Zu Hause bei den Ökofritzen. Teil 1

BLOG: ScienceZest

Forschung lecker zubereitet
ScienceZest

Umweltwissenschaftler kennen sich berufsbedingt am besten mit Klimawandel und seinen Folgen aus. Schließlich haben wir unsere Finger am Puls der neuesten Forschungsergebnisse und verstehen sogar den Jargon. Darum sind wir auch die Allerersten, die radikale Veränderungen im Privat- und Berufsleben vornehmen, um unseren negativen Einfluss auf die Umwelt zu minimieren. *hüselt*

Wenn ich völlig CO2 neutral leben wollte, müsste ich sofort meinen Job kündigen und meine Kinder aus Schule und Kindergarten nehmen (wg. Verbraten fossiler Brennstoffe beim hin- und her fahren). Ich müsste mein Gemüse selbst anbauen, Tiere halten um uns mit Fleisch, Eiern und Milch zu versorgen, unser Abwasser selbst behandeln, ein selbstgebasteltes Windrad hinterm Haus aufstellen (es liest sich so blöd bei Kerzenschein) sowie Schafwolle und Hanf kämmen, spinnen, weben, stricken (man kann ja nicht nackig herumrennen). 

Normal einkaufen könnten wir nicht mehr, denn fast alles ist in Plastik verpackt und kommt sonstewo her. Ein ganz normales Leben umweltfreundlich zu gestalten, ist schwer.

Wie kann es dann aber gehen? Wo doch ab gestern Alle Klimafreundlich, Bienenfreundlich, nachhaltig, und so weiter, leben sollen? Weiß denn irgendwer, wie man das genau macht?

Wir wissen es nicht, wagten aber einen Versuch (der läuft noch, das System muss optimiert werden). So fing alles an:

Wir haben uns ein Haus auf dem Land gekauft, genauer gesagt eine alte Dorfschule.

 

Tür zum Grauen (Foto: Magnus Wendeberg)

Nach unzähligen Umbauten bis in die DDR-Zeit hinein, wurde aus einem hutzeligen Grubenhaus (frühmittelalterlich) eine grauer, lang-gestreckter Betonkasten, von Asphalt umrahmt; hässlich wie Herpes. 

Von hinten sah es noch am schönsten aus. (Foto: Magnus Wendeberg)

Die Stadtverwaltung dachte an Abriss, hat das Gebäude dann aber für einen Appel und ein Ei zu Versteigerung freigegeben. Wir waren die einzigen Bekloppten, die ein Gebot abgegeben haben. So. Damit haben wir uns auf 20 Jahre Pleite und 7 bis 10 Jahre Baustelle eingelassen. Spätestens jetzt muss man ökonomisch denken. “Bio” ist ja nicht billig…

Oh Mama, bitte nicht das hässliche Haus! (Foto: Magnus Wendeberg)

Wer jetzt denkt, ich würde über Wärmedämmung philosophieren, den kann ich beruhigen. Unsere Wände sind ungedämmt (Aufschrei bei den Bauingenieuren).

Zurück zu unserem Ökoexperiment. 

Wir haben den Haushalt als halb-offenes System betrachtet, uns angeschaut was hinein geht (z.B. Gemüse, Obst, Fleisch, Strom, Trinkwasser, Gas) und was heraus kommt (z.B. Abwasser, Kot, Urin, Essensabfälle). Alles, was ungenutzt aus dem System verloren geht, muss vom Ökologen- und Ökonomenstandpunkt als Verschwendung angesehen werden. Genauso bei Allem, was (unnötig) dazu gekauft werden muss. Das ist jedenfalls die Theorie. Die Praxis ist ein Kompromiss aus Nötigem und Gemütlichem, denn wir sind nur eine ganz normale Erste-Welt Familie. 

In den folgenden Artikeln werde ich genauer darauf eingehen, wie wir die ökonomischen Aspekte mit den ökologischen verbunden haben. Dabei wird’s um Hausrestaurierung, Wärme- und Elektroenergie, Wasser/Abwasserkreislauf, Selbstversorgung (keine Autarkie!) und Nutzung lokaler und regionaler Ressourcen gehen.

