Webseiten-Vergleich zur Ankunft von Alexander Gerst bei der ISS

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… aber nicht einfacher
RELATIV EINFACH

Gestern abend haben wir, wie viele andere, vor dem Livestream gefiebert und den Start von Alexander Gerst zur ISS geschaut (u.a. SciLogs-Kollege Michael Khan hatte ja darüber informiert: hier und hier).

Das war ja durchaus spannend; insbesondere hatten wir gerätselt, ob das stofftierartige Dingsel, was da über Gerst baumelte, eventuell schon die Maus von der “Sendung mit der Maus” ist, die ja als Plüschtier ebenfalls zur ISS mitfliegt (Screenshot vom ESA-Streaming):

astro-alex-maus

Es ist aber laut diesem Blogeintrag des Raumfahrtjournalisten Gerhard Kowalski doch wohl die Plüschgiraffe, die der amerikanische Astronaut Reid Wiseman mitgenommen hat, und die bei diesem Flug den Ehrenplatz als “Schwerelosigkeits-Indikator” bekam.

Aufgeblieben, um Docking-Manöver und Ankunft heute in den frühen Morgenstunden mitzuerleben, bin ich dann doch nicht. Und als ich heute morgen auf die drei einschlägigen Webseiten ging, nämlich zur DLR, zur ESA und zur NASA fand ich dann, ehrlich gesagt, als erstes etwas ganz anderes interessant. Ich mache mir von Berufs wegen regelmäßig Gedanken darüber, wo es mit dem Web hingeht, wie gute Webseiten aussehen, wie man mit den neuen Medien umgeht und so weiter (wie viele andere, auch hier auf den SciLogs, auch). Und die Unterschiede zwischen den drei Webseiten haben dann, leider, doch etwas meine Vorurteile bestätigt, die da lauten: die NASA ist in dieser Sparte den Europäern doch um mehr als eine Nasenlänge voraus.

Fangen wir bei der ESA an.

Das ist der Teil der ESA-Webseite, den ich auf meinem Computermonitor beim Einstieg sehe (das, was bei der Zeitung “über dem Knick” wäre):

Screen shot 2014-05-29 at 9.31.49 AM

 

Auf den ersten Blick alles paletti, denn da ist, ansprechend mit einem großen Bild des entsprechenden Augenblicks “Enter the Station”, also der Zugang zur Raumstation.

Das Problem ist nur:  Von dort werde ich nicht etwa direkt weitergeleitet auf alle möglichen weiteren Informationen, sozusagen hineingezogen in das Informationsangebot. Stattdessen lande ich auf der Beschreibungsseite des Bildes:Screen shot 2014-05-29 at 9.50.29 AM

Das ist für einen Bildredakteur das richtige Format – es zeigt prominent das Copyright, Release-Datum, Titel, Link zum Herunterladen der Vollversion. Aber es enthält kein einziges Link auf weiterführende Informationen: Pressemitteilungen, weiteres aktuelles Material, Videos, Alexanders Blog oder ähnliches. Den Webseitenbesucher in so prominenter Weise einzufangen und dann in einer Sackgasse abzusetzen ist – naja, sagen wir mal vorsichtig: suboptimal.

Aber zurück zur Einstiegsseite. Wenn man dort etwas scrollt (“unter dem Knick”) findet man dort noch zwei weitere Einträge:

Screen shot 2014-05-29 at 9.31.58 AM

Mir ist zuerst “Latest Press Release” ins Auge gefallen (eigentlich ungewöhnlich, denn Latest News steht ganz links und hat Bild), und das führt auf einen ellenlangen Text, und zwar nur Text: einen “plain text press release”:

Screen shot 2014-05-29 at 9.57.40 AM

Das geht noch ellenlang so weiter. Knapp 5000 Zeichen. Kein einziges Bild. Kein einziges Link auf andere Inhalte. Wieder eine Sackgasse.

Aber halten wir den Kollegen mal zugute, dass die meisten Besucher eher auf “Latest News” geklickt hätten. Das ist aber auch nur marginal besser. Wie man eine Nachricht “ESA Astronaut Alexander Gerst arrives at Space Station” machen kann ohne ein einziges Bild, wie Alexander Gerst bei der Raumstation ankommt ist mir ein Rätsel.

Immerhin gibt es diesmal Links, unter anderem auf das Pale Blue Dot Blog, zu dem Gerst auch selbst Beiträge schreibt (wenn auch jetzt natürlich noch nicht – der hat anderes zu tun). Da wird es dann endlich modern: Ganz oben ein Link, unter dem man das Docking als Video beobachten kann. (Das Video selbst will bei mir zwar jetzt gerade weder im Firefox noch in Safari starten, aber es ist wenigstens da. Vermute ich.) Und auf dem Blog sind auch zeitnah gepostete Bilder zum Andockmanöver und Alexanders Ankunft in der ISS.

