Der Wettkampf um Lüge und Wahrheit – 1989 und 2019: Strategien der Etikettierung um abschließende Deutungshoheit

Semantische Wettkämpfe

(In Anlehnung an meinen Open Access-Beitrag in dem Sammelband „Wirklichkeit oder Konstruktion?“) Meine Zeitungslektüre am Ende einer gewöhnlichen Woche verlangt einen sprachwissenschaftlichen Zwischenruf – denn in ihr zeigt sich der kommunikationspraktische Unterschied zwischen demokratischen und totalitären Systemen: Uns Menschen dürstet bekanntermaßen nach Wahrheit (und das ist gut so). Dennoch oder gerade deswegen werden die dazugehörigen Wörter „Wahrheit“ und „Lüge“ mitunter zu Leerformeln. Hinz und Kunz bzw. Hinzine wie Kunzine können sie verwenden, wie sie wollen. Das liegt im Naturell einer freien Sprache, die nicht selten anarchistische Züge der Sprachverwendung aufweist. Wir sehnen uns insgeheim nach einem Letztbegründungsmoment – um zu Wahrheit und Gewissheit zu gelangen. Ein menschlicher, aber ein unrealistischer Wunsch.

Welchen Orientierungswert haben die Wörter „Wahrheit“, „Lüge“ und „Gerücht“?

Beginnen wir mit zwei Beispielen aus der Berichterstattung dieser Woche. Aktivisten der Bürgerrechtsbewegung, die sich 1989 aktiv am Mauersturz beteiligten – also „ gegen Grenzsicherung“ und für eine „Konterrevolution“ eintraten, widersprechen in einer offenen Erklärung mit dem Titel Nicht mit uns: Gegen den Mißbrauch der Friedlichen Revolution 1989 im Wahlkampf dem Slogan der AfD „Hol Dir Dein Land zurück – vollende die Wende“. Die Süddeutsche Zeitung berichtet am 21.08.2019 (S. 9): „Wenn diese Partei die DDR mit der jetzigen Bundesrepublik gleichsetze und deren Führung sich als Vollender einer angeblich unvollkommenen Revolution aufspielten und zum Aufstand aufriefen, dann verbreiten sie eine Geschichtslüge, heißt es in der Erklärung: ,Deutschland braucht keine Revolution 2.0, wir werden nicht unterdrückt, wie es die Staatssicherheit im Auftrag der SED praktizierte. ‘“

Und noch ein Beispiel im Kontext der 2019er Demonstrationen in Hongkong. Wer in dem chinesischen Kurznachrichtendienst Weibo – das ist das Pendant zu dem in China nicht freigegebenen Mikrobloggingdienst (Kurznachrichtendienst) Twitter – „ein ,Gerücht‘ verbreitet und damit mehr als 5000 Leser erreicht, macht sich strafbar“ (SZ, 21.08,2019, S. 4). Ein interessanter Cocktail: Äußerungsmöglichkeiten beschränken und NUR Wahrheiten zulassen.

Wo ist das Problem?

Herrschaft und Macht werden auch über Semantik ausgeübt. Betrachtet man Sprache als Medium zur Durchsetzung bestimmter Sichtweisen auf gesamtgesellschaftlich umstrittene Sachverhalte in der Geschichts- und Politikdeutung, so offenbart sich „hinter“ den Zuschreibungen von Lüge und Wahrheit eine Strategie der Etikettierung um abschließende Deutungshoheit. Wir haben es mit einer Auseinandersetzung um Definitionshoheit zum Zwecke der gesellschaftlichen Einflussnahme zu tun – kurzum mit semantischen (Wett-)Kämpfen um Lüge und Wahrheit.

Der gesellschaftliche Diskurs ist abhängig vom Kampf um Wahrheitsansprüche – um das Ringen um Definitions- und Deutungshoheit. Denn aus linguistischer Sicht zeigt sich, wie die Wortwahl „vor“ der Konstituierung der Sachverhalte den fachspezifischen Wissensrahmen und bestimmte Deutungen insgeheim (mit)strukturiert, wie also Wissen sprachlich instruiert entsteht.

Wo ist die Lösung?

Dieses Phänomen ist gesellschaftspolitisch so lange kein Problem, wie es Gegenentwürfe gibt – kurz Gegen-Deutungen. Perspektivenvielfalt und Multiperspektivität sind Stabilitätsgaranten für demokratische Gesellschaften, sofern sie keinem beliebigen Relativismus anheimfallen und aufrichtig um Wahrheit ringen. Multiperspektivität und die Durchsetzung von Wahrheit schließen sich nicht aus, sondern ersteres ist die Voraussetzung für das zweite – wenn man von Folgendem ausgeht: „Behauptungen mit standpunkttranszendenten Wahrheitsansprüchen sind obsolet, assertorische [= behauptende] Aussagen mit objektiviertem Wahrheits- und Gültigkeitsanspruch sind von höchster Relevanz. Diese Aussageformen sind das Schmiermittel demokratischer Diskurse im Paradigma der strukturellen Dialogizität.“ (Felder, Ekkehard 2018: Wahrheit und Wissen zwischen Wirklichkeit und Konstruktion, S. 392).

Demnach müssen wir die Spannung aushalten, die darin besteht, dass wir nach Wahrheit streben und gleichzeitig demjenigen misstrauen, der verkündet, sie für alle („standpunkttranszendent“) gefunden zu haben. Gut so! Wer keine totalitäre Verhältnisse will, muss diese Spannung aushalten.

Daraus folgt für das erste Beispiel zur 1989-Bürgerrechtsbewegung: Wir müssen den Diskurs führen und die Deutungsansprüche vieler Protagonisten akzeptieren. Demokratie ist anstrengend.

Ad Beispiel 2 zum Konflikt 2019 zwischen Hongkong und China: Die Etikettierungsstrategie, eine Deutung als Wahrheit oder Gerücht zu klassifizieren, darf nicht Grundlage eines Strafverfahrens sein. Derartige Totalitätsansprüche haben keine Rechtfertigungsbasis.

Beispiel 1 und 2 zeigen den Unterschied und die Gemeinsamkeit zwischen demokratischen und totalitären Systemen: Wahrheitsverfechter gibt es in beiden Systemen und in allen Lagern – jedoch nur in einem System kommen beide zu Wort.

