Wissenschaftsjournalismus: Was wollen die Leser / Zuschauer?

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… aber nicht einfacher
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Ein wichtiger Teil der Wissenschaftskommunikations-Debatte des letzten Jahres betraf das Selbstverständnis und die Rolle des Wissenschaftsjournalismus. Dabei ging es zu einem guten Teil um Abgrenzung: Was kann Wissenschaftsjournalismus, das Wissenschaftsblogs nicht können? Was, das die immer professionelleren Veröffentlichungen der Pressestellen nicht können? Über einen Teil der Antwort bestand, soweit ich sehen kann, weitgehender Konsens: Wissenschaftsjournalismus kann die Wissenschaft kritisch und aus unabhängiger Perspektive begleiten und stellt auch die unangenehmen Fragen, die sich z.B. in einer Pressemitteilung niemals finden würden. (Zu der Debatte allgemein habe ich mehrfach geschrieben, zuletzt in SPIEGELfechten um Wissenschaft, Journalismus und Blogs und vorher z.B. in Bloggende Wissenschaftler und Wissenschaftskommunikation oder Akademien geben Empfehlungen für Wissenschaftskommunikation.)

Letzte Woche hat sich jetzt Alexander Mäder, Ressortleiter Wissenschaft bei der Stuttgarter Zeitung, im Magazin des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft zu Wort gemeldet zu der Frage: Was wollen die Leser (Zuhörer, Zuschauer) eigentlich? Wie sollten Wissenschaftsjournalisten arbeiten, die “Vom Leser her denken”, so der Titel des Beitrags?

Einen Großteil dessen, was Mäder da schreibt, kann ich voll und ganz unterschreiben. Ich bin in meiner Rolle als Öffentlichkeitsarbeiter am Max-Planck-Institut für Astronomie ja auch Teil der Informationskette, die von den Fachartikeln über Pressemitteilungen verläuft, die unter Sperrfrist ein paar Tage vorab an Journalisten verschickt und dann, wenn es gut läuft, als aktuelle Nachrichten veröffentlicht werden. Und ich sehe die Pseudo-Aktualität, die da erzeugt wird auch kritisch. Denn natürlich ist es bei wissenschaftlichen Ergebnissen so: Richtig einordnen kann man sie erst rückblickend, mit zeitlichem Abstand. Zu dem Zeitpunkt interessieren sie in den Medien aber kein Schwein mehr.

Auch die generelle Aufforderung, sich mehr am Publikum als am steten Strom der Pressemitteilungen zu orientieren, finde ich lobenswert – insbesondere in meiner Eigenschaft als Konsument von Berichterstattung über Wissenschaft.

Ist nur guter Journalismus, was gesellschaftlich relevant ist?

Die Kurve, die Mäder im Anschluss durchläuft, kann ich allerdings nicht nachvollziehen. Mäder folgert, Wissenschaftsjournalismus müsse sich

stärker an dem orientieren, das für die Gesellschaft wichtig ist. Sie wählen zwar Themen aus, die einen Bezug zu gesellschaftlichen Pro- blemen haben – sie berichten beispielsweise über Studien zum Klimawandel. Aber nicht jede Studie zum Klimawandel ist außerhalb der Wissenschaft relevant. Das ist sie nur, wenn sie eine Frage beantwortet, die man sich in der Öffentlichkeit tatsächlich stellt. […] Ein besserer Wissenschaftsjournalismus würde häufiger mit gesellschaftlichen Fragen beginnen und in der Wissenschaft nach Antworten suchen.

Sorry, aber jetzt mal als Konsument von Wissenschaftsjournalismus gesprochen: Das mag eine der Aufgaben von gutem Wissenschaftsjournalismus sein. Aber ich möchte im Wissenschaftsteil einer Zeitung oder Zeitschrift auch dann wissen, was in der Wissenschaft an interessanten Dingen passiert, wenn das nicht gesellschaftlich relevant ist – entsprechend dem Umstand, dass Wissenschaft ja nicht nur ein Werkzeug für die Gesellschaft ist, sondern auch eine Kulturleistung, nämlich das Mehren dessen, was wir, einem für die Wissenschaft charakteristischen Satz von Kriterien folgend, über die Welt wissen.

