Und das nächste Hochwasser?

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Wer ist Schuld am Hochwasser? Ich höre Leute sagen, der starke Regen wäre es, oder die Flussbegradigungen, oder Politiker, die nicht genug Geld für Hochwasserschutzmassnahmen bereit gestellt hätten.

Leider kann ich darauf nichts erwidern, denn ich bin keine Hochwasserexpertin. In Wahrheit hab ich null Ahnung von dieser Materie. Ich kann nur berichten was ich in Grimma und Umgebung gesehen habe als das Wasser kam und wieder ging. Da ich selbst nicht mehr unter den Helfern bin, ist dies mein letzter Artikel zum Hochwasser in Grimma.

Eine letzte und ganz besondere Beobachtung möchte ich noch mit euch teilen: Sie hat mit der Anpassung an das Leben mit dem Fluss zu tun.

Wir haben alle schon von den Leuten gehört, die bis zum Schluss nicht an eine Katastrophe glaubten, nur um später aus dem zweiten Stock ihres Hauses ins Gummiboot gerettet zu werden (oder ähnliches).

Auf der anderen Seite sind Leute wie die Dornigs.

Dornig betreibt eine Drogerie im Grimmaer Stadtzentrum. Als dort noch keiner an Evakuierung und Hochwasserstufe 4 gedacht hat, man aber vorsichtshalber Autos aus dem Zentrum umparkte und die ersten „Ängstlichen“ zaghaft eine Reihe Sandsäcke vor die Tür legten, hatte Dornig sein Geschäft schon blitzblank leer geräumt. Regale waren abgeschraubt, die Deckenlampen wurden verladen.

Sobald sich das Hochwasser aus der Stadt zurück gezogen hatte und die Leute begannen, ihr zerstörtes Hab und Gut auf die Straßen zu räumen, hat Dornig seinen Laden sauber gewischt, eingeräumt und wieder eröffnet.

Im August 2002 hat er es fast genauso gemacht. Die Welle kam allerdings so schnell, dass nur die Waren weggeräumt werden konnten. Das Inventar blieb im Laden.

Ich muss dazu sagen, dass Voraussagen und Abschätzungen der Pegelstände für Torgau, Riesa, Dresden und Schöna online bereit gestellt werden. Andere Städte, wie zum Beispiel Grimma, können nur den jeweiligen Ist-Zustand ablesen.

Wie kann dann ein Tante Emma Laden Besitzer wissen, dass das Wasser kommt? Er erzählt mir, dass er Pegelstände beobachtet, Niederschlagsmengen mit der Fläche der Einzugsgebiete von Zwickauer Mulde und Freiberger Mulde verrechnet, um den Volumenstrom der Mulde vor der Haustür abschätzen zu können. Das Resultat: 2200 Kubikmeter pro Sekunde und 1,50 Meter über Laden-Unterkante, laut Dornig Rechnung. Am Ende war es ein kleines bisschen mehr.

Natürlich bin ich baff. Und ich bin gespannt, wie sich die Leute ihr Leben an der Mulde in Zukunft einrichten werden. Wie die Dornigs, werden einige Menschen immer ein Auge auf den Fluss haben. Manche sagen, sie würden das Erdgeschoss komplett fliesen, damit sie nachher nur noch abwischen müssen. Andere reden davon, wegzugehen. Und warum auch nicht? Zwei extreme Hochwässer in 11 Jahren bedrohen Existenzen und nicht jeder hat die finanziellen Ressourcen oder die Kraft noch einmal von vorn zu beginnen.

Hochwässer sind natürliche Phänomene. Wenn Experten Starkregenereignisse für Deutschland voraussagen und das Übertreten von Flüssen nicht mehr die Ausnahme ist, muss eine Anpassung stattfinden.

Von langfristigen Entwicklungen nach dem Hochwasser im Sommer 2002, sowie Alternativen die in Deutschland bisher kaum in Betracht gezogen wurden, kann man in diesen zwei Artikeln von Dr Christian Kuhlicke und Kollegen erfahren:

Christian Kuhlicke & Daniel Drünckler: Wenn Deiche weichen – umsiedeln? Warum Umsiedlungen in Deutschland kaum möglich sind

Christian Kuhlicke, Volker Meyer, Annett Steinführer: Jenseits der Leitdifferenz “Beton contra Natur”: Neue Paradoxien und Ungleichheiten im Hochwasserrisikomanagement

Zur Verteilung der Kosten der bisher teuersten Naturkatastrophe Deutschlands und die Aufforderung zum gesellschaftlichen Dialog schreibt Reimund Schwarze hier.

Zu globalen Klimamodellen und Vorausagen von Extremniederschlägen schreibt Stefan Rahmstorf hier.