Ekkehard Felder

Veröffentlicht von

Ekkehard Felder ist Professor für Germanistische Linguistik an der Universität Heidelberg. Er initiierte 2005 die Gründung des internationalen und interdisziplinären Forschungsnetzwerks Sprache und Wissen. Diese Forschungsgruppe untersucht diskurs- und gesellschaftskritisch die sprachliche Zugriffsweise auf Fachinhalte in zwölf gesellschaftlichen Handlungsfeldern – sog. Wissensdomänen (z.B. Recht, Wirtschaft, Medizin, Politik, Naturwissenschaft und Technik). Da Fachinhalte durch die Wahl der Worte geprägt werden und widerstreitende Positionen eine andere Wortwahl präferieren, ist ein Streit um die Sache auch ein Streit um Worte bzw. ein semantischer Kampf um die richtige Sichtweise. Deshalb heißt sein Blog bei SciLogs „Semantische Wettkämpfe – Wie die Sprache, so die Denkungsart“. Seine Forschungen beschäftigen sich mit der Fachkommunikation, der sozio-pragmatischen Diskursanalyse und der Untersuchung von Sprache als Indikator für Identität, Mentalität und Authentizität. 2010 gründete er mit den Kollegen Ludwig M. Eichinger und Jörg Riecke das Europäische Zentrum für Sprachwissenschaften (EZS). Als Fellow des Institute for Advanced Studies in Heidelberg (2008) und STIAS in Stellenbosch / Südafrika (2009) widmete er sich dem diskursiven Wettkampf um erkenntnisleitende Konzepte („agonale Zentren“). Felder ist Autor von fünf Monografien und (Mit-)Herausgeber diverser Sammelbände. Besonders bekannt ist die von ihm herausgegebene Reihe „Sprache und Wissen“ (SuW) bei de Gruyter und die dort mit Andreas Gardt herausgegebenen „Handbücher Sprachwissen“ (HSW).

34 Kommentare

  1. Ein guter Garant für eine emanzipierte Gesellschaft ist eine gute Schulbildung. Nur so kann der Einzelne Erkennen, was es mit einer Zeitungsmeldung auf sich hat.
    Leider muss man feststellen, dass die auflagestärksten Zeitungen der “wirksamen Aufmache” den Vorzug geben gegenüber einer langweiligen Analyse.
    Das ist die Krux der Mediengesellschaft. Die Medien müssen im Konkurrenzkampf gegeneinander bestehen und gleichzeitig seriös bleiben.
    Das funktioniert nicht. Deshalb funktioniert auch ein Konsens zwischen den demokratischen Parteien immer weniger.

  2. Von welchen Aktivisten reden sie wenn sie 1989 meinen ?
    Ich finde es immer merkwürdig, wenn Wessis den Ossis erklären wollen, wie sie den Herbst 1989 historisch einordnen sollen. Ich selbst habe damals in Magdeburg mit demonstriert. Nebenan in den Seitenstraßen stand die Bereitschaftspolizei mit Schußwaffen und scharfen Hunden. Vier Wochen später stand dann Willi Brandt auf den Domplatz und rief: Es muss zusammenwachsen, was zusammen gehört .Letzteres ist nicht passiert, denn der Osten ist ,bedingt durch den wirtschaftlichen Kahlschlag , eine verlängerte Werkbank der westdeutschen Industrien geblieben. Gelder waren, so die Regierungen angeblich nicht da, aber als 2015 diese Flüchtlinge kamen, sprudelten die Milliarden nur so. Wir haben damals ,ich zu mindestens , für Meinungsfreiheit demonstriert. Wenn sie sich selbst zensieren müssen, nur die vorgegebenen Meinungen(Meinungsmonopol)dauernd wiederholen müssen, um keine wirtschaftlichen und politischen Nachteile zu haben, dann war das ein Grund vieler Demonstranten. Als Ossi hat man da eine gewisse Sensibilität für solche staatlichen Gleichschaltungen entwickelt und
    in dem Sinne muss ich dieser AFD zustimmen, da ich Parallelen zur heutigen Medienpolitik sehe. Die Elite, die über die entsprechenden Zugänge zu den Medienmachern verfügt (Lobbyismus) , bestimmt die jeweils gültige Meinung. Wer anderer Meinung ist, kann Probleme – siehe DDR- bekommen. Karl Marx: Die Meinung der Herrschenden ist die herrschende Meinung. Wenn sie mir da nun mit den Begriffen WAHRHEIT oder LÜGE kommen, so ist das naiv, da es diese im politischen und wirtschaftlichen Geschäft nicht gibt. Hans-Dietrich Genscher: Was ist die WAHRHEIT, wir suchen sie noch heute …” Im Gegensatz zu den damaligen Verhältnissen, werden wir zwar nicht mehr unterdrückt, doch ähnlich manipuliert. Die “Aktivisten”, die sie meinen , waren wahrscheinlich eine verschwindende und unbedeutende Minderheit, wie überhaupt die Demonstranten 1989 eine verschwindende Minderheit waren, da vielleicht etwa 95 % der damaligen Bevölkerung nicht auf die Straße gegangen ist, sondern zwar gemeckert hat ,aber ansonsten feige zuhause sitzen gellieben ist.(Die haben sich dann in der Warteschlange bei ALDI oder LIDL getroffen) Dieser Osten wurde also im Rahmen der TREUHAND auf den Ramschtisch verkauft damals. Wer das abstreitet kennt die “Wahrheit” nicht oder lügt sich selbst in die Tasche.

  3. Beginnen wir mit zwei Beispielen aus der Berichterstattung dieser Woche. Aktivisten der Bürgerrechtsbewegung, die sich 1989 aktiv am Mauersturz beteiligten – also „ gegen Grenzsicherung“ und für eine „Konterrevolution“ eintraten,

    Nun das sehe ich anders. Es stimmt zwar mit der “Grenzöffnung” aber im Gegensatz zu heute war damit die Ausreise und nicht dieEinreise gemeint. Und das Wort “Konterrevolution” erinnert mich stark an die stalinistische Propaganda etwa zu den Aufständen von 1953 (DDR) und 1956 (Ungarn) sowie dem Prager Frühling (1968 Tschechoslowakei).

    Gruss
    Rudi Knoth

  4. Rudi Knoth,
    für reine Wessies sind die Zustände in der DDR schwer vermittelbar.
    Der Aufstand 1953 war ein Streik der Bauarbeiter der Stalinallee. Der ist dann ausgeufert , in erster Linie ging es um die Rücknahme der zu hohen Arbeitsnormen.

  5. Querdenker,
    den Ossies Feigheit vorzuwerfen ist daneben. Geistig waren schon alle im Westen bis in die Parteispitze. Das war nur noch eine Sache von glücklichen Umständen. Für meine Verwandschaft kam die Wende auch überraschend, aber sie wurde als selbstverständlich akzeptiert.