Das wäre nach wie vor ein wichtiger Mehrwert gegenüber dem Modus, dass sich die Wissenschaftsberichtserstattung nur entlang der aktuellen (Presse-)Meldungen hangelt. Es würde voraussetzen, dass Journalisten den Überblick über die entsprechenden Wissenschaftsgebiete haben (oder sich durch Recherche erarbeiten) und mir als Leser dann jenseits der vielen Einzelarbeiten den Stand eines Forschungsgebiets im Zusammenhang präsentieren: Welche Erkenntnisse sich wirklich durchgesetzt haben, wohin die Trends gehen, welche Teilthemen sich eventuell gar nicht in den Forschungsartikeln niederschlagen, weil sie sich als Sackgasse oder als jenseits der aktuellen Möglichkeiten herausgestellt haben. Gut recherchierte, journalistisch bewertete, aus diversen Quellen geschöpfte, interessant präsentierte Wissenschaft – die allerdings ihre Legitimität in den Medien weder aus Aktualität noch aus dem von Mäder als Alternativkriterium gebotenen Wert für die “gesellschaftlich[e] Debatte” beziehen, sondern daraus, dass es sich um interessante wissenschaftliche Entwicklungen handelt.

Abwehrreaktion der ehemaligen Erklärbären?

Wenn ich auf die Diskussion des letzten Jahres zurückblicke, steht Mäder mit seinen Überlegungen keineswegs allein. Und zum Teil scheint mir das, was da vor sich geht, einfach eine Abwehrreaktion zu sein. Salopp gesagt ist die Sicht der Dinge wohl die folgende: Früher waren Wissenschaftsjournalisten die zahmen Erklärbären, die bloßen Übersetzer dessen, was die Wissenschaftler (und ihre Pressestellen) von sich gaben, ohne rechte kritische Distanz und darob belächelt von den “richtigen” Journalisten aus den richtigen Ressorts, von Politik und Wirtschaft bis Feuilleton. Aber seit einer Reihe von Jahren regt sich das Selbstbewusstsein der Wissenschaftsjournalisten – man will zeigen, dass man auch Journalismus macht, gründet die Wissenschaftspressekonferenz, professionalisiert die Ausbildung, besinnt sich auf die kritischen Tugenden des Journalismus und sieht sich als unabhängige Instanz, die von außen (und eben mit kritischer Distanz) auf die Wissenschaft und den Wissenschaftsbetrieb schaut.

Das sind ja auch alles löbliche Entwicklungen, aber mir scheint, dass ein Wissenschaftsjournalismus, der daraus folgern würde, dass er nur noch von den gesellschaftlich interessanten Fragen (Klimaentwicklung, demografische Entwicklung, Gesundheitsthemen, Technik und ihre Beherrschbarkeit…) an die Wissenschaft herangeht, über das Ziel hinausschösse. Er wäre so etwas wie Kulturjournalismus, der sich auf die Fahnen schriebe, nicht mehr Bücher, Theaterstücke, Konzerte, Gedichte zu besprechen, kommentieren und kuratieren, die ‘aus der Kultur heraus interessant’ wären, sondern nur noch das, was direkte gesellschaftliche Relevanz hat. Und genau wie jene Kulturjournalisten es tun würden (aber aus gutem Grunde nicht tun!) würde sich ein solchermaßen eingeschränkter Wissenschaftsjournalismus einen Gutteil seines Wassers abgraben, sprich: einen Gutteil dessen, was er Lesern (Hörern, Zuschauern) an Mehrwert bieten kann.

Das Gegenteil des Erklärbären ist nicht der Problembär

Das Gegenteil eines wissenschaftlerhörigen Erklärbärs ist eben kein gesellschaftsorientierter Wissenschaftsproblembär. Sondern ein selbstbewusster Journalismus, der sich seine Themen in der Wissenschaft sucht, ebenso, wie es andere Ressorts in ihren Bereichen tun. Der einige Themen aufgreift, weil sie praxisrelevant sind, andere, weil sie Fragen behandeln, die auch in der Gesellschaft gestellt werden und wieder andere, weil sie für einen Großteil derer interessant sind, die sich für Fortschritte in der Forschung interessieren.

