Aufräumen nach dem Hochwasser

BLOG: ScienceZest

Forschung lecker zubereitet
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Mir wird das Herz schwer, obwohl ich bloß Tapete von der Wand kratze. Über mir zieht sich ein brauner Streifen rund ums Esszimmer. Bis dahin stand die Mulde. Der Fußboden ist bedeckt mit Schlamm, Scherben, und all den kleinen Dingen, die sich in den Jahren so ansammeln. Das Privatleben von Fremden. Wir stochern drin rum, schaufeln es in Schubkarren und kippen es draußen auf den Hof. Die Leute sind praktisch nackig.

Hochwasser Grimma

Gegen Mittag kommt jemand mit sechs Litern Eistee, stellt sie auf dem Hof ab und kuckt erwartungsfreudig. Kennt den wer? Nee, aber der will helfen und legt auch gleich los.

Kurz danach werden Bockwurst, Frikadellen und Brötchen geliefert. Von irgendwo her erscheint ein Topf Wurstnudeln. Keine zehn Minuten später hält ein kleiner Transporter um das ganze Dorf mit Essen zu beliefern. „Wollt ihr nix?“ Fragt der Fahrer. Nee, wir sind schon voll.

Beim kauen reden wir über den Fluss vor dem jetzt jeder Angst hat sobald es mal regnen sollte, über die Hühner, die jetzt im Badezimmer leben und den ertrunkenen Hahn in der Scheune. Und dann fällt der Satz „Wir wollen weg hier.“

Ich kann da nur nicken. Wenn das mein Haus und Hof wären, würde ich wahrscheinlich immer noch in der Ecke sitzen und heulen.

Dann krieg ich ganz große Augen. Die Leute reden darüber, dass zu viele Flüsse begradigt wurden und man sich nicht wundern sollte, wenn so was passiert. Man sollte dem Fluss seine Auenlandschaften zurück geben, sagen sie.

Ich kucke baff auf meine Gummistiefel und revidiere meine Meinung über Wissenschaftskommunikation. So oft hatte ich das Gefühl, dass wir Forscher in einen leeren Raum hineinreden. Wissenschaft kann so komplex und trocken sein, welcher normale Mensch interessiert sich dafür schon?

Diese Tage ist der Raum proppevoll. Ich glaube, die Leute kucken alle in Richtung Umweltwissenschaftler.

Auf dem Nachbarblog: Hochwasser und Klima

Was vorher geschah: Hochwasser in Grimma & Viele Tropfen machen einen Fluss

Was nachher geschah: Stock im Allerwertesten

Tags: Wissenschaftskommunikation, Grimma, Hochwasser, nach der Flut, Solidarität, Helden in Gummistiefeln

Annelie Wendeberg ist eigentlich Umweltmikrobiologin. Doch eines schönen Wintermorgens klappte sie die Augen auf und dachte sich "ich schreib mal was". Seither versucht sie ihre Leidenschaft Forschung leicht verständlich und spannend in kurzen Blogartikeln zu vermitteln. Meistens schreibt sie über alles Mögliche was irgendwie mit Forschern, Biologie, Umwelt, Ökologie und vor allem Mikrobiologie zu tun hat. Des Nachts bringt Annelie Wendeberg Leute um. Auf dem Papier. Für den KiWi Verlag.

1 Kommentar

  1. Nachlese

    Bei uns ist das Hochwasser noch nicht ganz weg, weil die obere Donau große Gebiete überschwemmt hat. Schuld sind unter anderem Mängel beim Ausbau des Hochwasserschutzes, welche sich in Zeiten des Klimawandels bitter rächen.
    http://www.pnp.de/…usbauzeitraum-verkuerzen.html

    Auf und ausgeräumt wird auch bei uns. Ein großes Problem ist allerdings, die Wohnungen und Häuser wieder trockenzubekommen. Unser Nachbarland Österreich wurde ja ebenfalls vom Hochwasser heimgesucht. Der Standard nahm sich der Frage an: “Was zu tun ist, wenn das Wasser wieder weg ist”. Ich hoffe der Artikel ist dem einen oder anderen eine kleine Hilfe bei der Trockenlegung seines Heimes.
    http://derstandard.at/…das-Wasser-wieder-weg-ist

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