Wissenschaftskommunikation: Was wird ausgeblendet?

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… aber nicht einfacher
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Leopoldina 2014

“Nationale Empfehlung” der Nationalen Akademie der Wissenschaft Leopoldina, veröffentlicht 2014: “Zur Gestaltung der Kommunikation zwischen Wissenschaft, Öffentlichkeit und den Medien“:

S. 9: “Die Wissenschaftskommunikation wird hier im Sinne einer beständigen und aktiven Information der Öffentlichkeit durch die Forschungseinrichtungen, Universitäten und andere Wissenschaftsorganisationen über Erkenntnisfortschritte der Wissenschaft sowie über deren gesellschaftliche und politische Implikationen verstanden.”

– was außerhalb der Institutionen von den individuellen Wissenschaftlern her kommt, und zum Teil ja auch nur lose oder gar nicht im institutionellen Kontext passiert (z.B. Sachbücher) wird an dieser zusammenfassenden Stelle komplett ausgeblendet.

S. 9: “[Die Wissenschaftskommunikation] hat sich in den letzten Jahren stark gewandelt. […] Mit zum Teil großem Enthusiasmus und ebensolchem Engagement wenden sich heute einzelne Forscher oder ganze Institutionen gezielt auch an Laien – in „Science Slams“, bei Wissenschaftsfestivals, Kinderunivorlesungen oder zahlreichen Kooperationsprojekten mit Schulen.”

Da haben wir ihn, den Focus auf die Jetzt-Zeit. Der Wandel wird auf die letzten Jahre datiert, “heute” wenden sich Forscher/Institutionen an Laien. Verstärkt wird der Focus auf die neuen Formate durch die Auswahl der Beispiele: Science Slams sind rund 10 Jahre alt, Kinderunis rund 15 Jahre. Öffentliche Vorträge und allgemeinverständliche Sachbücher glänzen in der Liste durch Abwesenheit.

Schäfer 2017

Wie im Haupttext geschrieben: insgesamt ein schöner Artikel, der die Rolle von Wissensvermittlung jenseits von PR und Journalismus gut herausarbeitet. Mich stört aber der letzte Absatz, der diese Differenzierung an die aktuelle Entwicklung knüpft:

“Diese Differenzierung ist sicherlich – und das gilt für mehrere der vorgeschlagenen Unterscheidungen – eher analytischer Natur. Die entsprechenden Grenzen sind in der Praxis fließend(er). Zudem ist der vorgelegte Begriffsvorschlag, wie jeder Begriffsvorschlag, nur das Angebot einer Konvention. Definitionen sind schließlich nicht richtig oder falsch – sie sind entweder zweckmäßig oder sie sind es nicht.

Aber angesichts der aktuellen Expansion und des Wandels von Wissenschaftskommunikation und der Inflation einschlägiger Begrifflichkeiten scheint mir die Diskussion eines solchen Vorschlags vonnöten.”

Aktuelle Expansion und Wandel? Um meine Standardbeispiele zu bemühen: Seit es öffentliche Vorträge, Spektrum-Artikel von Wissenschaftlern, populärwissenschaftliche Sachbücher gibt, kann man Wissenschaftskommunikation nicht auf PR oder Journalismus reduzieren. Das kommt nicht erst von den neueren Entwicklungen.

 

Lugger 2017

In dem Text von Beatrice ging es mir vor allem um den Absatz

“Gleichzeitig hat sich vor allem durch die Vernetzung der Welt vieles verändert. So sind Wissenschaftler heute [in der aktuellen Berichterstattung] nicht mehr „nur“ Protagonisten und Experten in Beiträgen von Wissenschaftsjournalisten oder in den Institutsmagazinen und Youtube-Imagefilmen von Forschungseinrichtungen. Sie schreiben Blogs und manche erreichen mit ihren Beiträgen zehntausende Nutzer. Sie sind in den Sozialen Medien aktiv, produzieren Audiocasts und drehen Videos.”