  6. @fliegenklatsche 24.08.2019, 17:49 Uhr

    ür reine Wessies sind die Zustände in der DDR schwer vermittelbar.
    Der Aufstand 1953 war ein Streik der Bauarbeiter der Stalinallee. Der ist dann ausgeufert , in erster Linie ging es um die Rücknahme der zu hohen Arbeitsnormen.

    Das weis ich auch. Ich bin dort geboren, aber lebe seit 1948 im Westen.

    Gruss
    Rudi Knoth

  7. Rudi Knoth,
    Lüge und Wahrheit, das war in der DDR immer die große Frage. Wenn gesagt wurde, “kauft Weißwein, ” dann war klar, dass der Rotwein knapp war und die Leute hamsterten Rotwein.
    Man musste also um die Ecke denken.

  8. Soweit ich mich erinnern kann, gab es damals (1989) einen Wettkampf der politischen Systeme, Kapitalismus – Kommunismus.

    Der Verlierer hatte „nichts Gutes“ zu erwarten.

    Bei uns im Westen „vermuteten“ gehobene Schichten, dass die Zukunft eher dem Kommunismus „gehört“. Man lebte auch relativ „gut“ weil sich der Kapitalismus noch „anstrengen“ musste „sozial“ zu sein. Mit dem Verweis auf den „Osten“ wurde von den „roten Parteien“ bei den Wahlen aufgezeigt, es geht auch anders….

    Der Kapitalismus lief, auch in sozialer Hinsicht, zur Hochform auf.

    Kollegen die damals im Osten z.B. als Monteure gearbeitet hatten, berichteten von einer desolaten Versorgung und andererseits von der Verschwendung von Ressourcen. Es wurde z.B. beim offenen Fenster „hinaus“ geheizt.

    Kann mich auch erinnern, wie Bekannte damals aus dem Westen nach Berlin zum „Mauerfall“ gefahren sind und begeistert mitgefeiert haben. Einer war der festen Meinung es könnte nur besser werden, auch im Westen.

    Bald darauf hatte er den Unterschied zwischen „Arbeit und Ausbeutung“ am eigenen Leib auch im Westen, durch zunehmenden Druck auf die Arbeitenden selbst verspürt. Wer nicht „spurte“ wurde ausgetauscht. Das Reservoir an Arbeitskräften stieg wegen der Betriebsschließungen massiv an und es gab einen Wettbewerb um die kleinsten Löhne. Die Situation durch den „Umsturz“ verursacht, wurde massiv ausgenutzt.

    Allerdings sieht man im Osten, wegen der linken Doktrin, den Arbeitgeber stärker als Ausbeuter als im Westen. Mitarbeiter im Westen haben eher durchaus Verständnis dafür, was es bedeutet Aufträge hereinzubekommen um die Mitarbeiter zu beschäftigen. Sie „ziehen“ sozusagen mit dem Chef an einem Strang und werden alles tun, um beim Kunden den Eindruck zu hinterlassen es handle sich um einen bestens geführten Betrieb, damit der Kunde den Betrieb weiter empfiehlt.

    Wenn ein Unternehmer aber erkennen muss, dass er von den Mitarbeitern nur als Ausbeuter gesehen wird, der baldmöglichst samt seinem Privatvermögen enteignet gehört, der wird es sich überlegen in den Osten zu gehen um dort Arbeitsplätze zu schaffen. Schon gar kein „DAX Konzern“ geht deswegen in den Osten. Früher sind die Unternehmer Typen im Osten „davon gerannt“, heute meiden sie die Ex DDR.

    Der Ruf nach dem Staat der „zahlen soll“, bringt auch nichts, weil sich der Staat das Geld bei irgendeiner Gruppe holen muss, aber Milliardäre gibt es zu wenige im Land, und die vielen schwer arbeitenden Bauarbeiter, Krankenschwestern …. wollen nicht noch mehr zahlen. Geld dass man einfach nach Belieben druckt, ist nichts wert….

    Die Menschen im Osten können sich auch, realistisch gesehen, nicht mehr verändern. Schließen sie sich der AfD oder den Linken an, werden sie vermutlich noch mehr „kalt gestellt“ als sie schon sind. Selbst ein eigener unabhängiger „AfD Staat“ würde nichts ändern, dann müssten sie auch noch auf die vom Westen vermutlich „subventionierten“ H4 und Rentenzahlungen verzichten. Früher hatten sie wenigstens die Hoffnung, sich einfach dem Westen anschließen zu dürfen.

  9. Realo,
    solange es eine Konkurrenz zwischen den beiden Gesellschaftssystemen gab, funktionierte der Sozialstaat.
    Jetzt, wo der Sozialismus ohne Macht ist, entartet der Kapitalismus.
    Hartz IV ist so eine Entartung, weil hier Menschen mit langem Arbeitsleben und solche die noch nie beschäftigt waren gleich behandelt werden. Das muss geändert werden.

  10. “Hartz IV ist so eine Entartung, weil hier Menschen mit langem Arbeitsleben und solche die noch nie beschäftigt waren gleich behandelt werden. Das muss geändert werden.”

    Die westliche Sicht, die linke Sicht, ist, das Hartz4 zu gering ist und erhöht werden muss. Und weil man für Nichtstun mehr kriegt, sollen auch die Löhne erhöht werden. In einer Marktwirtschaft steigen allerdings dann die Preise im gleichen Maße und alle können wieder genauso wenig kaufen wie vorher. Ihre Ansicht entspricht also dem Denken der meisten westlichen Bürger, aber nicht dem Denken der dominanten Medien. Die dominierenden Medien vermitteln schon ein schlechtes Gewissen, wenn jemand überhaupt arbeiten muss. Denn das muss man gerne tun. Und dann redet man auch nicht über Geld.
    Ansonsten: Wenn Mehrheitsentscheidungen konsequent Gesetz werden, dann gibt es immer “unterdrückte” Positionen, die nicht berücksichtigt, verteufelt, letztendlich sogar bestraft werden. Insbesondere dann, wenn die Mehrheit im Volk ungehorsam ist und sich nicht der Vernunft beugen will. Wenn die Demokratie allerdings Unvernunft verbietet und gleichzeitig die Deutungshoheit über die Definition der Vernunft, per Mehrheitsbeschluss, hat, dann unterscheidet sie sich nur im Grad der Bestrafung von einer Diktatur. China muss die Demonstranten nicht verhaften und foltern lassen. Es reicht sie so zu behandeln wie bei uns die Demonstranten zum G7 Gipfel in Hamburg. Ignorieren ist oft weitaus machtvoller, als auf Provokationen zu reagieren

  11. @Zensur

    Ein Gesetz, dass die Inhalte der neuen Medien kontrolliert, hat nicht nur das Problem, dass ja irgendwer entscheiden muss, was jetzt Wahrheit, Gerücht oder eine Lüge ist. Es wäre schwer, jemanden zu finden, der das nicht sofort für seine Zwecke missbraucht, wenn er per Gesetz die Deutungshoheit bekommt. Selbst die Wissenschaft ist hier nur bedingt zu gebrauchen.

