Visualisierung und Authentizität (angeregt durch die neue “Cosmos”-Sendung)

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… aber nicht einfacher
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Die neue Cosmos-Fernsehserie mit Neil Tyson hat mich zu einigem Nachdenken darüber angeregt, was wir mit Visualisierung in der Wissenschaftskommunikation eigentlich erreichen können – und was nicht. Hier einige noch nicht sehr geordnete Gedanken, die nicht hauptsächlich als Kritik der Serie gedacht sind (die ich bei mir erst noch etwas sacken lassen muss). Eine Reihe davon gehen mir schon länger im Kopf herum (beispielsweise im Hinblick auf Planetariums-Visualisierungen), und Cosmos war ein guter Anlass, sie einmal aufzuschreiben.

Ich finde Hollywood-Visualisierungen oft nicht überzeugend. Will sagen: Ich kann sehen, dass die entsprechenden Visualisierungen exzellent gemacht sind, kann würdigen, dass diese simulierte Flüssigkeit oder jener simulierte Rauch phänomenal realistisch fließen oder wabern, aber finde das Ergebnis vom Bauchgefühl her irgendwie unecht. Wenn ich dann in Gedanken einen Schritt zurücktrete, frage ich mich, ob das gar nicht an der Visualisierung liegt, sondern an mir. Ich habe eben in Wirklichkeit noch kein kilometerlanges Raumschiff in einen Mond krachen sehen. Vielleicht sieht das ja genau so aus, wie es mir der Film vorführt? Nur, dass ich mangels eigener Erfahrung gar nicht beurteilen kann, wie gut die Visualisierung gelungen ist?

Was mich gleich zu der Frage führt: Unter welchen Umständen bekomme ich denn dieses Echtheits-Bauchgefühl (und das ja vielleicht in einer Weise, die nicht nur für mich persönlich gilt, sondern allgemeiner)? Dazu gehört wohl, dass meine Erfahrung irgendwo anknüpfen kann. Manchmal sind das Anknüpfungspunkte, die nicht so einfach festzunageln sind.

Fangen wir erst einmal kleiner an: Warum wirkt die Welt der Alien-Filme auf mich soviel authentischer als z.B. die Welt von Star Trek? Ich vermute, weil die Raumschiff-Innenszenen bei Alien (die, wie ich gerade nachgelesen habe, wohl vor allem auf Ron Cobb und Chris Foss zurückgehen) genügend Assoziationen an die Innenansichten von Fabrikräumen bei mir wecken, Assoziationen von Funktionalität, bei aller Ordnung unvermeidbarem Dreck, und – tja, schwer zu beschreiben, aber sagen wir einmal so: Ein Arbeits-Raumschiff teilt mit einer Fabrik nun einmal, dass beide nicht vor allem schön und elegant aussehen, sondern funktional sein sollen. Ich nehme den Alien-Raumschiffen ab, dass sie gebaut wurden, um etwas zu tun – nicht, um in einem Science-Fiction-Film wie Raumschiffe auszusehen. Bei Star Trek dagegen sind die Raumschiff-Interieurs irgendwie – ja, wie denn? Plastikartig? Zu sauber, um funktional zu sein? Mein Authentizitäts-Gefühl findet da jedenfalls keinen rechten Anknüpfungspunkt.

Ein anderer Fall ist das authentische Filmmaterial, das es z.B. zu den Apollo-Starts gibt. Auch wenn dieses Video mit Filmmaterial vom Start von Apollo 11 künstlich verlangsamt und damit ungewohnt ist – es sieht echt aus. Es ist auch echt. Und wenn man sich den Start von Apollo 13 im gleichnamigen Spielfilm ansieht, dann sieht man, wie die Filmemacher geschickt Motive aus den Originalaufnahmen übernommen und mit Kamerafahrten und Schnitten einigermaßen behutsam ergänzt haben (z.B. bei der Kamerafahrt entlang der Rakete nach unten, bei der ein Arm nach dem anderen wegschwenkt).