Soweit zur ESA; bei der DLR ist die Lage etwas besser. Wenn ich dort auf die Einstiegsseite komme, ist wieder über dem Knick ein Blickfänger:

Screen shot 2014-05-29 at 10.22.44 AM

…und der Blickfänger führt auch nicht wie bei der ESA in eine Sackgasse, sondern auf diese Seite hier: Alexander Gerst – Arrival at the ISS

Screen shot 2014-05-29 at 10.26.52 AM

Richtig vom Hocker haut diese Seite zwar nicht – keine Videos, ein einziges Bild – aber immerhin hat die Seite im Gegensatz zur ESA-Meldung überhaupt ein aktuelles Bild, und sie ist keine Sackgasse: rechts sind schön übersichtlich die weiteren Seiten – u.a. wieder Alexander Gersts Blog – verlinkt, und im Text finden sich viele Links zu Details der Mission, den Experimenten und so weiter.

Jetzt aber zum Kontrastprogramm – zur NASA, Stand 10 Uhr am 29.5.: Hier wieder der Anblick “über dem Knick”:

Screen shot 2014-05-29 at 9.31.10 AM

Da wäre meine einzige Mäkelei, dass “Expedition 40 Flickr Gallery” dort steht, wo man traditionallerweise das “more”, also “mehr Informationen”-Link erwarten würde. Ansonsten kommt man beim Klick auf Überschrift oder Bild direkt auf diese Seite hier:

Screen shot 2014-05-29 at 10.14.47 AM

Da ist alles zusammen: Text zu den aktuellen Ereignissen, rechts Bilder und YouTube-Videos. So aktuell, wie sie sein könnte, ist die Seite auch nicht – es fehlt, Stand 10:15 Uhr MESZ, der Link auf das auf YouTube bereits vorhandene Video “Ankunft in der ISS” – aber sie leistet ungleich besser als bei der ESA, was eine moderne Webseite leisten soll.

Und die NASA hat ihre Videos eben auf YouTube hochgeladen, so dass ich sie leicht teilen kann:

Start:

Andocken:

Ankunft:

Um fair zu sein: Ich habe jetzt gesehen, dass auch die ESA auf YouTube ist – aber die verlinkt von ihren Webseiten offenbar nicht darauf. Und sie ist den Ereignissen auch deutlich hinterher; stand 29.5. 10:30 Uhr hat sie gerade mal den Start hochgeladen, aber weder Docking noch Ankunft:

Zwischenbilanz: Zumindest in der ersten Phase von “Blue Dot” sieht man, dass die NASA den europäischen bzw. deutschen Kollegen in Sachen Webnutzung in einiger Hinsicht deutlich voraus sind. Die Wichtigkeit von Multimedia-Inhalten und Verlinkungen ist bei der ESA offenbar noch nicht so richtig angekommen. (Das ist ein weniger hartes Urteil, als es jetzt klingt; über die von mir betreute Webseite Einstein Online beispielsweise kann man im jetzigen Zustand ähnliches sagen – da ließe sich durch gezielte, deutliche Verlinkungen noch viel mehr herausholen und die Webseite an die heutigen Web-Lese- und Klick-Gewohnheiten anpassen.)

Aber das Blog von Alexander Gerst – zusammen mit all seinen anderen Multimedia-Aktivitäten von dieser schön zeitgemäßen Seite aus zugänglich  und die Aktivitäten von Astro_Alex auf Twitter machen Hoffnung, dass das nur ein etwas mauer Anfang war, und dass die “Blue Dot”-Mission ihr Faszinationspotenzial dann doch noch voll und web-effektiv entfalten kann.

Und wir haben gegenüber den Amerikanern in punkto Outreach natürlich noch einen Trumpf im Ärmel: Die schon kurz erwähnte Sendung mit der Maus, die auch eine eigene Seite “Die Maus im All” eingerichtet hat und Gerst und der ISS in den kommenden Maus-Sendungen sicher gebührenden Platz einräumen wird. Und dagegen verblassen dann auch die Web-Anlaufschwierigkeiten, denn die Verbindung mit der Maus ist aus Sicht der Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit schlicht nicht zu überbieten.

Ich bin jedenfalls sehr gespannt, wie’s weitergeht – auch, aber nicht nur aus beruflichen Gründen!

 

 

Markus Pössel hatte bereits während des Physikstudiums an der Universität Hamburg gemerkt: Die Herausforderung, physikalische Themen so aufzuarbeiten und darzustellen, dass sie auch für Nichtphysiker verständlich werden, war für ihn mindestens ebenso interessant wie die eigentliche Forschungsarbeit. Nach seiner Promotion am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) in Potsdam blieb er dem Institut als "Outreach scientist" erhalten, war während des Einsteinjahres 2005 an verschiedenen Ausstellungsprojekten beteiligt und schuf das Webportal Einstein Online. Ende 2007 wechselte er für ein Jahr zum World Science Festival in New York. Seit Anfang 2009 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg, wo er das Haus der Astronomie leitet, ein Zentrum für astronomische Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit. Pössel bloggt, ist Autor/Koautor mehrerer Bücher, und schreibt regelmäßig für die Zeitschrift Sterne und Weltraum.

