Zur Abwechslung mal keine Kritik: Die Zugänglichkeit astronomischer Fachinformationen

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… aber nicht einfacher
RELATIV EINFACH

Natürlich blogge ich oft über Dinge, die mich ärgern, die ich problematisch finde, bei denen ich kontra geben möchte. Über Jammer-Wissenschaftspolitik.  Über die Aktualitätsfixierung des Wissenschaftsjournalismus. Über Zeitungsartikel mit Naturwissenschaftsdefizit. Und so weiter. Es ist halt wie überall im Leben: An das was gut läuft, gewöhnt man sich mit der Zeit. Irgendwann wird es selbstverständlich. Das, was nicht so gut läuft, fällt einem eher auf, und dann und wann tut man darum etwas (und sei’s darüber zu bloggen).

Die letzten Tage habe ich allerdings einmal wieder einen Artikel (didaktisch-elementarisierender Art) geschrieben, in dem ich vieles an astronomischer Literatur durchforsten, lesen, zitieren musste. Und dabei ist mir dann doch aufgefallen, was da in der (vornehmlich wissenschaftsinternen Fach-)Kommunikation gut läuft.

Und das ist bei den Astronomen einiges: Mit dem Astrophysics Data System (ADS) von Smithsonian Astrophysical Observatory und NASA kann man schnell und einfach astronomische Fachartikel finden. Das habe ich in Vorträgen schon öfter genutzt. Stand dort auf einer Folie Autorenname und Jahr konnte ich, schwupps, in ADS nachschauen, und aus “Majeau 2012” (oder etwas ähnlichem) wird schwupps ein PDF des eigentlichen Artikels – nicht immer, aber meistens, denn selbst wenn der gesetzte und redigierte Artikel nicht online ist, findet man doch in den meisten Fällen zumindest einen E-Print, also eine elektronische (Vorab-)Version auf dem arXiv. (Die Teilchenphysiker haben eine entsprechende Datenbank, nämlich Inspire-HEP, ehemals SPIRES).

Und mittlerweile hat sich der Kreis zwischen ADS und den Fachartikeln sogar geschlossen. Wenn ich bei Majeau 2012 den (in diesem Falle frei zugänglichen) Journal-Artikel aus dem Astrophysical Journal als PDF herunterlade, dann sind Literaturhinweise in dem PDF anklickbar; in diesem (nicht klickbaren) Bild (aus dem verlinkten PDF) die blauen Jahreszahlen:

Screen shot 2014-02-11 at 8.35.52 PM

Klicke ich auf ein entsprechendes Link, lande ich auf der richtigen Seite im Literaturverzeichnist, auf der die entsprechende zitierte Arbeit aufgeführt ist, beim Klicken auf (Horne) 1985 zum Beispiel hier:

Screen shot 2014-02-11 at 8.38.12 PM

Wenn ich an der entsprechenden Stelle im PDF auf die lilafarbenen Links (Zeitschriftenname oder Abkürzung dafür) klicke, komme ich per Digital Object Identifier (DOI) direkt auf die Artikelseite des Herausgebers der Zeitschrift. Klicke ich auf die blau eingefärbte Bandzahl bzw. Artikelnummer/Seitenzahl daneben, öffnet sich in meinem Browser der ADS-Eintrag des entsprechenden Artikels. Komfortabler kann man Information nicht vernetzen. (Na gut, eine Komfortstufe fehlt mir noch: Weiß jemand, wie man im Acrobat-Reader zu “voriger Ort im Dokument” zurückspringt?) So kann man sich von einem Artikel zum anderen Durchklicken, bis man ein gutes Bild des entsprechenden Teil-Forschungsgebiets hat.

Ach ja: Außerdem bietet ADS noch einige Werkzeuge rund um die Artikel – wie oft zitiert, von wem zitiert, Stichworte, Einschränkung auf Review- bzw. Einführungsartikel (letzteres meiner Erfahrung noch nicht perfekt).