Dies soll nicht die Anleitung zur Minimierung deines CO2 Fussabdruckes sein, sondern Beispiel und Anregung für eine (halbwegs) ökologische Lebensweise. 

(Fortsetzung morgen)

 

Annelie Wendeberg

Annelie Wendeberg ist eigentlich Umweltmikrobiologin. Doch eines schönen Wintermorgens klappte sie die Augen auf und dachte sich "ich schreib mal was". Seither versucht sie ihre Leidenschaft Forschung leicht verständlich und spannend in kurzen Blogartikeln zu vermitteln. Meistens schreibt sie über alles Mögliche was irgendwie mit Forschern, Biologie, Umwelt, Ökologie und vor allem Mikrobiologie zu tun hat. Des Nachts bringt Annelie Wendeberg Leute um. Auf dem Papier. Für den KiWi Verlag.

12 Kommentare

  1. Ökologismus

    Das ist das Größte, das es je gegeben hat. Das gesamte Wirtschaften kann in nur 30 Jahren 10-mal einfacher werden (u. a. durch das 1-l-Auto, das S-House und C.-G.-Jung-Geistheilung). Und danach wird es explosionsartig zunehmend weitere Vereinfachungen geben.
    Deutschland braucht eine rechtskonservative, nicht-grüne Ökopolitik. Nach der Wahl wird es wieder eine Regierung aus CDU und FDP geben (die FDP glücklicherweise mit weniger Prozent, als bei der letzten Wahl). Zudem bekommen die Parteien Pro und FW immer mehr Macht.

  2. Schönes Projekt

    lol, genau den gleichen Mist hat der “Freigeist” auch nebenan bei M. Blume geschrieben. (19.08., 01h43)

    @Frau Wendeberg: Glückwunsch zum Mut für dieses Projekt, das mich sehr anspricht. Ich freue mich bereits auf die weiteren Teile. Haben Sie weitere Bilder vom Haus?

  3. Ökofritzin antortet

    @freichrist HÄ?

    @aaa Dankeschön! Es ist ein Abenteuer (Haus basteln UND bloggen). Auch beim den nächsten Beiträgen wird’s Bilder geben

  4. Haben Sie

    sich denn mal gefragt, warum Sie so leben wollen, wie Sie leben wollen?!

    Die Problematik des Ansatzes, der einmal so verkürzt wiedergegeben werden soll: wir wollen der Umwelt nicht schaden mit unserer Existenz, haben Sie ja erkannt.
    Es funzt net so immer, wie geplant, erhofft oder angestrebt.

    Alles, was ungenutzt aus dem System verloren geht, muss vom Ökologen- und Ökonomenstandpunkt als Verschwendung angesehen werden. (Artikeltext)

    Aus ökonomischer Sicht muss Abfall nicht zwingend nutzbar sein, sondern kann zwingend entsorgungspflichtig/kostenpflichtig werden, weil der Wiedernutzen ökologisch oder eben ökonomisch Schaden anrichten kann, verglichen mit der “stumpfen Entsorgung”.

    MFG
    Dr. W (der bei allem Respekt, bei aller Wertschätzung und mit Verlaub postreligiösen, ökologistischen Glauben nicht gänzlich auszuschließen vermag, zurzeit)

  5. @webbaer

    “Haben Sie sich denn mal gefragt, warum Sie so leben wollen, wie Sie leben wollen?!”

    Eigenartige Frage. Ich theoretisiere mal: Wenn man nicht weiss, warum man gegen den Strom schwimmt, wie lange hält man das dann aus? Eine Woche?

    “Die Problematik des Ansatzes, der einmal so verkürzt wiedergegeben werden soll: wir wollen der Umwelt nicht schaden mit unserer Existenz, haben Sie ja erkannt.”

    Danke.

    “Es funzt net so immer, wie geplant, erhofft oder angestrebt.”

    So steht’s ja auch im Artikel.

    “(der bei allem Respekt, bei aller Wertschätzung und mit Verlaub postreligiösen, ökologistischen Glauben nicht gänzlich auszuschließen vermag, zurzeit)”

    Mir liegt es fern, irgendwen von irgendwas zu überzeugen.