Das “in der aktuellen Berichterstattung” ist nachträglich hinzugefügt, aber auch das finde ich problematisch: Forschung hat ihre eigenen Zeitskalen; was der aktuelle Stand der Wissenschaft ist ändert sich nicht von Tag zu Tag, meist nicht einmal über Monate hinweg. Insofern waren Spektrum-der-Wissenschaft-Artikel traditionell typischerweise durchaus auf dem neuesten Stand – an den dort beschriebenen Themen dürfte sich auf den Zeitskalen bis zur Veröffentlichung solcher Artikel nichts geändert haben. In dem Sinne waren Wissenschaftler auch in diesem eingeengten Sinne schon vor den Neuen Medien aktiv und haben, ja, auch in solchen Beiträgen selbst neue Erkenntnisse beschrieben, eingeschätzt und bewertet. Übrigens deutlich umfassender eingeschätzt und bewertet als in der typischen tagesaktuellen Wissenschafts-Berichterstattung der Zeitungen.

Markus Pössel hatte bereits während des Physikstudiums an der Universität Hamburg gemerkt: Die Herausforderung, physikalische Themen so aufzuarbeiten und darzustellen, dass sie auch für Nichtphysiker verständlich werden, war für ihn mindestens ebenso interessant wie die eigentliche Forschungsarbeit. Nach seiner Promotion am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) in Potsdam blieb er dem Institut als "Outreach scientist" erhalten, war während des Einsteinjahres 2005 an verschiedenen Ausstellungsprojekten beteiligt und schuf das Webportal Einstein Online. Ende 2007 wechselte er für ein Jahr zum World Science Festival in New York. Seit Anfang 2009 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg, wo er das Haus der Astronomie leitet, ein Zentrum für astronomische Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit. Pössel bloggt, ist Autor/Koautor mehrerer Bücher, und schreibt regelmäßig für die Zeitschrift Sterne und Weltraum.

13 Kommentare

  1. Na ja, so ganz Lückenfrei argumentiert der Autor ja ach nicht. Bei den allgemeinjournalistischen “Traditionsmedien” erwähnt er (zwarpflichtgemäß ?) “Die Zeit” nicht aber z.B. die FAZ ,welche gerade im eher neoliberalen bis “werkonservativen” Lager die “Populärwissenschaft” mit ziemlicher Reichweite abdeckt (e). Der Hinweis auf die weltanschauliche Ausrichtung dieses Mediums soll noch nichts negatives über die fachliche Qualität dieser(populärwissenschaftlichen) “Mittwochseiten” aussagen. Ich möcht mich dazu nicht näher äußern, da ich ich sie eher sporadisch konsumiert habe. Der oberflächliche Eindruck aber war nicht schlecht.
    Die Klage des Autors bezüglich der zunehmenden Nichtbeachtung der populärwissenschaftlichen Sachbücher seines Verlages klingt etwas merkwürdig:
    Er selbst sollte schließlich auch wissen ,dass es (gerade auch im digitalen Zeitalter) für Verbraucher nicht gerade besonders ätzend ist, für Übersetzungen jahrealter Publikationen von US- Autoren horrende Preise für Hardcover – Bände zu zahlen. Das ist wohl eher etwas für Bibliotheken, aber kaum für eine breitere Klientel.

    • Dass ich “in meiner Kindheit vor allem in der ZEIT” entsprechende Artikel gelesen habe, war einfach so und lag schlicht daran, dass meine Eltern eben jene Wochenzeitung abonniert hatten und die FAZ nicht. Was Sie da alles noch hineininterpretieren (“pflichtgemäß”, Bedeutung der weltanschaulichen Ausrichtung für die Erwähnung im Blogtext) ist schlicht aus der Luft gegriffen.