Der einige Fragen aufgreift, die “man sich in der Öffentlichkeit tatsächlich stellt” (zuletzt: Ist das Kleid gold-weiß oder schwarz-blau?), aber auch andere, die sich die meisten Leser wahrscheinlich selbst nie gestellt hätten, aber trotzdem faszinierend finden, jetzt, wo sie darüber lesen. Der sich eine generell skeptische Grundhaltung bewahrt und auf diese Weise als Hype-Filter wirkt, aber der auch keine Story fallenlässt, weil es nichts an der betreffenden Wissenschaft zu kritisieren gibt, sondern es z.B. einfach mal ein cooles, gesellschaftlich völlig irrelevantes, aber faszinierendes Forschungsergebnis gab.

 

[Nachbemerkung vom 2.3.2015, 11:00: Der Kritik von Alexander Mäder folgend, ich würde seine Position zum Teil überspitzt darstellen, habe ich oben noch einen Satz und zwei Konjunktive eingefügt, die hoffentlich klarer werden lasse, wo ich mich direkt auf Herrn Mäders Text beziehe und wo ich zu einer allgemeineren Argumentation übergehe. Die Änderungen sind durch die blaue Textfarbe sichtbar gemacht.]

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Markus Pössel hatte bereits während des Physikstudiums an der Universität Hamburg gemerkt: Die Herausforderung, physikalische Themen so aufzuarbeiten und darzustellen, dass sie auch für Nichtphysiker verständlich werden, war für ihn mindestens ebenso interessant wie die eigentliche Forschungsarbeit. Nach seiner Promotion am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) in Potsdam blieb er dem Institut als "Outreach scientist" erhalten, war während des Einsteinjahres 2005 an verschiedenen Ausstellungsprojekten beteiligt und schuf das Webportal Einstein Online. Ende 2007 wechselte er für ein Jahr zum World Science Festival in New York. Seit Anfang 2009 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg, wo er das Haus der Astronomie leitet, ein Zentrum für astronomische Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit. Pössel bloggt, ist Autor/Koautor mehrerer Bücher, und schreibt regelmäßig für die Zeitschrift Sterne und Weltraum.

11 Kommentare

  1. “Gut recherchierte, journalistisch bewertete, aus diversen Quellen geschöpfte, interessant präsentierte Wissenschaft – die allerdings ihre Legitimität in den Medien weder aus Aktualität noch aus dem von Mäder als Alternativkriterium gebotenen Wert für die “gesellschaftlich[e] Debatte” beziehen, sondern daraus, dass es sich um interessante wissenschaftliche Entwicklungen handelt.”

    Ich stimme Ihnen völlig zu, möchte aber auf ein prinzipielles Problem hinweisen, nämlich was “interessant” ist. Das lässt sich nicht definieren, oft genug mag das nur dasselbe wie “modisch” sein.

    Wenn Sie Wissenschaft auch als Kulturleistung definieren (womit ich ebenfalls übereinstimme), steht sie auf derselben Position der Rechtfertigung wie die Geisteswissenschaften, die sich diesbezüglich nur im Gebiet unterscheiden, hie die Natur, da die Kultur oder die Menschenwelt.

    Das Wissen-und-Verstehen-Wollen um seiner selbst willen steht zur Zeit unter einem starken ideologischen und finanziellen Rechtfertigungsdruck, gefordert wird eine “gesamtgesellschaftliche Relevanz” (wie ich es bzgl. einer geisteswissenschaftlichen Forschungseinrichtung gehört habe, die der Staat nur noch ungern finanzieren will).

    Vielleicht sollte man stärker betonen, dass auch die Neugierde eine wesentliche Eigenschaft des Menschen und gerade auch der westlichen Wissenschaftstradition ist, und nicht nur der Fortschrittsglaube und die Utopie der gesellschaftlichen Verbesserung.

    • Die Definition von “interessant” ist sicher etwas, mit dem man sich noch beschäftigen könnte, und als Wissenschaftsredakteur dann sicher auch muss. Ein Teil des Interesses ist sicher modebedingt, aber wenn man mit den Menschen redet, die schon länger im Geschäft sind, dann gibt es da doch auch langfristige Erkenntnisse. Grob zusammengefasst: Interessant ist für die meisten Menschen, was sie selbst betrifft – Gesundheitsthemen, aber auch psychologische Themen (Frauen noch mehr als Männer) und die Frage der (auch ruhig langfristigen) eigenen Herkunft, Geschichte und Vorgeschichte. Dann gibt es noch eine große Gruppe von Technikinteressierten (überwiegend Männer). Bei den themen der Grundlagenforschung gibt es auch einige langfristige Ungleichgewichte: Astronomie, Urknall, Schwarze Löcher und so stoßen in der Regel auf großes Interesse, das Sonnensystem auch, in der Biologie die Tierwelt mehr als die Pflanzen; große Fragen, wie man sie z.B. bei den Elementarteilchenphysikern findet haben auch etwas für sich. Themen aus Chemie, Festkörperphysik etc. sind dagegen nur ganz schwierig an die Öffentlichkeit zu bringen.

