Urlaubsastronomie auf Föhr: Sternschnuppen, Navigation, Planetenweg

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… aber nicht einfacher
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Sommerurlaub bietet nicht selten gute Gelegenheiten, den Sternenhimmel in all der Pracht, die er außerhalb von Stadtgebieten aufweist, zu beobachten – egal ob im Gebirge oder an der See, in unserem Falle auf der Nordseeinsel Föhr. Sicher nicht jeden abend, aber wir zum Beispiel hatten in der letzten Woche zwei sehr klare Nächte. Hier ein Foto vom großem Wagen (unten mittig) und kleinem Wagen (oben rechts) – im kleinen Ausschnitt ist nur der große Wagen gezeigt; durch Anklicken kommt man auf das große Foto:

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Foto der Himmelsregion um großen und kleinen Wagen. Canon EOS70D mit Samyang 16mm, ca. f/2.8, 20 Sekunden, ISO 800.

Hinzu kommt, dass derzeit – Michael Khan und Kevin Gräff haben ja auch schon darüber berichtet – Perseidenzeit ist, also gehäuft Sternschnuppen auftreten.

Sternschnuppen!

An einem Abend haben wir immerhin sechs helle Sternschnuppen gesehen, am zweiten sogar ganze 14 innerhalb einer guten Stunde. Es lohnt sich dabei, sich auf den Boden zu legen und auf diese Weise eine möglichst große Himmelsregion im Blick zu haben – auch in den peripheren Bereichen des Sehfeldes, wo man nichtsdestrotz oft noch reagieren kann, wenn dort eine besonders helle Schnuppe aufblitzt. Die Erfahrung der beiden Bloggerkollegen, dass es nämlich deutlich schwerer ist, die Sternschnuppen fotografisch einzufangen als mit bloßem Auge, habe ich auch gemacht. Auf den rund 200 Bildern, die ich in unseren beiden Sternschnuppensuchnächten geschossen habe, ist gerade mal ein einziges der sehr hellen Exemplare zu sehen:

Sternschnuppe über Föhr
Himmelsaufnahme mit Sternschnuppe (Ausschnitt). Canon EOS70D mit Samyang 16mm, ca. f/2.8, 20 Sekunden, ISO 800.

Darauf sieht man sehr schön, wie sich das Staub- oder Gesteinsteilchen, von rechts kommend, erst so aufheizt, dass man die grüne Strahlung der angeregten Sauerstoffatome erkennen kann, bevor es dann dann weißlich hell wird. Wo die Breite des Streifen variiert, entspricht das Helligkeitsschwankungen der Sternschnuppe. (All das sage ich als jemand, der sich mit Sternschnuppenaufnahmen nicht vertieft auskennt – falls ich irgendwo danebenliege, bitte in den Kommentaren korrigieren.)

Navigation

Navigation im Friesenmuseum, Wyk auf Föhr
Sextanten oder möglicherweise doch Oktanten im Friesenmuseum

Neben der Astronomie mit bloßem Auge gibt es noch diejenige Astronomie, die in der Geschichte von Föhr ihre Spuren hinterlassen hat. Die Seefahrer, die von hier aus die Welt bereist haben, haben schließlich jahrhundertelang nach den Sternen navigiert. Dementsprechend findet man im Friesenmuseum in Wyk auf Föhr noch entsprechende Sextanten (oder sind die sehr schmalen doch die älteren Oktanten?) und anderes Navigationsgerät:Soweit die astronomischen Bezüge, die ich von vornherein erwartet hatte. Es gab aber zusätzlich Astronomie, mit der ich nicht gerechnet hatte.

Ein Planetenweg auf Föhr

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Sonne und Leuchtturm passt ja auch irgendwie

Am Strand von Foehr entlang zieht sich nämlich ein Planetenweg! Die Sonne befindet sich an dem kleinen Leuchtturm von Wyk (54 Grad, 40′ 50.6″ N, 8 Grad, 33′ 58.5″ O; Genauigkeit meiner Ortsangaben jeweils auf ca. 4-5 Meter), das Schild ist im Bild rechts im unteren Drittel zu sehen.

