Wissenschaftler schreiben

Wir Wissenschaftler finden Schreiben normalerweise recht schrecklich. Untersuchen, experimentieren und Neues entdecken liegt den meisten von uns mehr, als sich den Hintern am Schreibtisch platt zu sitzen.

Aber schreiben und publizieren müssen wir. Einen erfolgreichen Wissenschaftler der/die nie publiziert hat, gibt es nicht; genauso wenig wie einen erfolgreichen Zeitungsjournalisten ohne Artikel oder einen berühmten Buchautor ohne Buch. Trotzdem sehen wir uns nicht als professionelle Schreiberlinge. Wir sind professionelle Forscherlinge.

Experten produzieren Text. Je länger wir in unserem Job sind, desto mehr schreiben und veröffentlichen wir (ich behaupte hier keinen linearen Zusammenhang, aber Professoren schreiben signifikant mehr als Doktoranden). Und hier kommen wir zur Besonderheit des wissenschaftlichen Schreibens – unsere Texte sind oft von mehreren Autoren verfasst.

Doch unser Stil des kollaborativen Schreibens hat sich seit der Erfindung des Internets kaum verändert. Noch heute schreibt der Autor einen Entwurf, schickt  diesen Entwurf an seine Ko-Autoren und wartet auf Rückmeldung. Je nach Anzahl der Ko-Autoren und der Qualität des Entwurfes, können die Edits übersichtlich bleiben oder den Autor in die Verzweiflung stürzen. Es ist nicht lustig, wenn man zehn Versionen des eigenen Textes bekommt, diese allesamt lesen muss und sich bei jedem Kommentar bzw. Verbesserungsvorschlag überlegen muss, welchen der zehn verschiedenen man jetzt berücksichtigen sollte. Das ganze geht ja dann NOCHMAL an alle Ko-Autoren raus…

Screenshot 2014-03-11 11.32.07

WriteLaTeX

Leute, die LaTeX nutzen um ihre Publikationen zu schreiben, waren unter den Ersten, die  kollaborative Schreibplattformen entwickelten (siehe Bild links). Das sind z.B. Mathematiker, Physiker und Chemiker. Wer sich nicht mit LaTex auskennt oder in Journals publiziert, welche keine LaTeX generierten Manuskripte akzeptieren, braucht hier gar nicht erst einsteigen. Ich zum Beispiel.

Doch das Prinzip dieser kollaborativen Plattformen ist interessant und beschleunigt den Prozess des Schreibens enorm. Der Text wird im Internet geschrieben und bearbeitet. Dies erfolgt meist Passwort-geschützt, d.h. es haben nur der Autor und die Ko-Autoren Zugriff, bzw jede Person die vom Autor bestimmt wird. Das bedeutet, dass man (A) gemeinsam an nur einem Dokument arbeitet, (B) auch die Ko-Autoren sofort sehen was kommentiert und editiert wurde und (C) man gemeinsam schneller zu einem fertigen Manuskript kommt, da man sich das Durcheinander der unterschiedlichen Versionen spart.

Für Nicht-LaTeX Nutzer gibt es verschiedene Alternativen. Manche nutzen GoogleDocs, manche Dropbox. Ich finde letzteres anwendungsfreundlicher und (hust hust) sicherer. Auch bei Dropbox kann man seine Ko-Autoren Zugang zu geschützten Ordnern verschaffen und Änderungen in Dokumenten verfolgen.

Doch was ist mit all den Doktoranden, die nicht das Glück haben einen guten Betreuer und fleissige Ko-Autoren zu haben? Hier wäre eine aktive online-community zum Austausch von Expertise, Meinungen und Reviews extrem hilfreich. Nicht zuletzt lernt man schneller und besser, wenn man zusammen lernt (= peer-learning). Und all die Leute mit denen man gemeinsam schreiben und editieren lernt, sind potentielle zukünftige Kollegen und Arbeitgeber. Networking ist in unserem Beruf überlebenswichtig. Die WriteLatex Plattform kann mit so einem Netzwerk dienen. Auch auf Wissenschaftler spezialisiert ist Autorea. Penflip richtet sich an alle, die schreiben, sei es im Beruf oder Hobby. Leider muss man für die Nutzung dieser Services zahlen.

Screenshot 2014-03-11 11.36.35

Authorea

 

Wissenschaftler sind aber nicht die einzigen, die kollaborativ schreiben. Auch Journalisten tun das. Die New York Times hat deshalb ein Plugin für WordPress entwickeln lassen, welches frei verfügbar ist (ICE, hier). Auch Programmierer schreiben schon lange zusammen (GitHub, hier).

Als nichts-ahnendes Forscherlein war ich baff ob der Bandbreite an Möglichkeiten das gemeinsame Schreiben nicht nur zu beschleunigen und zu vereinfachen, sondern dem ganzen auch noch Spass zuteil werden zu lassen. WIESO hab ich das nicht schon viel früher gewusst?

Mir geht allerdings die Zahloption der am nützlichsten scheinenden Plattformen auf den Geist. Da ich das Problem nicht anders lösen konnte, hab ich mir meine eigene gebastelt. Die könnt ihr gerne nutzen (kostenlos). Bitteschön: http://writescience-workshop.org

 

Annelie Wendeberg ist eigentlich Umweltmikrobiologin. Doch eines schönen Wintermorgens klappte sie die Augen auf und dachte sich "ich schreib mal was". Seither versucht sie ihre Leidenschaft Forschung leicht verständlich und spannend in kurzen Blogartikeln zu vermitteln. Meistens schreibt sie über alles Mögliche was irgendwie mit Forschern, Biologie, Umwelt, Ökologie und vor allem Mikrobiologie zu tun hat. Des Nachts bringt Annelie Wendeberg Leute um. Auf dem Papier. Für den KiWi Verlag.