      Ich definiere Naturwissenschaften als beides: Kulturleistung und Möglichkeit, hilfreiche Anwendungen zu ermöglichen, insofern: Ja, als Kulturleistung ganz klar analog zu den Geisteswissenschaften. Zu umfassend direkte gesamtgesellschaftliche Relevanz zu fordern, halte ich für sehr kurzsichtig – das zeigt schon die Wissenschaftsgeschichte, dass man so (selbst vom Anwendungsstandpunkt aus!) nicht weiter kommt. Dazu mache ich in nächster Zeit vielleicht nochmal einen eigenen Beitrag.

    • @Paul Stefan

      “daß auch die Neugierde eine wesentliche Eigenschaft des Menschen ist”

      Zustimmung. Der Verlust derselben ist wahrscheinlich sogar gefährlich , nichts ist dümmer als diese reduktionistischen Fragen wie “was bringt das komkret ?” und ähnliche.

      Genauso bedenklich die im Artikel angesprochene Tendenz zur “Gesellschaftsrelevanz” , was im Endeffekt auf reine Massentauglichkeit und die daraus zwangsläufig folgende Verflachung hinausläuft.
      Schon seltsam , noch nie gab es soviele quantitative Möglichkeiten in allen Medienbereichen , und noch nie war der Drang so groß , alles gleich – und damit plattzumachen .

  2. Ich habe nicht gefordert, dass der Wissenschaftsjournalismus “nur noch von den gesellschaftlich interessanten Fragen an die Wissenschaft herangeht”. Ich schlage vielmehr vor, diesen Ansatz zu stärken, um dem eingefahrenen System zu entkommen. Über wichtige Trends in der Wissenschaft zu berichten, finde ich völlig in Ordnung, sofern man sich einen einigermaßen eigenständigen Blick auf die Wissenschaft bewahrt.

    Der Vergleich mit der Kultur passt aus meiner Sicht nicht, denn in diesem Fall sind kulturelles Schaffen und gesellschaftliches Interesse eng verbunden, auch wenn es nicht immer breite Schichten der Gesellschaft sind, die sich interessieren.

    • Jein, denn im Stifterverbandstext ist schon das “besser” klar mit dem “gesellschaftlich relevanter” verknüpft. Und das finde ich, siehe oben, bereits problematisch. “Besser” kann (und sollte) im Zusammenhang mit übermäßiger Pressemitteilungshörigkeit auch etwas anderes heißen (nämlich den Blick für die wissenschaftlich interessanten Zusammenhänge jenseits der Einzelarbeiten). Das fehlte mir bei den Empfehlungen.

      Zum Vergleich mit der Kultur: Ich lese “gesellschaftliches Interesse” (auch im Stifterverbandstext!) als mehr als nur “eine Untergruppe der Gesellschaft interessiert sich” – Gesundheitsthemen, Klimawandel, Umweltschutz wären ja für die Gesellschaft als Ganzes (und deren Weiterkommen / Weiterentwicklung / Überleben) selbst dann von Interesse, wenn sich niemand privat dafür interessieren würde. Aber selbst wenn man das anders definiert besteht die Parallele zwischen Wissenschaft und Kulturbetrieb nach wie vor. Eine nicht vernachlässigbare Anzahl von Menschen interessiert sich nunmal für Wissenschaft. Wenn das beim Kulturbetrieb für das Konstatieren gesellschaftlichen Interesses ausreicht, dann auch bei der Wissenschaft.

      • Es stimmt schon, dass ich “besser” mit “gesellschaftlich relevant” verknüpfe. Aber das stützt nicht Ihre Interpretation, dass ich den Wissenschaftsjournalismus darauf beschränken wolle. Sie bauen einen Strohmann auf. Ich habe versucht, eine pragmatische Empfehlung zu formulieren: eine Antwort auf die Frage, was zu tun wäre. Bei der gesellschaftlichen Relevanz sehe ich deutlich mehr Handlungsbedarf als bei den anderen Spielarten des Wissenschaftsjournalismus und ich sehe darin auch mehr Potenzial, etwas am eingespielten System zu verändern.