Von dort geht es im Maßstab 1 zu 400 Millionen den Strand entlang. Zunächst, wie im wirklichen Sonnensystem auch, geht es recht schnell die Strandpromenade entlang zu Merkur (54 Grad, 40′ 49.3″ N, 8 Grad, 33′ 50.9″ O), Venus (54 Grad, 40′ 48.5″ N, 8 Grad, 33′ 43.8″ O), der Erde (54 Grad, 40′ 48.0″ N, 8 Grad, 33′ 38.8″ O) und Mars (54 Grad, 40′ 47.8″ N, 8 Grad, 33′ 28.8″ O).

An jeder Position eines Planeten findet sich am Laternenpfahl oder auf eigenem Pfosten ein Schild wie dieses hier für den Mars, mit entsprechenden Informationen zum Planeten selbst sowie zum Föhrer Planetenweg:

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Hinweisschild Mars

 

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Jupiter. Fahrradfahren verboten

An einer Stelle habe ich das Schild allerdings leicht retuschiert. Die Planetenwegschilder gehören nämlich zu einem Geocache, also zu einer Art Schatzsuche mit GPS-Empfänger, und den Hinweis, den man aus dem Schild herauslesen kann, habe ich aus dem Bild entfernt. (Weitere Informationen, auch direkt zu diesem Planetenweg-Cache, findet man auf www.geocaching.com.)

Für den Jupiter, so eine weitere Lektion in den Abstandsverhältnissen des Sonnensystems, muss man dann schon deutlich weiter wandern. Die eigentliche Promenade ist dann schon zuende, und man wandert auf der geteerten Vorderseite des Deichs.

Knapp zwei Kilometer vom Sonnen-Leuchtturm entfernt findet man dann jedenfalls den größten Planeten unseres Sonnensystems (54 Grad, 40′ 52.1″ N, 8 Grad, 32′ 12.8″ O) – siehe rechts.

Bis dahin war ich noch zu Fuß unterwegs gewesen. Für Saturn habe ich mich dann doch auf das Fahrrad geschwungen, geschaut, dass ich in ungefähr der richtigen Entfernung von der Sonne, nämlich 3,58 km (danke, GPS-Empfänger!) wieder auf den Strand stieß, und traf dort auf einer Düne tatsächlich auf Saturn (54 Grad, 40′ 53.6″ N, 8 Grad, 30′ 51.0″ O):

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Saturn auf seiner Düne

Uranus ist nicht mehr direkt am Strand, sondern an der Parkplatzzufahrt des FKK-Strandes zu finden, vermutlich um unangenehme Konfrontationen zu vermeiden (“Sie ziehen sich sofort aus!” – “Aber ich suche doch nur Uranus!” – immerhin im Deutschen nicht so peinlich zweideutig wie bei entsprechender Aussprache im Englischen; 54 Grad, 41′ 29.4″ N, 8 Grad, 27′ 35.1″ O):

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Uranus und der FKK-Strand am Rand des Sonnensystems

Geschichtlich durchaus korrekt ist Neptun am schwierigsten zu finden. Am Anfang habe ich direkt am Strand von Utersum gesucht, dem westlichsten Dorf auf Föhr, aber das hat bei den entsprechenden Entfernungswerten zu keinem Ergebnis geführt. Einmal war ich fast davon überzeugt, dass jemand den armen Neptun abmontiert hat:

War hier mal Neptun?
War hier mal Neptun?

Am Ende war ich dann doch erfolgreich  (54 Grad, 42′ 30.2″ N, 8 Grad, 24′ 03.4″ O). Die Skizze des Planetenwegs unten auf jedem Schild zeigt nämlich, dass Neptun in Utersum etwas hinter dem Deich liegt, und mithilfe zweier kundiger Einheimischer habe ich ihn dann auch gefunden:

Eines von diesen Schildern ist ein Planet.
Eines von diesen Schildern ist ein Planet.