    Man könnte z.B. sagen, was 75% der Wissenschaftler bestreiten, muss als Gerücht klassifiziert werden und darf nicht mehr verbreitet werden. So einig ist sich die Wissenschaft oft noch nicht mal, und auch hier gibt es Moden, die sich über die Zeit ändern, und eine Halbwertszeit von wissenschaftlichen Erkenntnissen. Und auch die Wissenschaft hat ein spezielles Weltbild, und auch spezielle Interessen.

    Dazu kommt, dass man Unsinn nur diskutieren und aufklären kann, wenn man darüber redet. Wenn man ganze Bevölkerungsgruppen zum Schweigen verpflichtet, und deren Ansichten komplett aus der Öffentlichkeit raushält, wird sich hier immer mehr aufstauen, bis es sich dann am Ende doch Bahn bricht.

    Inhaltskontrolle bei Veröffentlichungen ist eben sehr schwierig, und langfristig sowieso meistens nutzlos. Die derzeitigen gesetzlichen Grenzen, was als eine illegale Verbreitung gilt, reichen wohl aus, z.B. der Aufruf zu Straftaten.

    Besser ist das, wenn Unsinn mehr diskutiert wird, und sich auch die Wissenschaft mehr mit den Gerüchten befasst, und so die Menschen letztlich aufklären kann.

    Langfristig wird es sehr hilfreich sein, keine jungen Menschen mehr von Bildung auszuschließen. Das geht heute sehr schnell, dass man nur Hauptschule macht, wenn die Leistung nicht so gut ist, wobei hier der Status und die mangelnde Unterstützung des Elternhauses sehr viel mehr Einfluss hat, als die tatsächliche Leistungsfähigkeit des Schülers. Jeden der Zeit und Lust hat zu lernen, sollte gute Bildungsangebote bekommen, ob Jugendliche, zeitweilig Arbeitslose oder Rentner. Bildung ist das beste Mittel gegen den Unfug, der in den neuen Medien kursiert.

    @Realo: „weil sich der Staat das Geld bei irgendeiner Gruppe holen muss, aber Milliardäre gibt es zu wenige im Land, und die vielen schwer arbeitenden Bauarbeiter, Krankenschwestern …. wollen nicht noch mehr zahlen“

    Es gibt bei den Vermögenden durchaus sehr viel zu holen. Zinssteuern, Unternehmenssteuern, Erbschaftssteuern und Vermögenssteuern sind in den letzten Jahrzehnten immer geringer geworden. Hier ist ein riesiges Nachholpotential, dass Arbeitnehmer mit mittlerem und geringem Einkommen noch entlastet werden könnten, selbst wenn man mehr Transferleistungen zahlt.

    @Anton Gutwein: „Und weil man für Nichtstun mehr kriegt, sollen auch die Löhne erhöht werden. In einer Marktwirtschaft steigen allerdings dann die Preise im gleichen Maße und alle können wieder genauso wenig kaufen wie vorher.“
    Wenn nur Mittel- und Geringverdiener mehr verdienen, hat das nur einen kleineren Effekt auf die Preise, weil die meisten Kosten für die Produkte dann doch in andere Kassen gehen. Erbschaftssteuern und Vermögenssteuern haben sogar überhaupt keine Wirkung auf die Preise. Wenn man hier bei denen, die vom Staat am meisten profitieren, mal ihren Beitrag fordern würde, könnte man bei gleichen Preisen die Lohnsteuern so senken, das sich die Menschen deutlich mehr leisten können. Als wir noch die Systemkonkurrenz hatten, ging das ja auch.

  12. Es gibt ein verblüffend einfaches Kennzeichen, wer üblicherweise lügt und wer die Wahrheit sagt:

    „Nur die Lüge braucht die Stütze der Staatsgewalt, die Wahrheit steht von alleine aufrecht.“
    – Benjamin Franklin

    Oder anders formuliert:
    Üblicherweise lügt jener, der zur Zensur greifen muss, um unliebsame Meinungen zu unterdrücken.
    Rückblickend hat sich das in der Geschichte immer wieder bewahrheitet. Es gibt nicht ein Beispiel, wo eine Zensur je zum Vorteil der Bevölkerung gewesen wäre.

    Und leider wird auch bei uns immer zensiert. Auch auf Spektrum.de werden zu den meisten Artikeln keine Kommentare mehr zugelassen.
    Eine bedenkliche Entwicklung für ein Medium, das für freien wissenschaftlichen Diskurs stehen sollte.

  13. Lieber Herr Windhager!
    Wie kommen Sie zu Ihrer Behauptung, auf spektrum.de “werden zu den meisten Artikeln keine Kommentare mehr zugelassen”?
    Schauen Sie sich doch die Kommentarkultur auf dem Blog an! Keine Zensur herbeireden, wo es auch keine gibt.

  14. In dieser Realität geht es einzig/ausschließlich um die Deutungshoheit der UNWAHRHEIT.

    Der nun “freiheitliche” Wettbewerb um die systemrationale Symptomatik “Wer soll das bezahlen?” und “Arbeit macht frei”, veranstaltet keinen Wettkampf um Wahrheit und Lüge, er spaltet, konfusioniert, funktionalisiert und entmenschlicht, wo es um des Erhalts der konsum- und profitautistischen Bewusstseinsbetäubung nötig ist!

    Jeglicher Wettkampf um des Verstandes unserer Vernunftbegabung, wurde von den multischizophrenen Märchenwelten aus Politik und Religion assimiliert und entsprechend “wissenschaftlich” eingeordnet, was die Bildung zu systemrationaler Suppenkaspermentalität geradezu perfektioniert.

  15. Lieber Herr Felder,

    das betrifft nicht die Blogs (scilogs.spektrum.de), sondern die Artikel auf der Hauptseite von Spektrum (www.spektrum.de).
    Früher konnte man dort bei den meisten Artikeln einen öffentlichen Kommentar hinterlassen, jetzt kann man meist bloß noch der Redaktion eine Email zukommen lassen, welche nie veröffentlicht wird.