        • Ein Strohmann ist dann doch etwas anderes – und schade, dass der Ton jetzt schon so scharf wird. Wo schreibe ich denn, dass Sie den Wissenschaftsjournalismus darauf beschränken wollen? Sie betonen die gesellschaftliche Relevanz, und ich betone im Gegenzug einen (unabhängigen, skeptischen) Umgang mit den wissenschaftlich (und für Wissenschaftsinteressierte) interessanten Themen. Dass wir uns einig sind, dass Wissenschaftsjournalismus sich nicht auf gesellschaftlich Relevantes einschränken sollte – umso besser.

  3. Viele Nachrichten aus Wissenschaft und Technologie werden dem Leser als Sensation präsentiert, doch hinterfragt werden sie kaum, oft weil es dem Berichterstatter am nötigen Wissen fehlt. Leider gilt das sogar für Portale wie die MIT-Technological Review, wo beispielsweise der Artikel Nano-Manufacturing Makes Steel 10 Times Stronger zu finden ist, wo jedoch quantitative Angaben zu den relevanten Materialeigenschaften fehlen und zudem noch der Verdacht aufkommt, es werde Werbung für die Firma gemacht, die den besprochenen Fabrikationsprozess entwickelt hat.
    Ein positives Beispiel für die Vorstellung und Besprechung einer Arbeit aus der Material- und Werkstoffwissenschaft findet sich dagegen im Blog von M.Bäker unter dem Titel Stahl für hochfesten Leichtbau?.
    So weit muss die Berichterstattung aber gar nicht gehen. Ich würde mir nur wünschen, dass der Interessierte nicht nur etwas neues, möglicherweise eine Sensation serviert bekommt, sondern dass er auch etwas Lernen kann. Wer sich beispielsweise für Materialien und Werkstoffe interessiert, sollte auch das Grundwissen vermittelt bekommen, das nötig ist um eine Neuigkeit auf diesem Gebiet einordnen zu können.

  4. Ich nehme mal einen neuen Anlauf zur Diskussion und lasse die Frage, wer was geschrieben hat, links liegen: Warum empfehle ich nicht, dass sich der Wissenschaftsjournalismus darauf konzentriert, Trends innerhalb der Wissenschaft zu beschreiben? Nicht einzelne Studien, an die sich bald schon niemand mehr erinnert, sondern bedeutende Entwicklungen, die kritisch dargestellt werden? Als ich in den Beruf eingestiegen bin, habe ich mein Ziel ungefähr so formuliert. Heute sehe ich das anders.
    Das ist zum einen eine Art der Abgrenzung: um wissenschaftliche Trends zu beschreiben, braucht man Journalisten nicht unbedingt. Das können auch Blogger aus der Wissenschaft und Mitarbeiter von Pressestellen in ihren Forschungsmagazinen, um zwei Beispiele zu nennen. Nehmen wir die Kriterien, die Markus Pössel aufzählt: „gut recherchiert, journalistisch bewertet, aus diversen Quellen geschöpft, interessant präsentiert“ soll der Wissenschaftsjournalismus sein. Das einzige, was hier eindeutig auf den Journalismus verweist, ist das „journalistisch bewertet“, aber mir ist nicht klar, was das heißt.
    Zum anderen wende ich mich gegen die Empfehlung, mehr wissenschaftliche Trends zu beschreiben, weil man damit das gegenwärtige System zementiert. Das muss nicht so sein, aber ich befürchte, dass es so kommt, wenn man es versucht. Wissenschaftsjournalisten haben keinen allzu großen Anreiz, wissenschaftliche Trends zu beschreiben, weil die Recherche aufwendig ist. Stattdessen begnügt man sich mit einem Kompromiss: man fasst einige Studien oder einige Vorträge auf einem Kongress zusammen. Die passen vielleicht nicht richtig zueinander und ergeben keine runde Geschichte, aber es funktioniert einigermaßen: Es gibt durch die Studien oder Vorträge einen aktuellen Aufhänger und man greift weiterhin auf das Material zurück, das einem von den Pressestellen angeboten wird.
    Meine Empfehlung, häufiger zu fragen, was das Publikum wissen möchte, um dann in der Wissenschaft nach Antworten zu suchen, führt hingegen weiter. Auf diese Weise stärkt man die Rolle des Journalismus und auch die Rolle der Wissenschaft in der Gesellschaft. Man hätte eine echte Chance, dem eingespielten System zu entkommen. Und solche Beiträge ließen sich mit einem vertretbaren Aufwand recherchieren, denn es wäre klar, dass sie nur einen Teil zur Antwort auf die zugrunde liegende gesellschaftliche Frage liefern.