Alien knüpft zumindest für mich geschickt an Fabrik-Assoziationen an und verschafft sich damit eine Art künstlicher Authentizität. Apollo 13 sich einiges an echten Bildern als Vorbild nehmen und darauf aufbauen. Das Problem bei Sonnen, Sternen, Galaxien im Weltraum ist, dass derartige Anknüpfungen dort nicht so richtig funktionieren. Ich habe noch nie direkt einer Galaxie geschwebt. Ich bin noch nie frei um einen Planeten herumgeflogen. Wo soll bei solchen Visualisierungen das Echtheits-Bauchgefühl herkommen?

Wenn ich an Gelegenheiten denke, bei denen mir bei astronomischen Bildern ein Schauder den Rücken hinuntergelaufen ist, dann waren das immer echte Bilder. Zum Teil gar nicht einmal so detaillierte. Am stärksten hat vor einigen Jahren ein Saturn-Bild auf mich gewirkt, dass ich mir natürlich nicht gemerkt habe, das aber ungefähr so ausgesehen haben dürfte wie die Bilder in der zweiten Reihe auf dieser niederländischen Seite. Bei der Betrachtung hatte es auf einmal Klick bei mir gemacht – der Umstand, dass das ein extrem entferntes Objekt ist, sicher auch eine Verbindung zu den wenigen  Malen, wo ich Saturn selbst, und mit noch weniger Details, durch ein Okular gesehen hatte; die enorme Größe allein schon des Sonnensystems, zusammen mit dem absurden Umstand, dass da draußen tatsächlich so ein Objekt mit Ring umläuft. Das war das erwähnte Schaudern. Raumsondenfotos der Planeten können da trotz weit höherer Detailtreue und obwohl einige ja sehr, sehr schön sind, nicht mithalten. Die kann ich zwar durchaus würdigen und toll finden, aber es ist ein anderes Bauchgefühl – ich würdige solche Fotos eher auf intellektueller Ebene. Kein Schaudern.

Ähnlich geht es mir bei Sonnensystem-Visualisierungen wie in der Pilotfolge von Cosmos. Ganz hübsch, aber zumindest bei mir kein Echtheits-Bauchgefühl. Und ich frage mich dann immer unwillkürlich, ob es überhaupt sinnvoll ist, mit Hollywood auf deren Terrain konkurrieren zu wollen. Wir haben ja nun einmal echte astronomische Bilder. Die kamen in der Folge, soweit ich sehen kann, gar nicht vor. Wo sich ein Bild – das den Vorteil hätte, zumindest aus seiner Herkunft aus echten Beobachtungen etwas Authentizität mitzunehmen – durch eine Animation ersetzen ließ, haben die Macher diese Ersetzung auch vorgenommen. Die Ergebnisse waren dann schön detailliert, eindeutig aufwändig und in hoher Qualität, aber sozusagen mehr ein Start Trek-Sonnensystem als ein Alien-Sonnensystem.

Besonders deutlich wurde der Unterschied an einer Stelle, an der sich dann doch Visualisierung und wirkliche Aufnahmen vergleichen lassen: Wenn ungefähr bei 34:30 der Asteroid vorbeisaust, der gleich darauf das Ende der Dinosaurier einleiten wird, sieht das bei Cosmos ungleich viel zahmer aus als die Amateuraufnahmen aus Tscheljabinsk. Hie eine Leuchtkugel mit einigermaßen regelmäßigem Schweif, ein moderater Knall mit etwas aufgewirbeltem Staub. Dort eine Erscheinung, die so hell ist, dass sie die automatische Helligkeitsanpassung der Kameras überwältigt, ganz gewaltig bloomt, so dass man zum Teil gar keine Details erkennen kann, eine Druckwelle, die den Menschen die Handykamera aus der Hand schlägt und verzerrt ist, da offenbar jenseits der Pegel, die so eine Handykamera noch aufnehmen kann. Ein Unterschied wie Tag und Nacht.