    Diese Entwicklung ist symptomatisch für viele westliche Mainstreammedien.
    Eine freie Meinungsäußerung ist anscheinend immer seltener erwünscht.
    Das ist eine traurige Entwicklung.

  16. Zum Folgenden aus dem Artikel:

    “..Dieses Phänomen ist gesellschaftspolitisch so lange kein Problem, wie es Gegenentwürfe gibt – kurz Gegen-Deutungen. Perspektivenvielfalt und Multiperspektivität sind Stabilitätsgaranten für demokratische Gesellschaften, sofern sie keinem beliebigen Relativismus anheimfallen und aufrichtig um Wahrheit ringen. ..” (Zitatende)

    Wie wahr. Aber leider…………………

    ………ist es das genaue Gegenkonzept zu dem was ich jeden Morgen (und auch oft tagsüber) im “Deutschlandfunk” und in der ARD- TV- Medien höre.
    Besonders deutlich jetzt im “Wahlkampf” wo es um Koalitions-Schicksale gehen könnte.

    Besonders krass aber im DLF, wo täglich morgens zwischen ca. 06:00 und 08:00 in zwei längeren Interviews “passend ausgesuchte ” “Experten” aufgeboten werden, die eins zu eins die Regierungsposition “wissenschaftlich interpretieren” bzw. bestätigend stützen.
    Ist man sich mal der richtigen Tendenz der Interviewten nicht ganz sicher oder ist das Thema sehr “kritisch”, legt man ein dann kürzeres (Live-) Gespräch kurz vor die Nachrichten. (Tut mir leid, aber ich muss sie hier unterbrechen…..).

    Manchmal ist bei nicht so ganz “sicheren Kandidaten” , die man um der (angeblichen) “Ausgewogenheit” willen dann doch mal zu Wort kommen lässt, dann die Akustik beim Telefoninterview durch “Fading” etwas “suboptimal”. Wobei man andere Interviews wie selbstverständlich “aus Termingründen” vorher, das heißt nicht “live” führt und nur die Aufzeichnung sendet.

    Also gibt es eventuell doch wohl eher häufiger (erhebliche) Probleme mit………

    “…. Gegenentwürfen – kurz Gegen-Deutungen. Und auch mit “…Perspektivenvielfalt und Multiperspektivität ” sowie mit um Wahrheit ringende “… Stabilitätsgaranten für demokratische Gesellschaften”, die
    “.. keinem beliebigen Relativismus anheimfallen und aufrichtig um Wahrheit ringen. ..”

  17. @ Robert Windhager und zu “spektrum.de”

    Richtig. das begann vor ungefähr einem Jahr, als zunehmend kritische Kommentare unter den (PR-) Artikeln erschienen, die den Verantwortlichen in der Redaktion offenbar nicht ins Konzept passten. Das ließ dann zwar die Kommentarzahlen von vorher Null oder zwei bis drei erheblich ansteigen, war den Leuten dort aber dann doch nicht so geheuer.
    Man kann also vermuten, dass es nicht nur ums reine Geschäft, sondern oft auch um “Ideologie” geht. Bzw. darum , ob ein Kommentar zur (Privat- ) -Agenda der Verlagsgruppe passt. Bei Privatmedien mit begrenzter Reichweite kann kaum so etwas wie ein Recht von Kommentatoren zur (Zugestehung ihrer) “Meinungsfreiheit” eingeklagt werden. Sie dürfen laut “Hausrecht” schalten und walten wie es ihnen beliebt.
    Die Typische Antwort auf Beschwerden ist dann immer: “Betreiben Sie halt selbst einen Blog. Dort können Sie dann ungestört Ihre obskuren Ansichten verbreiten, ohne die (feine) Fach-Klientel hier zu belästigen. (-:

    Aber kann mans ihnen verdenken? Zudem läuft “demokratische Meinungsbildung” schon lange auch über die ” Finanzkraft” gewisser Medien.
    Manchmal sogar mit regierungsamtlicher Unterstützung durch Steuergelder. Und man sollte nicht so naiv sein zu glauben, dass das bei “populärwissenschaftlichen ” Medien grundsätzlich anders ist.
    Nur nebenbei:
    In Russland z.B. gab man in den letzten Jahren Millionen deutscher Euro für die dortige “demokratische Meinungsbildung” der russischen Bevölkerung aus . Das Ist keine VT. Können Sie jederzeit nachrecherchieren.
    Aber ich bin etwas vom Thema abgekommen, bzw habe es etwas vertieft. (-:

  18. Zum Folgenden:

    “…Von welchen Aktivisten reden sie wenn sie 1989 meinen ?..” (Zitatende)

    Hier bin ich mal pessimistisch und befürchte , dass es noch mindestens 30 Jahre dauert, bis mutige und hartnäckige Historiker wie Foschepoth oder Ganser die dann vielleicht “freigeklagten” Verschlussakten durchforsten “dürfen”. Oder durch Quervergleiche in von “Diensten” übersehen Akten (auch aus dem Ausland) “ganz neue Perspektiven” auf die bisher “regierungsamtlich” geprägte Zeitgeschichte eröffnen können .(Und hoffentlich auch wollen bzw. dürfen) Und da wirds nicht nur um “persönliche Ehrenworte” bezüglich Parteispenden usw. gehen.

  19. @ Tobias Jeckenburger 26.08.2019, 12:53 Uhr

    Zitat: „Es gibt bei den Vermögenden durchaus sehr viel zu holen. Zinssteuern, Unternehmenssteuern, Erbschaftssteuern und Vermögenssteuern sind in den letzten Jahrzehnten immer geringer geworden. Hier ist ein riesiges Nachholpotential, dass Arbeitnehmer mit mittlerem und geringem Einkommen noch entlastet werden könnten, selbst wenn man mehr Transferleistungen zahlt.“

    Ich vermute, Zinssteuern, Unternehmenssteuern, Erbschaftssteuern und Vermögenssteuern zahlen letztlich die Konsumenten, es wird eben alles teurer.

    Herr Rossman (Drogeriemarkt) meinte bei Lanz, sein Vermögen besteht ganz überwiegend aus Tonnen von Zahnpasta die er Vorfinanziert ehe er sie in seinen Läden verkauft.

    Bedeutet, wenn man praktisch seine Zahnpasta versteuert, wird sie eben um genau die Steuer teurer, die auch die Ärmsten im Land zahlen müssten.