      Zur “zunehmenden Nichtbeachtung der populärwissenschaftlichen Sachbücher seines Verlages” – erstens habe ich keinen Verlag, zweitens ging es nicht um einen spezifischen Verlag, drittens nirgends um Übersetzungen, viertens nicht um die Nichtbeachtung durch Leser, sondern durch jene, die die Entwicklung der Wissenschaftskommunikation beschreiben wollen. Und da waren Sachbücher, völlig unabhängig von der jetzigen Situation, ein durchaus wichtiger Faktor – siehe Kurze Geschichte der Zeit.

      Insofern: Weniger ein Fall von lückenhafter Argumentation durch mich denn von, vorsichtig ausgedrückt, lückenhaftem Lesen durch Sie.

  2. Klingt sehr zustimmungsfähig, hier, allerdings kennt Dr. W nicht den aktuellen Stand dieser speziellen Debatte und hat nur mal hier und dort ein wenig hinein gepickt, Webverweise angewählt, kommt aber an Zustimmung nicht vorbei.

    MFG + schöne Woche noch,
    Dr. Webbaer

  3. In meiner Jugend habe ich Heisenbergs “Der Teil und das Ganze” gelesen und wöchentlich die Forschungsbeilage der NZZ, später las ich Stephen Hawking’s Bücher und das Spektrum der Wissenschaft monatlich seit seiner Ersterscheinung. Im Fernsehen schaute ich regelmässig die Senung “Mensch Technik Wissenschaft”.
    Mit dem Internet bin ich auch regelmässiger Besucher von Wissenschaftsportalen geworden.
    Mit der digitalen Wissenschaftkommunikation hat sich für mich nichts grundlegend geändert. Wenn schon ist die Wikipedia die ertragreichste neue Wissensquelle – auch wenn es um wissenschaftliche Themen geht, denn selbst wenn ich einen populärwissenschaftlichen Artikel im Internet gelesen habe, schaue ich zum Vergleich oft in der Wikipedia nach.
    Am meisten interessiere ich mich für Übersichten über Fachgebiete und aktive Forschungsbereiche. Gut geschriebene Texte dazu sind auch heute noch rar.

    • Mit der digitalen Wissenschaftkommunikation hat sich für mich nichts grundlegend geändert.

      Offensichtlich schon, denn Sie können ja nun direkt hinein quatschen, die I.E. bestehende besondere Qualität der hier gemeinten und bekannten Online-Enzyklopädie betonen (die gar nicht so gut ist, aber der Menge zu genügen hat, früher war’s auch nicht besser, nur weniger tendenziös [1] ) und ‘gute geschriebene’ Texte erkennen bis bestimmen wollen oder auch nicht.

      MFG
      Dr. Webbaer

      [1]
      Die Wikipedia funktioniert zwar irgendwie, auch der Schwarmintelligenz folgend bis gehorchend, aber die dort vorherrschenden Inhaltebeiträger, die besondere, administrative Rechte erfolgreich angestrebt haben, sind oft oder regelmäßig Irre.
      Dr. W hat dort selbstverständlich nie in seinen Fachgebieten ergänzt, sondern nur ein wenig begleitet und geprüft wenn dies andere getan haben; sog. Löschdiskussionen bleiben ihm unvergessen.

  4. Markus Pössel schrieb (7. Mai 2017):

    > Meine Perspektive auf die Wissenschaftskommunikation
    > Meine Innenperspektive ist dabei die folgende: Ich bin seit meiner Kindheit interessierter Konsument von Wissenschaftskommunikation. […]

    Diese dargelegte Perspektive blendet offenbar aus, dass ein bloßer Konsument bzw. Zuschauer, d.h. ohne Möglichkeit der Rückmeldung, deshalb oft gar nicht unterscheiden kann, ob ihm Wissenschaftskommunikation vorgeführt wurde (zwischen anderen Beteiligten, die als Peers die Nachvollziehbarkeit und Richtigkeit ihrer Einlassungen gegenseitig fordern und ggf. durch Rückmeldung bemängeln könnten und würden);
    oder (nur bzw. auch) Wissenschaftsvermarktung und Wissenschaftsornamentierung.