Am wirksamsten fand ich die Visualisierungen in Cosmos immer da, wo ich nicht den Eindruck hatte, dass man mir zeigen wollte “Und so, lieber Zuschauer, würde das aussehen, wenn man tatsächlich dadurch fliegen würde”, sondern wo klar war: Das hier will gar nicht echt sein. Der Kalender etwa, an dem Neil Tyson die kosmische Geschichte mit ihren 13,8 Milliarden Jahren auf ein einziges Jahr abbildete:  am 1. Januar Urknall, am 10. Januar die ersten Sterne und so weiter, bis zu den letzten paar Sekunden dokumentierter menschlicher Geschichte. Da stellte alleine schon Tysons Wanderung auf einem großen virtuellen Kalenderblatt klar, dass wir uns in einer künstlichen Welt befinden, und damit war der Anspruch auf einmal ein ganz anderer, und auch das fehlende Echtheits-Bauchgefühl hat mich nicht mehr gestört.

Ich weiß selbst auch nicht, wie ein Alien-Cosmos im Vergleich zum jetzigen Star Trek-Cosmos im Einzelnen aussehen würde. Vermutlich mit einer Möglichkeit, authentische Bilder so einzubinden, dass sie nicht in die Hollywood-Welt überwechseln sondern authentisch bleiben. Oder vielleicht wäre die richtige Richtung eben die, gar nicht den Eindruck zu erwecken, als wolle man alles realistisch darstellen, sondern sich – wie beim Kalender – ausdrücklich davon zu distanzieren? Lieber Tscheljabinsk-Aufnahmen zeigen und dazu erzählen, anstatt das ganze lauwarm nachzukochen? Bei mir bleibt jedenfalls das Gefühl zurück: Visualisierung von astronomischen Phänomenen geht noch besser, Echtheits-Bauchgefühl-erzeugender. Ich hoffe, dass sich die Fernsehwelt jetzt nach Cosmos nicht zurücklehnt und sagt, da, das war es, perfekt, da müssen wir nicht nochmal ran. Sondern dass jemand, der in den entsprechenden Bildern denken kann, sich an eine ganz andere Art von Neuauflage solch einer Reise durch das Universum macht.

 

 

 

 

Markus Pössel hatte bereits während des Physikstudiums an der Universität Hamburg gemerkt: Die Herausforderung, physikalische Themen so aufzuarbeiten und darzustellen, dass sie auch für Nichtphysiker verständlich werden, war für ihn mindestens ebenso interessant wie die eigentliche Forschungsarbeit. Nach seiner Promotion am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) in Potsdam blieb er dem Institut als "Outreach scientist" erhalten, war während des Einsteinjahres 2005 an verschiedenen Ausstellungsprojekten beteiligt und schuf das Webportal Einstein Online. Ende 2007 wechselte er für ein Jahr zum World Science Festival in New York. Seit Anfang 2009 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg, wo er das Haus der Astronomie leitet, ein Zentrum für astronomische Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit. Pössel bloggt, ist Autor/Koautor mehrerer Bücher, und schreibt regelmäßig für die Zeitschrift Sterne und Weltraum.

5 Kommentare

  1. Danke für dieses Essay – damit kenne ich noch einen weiteren Grund, warum mich der ‘Cosmos’-Reboot nicht überzeugt hat. Das einzig Authentische in der gesamten Folge war tatsächlich der alte Terminkalender von Sagan – und genau an dieser Stelle, eine Minute vor Schluss, hat mich der neue ‘Cosmos’ auch zum ersten und einzigen Mal gepackt. Ich hoffe, die Pilotfolge hat sich eher als eine Art Teaser für die anderen 12 verstanden, wo es dann mehr in die Tiefe einzelner Themen geht – mit echten Bildern und (aus das fehlte schmerzlich) dem wissenschaftlichen Prozess, der dahin geführt hat. Und der den eigentlichen Reiz der Wissenschaft ausmacht und nicht die pretty pictures mit Tyson, dem Verkünder, im Vordergrund …

