Zeitverträge in der Wissenschaft

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… aber nicht einfacher
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Irgendwie ist beim Thema Vereinbarkeit von Wissenschaft und Familie bzw. Gleichstellung in der Wissenschaft dieser Tage ein bisschen der Wurm drin. Erst der peinliche Schnitzer von Report Mainz (siehe meinen Blogbeitrag hier),und jetzt dieser Artikel hier in der FAZ: “Befristete Jobs wirken wie die Anti-Baby-Pille”.

Der Hintergrund: Familienministerin Manuela Schwesig hatte dem Focus ein Interview gegeben, in dem sie beklagt, befristete Jobs seien ein Grund für die niedrige Geburtenrate in Deutschland. Eltern, die aufgrund von Befristungen unsicher in die Zukunft schauten, entschieden sich allein deswegen bereits häufiger dagegen, Kinder zu bekommen.

Soweit, so gut. Woran ich mich stoße ist weniger die Frage, ob das ein stimmiges Argument ist – der FAZ-Autor verweist auf einen allgemeinen Rückgang von befristeten Arbeitsverträgen in Deutschland – sondern die Pointe, die der Autor für seinen Artikelschluss gewählt hat. Ich kenne das selbst: Hat ein Artikeltext eine schöne Pointe, sei es ein schöner und ungewöhnlicher Rückverweis auf den Anfang, sei es ein anderer prägnanter Schluss, dann rundet das den Text wunderbar ab. Aber man darf sich durch die Suche nach dem richtigen Schluss natürlich nicht verführen lassen, es mit den Fakten nicht so genau zu nehmen.

Der FAZ-Autor hat als eigentlich sehr schöne Pointe gefunden: nicht nur, dass Schwesig die Bedeutung des Problems übertreibt, sie und ihre Kollegen treiben’s sogar selbst am schlimmsten: In der Gesamtwirtschaft nehmen die Befristungen ab

Nur die Bundesregierung widersetzt sich diesem Trend. Ihre Angestellten haben tatsächlich zumindest bis ins vergangene Jahr hinein immer häufiger einen befristeten Vertrag bekommen. In der Bundesregierung haben inzwischen rund zwölf Prozent der Arbeitnehmer einen befristeten Vertrag. In der Gesamtwirtschaft sind es nur sieben Prozent.

 Nur die Bundesregierung? Zwölf Prozent?

Ähem.

Der Artikel, auf den da verwiesen wird, nennt als Zahlen: rund 150.000 Beschäftigte im Bundesbereich, davon 18197 mit befristeten Verträgen.

Nur mal so zum Vergleich: Der Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs 2013 (Abb. A1-8 in der Zusammenfassung) zeigt die Unterschiede: In Deutschland sind 68% der wissenschaftlichen Mitarbeiter (unterhalb der Professorenebene) an den Hochschulen befristet eingestellt. Dagegen scheinen die 12% der Bundesregierung geradezu paradiesisch. (Vorsicht: aus der Statistik dort konnte ich nicht ersehen, ob hier Doktoranden auf Zeitverträgen miteingerechnet sind; das könnte die Prozentwerte noch verschieben; insgesamt liegen wir aber locker über den 12%, siehe unten.) Nach dieser Tabelle von Destatis reden wir auch absolut gesehen über deutlich höhere Zahlen als bei der Bundesregierung.

Schaut man darauf, wo die Promovierten nach der Promotion hingehen (fast zur Hälfte in die Privatwirtschaft), dann sind nach der Promotion immerhin noch mehr als 20% nur befristet eingestellt. Bundesregierung plus 8% also.

Zumindest für jene, denen es wichtiger ist, über grundsätzliche Probleme zu berichten als der Bundesregierung auf sehr zweifelhafter Faktenbasis noch schnell eins auszuwischen: Befristung in der Wissenschaft wäre so ein Thema, das zum Glück auch einiges an Resonanz findet – z.B. heute (21.8. in der ZEIT, Rubrik Chancen, S. 57), oder früher schon bei ZEIT Campus und zum Glück noch an einer ganzen Reihe anderer Stellen on- und offline. Da wären wir froh, wenn wir Prozente hätten wie bei der Bundesregierung.

 

Markus Pössel hatte bereits während des Physikstudiums an der Universität Hamburg gemerkt: Die Herausforderung, physikalische Themen so aufzuarbeiten und darzustellen, dass sie auch für Nichtphysiker verständlich werden, war für ihn mindestens ebenso interessant wie die eigentliche Forschungsarbeit. Nach seiner Promotion am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) in Potsdam blieb er dem Institut als "Outreach scientist" erhalten, war während des Einsteinjahres 2005 an verschiedenen Ausstellungsprojekten beteiligt und schuf das Webportal Einstein Online. Ende 2007 wechselte er für ein Jahr zum World Science Festival in New York. Seit Anfang 2009 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg, wo er das Haus der Astronomie leitet, ein Zentrum für astronomische Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit. Pössel bloggt, ist Autor/Koautor mehrerer Bücher, und schreibt regelmäßig für die Zeitschrift Sterne und Weltraum.

2 Kommentare

  1. Nur mal so aus liberaler Sicht zum Sachverhalt der Befristung von Arbeitsverträgen webverwiesen:
    -> http://en.wikipedia.org/wiki/At_will_employment

    Es könnte ein Menschenrecht sein, sich von Angestellten oder Arbeitenden zu trennen, wenn dies aus Sicht des Arbeitsgebers Sinn ergibt – oder wenn sich der Angestellte oder Arbeitende entschließt den Arbeitsvertrag nicht mehr zu erfüllen.
    Insofern könnten Arbeitsverhältnisse oder Arbeitsverträge auch bestimmte Zahlungen mit einschließen, wenn der Arbeitgeber, der auch der Staat sein kann, oder der Arbeitnehmer kündigt, auch spontan.

    KA, was von so etwas genau zu halten ist; der Schreiber dieser Zeilen kann sich hier nicht hineindenken, war zwar zweifach und längere Zeit in der BRD unterwegs, aber es gelingt letztlich nicht.

    MFG
    Dr. W

  2. Leider sehe ich Deinen Beitrag erst jetzt. Ich arbeite im der Frau Ministerin Schwesig unterstellten “Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben”, kurz BAFzA. Hier im Hause sind derzeit (30.09.2014) fast genau 30% der Angestellten befristet beschäftigt. Insbesondere jüngere Mitarbeiter_innen werden praktisch nach dem hire-and-fire-Prinzip ohne Aussicht auf Festanstellung “verheizt”. Und es ist nicht so, dass nicht genug Arbeit da wäre …
    Das Interview ist pure Heuchelei.