    Bei Aldi und Lidl verhält es sich auch so.

    Ich vermute, die geringeren Vermögenssteuern, verglichen mit früher, führten zu immer größeren Konzernen.
    Dies bedeutet, durch Rationalisierungseffekte konnten die Waren günstiger als im „Tante Emma Laden“ angeboten werden. Diejenigen die billig einkaufen (müssen) profitieren.

    Besteuert man nur Luxusautos und Luxusimmobilien wird zu wenig erlöst. Und wenn man die Waren von Aldi/Lidl …. besteuert, gäbe es etwas zu holen, nur zahlen dann die „Armen“ ….

  20. @Aufgestaute Meinungen

    Vielleicht haben wir zur Zeit auch den Effekt, dass manche Meinungen, die Jahrzehnte lang in den Medien unterdrückt wurden, mit den neuen Digitalen Medien jetzt an die Oberfläche sprudeln. Z.B. Ausländerfeindlichkeit oder auch Wissenschaftsfeindlichkeit sind vom Fernsehen und den großen Verlagshäusern konsequent unterdrückt worden.

    Ich bin weder Ausländerfeind, noch Wissenschaftsfeind, aber ich muss mich jetzt damit auseinandersetzen. Das ist vielleicht gut so. Wir setzen uns gemeinsam mit diesen lange unterdrückten Themen auseinander, und wenn wir damit fortgeschritten sind, legt sich auch die Aufregung wieder. Hoffentlich.

    Die Menschen hatten ihre Meinungen die ganze Zeit im Kopf, nur in der Öffentlichkeit kamen ihre Themen nie vor. Jetzt kann das mal ausdiskutiert werden.

    @Realo 26.08. 20:56

    Die Vermögenssteuern für die Lagervorräte sind ja wohl insgesamt zu vernachlässigen. Das meiste Vermögen sind Immobilien und teure Maschinen. Bei den Immobilien bestimmt der Marktpreis der Mieten den erzielbaren Erlös, wenn man hier Vermögenssteuern abzweigt, wird das erst langfristig und nur zu einem kleinen Teil auf die Mieten wirken, über etwas weniger Neubauten. Wenn man die Neubauten entsprechend fördert, am effektivstem und günstigstem kann man das einfach durch mehr Ausweisung von Bauland erreichen, dann landen die Vermögenssteuern komplett in der Staatskasse, und das gibt Spielraum Arbeitnehmer zu entlasten, ohne das im Gegenzug die Mieten steigen.

    Auch Erbschaftssteuern wirken sich direkt nicht auf die Produktpreise aus, es kann nur langfristig das allgemeine Zinsniveau wegen weniger zur Verfügung stehendem Gesamtkapital erhöhen. Bei den derzeitigen Nullzinsen kein Problem würde ich sagen.

  21. @ Tobias Jeckenburger 27.08.2019, 12:24 Uhr

    Die Vermögenssteuer hängt naheliegender Weise vom Vermögen ab. Hauptsächlich vom Betriebsvermögen. Die Firmenstruktur hängt stark von den Steuergesetzen ab, und wenn den Vermögenden im Land „unwohl“ wird weil man ihnen an den „Kragen“ will, den „Unternehmerlohn“ abknöpft, dann verlassen sie das Land. Außer man baut eine Mauer wie die DDR.

    Es gibt sozusagen „Milliardäre“ die mieten oder leasen fast alles, von den Betriebsstädten, den Fahrzeugen bis zu den Computern und Kassen und bekommen die Waren auf Kredit. Sie leasen sogar die Privatvillen und den Ferrari. Sie leben wie die Milliardäre, aber Steuer schonend. Vermögenssteuer ist schon gar nicht einzutreiben, sie haben keines (im Inland).

    Es gibt aber auch Milliardäre, die benötigen tatsächlich keine Banken.

    Aber was immer die Steuer verlangt, jeder Cent an Ausgaben wird letztlich auf die Preise aufgeschlagen, und der Kunde zahlt, andernfalls würden die Unternehmer jedes Jahr „ärmer“, letztlich pleite.

  22. @Tobias Jeckenburger

    “Ausländerfeind”
    “Wissenschaftsfeind”
    Ihre Wortwahl ist für mich ein Indiz, wie Sie anscheinend über Menschen mit anderen Meinungen denken:
    In Feindbildern.

    Dazu folgendes:
    Genauso, wie es legitim ist, ein Kapitalismuskritiker zu sein, muss es auch möglich sein, Kritik an einer chaotischen und ungeregelten Migration zu äußern.
    Denn die potentiellen langfristigen Folgen einer undurchdachten Migration sind einfach gewaltig.
    Ein bisschen mehr Respekt für jene Menschen, die eine andere Meinung vertreten, wäre daher angebracht.

    Was wir aus der wissenschaftlichen Diskussion lernen könnten, ist, dass offene, sachliche Diskussion immer möglich sein muss, und dass es nicht zielführend ist, abweichende Meinung (durch Zensur) verbieten zu wollen.
    Das hat sich in der Geschichte noch nie bewährt.

  23. @ Robert Windhager und zu:
    “..Das hat sich in der Geschichte noch nie bewährt…” (Zitatende)

    Na ja, für die meisten, die davon bis zu ihrem Lebensende außerordentlich profitiert haben (bzw. profitieren), aber schon. Manchmal lohnt es sich sogar, wenn man sich der Strafverfolgung von kriminell asozialem Verhalten bis zum Ablauf der juristischen Verjährungsfrist entziehen kann.Das gilt z. B. auch für viele “Wirtschaftskriminelle”. Und manche können sich der zeitnahen Strafverfolgung auch deshalb entziehen, weil sie niemand anklagt. Entweder weil z.B. Verstöße gegen das Wettbewerbsrecht nur von den Konkurrenten zur Anzeige gebracht werden können oder bei politikrelevanteren Sachen der (staatlich) weisungs- abhängige (!) Staatsanwalt aus “Gründen des Staatswohls”
    etwas ignoriert bzw. einer Anklage bewusst entgegenarbeitet. Was zum Beispiel bei Untersuchungsausschüssen immer dann sehr deutlich wird, wenn irgendeiner der “Dienste” (d.h. eigentlich die jeweilige Regierung) sich nicht unter die Decke schauen lassen will.

