie die generischen Genera generell, das Genus meint bekanntlich nicht den Sexus, so dass böse Zungen, Dr. Webbaer rechnet sich hier hinzu, zu dem Eindruck kommen könnten, dass es d-sprachig zu einer Sexualisierung oder Ochlokratiesierung der Sprache gekommen sein könnte.
    Partiell natürlich nur, so wie nun auch, sozusagen wiederum partiell, angefragt wird, ob das mit der sogenannten Politischen Richtigkeit, die seit ca. 25 Jahren existiert, der Schreiber dieser Zeilen hat von Bill Clinton in einer Rede vor ca. 25 Jahren derart erfahren, konzeptuell ist wohl bereits an US-amerikanischen Unis derart bereits Ende der Siebziger entwickelt worden, in das dankenswerterweise bereit gestellte Werk eingearbeitet worden ist.

    MFG + schönes Wochenende,
    Dr. Webbaer

  2. Dr. Webbaer
    demos cratia meint die Herrschaft des Volkes, auch über die Sprache.
    “dass es d-sprachig zu einer Sexualisierung oder Ochlokratiesierung” , das ist doch eine wünschenswerte Entwicklung, im Sinne von Demokratie.

    • Es ist keine wünschenswerte Entwicklung, wenn’s von bestimmten Gruppen durchgedrückt (“auf­ok­t­ro­y­ie­rt”) wird? Zudem bedeutet’s eine unnötige Verkomplizierung der Sprache?

      MFG
      Dr. Webbaer (den eigentlich nur interessiert, ob es für ihn unter dem oben genannten Gesichtspunkt lohnenswert sein könnte sich im Artikel Webverwiesenen “durchzuklicken”)

  3. Dr. Webbaer,
    das Verlinken ist eine Unsitte und beweist nur die Unfähigkeit des Kommentatoren klar zu denken. Nur wenn man klar denkt, kann man sich klar ausdrücken.
    Was die Sprache betrifft, da wird sich English durchsetzen. Bei Gebrauchsanleitungen ist die englische Version die kürzeste und verständlichste. Sprachen, die man aufoktroyieren will ist keine Zukunft beschieden. Sie Gälisch in Irland, Maltesisch in Malta, Rätoromanisch in der Schweiz.
    Für die reine Wissenschaft gibt es ja Latein, Aber, zugegebenermaßen zeigt Opa hmann auch eine Schwäche für Eliten (die sind nötig) und genießt auch die geschliffene Sprache des Dr. W. Anmerkung dazu. Im slawischen Sprachraum gibt es mehr als vier Kasus als im Deutschen. Dr. W wedet diese Fälle auch im Deutschen an , was es erlaubt, auch komplizierteste Gedankengänge in einen Satz zu packen, dem Leser dabei aber ein Maximum an Konzentration abverlangt. Ist das Absicht? (kleiner Spaß in der 5. Jahreszeit)

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