Zur größten Flut, die 1342 weite Teile Deutschlands verwüstete schreibt Daniel Lingenhöl hier.

Annelie Wendeberg

Annelie Wendeberg ist eigentlich Umweltmikrobiologin. Doch eines schönen Wintermorgens klappte sie die Augen auf und dachte sich "ich schreib mal was". Seither versucht sie ihre Leidenschaft Forschung leicht verständlich und spannend in kurzen Blogartikeln zu vermitteln. Meistens schreibt sie über alles Mögliche was irgendwie mit Forschern, Biologie, Umwelt, Ökologie und vor allem Mikrobiologie zu tun hat. Des Nachts bringt Annelie Wendeberg Leute um. Auf dem Papier. Für den KiWi Verlag.

13 Kommentare

  1. Yup

    , das Problem ist zuviel Wasser an einem Ort, Flussbegradigungen, zuviel Regen in Polen/Tschechische Republik und Widerstand gegen Dammbildungen mögen hier eine Rolle gespielt haben.

    Wie sind denn so die Häuser angelegt?, ein wenig flutentolerierend?

    MFG
    Dr. W

  2. Mit Hochwassergefährdung leben

    Es bräuchte einen Art Hochwassergefährdungskataster mit verschiedenen Gefährdungsstufen und dieses Informationsmittel müsste dann bei allen Entscheidungen vom Bauen bis zum Versicherungsschutz herangezogen werden. Auf der Basis eines solchen Katasteres mit verschiedenen Gefährdungsstufen könnte man dann auch recht gut abschätzen wieviel eine geplante Massnahmen zur Mindernung der Hochwassegefährdung bringen würde indem man die Reduktion der Gefährdungsstufen gegen die Kosten der Massnahme aufrechnet.

    Fazit: Cool bleiben und Rechnen anstatt Lamentieren.

  3. “Wer ist Schuld am Hochwasser?”

    Die Sonne – Sonne beeinflußt das Magnetfeld, Magnetfeld die tektonischen / vulkanischen Aktivitäten (was mehr CO2, besonders vom Meeresboden, in die Atmosphäre schickt als Mensch produzieren kann, selbst wenn alle Chinesen auch Auto fahren würden), somit mehr Wärme zur Verdunstung von Wasser, was ja (“Gottseidank”) auch mal wieder runter kommt!

    Laut Wissenschaft sollte die zyklische Aktivität der Sonne 2012 ihren Höhepunkt haben, was ja eine BERUHIGUNG (NICHT Beendigung!) des natürlichen Klimawandels bewirkt, und allerdings nicht bedeutet, daß Mensch munter und ohne Probleme weiter mit der Überproduktion von systemrationalem Müll (besonders Plastik und Nanopartikel) die Umwelt versauen kann!?

  4. Wieder daraus gelernt

    Es darf ja auch nicht vergessen werden, dass nach dem Hochwasser 2002 der Ausbau der Deiche weiter forciert wurde. Es hat nur leider nicht ausgereicht, wie sich nun zum Leitwesen der Bevölkerung herausgestellt hat. Ich hoffe und bin mir prinzipiell auch sicher, dass aus dieser neuerlichen Katastrophe wieder gelernt wurde und künftig mehr Geld für einen stärkeren Ausbau der Deichanlagen in die Hand genommen wird.

  5. Hochwasser wurden auch vor vielen Jahrhunderten schon dokumentiert – also gab es sie. Oftmals zwar in Verbindung mit gefrorenen Böden oder Flußoberflächen, aber es gab sie trotzdem.

    Vor hunderten von Jahren war aber Entscheidendes noch etwas anders. Und zwar die Erschliessung von Marschland und Flußuferbereichen, die heute effizient zu landwirtschaftlicher Fläche urbar gemacht sind – mit den üblichen Nachteilen. Eindeichung und Trockenlegung ist fortgeschritten. Begradigung auch. Die Zeichen stehen schlecht, dass man einfach nur sagen könnte, es läge ausschliesslich am Klimawandel. Gewisse Flußabschnitte/Flußlandschaften haben auch ein intollerables Reaktionsverhalten auf abweichenden Bedingungen, so dass Überschwemmungen schneller, als sonstwo drohen. Besiedlung solcher Landschaften ist zwar nicht ganz so suizidal, wie aus dem 20. Stock zu springen, aber bitte…. eben nicht verharmlosen, weil auch wieder Sonne scheint.

    Übrigens ist es ein heisses Thema über Staustufen und Sperrwerke an Oberläufen zu reden, die ein Paar Prozent durchaus wegregeln könnten, es aber nicht tun,weilman sie dazu auf blauen Dunst hin leerlaufen lassen müsste, bevor die Welle kommt.

