Zurück aus dem Süden, weiter nach links

Ich war weg. Ich bin gereist (vielfach), bin umgezogen (mehrfach) und habe mich mit dem Leben beschäftigt (einfach so). Jetzt bin ich wieder da, und nun gibt es wieder "Science in the City"… Hätte man mich in den letzten zwei Jahren gefragt, wohin die Reise geht, hätte ich meist getreu meinem Lieblingsfilm (Im Juli von Fatih Akin) antworten können: "In den scheiß Süden, Mann!". Mit meinem LKW schaffe ich das, aber sobald ich einen Fuß vor den anderen setzen soll, werde ich vorsichtiger. Da gehe ich lieber nach vorn. Oder nach links. Oder von mir aus auch nach hinten. Aber verlangen Sie ja nicht von mir, einen Schritt nach Süden zu machen. Oder in welchen Himmelrichtung auch immer. Das krieg ich ohne Hilfsmittel (zählt der LKW als solches?) nicht hin. Schließlich bin ich Europäerin!

Ganz anders sieht die Sache bei den Akhoe Hai//om aus, einer Gruppe teilweise nomadisch lebender Jäger und Sammler aus Namibia. Sie unterteilen ihre Umgebung vorzugsweise nach Himmelsrichtungen. Und das klappt sogar beim Tanzen, wie ein Forscherteam der Max-Planck-Institute für Psycholinguistik in Nijmegen, Niederlande, und für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig herausfand (Current Biology). Die Wissenschaftler ließen deutsche Kids und Kinder des afrikanischen Volkes einen Tanz erlernen, bei dem sie ihre ineinander verschlungenen Händen nach einer "rechts-links-rechts-rechts"-Abfolge bewegen mussten. Nach einer Drehung um 180-Grad veränderten die kleinen Deutschen die Reihenfolge nicht. Die Akhoe Hai//om-Kinder tanzten jetzt jedoch "links-rechts-links-links". Statt sich den Ablauf wie ihre europäischen Altersgenossen als egozentrische, am eigenen Körper orientierte Bewegungsfolge zu merken, speicherten sie ihn in allozentrisch ab, also an der Umgebung ausgerichtet. Sie bewegten ihre Arme also nicht nach rechts sondern nach Westen.

Demnach unterscheidet sich die menschliche Wahrnehmung stärker von einer Kultur zur anderen, als bisher angenommen wurde. Selbst alltägliche Aufgaben werden verschieden bewältigt – je nachdem, welche Anforderungen der jeweilige Lebensstil an einen Menschen stellt. Und das ist auch gut so. Denn als Jäger und Sammler, sind die Akhoe Hai//om sicher gut beraten, sich an den Himmelsrichtungen zu orientieren. Aber stellen Sie sich mal vor, bei der morgendlichen U-Bahnfahrt zu Arbeit hieße es ab sofort "Bitte nach Norden treten!"

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Die besten Geschichten schreibt bekanntlich das Leben, aber was sagt eigentlich die Wissenschaft dazu? Einst Biologin, heute freie Journalistin, gehe ich hier dieser Frage nach – in Deutschland und dem Rest der Welt. Denn wenn ich nicht gerade arbeite, bin ich am liebsten in meinem blauen Mercedes 508D unterwegs... wer mehr darüber wissen will: Unter www.team-ferdinand.de blogge ich Geschichten von unterwegs. Stefanie Reinberger

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Himmelsrichtungen

    Bei asiatischen Völkern sind den Himmelrichtungen Farben zugeordnet – Der Name Weißrussland soll angeblich daher kommen, weil dieses Gebiet – aus Sicht der Mongolen – im Westen lag.

    Von den Hunnen heisst es, dass dass bei Angriffen die Farbe ihrer Pferde auch Himmelrichtungen zugeordnet war. Dieses ordnende System erleichterte den Überblick bei Kampfeinsätzen; da jeder Reiter wusste, zu welcher Farb-Einheit er gehörte.

  2. Na da hätte ich doch fast den Kommentieren-Button nicht gefunden 🙂

    Der Unterschied ist natürlich schon interessant, wobei die Kulturen in diesem Fall wohl auch nicht unterschiedlicher sein könnten.

  3. Wie ich finde, ein sehr interessanter Artikel. Was mir hierzu einfiel: Das Lachen oder Weinen haben doch alle Kulturen als Geste gemeinsam. Dies scheint eher genetisch bedingt zu sein, während die Orientierungsweisen auf Konventionen beruhen. Stimmt dies so?

    Viele Grüße,
    Franz

  4. Sehr interessanter Artikel. Wahrscheinlich ist es wirklich so, dass wir in unserer hoch technisierten Welt unsere Verhaltensweisen den veränderten Bedingungen sukzessive und latent angepasst haben. Was mich aber diesbezüglich wirklich interessieren würde: Gibt es stichhaltige Belege dafür, dass wir uns früher – als wir noch jagten und sammelten – ähnliche oder gleiche Orientierungsmethoden verwendeten, wie die Nomaden heute? Oder ist dies wirklich als eine Art der überlieferten Angewohnheiten lokal begrenzt zu sehen?
    Viele Grüße,
    Lisamaria

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