    Also:
    In der schmuddeligen Realität bewährt sich wahrscheinlich so manches, was es idealerweise nicht geben dürfte. (-:

  24. @Raelo

    Ist mir klar, das die Vermögenden recht kreativ sind, auch Vermögenssteuern zu vermeiden. Aber das meiste sind wohl die Immobilien, und da muss man zahlen, und man kann die Immobilien auch nicht ins Ausland verschieben. Ich denke schon, dass es sehr viel Sinn macht, Vermögens- und Erbschaftssteuern wieder einzuführen bzw. zu erhöhen. Auch Zinssteuern und Unternehmenssteuern kann man gerne erhöhen, auch wenn hier einiges vermieden werden wird. Das lohnt sich allemal, und das meiste davon wird sich eben nur teilweise auf die Preise auswirken, schätze ich.

    @Robert Windhager

    Ich halte überhaupt nicht jeden, der sich für weniger Zuwanderung ausspricht, für einen Ausländerfeind. Das konnte vor ein paar Jahren aber schnell jedem passieren, der sich für weniger Zuwanderung aussprach, bzw. wurden Meinungen in diese Richtung von den Medien komplett totgeschwiegen. Ich selber bin inzwischen auch für weniger Zuwanderung, weil das zumindest in Dortmund in den letzten Jahren schon zu Wohnungsnot geführt hat. Deutschland ist überhaupt eher überbevölkert, finde ich. Die Gesamtmenge ist mir zu viel, ob das jetzt Asylbewerber oder EU-Arbeitsmigranten sind ist mir persönlich egal. Das kann man aber auch anders sehen.

    Ich wohne selber in einem sozialen Brennpunkt, wo in vielen Straßenzügen die Zuwanderer in der Mehrheit sind. Hier sollte man vielleicht auch die Ausländer auf alle Stadtteile besser verteilen, und vor allem in den Schulen die Kinder gut mischen. So geht Integration schneller. Gerade die Mitbürger, die sich aus Menschlichkeit für Asylberwerber einsetzen, wohnen eher in Stadtteilen, wo kaum Zuwanderer wohnen, habe ich den Eindruck.

    Wenn die vielen Muslime unter den Zuwanderern tatsächlich langfristig unter sich bleiben, kann ich mir hier in Zukunft auch große Probleme vorstellen. Ich vermute aber, dass die Integration spätestens in der 3. Generation gelingt. Aber Eins ist klar: die Immobilienbesitzer freuen sich über jeden, der hier eine Wohnung sucht. Da macht die Menschlichkeit besonders Spaß.

  25. @Little Louis

    Was ich meinte, ist, dass Zensur nie zum Vorteil der allgemeinem Bevölkerung war.
    Einige Machthaber mögen kurz oder mittelfristig davon profitieren. Auf lange Sicht setzt sich Gottseidank aber ohnehin immer die Wahrheit durch.

    @Tobias Jeckenburger

    Ich wäre mir nicht so sicher, ob Integration spätestens in der 3. Generation gelingt.
    Es gab mal vor einigen Jahren eine große Studie in Deutschland, bei der sich herausstellte, dass
    * von allen Bevölkerungsgruppen die Türken am schlechtesten integriert waren
    * und dass sich das weder in der 2. noch in der 3. Generation groß geändert hätte.
    Eher im Gegenteil waren die Nachfolgegenerationen noch schlechter integriert als die Eltern!
    Übrigens wurden in dieser Studie klar messbare Kenngrößen zugrunde gelegt, wie zB Deutschkenntnisse, beschäftigt oder arbeitslos, mit Deutschen verheiratet, höchste abgeschlossene Schulbildung usw.
    Ich bin skeptisch, ob das bei Afghanen, Syrern, Irakern etc anders sein sollte.

    Und leider funktioniert das Mischen der Schüler in der Praxis weit schlechter als in der Theorie.
    Zum einen schaffen es die “Problemmigranten” selten in höhere Schulen, und zum anderen bevorzugen es immer mehr einheimische Eltern ihre Kinder in Privatschulen zu schicken, in einem Ausmaß, das es vorher nicht gegeben hat.
    Das wird wohl auch seine Gründe haben.

  26. @T.J. und zum Folgenden:

    Kenne ich auch. Und ich befürchte , dass es stimmt. Vermutlich gibt es eine kleine Gruppe von relativ gut bzw. vollständig (im staatabürgerlichen Sinne)”Asimilierten”, aber beim eventuell größere Teil vollzieht sich ein Ghettobildung ähnlich wie in USA, aber mit eventuell deutlich größerer Distanz zur “westlichen” Lebensweise bzw. zu den liberalen Grundwerten. Wobei der Grund entweder in der religiösen Prägung oder in politischem Unverständnis aufgrund der heimatliche (politisch -gesellschaftlichen) Strukturen und Traditionen oder in einer Kombination aus beidem liegen könnte. Wobei beides auch oft bewusst weitertradiert wird ( “So ist halt unsere Kultur”)

    Ein zusätzlicher Grund, der zur zur Ghettoisierung führt, könnte auch die Zugehörigkeit zu einer Art von “Ökonomischer und/oder bildungsmäßiger Unterschicht” sein.
    Zudem leben die meisten Menschen halt mal gerne bei “Gleichen” bzw. “unter sich”.

  27. Korrektur zu 00:05
    @ Robert Windhager um 22:13 am 27.08.2019 und zum Folgenden:

    Eher im Gegenteil waren die Nachfolgegenerationen noch schlechter integriert als die Eltern!
    Übrigens wurden in dieser Studie klar messbare Kenngrößen zugrunde gelegt, wie zB Deutschkenntnisse, beschäftigt oder arbeitslos, mit Deutschen verheiratet, höchste abgeschlossene Schulbildung usw.
    Ich bin skeptisch, ob das bei Afghanen, Syrern, Irakern etc anders sein sollte..
    .
    (Zitatende)

    Kenne ich auch. Und ich befürchte , dass es stimmt. Vermutlich gibt es eine kleine Gruppe von relativ gut bzw. vollständig (im staatsbürgerlichen Sinne) ”Asimilierten”, aber beim eventuell größeren Teil vollzieht sich ein Ghettobildung ähnlich wie in USA, aber mit eventuell deutlich größerer Distanz zur “westlichen” Lebensweise bzw. zu den liberalen Grundwerten. Wobei der Grund entweder in der religiösen Prägung oder in politischem Unverständnis aufgrund der heimatliche (politisch -gesellschaftlichen) Strukturen und Traditionen oder in einer Kombination aus beidem liegen könnte. Wobei beides auch oft bewusst weitertradiert wird ( “So ist halt unsere Kultur”)

    Ein zusätzlicher Grund, der zur zur Ghettoisierung führt, könnte auch die Zugehörigkeit zu einer Art von “Ökonomischer und/oder bildungsmäßiger Unterschicht” sein.
    Zudem leben die meisten Menschen halt mal gerne bei “Gleichen” bzw. “unter sich”.

