Sex im 19. Jahrhundert

Dass wir vor über hundert Jahren deutlich verklemmter waren als heute, lässt sich durch zahlreiche Literaturquellen belegen. Genauso wie man durch andere Quellen das genaue Gegenteil nachweisen kann.

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Vielleicht gehe ich eines Tages auf Viktorianischen BDSM Sex, Auspeitschmaschinen, Vibratoren, Prostitution und die Bandbreite an pornographischer Literatur ein, aber heute bleibe ich im brav abgesicherten Modus und berichte von der medizinischen Sicht. Genauer gesagt von Dr William Acton’s Buch “Die Funktionen und Störungen Reproduktiver Organe” (1867).

Dr Acton beginnt das Buch mit der gewagten Äußerung, dass er sich in dieser Edition NICHT mehr für das Thema entschuldigen wird. Denn Geschlechtsteile sind nun endlich Teil der medizinischen Ausbildung (die männlichen wenigstens).

Was nach wenigen Seiten Lekture auffällt: Sexualität ist ganz böse, außer sie wird ausschliesslich zum Nachwuchszeugen im Ehebett eingesetzt. Acton belegt dies hauptsächlich  mit Bibelversen oder dem Satz “wir haben das oft beobachtet.” Wer nach Zahlen, Statistiken oder klinischen Tests sucht muss enttäuscht werden – das Wort des Arztes genügte. Klinische Tests, so wie wir sie heute kennen, wurden erst Jahrzehnte später erfunden.

Männer des 19. Jahrhunderts litten meist unter einem äußerst ungesunden Sexualdrang. Wenn Mann diesen des Nachts verspürte, durfte auf keinen Fall selbst Hand angelegt werden, sonst drohte Gefahr durch Verrohen oder gar Wahnsinn.

Acton gibt folgenden Rat: “Wenn ein Mann in der Nacht durch böse Gedanken gequält wird, soll er seine Arme vor der Brust verschränken und sich ausstrecken, genau so als ob er in seinem Sarg läge. Er soll an seinen eigenen Tod denken. Wenn solch fromme Gedanken die bösen Vorstellungen nicht verdrängen können, soll der Mann von seinem Bett aufstehen und sich auf den Boden legen.” (merke: schmerzhaft kalt, ausser vielleicht im Hochsommer)

Da kann nix passieren. (Science Museum, London)

Keuschheitsrüssel – da kann nix böses passieren. (Science Museum, London)

Wie schrecklich ungesund Sex sein kann, steht auf fast jeder Seite von Acton’s Buch, so als ob die Wiederholung einer Meinung diese automatisch zur Tatsache werden lässt: Männer werden schwach, Frauen hysterisch.

“Zu häufige Emissionen der lebens-spendenden Flüssigkeit, sowie zu häufige sexuelle Aufregung des Nervensystems sind, wie wir gesehen haben, äußerst destruktiv.”

“Fast jeder Mann führte, bis zu seiner Heirat, ein wunderbar zufriedenes Leben – ebenso seine Ehefrau. Doch kaum sind sie verheiratet, frönen sie dem Geschlechtsverkehr Nacht für Nacht, ohne zu ahnen dass die Gesundheit diese Ausschweifungen kaum standhalten kann. Wenigstens für den Mann bedeutet dies der schnelle Ruin.”

“…sexuelles Verlangen muss immer ein alarmierender und verdächtiger Umstand sein. Leider wird in den meißten Fällen kein Mediziner zu Rate gezogen und weder der Patient noch seine Freunde wissen, dass dies eine höchst ungewöhnliche Situation ist…”

Acton’s Fachwissen über schmuddelige Gedanken bei Männern beeindruckt. Und auch Frauen hat er bis in ihre tiefsten Tiefen verstanden:

“…die meißten Frauen sind (glücklicherweise für diese) nicht besonders berührt durch sexuelle Gefühle irgendeiner Art. Was Männer aus Gewohnheit sind, sind Frauen nur sehr selten.”

“Es gibt immer eine gewisse Anzahl von Frauen die, wenn sie auch nicht augenscheinlich Prostituierte sind,  gern mit ihren hübschen Gesichtern beeindrucken möchten. (…) Diese Frauen vermitteln einen falschen Eindruck des wahren Zustands des weiblichen Geschlechts.”

Nein, Frauen fühlen nichts animalisches. Sie sind alle samt Engelchen, die sich lediglich wünschen ihren Mann glücklich zu machen und ihm immerfort Kinderchen gebären.

“Die besten Mütter, Ehefrauen und Verwalter des Haushalts wissen wenig von sexuellen Ausschweifungen. Die Liebe für das Heim, die Kinder und häusliche Pflichten sind die einzigen Leidenschaften, die sie haben.”

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“Eine bescheidene Frau wünscht sich nur selten sexuelle Befriedigung für sich selbst. Sie unterwirft sich ihrem Mann, doch nur um ihm zu dienen und um des Bedürfnisses Mutter zu sein. Ansonsten wäre sie froh, wenn sie von seiner Aufmerksamkeit erlöst wäre.”

Frauen, die als hysterisch oder wahnsinnig eingestuft worden sind – oft solche, die ihre eigene Meinung kund taten, Spass am Sex hatten oder gar (oh schrecklich) masturbierten – wurde, wenn sie Pech hatten, die Klitoris chirurgisch entfernt. Auch Acton empfielt diese Vorgehensweise als äußerst heilsam.

Ich finde es wenig erstaunlich, dass die Anfänge des Feminismus aus der Unterschicht kamen: Frauen mussten arbeiten um die Familie zu ernähren, einige verkleideten sich als Männer um besseres Geld für die gleiche Arbeit zu bekommen und ganz sicher fehlte ihnen die Zeit und das Geld für einen Arztbesuch, sollten sie von “schmuddeligen” Gedanken heimgesucht worden sein.

Annelie Wendeberg ist eigentlich Umweltmikrobiologin. Doch eines schönen Wintermorgens klappte sie die Augen auf und dachte sich "ich schreib mal was". Seither versucht sie ihre Leidenschaft Forschung leicht verständlich und spannend in kurzen Blogartikeln zu vermitteln. Meistens schreibt sie über alles Mögliche was irgendwie mit Forschern, Biologie, Umwelt, Ökologie und vor allem Mikrobiologie zu tun hat. Des Nachts bringt Annelie Wendeberg Leute um. Auf dem Papier. Für den KiWi Verlag.