Dr. Koch und Dr. Doyle

An einem heißer Sommertag im Jahre 1890 standen zwei Männer kurz davor Geschichte zu schreiben. Einer war der bekannte Bakteriologe Dr. Robert Koch, der eine Demonstration zu seiner revolutionärsten Entdeckung ankündigte: ein Heilmittel für Tuberkulose – die Infektionskrankheit, die im Europa des 19. Jahrhunderts die zahlreichsten Todesopfer forderte. Der andere Mann war ein unbekannter Landarzt: Dr. Arthur Conan Doyle.

Robert Koch, ca. 1900 (Quelle: KRUIF, Paul de. Mikrobenjäger. Orell Füssli, Zürich, 1927)

Einem spontanen Drang folgend, machte sich Doyle auf den langen Weg von England nach Berlin, um der Präsentation Koch’s auf dem 10. Internationalen Kongress der Medizin beizuwohnen. Doyle war kein Experte der Bakteriologie oder Epidemiologie, er war auch kein Spezialist für Tuberkulose und hatte noch nicht einmal ein Ticket für den Kongress erwerben können. Trotzdem hoffte er, irgendwie am Türsteher vorbeizukommen. Als dieser ihn nicht durchließ, stellte er sich Dr. Ernst von Bergmann in den Weg. Bergmann war ein renommierter Arzt, selbst Vortragender auf dem Kongress und recht pikiert, von irgendeinem Unbekannten aufgehalten zu werden. Der dreiste Doyle erntete Bergmann’s Spott. Die Teilnahme an der Präsentation blieb ihm verwehrt.

In seinen Tagebüchern schreibt Doyle später:

 “I could give no clear reason for this, but it was an irresistible impulse and I at once determined to go. Had I been a well-known doctor or a specialist in consumption it would have been more intelligible, but I had, as a matter of fact, no great interest in the more recent developments of my own profession, and a very strong belief that much of the so-called progress was illusory. However, at a few hours’ notice I packed up a bag and started off alone upon this curious adventure.”

(mein Versuch einer Übersetzung) “Ich konnte keinen klaren Grund dafür nennen, doch es war ein unüberwindbarer Impuls und ich war entschieden zu gehen. Wäre ich ein bekannter Doktor gewesen, oder ein Tuberkulose Spezialist, hätte es mehr Sinn gemacht. Doch um ehrlich zu sein, hatte ich wenig Interesse an den neuesten Entwicklungen meines Fachbereichs. Ich glaubte fest, dass viel des sogenannten Fortschritts reine Illusion war. Trotz allem, nur wenige Stunden nachdem ich davon erfuhr, packte ich eine Tasche und begab mich sofort auf dieses eigenartige Abenteuer.”

Die weite Reise endete für Doyle an jenem Tag nur wenige Meter vor dem ersehnten Ziel. Doch dann blinzelte ihm das Glück zu. Der amerikanische Arzt Dr. Henry J. Hartz traf auf den sichtlich geknickten Doyle und sagte, er könne ihm zwar sein Ticket nicht überlassen, würde ihn aber später treffen können um ihm seine Aufzeichnungen der Tuberkulose Präsentationen zu zeigen. Was folgte, muss Doyle’s bester Kneipenabend gewesen sein. Am Tag darauf wurde er von Hartz durch Bergmann’s Krankenhausabteilung für Tuberkulose Patienten geführt – alle wurden mit Koch’s Heilmittel – dem Tuberkulin – behandelt. Noch zwei weitere Krankenhäuser sowie sämtliche Aufzeichnungen zu Behandlungen und Ergebnissen konnte Doyle besichtigen.

Während der folgenden Wochen schrieben Zeitungen weltweit über Koch’s Tuberkulin. Geblendet durch Hoffnung und Wunschdenken, sahen und hörten Reporter und Mediziner nur “Heilmittel”. Sie hörten nicht die Zweifel, von denen Koch in seinen Präsentationen sprach; sie sahen nicht, dass die Daten der klinischen Tests noch keine Aussagen zuließen.

Wie würden wir heute reagieren, wenn ein renommierter Wissenschaftler ein Heilmittel gegen Krebs oder AIDS in Aussicht stellte? Würden dann nicht viele Menschen das Wunderheilmittel haben wollen? Am besten sofort? Selbst wenn klinische Tests noch nicht abgeschlossen sind?

Eine Kochsche Impfung in der Charité zu Berlin in Gegenwart von fremden Ärzten (Quelle: Wikimedia Commons)

Die heutigen Standards für klinische Tests neuer Medikamente gab es zur Zeit Koch’s noch nicht. Koch hat an Meerschweinchen getestet, dann sofort an Tuberkulose Patienten. Mehr als tausend Menschen wurden mit Tuberkulin behandelt und jede Injektion wurde als potentielle Heilung gefeiert noch bevor der Patient seinen Ärmel wieder herunter krempeln konnte.

Nach Analyse aller ihm zur Verfügung stehenden klinischen Daten kam Doyle innerhalb eines einzigen Tages zur einer enttäuschenden Schlussfolgerung und publizierte diese am Folgetag im Daily Telegraph: “Das Alles ist experimentell und unreif.”