  28. @Ghettoisierung

    Hier in der Dortmunder Nordstadt leben mindestens zur Hälfte Migranten, der Rest ist überwiegend deutsche Unterschicht, und noch einige Künstler. Für uns alle ist dieser Ort attraktiv, weil man bei niedrigen Mieten recht nah am Stadtzentrum wohnt, und hier auch gut ohne Auto leben kann. Ganz krass sind hier die Grundschulen: da sind fast keine deutschen Schüler zu finden.

    Dass das die Integration gar nicht fördert, dürfte klar sein. Das wirkt in zwei Richtungen: nicht nur lernen die ausländischen Schüler dort keine Deutschen kennen, auch in den Schulen in den anderen Stadtteilen lernen deutsche Schüler wenig Migranten kennen. Wenn die Integration von muslimischen Migranten wenigstens in der 3. Generation gelingen soll, geht das so wohl nicht so gut.

    Wir hatten uns hier schon mal überlegt, dass die Stadt einerseits Deutschen Mietzuschüsse zahlen könnte, die hier hinziehen, und umgekehrt Migranten Zuschüsse zahlt, die in die andern Stadtteile ziehen. Davon unabhängig könnte man die Hälfte der Migrantenkinder auf andere Grundschulen verteilen, und im Gegenzug auch deutsche Kinder aus anderen Stadtteilen hier zur Schule schicken. Aufgrund der geringen Entfernungen hier im Stadtgebiet wäre das ein Versuch wert.

    Wenn jetzt noch Chancengleichheit durch Förderung von Schülern bestände, die von den Eltern wenig Unterstützung bekommen können, und die angebliche Leistungsgesellschaft tatsächlich die wirkliche Schulleistung benoten würde, wäre die Integration der Migranten wohl möglich. Und die Integration der Kinder aus der deutschen Unterschicht gleich mit.

    Würde mich mal interessieren, was die Eltern von Schülern in den Nobelvororten von Dortmund davon halten würden. Dort soll ja die Begrüßung von notleidenden Asylbewerbern besonders hoch sein. Zumindest solange man mit denen nichts zu tun hat, und nur die Mietzahlungen auf den Konten eingehen sieht, die von den ausländischen Mietern jeden Monat bezahlt werden.

  29. 4 Anmerkungen:
    a) hier wird irgendwie China zum totalitären System erklärt. Dann sollten sie Tucholsky lesen. Dann bliebe Ihnen nicht anderes übrig als die Weimarer Republik als totalitärer zu bezeichnen. China ist sowas wie erzkonservativ und unglaublich Autoritätshörig. Aber da ist China nicht allein.
    b) immer wenn ich diese Staatskritik und Kapitalismuskritik lese, da frag ich mich in welcher Welt diese Leute leben. Seit wann war es früher besser? Seit wann habe wir eine gerechte Gesellschaft ? Ich sehe eine ausgesprochen positive Entwicklung in Deutschland und fast überalll Weltweit. Aber es ist noch eine sehr sehr langer Weg. Und ich sehe leider keine funktionsgeprüften Rezepte derer, die da am lautesten Schreien.
    c) für mich ist das Aufkommen der populistischen Bewegungen weltweit eine wichtige Entwicklung. Denn es handelt sich um nichts neues. All diese Themen wurden schon immer an Stammtischen von den gleichen Leuten propagiert. Nur gibt es jetzt Internet. Das ist der Unterschied. Die Politik muss sich ändern und ehrlich werden. Einfacher wäre es natürlich wenn die Populisten ehrlicher wären. Aber das wäre zu schön um wahr zu sein.
    d) ich empfinde diese Kommentarfunktionalität als hinderlich wenn eine fachlich und fundierte Diskussion erreicht werden soll. Mir fällt aber nichts besseres ein. Wäre aber wirklich toll, wenn man da was optimieren könnte.

  30. Zu Th. Jeckenburger
    “Ghettobildung”
    Genau das wollen viele in Ostdeutschland nicht, weil sie sehen das dieses Experiment im Westen fehl geschlagen ist. Diese “bunte” Republik entwickelt sich zu einem Sammelsurium von Parallelgesellschaften, die letztlich keine eigene nationale Identität mehr entwickeln kann. Massenhafter weiterer Zuzug in dieses Land bringt die Sozialsysteme zum implodieren, Sicherheit und Ordnung gehen den Bach runter,Verteilungskämpfe um Arbeit und Wohnungen folgen. Menschen, die sich mit diesem Land und ihrer Kultur nicht identifizieren, werden zur Mehrheit und Deutsch wahrscheinlich eine Zweitsprache in den Schulen. Die Träumer von einer globalen Gesellschaft werden dann einsehen müssen, dass viele Menschen in dieses Land einwandern, nur um es auszunutzen,auszuplündern und um Geld zu machen. Aber das sind ja wiederum die Werte des Kapitalismus, der für Profit seine Seele verkauft…

  31. @ Tobias Jeckenburger und Querdenker

    Das mit den Schülerverteilungen ist ja eine ziemlich alte Idee aus betroffenen Gebieten der USA. Wenn ich mich richtig erinnere, gab es da zwar Widerstand, aber es wurde häufig einigermaßen konsequent durchgezuogen.
    Aber das alles interessiert die Eliten dort wohl nicht allzu sehr, denn Problemen mit der Ghettoisierung kann man dort bezüglich der eigenen Kids mit etwas Kapitaleinsatz relativ einfach umgehen.
    Eventuell finden die Oberschichten bezüglich ihrer Interessen und deren langfristige Durchsetzung “Rassen”- und Sozialkonflikte sogar nützlich. Und auch hier gibt es ja einige Theoretiker (ohne “Verschwörung” – oder meinetwewgen auch mit), die bezüglich der hiesigen Politik Ähnliches vermuten.

  32. @little Louis 02.09.2019, 01:03 Uhr

    Das mit den Schülerverteilungen ist ja eine ziemlich alte Idee aus betroffenen Gebieten der USA. Wenn ich mich richtig erinnere, gab es da zwar Widerstand, aber es wurde häufig einigermaßen konsequent durchgezuogen.

    Ja das “Busing”, das die “Ghettobildung” ausgleichen soll. Davon habe ich von jemandem gehört, der in den 1970ern in den Staaten (NYC) war. Angehörige der weissen Mittelschicht waren davon nicht begeistert.

    Gruss
    Rudi Knoth

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