    • Ihr Kommentar wurde vom System als Spam klassifiziert. Und da er überhaupt nicht auf den Hauptbeitrag eingeht, sondern mit zweifelhaftem Aufhänger “da fehlt etwas” nur aus Werbung für Ihre Theorien zum erstaunlichen Wissen der Vorzeit, samt Link auf Amazon und auf andere Kommentare bei spektrum.de besteht, muss ich dem System da in der Tat Recht geben und habe den Kommentar nicht freigeschaltet.

      • Herr Pössel! Geht mich zwar nichts an aber konnt mich dennoch nicht zurückhalten!
        Ich lese nun schon seit geraumer Zeit ihren Blog! Auch die letzte “Diskussionskette” zwischen Ihnen und Hrn Deistung mit großem (unterhaltsamen) Wert! Wenn sie dem System mehr Vertrauen als der freien Meinungsäußerung und ihrem intellektuellen Entscheidungsgeist dann solle es so sein.

  5. Sehr geehrter Herr Dr. Pössel,
    Da fehlt etwas – ist aus Ihrem Text als Überschrift und ich verband es mit einem Zitat von Dr. Blume.
    „Meine Theorien“ basieren auf Literatur (Keilschriftübersetzungen) von Altorientalisten wie Prof. K. Hecker u. a., die zu den Texten aus der Umwelt des Alten Testament (TUAT) gehören!
    Sind Sie Atheist? Ich ja – aber die vielen Hochtechnologie-Informationen in den Heiligen Schriften haben ihren Ausgangspunkt in den Dingir (Google: „goetter-vorzeit“) z. B. in [BE] – auch bei Amazon.
    Sie haben ja auch bei Amazon veröffentlicht: https://www.amazon.de/Das-Einstein-Fenster-Eine-Reise-Raumzeit/dp/3455094945 – Was haben Sie also gegen Amazon – wenn ich dort auch veröffentliche?
    Die Mondentstehung ist seit 2 Jahren Geschichte – in einer Schrift des TUAT steht es aber eindeutig und glaubwürdig. Sogar auf Ihr Fazit bin ich eingegangen. Ist es falsch – Sie zu zitieren?
    Ihre Kritik passt so nicht zu meinem Kommentar!

    [BE] Burgard, H.: Die Geheimen Offenbarungen der Priesterfürstin Encheduanna.
    Ancient Mail, Groß-Gerau Teil 1: 2012, Teil 2: 2014
    https://www.google.de/?gfe_rd=cr&ei=YcEkVsPnKurj8wfm0aaoBg#q=dr+hermann+burgard+encheduanna+geheime+offenbarungen

    • Meine Kritik war berechtigt und trifft auch auf diesen neuen Kommentar von Ihnen zu: Wenn das Thema bestimmte Aspekte der Wissenschaftskommunikation sind (nämlich digital vs. was war vorher, wird bei den zusammenfassenden Schilderungen etwas ausgeblendet etc.), dann geht ein Kommentar zu Ihren Theorien der Mondentstehung auf Basis von Keilschrifttexten und Altem Testament am Thema vorbei. Eigentlich doch ganz einfach, oder?

      • [21.5.2017: Weiterer Kommentar von Hrn. Deistung gelöscht, der sich keiner Themaverfehlung bewusst war/ist, aber die Diskussion wieder auf Vorzeit-Technik umlenken wollte.]

  6. naja ich finde diese Diskussion zwischen Hrn Pössel und Hrn Deistung recht lustig .. vor allem im Hintergrund der Betrachtung, dass man unten auf der Site mit einer mega großen Lidl Werbung gequält wird. Dennoch an dieser STelle vielen Dank für ihren Blog und die interessanten Beiträge die ich ebenso seit langem mit großem Interesse verfolge. Vlt könnte man dennoch an den Einstellungen etwas verändern. Lidl passt hier nicht ganz her. Nur JMO 🙂 LG