Während der Rest der Welt erwartungsfroh ein Tuberkuloseheilmittel in die Realität wünschte, schloss Doyle, dass der wahre Wert von Koch’s Tuberkulin darin lag, ein “ein wunderbares Hilfsmittel für die Diagnose” zu sein. Doyle, der unbekannte Landarzt, publizierte seine Schlussfolgerung wenig später in der britischen Fachzeitschrift Review of Reviews und kritisierte damit zum zweiten Mal öffentlich einen der berühmtesten Wissenschaftler seiner Zeit.

Koch war als methodischer Mann bekannt. Er war so gründlich in seinen Tests und Kontrollen, dass er sogar seine Kollegen damit erstaunte. Seine Aufzeichnungen lassen darauf schließen, dass Betrug nie seine Absicht war. In seiner leisen Art und Weise hatte er Zweifel angemeldet, die niemand hören wollte. Kaiser Wilhelm II selbst drängte auf eine Sensationsmeldung während des Kongresses und Koch sollte sie liefern.

Monate später, im Frühling 1891 gab Koch öffentlich zu, dass Tuberkulin als Heilmittel unbrauchbar war, aber ein gut funktionierender diagnostischer Test sei. Es sollte noch Jahrzehnte dauern, bis das Antibiotikum Streptomycin als erstes erfolgreiches Medikament zur Behandlung von Tuberkulose eingesetzt wurde.

Arthur C. Doyle, 1914 (Quelle: Current History of the War v.I (December 1914 – March 1915). New York: New York Times Company.)

Seine Faszination für die Bakteriologie – oder Mikrobiologie wie wir sie heute nennen – und die Wertschätzung die er für Koch hegte, zog sich durch Doyle’s gesamtes Leben. In seinem Essay “Life and Death in the Blood,” in Aufzeichnungen seiner Präsentationen für Medizinstudenten und in seinen Geschichten um den bekanntesten Detektiv der Welt wird diese Faszination deutlich.

Ich finde das sehr erstaunlich, denn zu Koch’s Zeiten war die Keimtheorie zwar weitestgehend unter Experten anerkannt, doch brauchte man schon Vorstellungskraft um die Konsequenzen zu erkennen. Unsichtbare, winzig kleine Dinger sollen uns – die Krone der Schöpfung, krank machen? Ein fast unglaublicher Gedanke für viele. Daher auch der damals allseits beliebte Krankenhaus-Witz: „Machen Sie die Tür zu, die Keime kommen sonst rein.“

Doyle hatte so viel Vorstellungs- und Abstraktionsvermögen, dass er in der Kurzgeschichte “The Dying Detective“ den Bösewicht eine mit tödlichen Bakterien infizierte Nadel an einer gespannten Sprungfeder befestigen lässt. Diese Konstruktion wird, schick verpackt, an Sherlock Holmes versendet, um diesen ins Jenseits zu befördern. Damit hat Doyle als erster Autor Reinkulturen von Krankheitserregern als Waffe benutzt – lange bevor Anton Dilger als erster systematischer Bioterrorist aktiv wurde. Dilger ging in die Geschichte ein, als er Milzbrand- und Maliasmuserreger benutzte, um im Ersten Weltkrieg die Lieferung von Pferden und Maultieren aus den Vereinigten Staaten an die Alliierten zu sabotieren. Er und seine Männer arbeiteten mit infizierten Nadeln, infizierten Zuckerwürfeln und anderen grusligen Methoden.

“It is a strange thing to look upon these utterly insignificant creatures, and to realize that in one year they would claim more victims from the human race than all the tigers who have ever trod a jungle. A satire, indeed, it is upon the majesty of man when we look at these infinitesimal and contemptible creatures, which have it in their power to overthrow the strongest intellect and to shatter the most robust frame.” A.C. Doyle

Quellen:

The Dying Detecive by Arthur Conan Doyle

Sherlock Holmes and a Biological Weapon by Setu K. Vora

The Medical Detectives by Moward Markel

The Remedy by Thomas Goetz (manuscript)

Conan Doyle: Writing, Profession, and Practice by Douglas Ker

The Fourth Horseman by Robert Koenig

The History of Biological Warfare by Friedrich Frischknecht

Robert Koch’s Highs and Lows in the search for a remedy for tuberculosis by Stefan H.E. Kaufmann

Dieser Artikel erschien im März in leicht abgewandelter Form im Baker Street Chronicle.

 

Annelie Wendeberg ist eigentlich Umweltmikrobiologin. Doch eines schönen Wintermorgens klappte sie die Augen auf und dachte sich "ich schreib mal was". Seither versucht sie ihre Leidenschaft Forschung leicht verständlich und spannend in kurzen Blogartikeln zu vermitteln. Meistens schreibt sie über alles Mögliche was irgendwie mit Forschern, Biologie, Umwelt, Ökologie und vor allem Mikrobiologie zu tun hat. Des Nachts bringt Annelie Wendeberg Leute um. Auf dem Papier. Für den KiWi Verlag.