    • Meine Vermutung: Wenn man fragt, was das Publikum wissen möchte, dann werden eben nicht nur konkrete Fragen kommen, sondern auch, dass die Leute wissen möchten, was an Themen und Fragestellungen denn jetzt gerade in der Wissenschaft aktuell und interessant ist. Und die Antwort darauf wäre, wenn man sich von der Pseudoaktualität der Mitteilungen löst, gerade die Berichterstattung über wissenschaftliche Trends. Allein das Leserinteresse wäre für mich schon ausschlaggebendes Argument dafür, es so zu machen.

      Zementiert man damit das System? Für mich scheint die grundlegende Frage nicht nur hier, sondern auch in anderen Bereichen, in denen Journalismus Konkurrenz z.B. durch Online-Angebote bekommt zu sein, welchen Mehrwert Journalismus bieten kann. Und da ist ziemlich klar: Pressemitteilungsgesteuerter Wissenschaftsjournalismus bietet weniger, sorgfältige Berichterstattung über längere Entwicklungsbögen gehörigen Mehrwert. (Und zumindest bei den jetzigen Zugriffszahlen dürften Blogs und die Forschungsmagazine der Pressestellen da mit Blick auf eine allgemeine Leserschaft keine hinreichende Breitenwirkung haben, um den herkömmlichen Medien ernsthafte Konkurrenz zu machen. Bei den wenigen Lesern, deren Interesse besonders groß ist, mag das schon anders sein.)

  5. Technik-und Wissenschafsfreaks wissen, vermittelt durch Journalisten/Blogger mehr, können aber meiner Einschätzung nach technisch/wissenschaftliche Themen von gesellschaftlicher Relevanz kaum besser beurteilen und ihre Chancen und Risiken kaum besser einschätzen als die Normalbevölkerung. Ein Grund dafür ist die Berichterstattung über Technik-/Wissenschafts-News. Ein an Erneuerbaren Energien interesserierter erfährt da beispielswiese jede Woche etwas neues über neue Photovoltaik- oder Batterietechnologien und erhält dann oft den Eindruck, wir ständen kurz vor dem ultimativen Durchbruch sowohl in der Photovoltaik als auch in der Batterietechnologie. Erst nach vielen Jahren als Technik-Wissenschaftsfreak kehrt dann Ernüchtertung ein und beginnen kritische und auch selbstkritische Fragen wie:
    “Wurde uns nicht schon vor 5 Jahren die Perovskit-Solarzelle versprochen und es gibt immer noch keine martgängiges Produkt”.
    “Wie steht es den mit der Lithium-Air-Batterie, der angeblich bereits in den Startlöchern stehenden Lithiumschwefelbatterrie” usw.

    Wird dann ein dermassen Interessierter nach den potenziellen Problemen der erneuerbaren Technologien oder der zu erwartenden Entwicklung in diesem Bereich befragt, sind seine Urteile selten fundierter als von Menschen, die sich kaum damit beschäftigen. Ein Technik-/Wissenschaftsinteressierter ist im Vergleich zum Durchschnttsbürger einfach optimistischer, hat aber sonst kaum fundiertere Urteile und Einschätzungen.

    Das liegt meiner Ansicht nach in der tendenziell unkritischen Berichterstattung auch von Seiten der Wissenschaftsjournalisten, die vor allem über Neuigkeiten berichtet, sie aber kaum in den grösseren Zusammenhang stellt.

    Hier sollte sich einiges ändern, meine ich. Vor allem sollten von den Wissenschaftsjournalisten und Bloggern die richtigen Fragen gestellt werden und sie sollten sich mehr um das Gesamtbild kümmern und in der Lage sein, das Thema über das sie berichten in den Gesamtzusammenhang zu stellen.