    Bauern, die trotz der Gefahr auf ihren Acker bestehen und keine Flutung wünschen … wieso kann das noch sein? Wo doch auch entschädigt werden wird…oder nicht?

    Großflächige dauerhafte Wasserspeicher zu erschaffen, ist auch sonst keine schlechte Idee (Flora und Fauna…). Ich bin zu faul, um auch nur über den Daumen zu peilen, wie groß die Flächen sein müssten, um eine kritische Menge wasser zu speichern. Aber hunderttausende Hektar werden es schon sein, die da eingeplant werden müssen. Der überwiegende Teil kann ja weiterhin landwirtschaftlich genutzt werden. Nur im Extremfall ists essig mit der Ernte.

    Eine Idee ist auch, Einzugsgebiete einzudeichen und nicht Flüsse. Also das Ganze an den geologischen Bedingungen zu orientieren, sodass Flußeindeichungen das Wasser nicht zurückhalten …woraufhin die Situation Flußabwärts nur noch schlimmer werden wird.

    Ansonsten ist das Problem sowieso nicht zu verhindern, wenn nicht umgesiedelt wird.

    Es macht sinn, wenn man ganze Flußeinzugsgebiete in einer Vereinigung organisieren, damit die untereinander sich absprechen und Zielsetzungen besprechen können. Eine dafür erstellte Gemeinschaftskasse würde von allen Anreinern des Einzugsgebietes gefüllt und später sinvoll zur Verbesserung der Lage geleert – oder zur Entschädigung. Das mit der Umlage über Versicherungen wird wohl nie funktionieren.

  6. Schon alles sehr komisch, als würde ein Fluch umher gehen. Ich denke ich würde auf lange sicht auch erst mal das weite suchen… Den was bringt es einem jedesmal alles aufzubauen damit dann doch alles wieder den Bach runter geht? Ich hoffe für die Anwohner das es das letzte mal war für die nächsten 100 Jahre.

  7. Pfahlbauten

    Es wundert mich, dass noch niemand auf die Idee gekommen ist, in Zukunft einfach auf Pfahlbauten zu setzen. Die müssten natürlich gut verankert sein. Alternativ wäre auch ein Hausboot anzudenken, das zwar im Normalfall auf dem Trockenen sitzt, im Überschwemmungsfall aber schwimmfähig ist und somit Insassen und Mobiliar vor Schaden bewahrt. Wie man es nach der Flut wieder an den ursprünglichen Platz zurückmanövriert, ist freilich auch zu bedenken.
    Aber die Idee mit den Kacheln im Erdgeschoß hat auch was Bestechendes. Das ist mit heutiger Technologie zweifellos machbar, nur die Finanzierung macht Kopfzerbrechen, denn genau dann, wenn Gelegenheit wäre, hier umzurüsten (= nach einer Überschwemmung)gibt es zahlreiche andere dringende Anschaffungen (neue Möbel etc.) zu finanzieren. Aber eine Stützung durch die öffentliche Hand für derartige Anschaffungen könnte sich als gute Investition erweisen – wer das Erdgeschoß komplett verkachelt hat und einen, sagen wir, Dachboden als Stauraum besitzt, wo gefährdete Möbel zwischengelagert werden können, wird bei der nächsten Flut nicht so viel Unterstützung brauchen.

  8. Hausboot

    Am Rande bemerkt: Hausboot haben wir versucht. Leider wird das nur an ganz wenigen Anlegern in Hamburg und Berlin genehmigt. Auf solchen Dingern sind Trockentrenntoiletten übrigens auch ganz nützlich 🙂

    Auf der anderen Seite: Wer die Mulde bei Hochwasserwarnstufe 4 gesehen hat weiss: Bei so viel roher naturgewalt geht jedes Hausboot kaputt.

  9. Mit der Hochwassergefahr leben

    Ich komme aus Dresden/Laubegast und wir wurden dieses Jahr wie zuvor im Jahr 2002 von der Elbe überschwemmt. Es gab in unserem Stadtteil eine Bürgerbefragung, bei der man sich Entscheiden konnte ob man für einen Schutzdamm ist oder nicht. Die meisten entschieden sich dagegen(Ich ebenso).

    Meine Begründung dazu ist, dass wir durch unseren schönen Elbblick viele Touristen jedes Jahr anlocken. Durch einen Wall würde ein Teil der Urlauber wohl fern beleiben, deshalb Leben wir den Gastwirten und Pensionen zuliebe etwas in “Angst”.

    Das Hochwasser war dieses Jahr in unserem Haus knapp 20 cm niedriger. Wir in unserem Viertel helfen uns gegenseitig, dadurch ist der Wiederaufbau nur eine Frage der Zeit ;).

    An alle anderen Flutopfer: Kopf Hoch, zusammen packen wir das!!

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