  2. Ich habe diese Sendung noch nicht gesehen, möchte jedoch schon mal eine Meinung abgeben.

    Ich denke, es hängt davon ab, was man meint, wenn man von Visualisierung spricht. Geht es um die Visualisierung von Konzepten oder von Daten? Wenn Konzepte oder Vorstellungen gemeint sind, ist es da nicht egal, ob die Resultate besonders “realistisch” aussehen? Will man das überhaupt? Sollte das Ziel nicht sein, einen Vorgang oder eine Idee möglichst verständlich deutlich zu machen?
    Man kann auch fragen, was an einer verrauschten CCD-Aufnahme von Saturn nun realistisch ist. In diesem Fall kann man sicher sehr schön die Limitierungen der Beobachtungstechnik deutlich machen. Wenn das das Thema ist, prima. Aber eine besonders realistische Darstellung des Objekts Saturn ist das sicher nicht.

    Bitte versteh mich nicht falsch, ich bin auch kein Freund von sog “pretty pictures”. Man muss sich halt immer im Einzelfall überlegen, was die Visualisierung erreichen möchte.

  3. Ähnlich geht es mir bei Sonnensystem-Visualisierungen wie in der Pilotfolge von Cosmos. Ganz hübsch, aber zumindest bei mir kein Echtheits-Bauchgefühl. Und ich frage mich dann immer unwillkürlich, ob es überhaupt sinnvoll ist, mit Hollywood auf deren Terrain konkurrieren zu wollen.

    Hmja, also wer Hollywood-Filme oder Filme allgemein, die ein bestimmtes Milieu bearbeiten oder zumindest als Hintergrund nutzen für die Handlung, gesehen hat, wird, wie der Schreiber dieser Zeilen, wohl auch festgestellt haben, dass die Realität einen Tick anders ist. Langweiliger, wesentlich langweiliger, die Filmindustrie bearbeitet ja nicht die Sache, sondern eine dramatische Sicht auf eine Sache.
    Es ist nicht sinnvoll ‘mit Hollywood konkurrieren zu wollen’ und ‘Bauchgefühle’ einer vermeintlichen Echtheit zu erzeugen, wenn visualisiert wird, wenn mit wissenschaftlichem Anspruch visualisiert wird.
    MFG
    Dr. W

  4. Sr, v2, oben bitte löschen, danke :

    Ähnlich geht es mir bei Sonnensystem-Visualisierungen wie in der Pilotfolge von Cosmos. Ganz hübsch, aber zumindest bei mir kein Echtheits-Bauchgefühl. Und ich frage mich dann immer unwillkürlich, ob es überhaupt sinnvoll ist, mit Hollywood auf deren Terrain konkurrieren zu wollen.

    Hmja, also wer Hollywood-Filme oder Filme allgemein, die ein bestimmtes Milieu bearbeiten oder zumindest als Hintergrund nutzen für die Handlung, gesehen hat, wird, wie der Schreiber dieser Zeilen, wohl auch festgestellt haben, dass die Realität einen Tick anders ist. Langweiliger, wesentlich langweiliger, die Filmindustrie bearbeitet ja nicht die Sache, sondern eine dramatische Sicht auf eine Sache.
    Es ist nicht sinnvoll ‘mit Hollywood konkurrieren zu wollen’ und ‘Bauchgefühle’ einer vermeintlichen Echtheit zu erzeugen, wenn visualisiert wird, wenn mit wissenschaftlichem Anspruch visualisiert wird.
    MFG
    Dr. W

  5. Pingback:“Cosmos” mit Neil deGrasse Tyson: Ich bin begeistert! – Astrodicticum Simplex

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