  6. Na,

    dann schreiben’S doch auch mal ganz klar, warum:

    Haben Sie sich denn mal gefragt, warum Sie so leben wollen, wie Sie leben wollen?! (Dr. Webbaer)

    Eigenartige Frage. Ich theoretisiere mal: Wenn man nicht weiss, warum man gegen den Strom schwimmt, wie lange hält man das dann aus? Eine Woche?

    Gerade in einem wissenschaftsnahen Inhalt bietet sich das an, so einer kleines erklärendes Statement.

    MFG
    Dr. W (der auch ökologisch beachtend lebt, aber weit weniger streng)

  7. (Öko)Logismus

    “Dies soll nicht die Anleitung zur Minimierung deines CO2 Fussabdruckes sein, sondern Beispiel und Anregung für eine (halbwegs) ökologische Lebensweise.”

    Warum soll ich mein Zimmer aufräumen, wenn die ganze Welt in Dreck und Chaos gestaltet ist – wo ist das nachahmenswerte Vorbild, wenn die UN-Wahrheit dieser intrigant-bedrohenden Welt- und “Werteordnung” GRUNDSÄTZLICH unangetastet in herkömmlich-gewohnter Symptomatik bleibt, denn Schuld sind ja IMMER die “Anderen” der Hierarchie von und zu materialistischer “Absicherung” in “Gut und Böse” / die “Treuhänder” unserer leichtfertigen Übertragung von … / die expertisen Fachidioten der Bildung zu Suppenkaspermentalität auf systemrationaler Sündenbocksuche???

  8. Denken Sie, dass Stoffe selber weben wirklich einen geringeren Fußabdruck hat als ihn maschinell herzustellen?
    Das gleiche denke ich von ihrer Toilette. Warum sollte das Abholen von Abfällen einen geringeren Abdruck haben als ein Rohrleitungssystem? Ich würde eher vermuten, dass Sie mit dem Abholdienst jeglichen ökologischen Vorteil zunichte machen…

  9. Öko

    Hallo Frau Wendeberg,
    danke für diesen Beitrag, er hat mich doch zum Nachdenken gebracht. Ich denke grade im Punkto Plastik Verpackungen müssen die Unternehmen handeln. Es gibt mittlerweile einige alternativen die komplett recycelt werden können oder man kauf sich eine Papiertüte und verwendet die mehrfach. Obst, Gemüse, Fleisch usw. wird leider sehr häufig in Plastik eingeschweißt, gerade bei den großen Kaufhäusern. Das kann man eigentlich nur umgehen wenn man alles frisch kauft und darauf besteht das es nicht in Plastik eingetütet wird. Sehr häufig bekommt man böse Blicke oder Spott, damit kann ich aber leben, wenn auch durch mich der CO2 Ausstoß reduziert wird.
    Gerade der letzte Absatz hat mich dann richtig ins grübeln gebracht. Ich achte darauf kaum Plastik oder ähnliches zu verwenden. Obst und Gemüse wird beim Öko – Bauern gekauft, nur aufs Auto kann ich leider nicht verzichten. Alternativ wäre ein Elektroauto eine Maßnahme, problematisch sind nur die möglichen Reichweiten.
    Ich kann nur hoffen das die Industrie endlich begreift das es auch anders gehen kann!
    Gruß
    Andreas

  10. Politischer Wille

    Das perfekte Öko-Leben geht nicht , stimme zu. Wichtig scheint mir vor allem , daß Leute ein offenes Ohr haben und sich nicht jedesmal querstellen ,wenn tatsächlich mal politische Verbesserungen angestrebt werden.
    Und darüber hinaus nicht – wie so mancher seit 30 Jahren – stammtisch-mäßig dahersappeln , wenn es um das Öko-Thema geht.

  11. @Anton Meier

    Auf die Toilette und unsere Wasser/Abwasserlösung gehe ich in einem folgenden Artikel noch ein. Um kurz ihre Frage zu beantworten: In unserem Dorf gibt es kein Abwasserkanalsystem und es wird auch keines in den nächsten 15 Jahren geben (die Geologie macht’s unmöglich). Alle haben Gruben oder teil- bzw. vollbiologische Kläranlagen. Die 2qm die bei uns pro Jahr anfallen, sind damit die bisher ökologischste Lösung.

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