6 Kommentare

  1. Moin 🙂
    Das Andocken sah ich noch live, und ich liebe dieses Internet, aber vor einigen Seiten … ich hätte deine zuerst lesen sollen.
    Die ESA -Seite machte mich gestern Nacht schon kirre und so suchte ich mir auf den Seiten der NASA die paar Details zusammen, die mir fehlten, die Bilder via Twitter, sonst wäre ich ja gar nicht mehr ins Bett gekommen. So etwas ist nervig und unnötig, und hoffentlich bekommen unsere Deutschsprachigen einiges an Feedback auf ihre Seiten (falls man den Link findet).
    Ich kann nur hoffen, dass die Webseitenmacher von ESA und DLR deinen Blog lesen!

  2. Huch, gib es hier eine Längenbegrenzung?
    Es fehlt noch:
    Die Seite Einstein- Online ist ein Wissensspeicher, etwas zum Nachschlagen, und ich denke, etliche Nutzer werden wie ich gezielt etwas dort heraussuchen, lesen und vielleicht noch ein bisschen blättern. Eine solche Seite, so groß vor allem, darf zwischen den Design- Moden liegen. Aber bei so gehypten Starts sollte die ESA wirklich fixer sein.
    Dass sie auf der Tube sind, ist mir gar nicht aufgefallen, eben …
    und vielen Dank für die verlinkten Vids 🙂
    Service pur …

    • Danke für die positive Rückmeldung! Soweit ich weiss gibt’s keine Längenbegrenzung bei den Kommentaren – sonderbar.

      Ich denke auch, dass es bei Einstein Online etwas weniger akut ist als bei den ESA-Webseiten, aber, ja: ich denke wir verpassen derzeit mit Einstein Online auch viele Chancen, weil die verschiedenen Inhalte nicht attraktiv genug verlinkt sind.

      • Ich finde es, fiel mir soeben auf, sehr bedauerlich, dass ich auf den Scilogs- Seiten keine Kommentare mehr für den Feedreader abonnieren kann. Erhöht sicher die Klickzahlen, aber …
        Attraktivere Verlinkung ist weniger das Problem, denke ich, als einstige Besitzerin einer privaten Webseite – die Anpassung an andere Navigationsmoden, beziehungsweise, das Umstrukturieren ist enorm arbeitsaufwändig. Ich könnte mir eine übersichtlichere Struktur vorstellen, aber machen wollte ich das nicht, außerdem erschreckt man damit auch die Nutzer, die sich an eine Struktur gewöhnt haben. Gleich welche Software oder welches CMS verwendet wird, es bleibt doch immer genug Handarbeit übrig …

  3. Es scheint alles nur eine Frage des Einstiegs zu sein: ESA und DLR setzen offenbar inzwischen weitgehend auf Link-Verbreitung durch Social Media und vernachlässigen dabei die klassischen Frontpages (die ich selber praktisch gar nicht mehr benutze, deswegen sind mir die aufgezeigten Defizite schlicht nicht aufgefallen). Allein schon durch Twitter wurde ich jedenfalls vergangene Nacht – ab Mitternacht, nach der Rückkehr von der rauschenden Launch-Party in Köln – mit mehr als genug Bild-, Video- und Textmaterial versorgt, wie man, samt Zeitmarken, im Live-Blog nachvollziehen kann (wo die Zeit generell von unten nach oben, innerhalb der Blöcke dann chronologisch abläuft). Die besten Bilder vom Start und Drumherum hatte die NASA in der Tat viel früher als die ESA, dank eines ausgefuchsten ‘Vertriebssystems’ über Flickr, das selbst in der kasachischen Steppe funktioniert – aber die bislang einzigen echten Fotos aus der ISS selbst nach der Ankunft der Soyuz, insbesondere vom grinsenden Einschweben Gersts, hat einer der dort schon ansässigen Kosmonauten über sein eigenes Blog verbreitet. Dem ich zum Glück rechtzeitig ‘folgte’, aber inzwischen werden seine Galerien auch schon viral. Die Zeiten der Wissenschaftskommunikation ändern sich wirklich stürmisch …

    • Jein. Zumindest wenn man den Webseiten überhaupt noch eine Funktion zumisst: Dann kann der Einstieg ruhig über Social Media erfolgen, aber wenn ich dann (wie eben bei der ESA in diesem Falle) in einer Sackgasse lande, sprich: auf einer Seite ohne weitere Links, dann reißt der Faden da ab. Und man verpasst eine Chance, den über Twitter etc. angereisten Besucher auf weitere interessante Teile der eigenen Webseiten zu lenken. (Die unsäglichen viralen-Geschichten-Server machen das ja sehr professionell: Auf jeder Seite, die eine der Geschichten bieten, sind deutliche Links mit lockenden Überschriften, die auf weitere Seiten verweisen.)

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