Insofern: Klar sollten wir über Open Access weiterdiskutieren und darüber, wie Wissen (zumal mit Steuergeldern erzeugtes) noch zugänglicher werden kann, ob es sich einbürgern sollte (oder per Gesetz vorgeschrieben wird), dass Artikel z.B. ein Jahr nach der Veröffentlichung frei zugänglich werden, dass Autoren eine Kopie des Artikels auf ihre eigene Homepage stellen können und so weiter. Aber es ist sicher nicht schlecht, sich manchmal bewusst zu machen, wie weit wir schon gekommen sind.

Das hier ist himmelweit entfernt von der Situation vor zwanzig Jahren. Eigentlich liebe ich Bibliotheken, aber das Artikel-Durchforsten – viele Artikel kurz anschauen, um zu schauen, ob sie für die eigene Arbeit relevant sind oder nicht, den verzweigten Baum der zitierten Artikel zurückverfolgen – habe ich in keiner guten Erinnerung. Es dauerte lange und war mühsam. Insofern lasse ich mich gerne daran erinnern, dass die heutige Situation, so selbstverständlich sie uns längst geworden ist, einen großen Schritt nach vorne darstellt. Also an dieser Stelle zur Abwechslung einmal keine Kritik im negativen Alltagssinn des Wortes.

Markus Pössel hatte bereits während des Physikstudiums an der Universität Hamburg gemerkt: Die Herausforderung, physikalische Themen so aufzuarbeiten und darzustellen, dass sie auch für Nichtphysiker verständlich werden, war für ihn mindestens ebenso interessant wie die eigentliche Forschungsarbeit. Nach seiner Promotion am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) in Potsdam blieb er dem Institut als "Outreach scientist" erhalten, war während des Einsteinjahres 2005 an verschiedenen Ausstellungsprojekten beteiligt und schuf das Webportal Einstein Online. Ende 2007 wechselte er für ein Jahr zum World Science Festival in New York. Seit Anfang 2009 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg, wo er das Haus der Astronomie leitet, ein Zentrum für astronomische Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit. Pössel bloggt, ist Autor/Koautor mehrerer Bücher, und schreibt regelmäßig für die Zeitschrift Sterne und Weltraum.

4 Kommentare

  1. Zu: “Weiß jemand, wie man im Acrobat-Reader zu “voriger Ort im Dokument” zurückspringt?” lässt sich sagen:
    Zurückspringen nach Betätigen eines Hyperlinks kann man mit der Tastenkombination ALT+”Linkspfeil” oder mit dem Menupunkt Anzeige/Seitennavigation/Vorherige Ansicht

    Im übrigen scheint sich wirklich einiges getan zu haben was die Zugänglichkeit und Verlinkung von Dokumenten eines Fachgebiets angeht.
    Den folgenden Satz verstehe ich nicht ganz:

    Eigentlich liebe ich Bibliotheken, aber das Artikel-Durchforsten – viele Artikel kurz anschauen, um zu schauen, ob sie für die eigene Arbeit relevant sind oder nicht, den verzweigten Baum der zitierten Artikel zurückverfolgen – habe ich in keiner guten Erinnerung.

    Heute sind doch die meisten Bibliothken online. Meinen sie mit ihrer Kritik, dass die Bibliothken einen schlechten Webauftritt haben und ihre Dokumente zuwenig forscherfreundlich präsentieren?

    • Danke für den Acrobat-Hinweis!

      Das mit den Bibliotheken bezog sich wirklich auf das physische Besuchen einer Bibliothek, Zeitschriftenbände bestellen oder im Archiv heraussuchen und Durchblättern. Den Offline-Besuch eben

  2. Ich weiß, dass der Begriff Kritik heutzutage negativ konnotiert ist. Aber wikipedia und wahrscheinlich auch der Duden übernehmen (noch) die etymologisch begründete Bedeutung. Daher würde ich anmerken wollen, dass es sich im Artikel sehr wohl um Kritik handelt.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Kritik

    Viele Grüße
    Michael

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