[Nachtrag 20. April 2017: Neptun ist umgezogen! Er hängt jetzt, deutlich einfacher zu finden, vor dem kleinen Kurmittelhaus in Utersum (54 Grad, 42′ 45.6″ N, 8 Grad, 23′ 51.8″ O). Dank an Philipp Kurowski (@philkuro) für Mitteilung und Koordinaten!]

Alles in allem ein schöner astronomischer Nachmittag – und zumindest die groben Verhältnisse im Sonnensystem (innen alles zusammen, Jupiter deutlich weiter weg, danach werden die Distanzen noch einmal deutlich größer) kann man sich auf diese Weise erlaufen bzw. erradeln. Ich empfehle für die Rückfahrt per Fahrrad nach Wyk, von Utersum aus außen vor den Deichen entlangzufahren – dann bekommt man zusätzlich zu einer Übersicht über die Größenverhältnisse im Sonnensystem auch ein gutes Gefühl für die Größe der Insel!

Markus Pössel hatte bereits während des Physikstudiums an der Universität Hamburg gemerkt: Die Herausforderung, physikalische Themen so aufzuarbeiten und darzustellen, dass sie auch für Nichtphysiker verständlich werden, war für ihn mindestens ebenso interessant wie die eigentliche Forschungsarbeit. Nach seiner Promotion am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) in Potsdam blieb er dem Institut als "Outreach scientist" erhalten, war während des Einsteinjahres 2005 an verschiedenen Ausstellungsprojekten beteiligt und schuf das Webportal Einstein Online. Ende 2007 wechselte er für ein Jahr zum World Science Festival in New York. Seit Anfang 2009 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg, wo er das Haus der Astronomie leitet, ein Zentrum für astronomische Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit. Pössel bloggt, ist Autor/Koautor mehrerer Bücher, und schreibt regelmäßig für die Zeitschrift Sterne und Weltraum.

7 Kommentare

  1. Strand und Sterne, wirklich hübsch. Und so ein netter kleiner Leuchtturm.

    Aber ein Marsmond namens “Deimer”? Das wäre mir jetzt echt neu. Die “Astronomischen Daten” auf der Tafel zum Mars scheinen mir doch irgendwie, sagen wir mal, spürbar vom Friesengeist inspiriert zu sein.

    • Moin Chrys!

      Der Marsmond “Deimer” ist eindeutig unser Fehler gewesen. Die anderen Fehler sind beim Druck entstanden und uns leider beim Korrekturlesen nicht aufgefallen. Aber nun haben wir diese fehlerhafte Tafel ausgetauscht. Aus “Deimer” ist “Deimos” geworden und auch die anderen Fehler wurden behoben.

      • Moin Moin!

        Es ist wohl zu vermuten, dass sich speziell Deimos über die neue Tafel ganz schrecklich freuen wird. 😉

  2. Um es im Werbesprech meiner Lieblingsinsel auszudrücken: Planeten föhr alle 😉

    Da ich den Weg zu meiner Schande noch nicht kannte, habe ich endlich eine Ausrede, mal wieder hinzufahren! Danke!

    • Moin Susanne!
      Dein Bericht über den Planetenweg des Schullandheimes hat mit unserem Planetenwanderweg nichts zu tun. In Nieblum stehen nur drei Infotafeln außerhalb des Schullandheimgeländes. Die Heimleitung möchte aber nicht, dass das Gelände von fremden Personen betreten wird.
      Unser Planetenwanderweg wurde auch erst am 7.7.2015 offiziell eingeweiht. Er erstreckt sich vom Wyker Leuchtfeuer bis nach Utersum Triibergem ( 11,3 km Luftlinie ) über die ganze Insel.Die Planeten sind hier wie an einer Perlenschnur aufgereiht.
      Dieser Planetenwanderweg ist auf die Initiative von drei Familien auf Föhr entstanden.

      Freundlich Grüße
      Anne und Helmut

      • @Anne und Helmut: Die Entstehungsgeschichte – sowohl die Idee als auch die Umsetzung – würde mich sehr interessieren. Von den Menschen, die ich gefragt hatte, gab es ein vages “die Geocacher” (wohl wegen des ja in der Tat dort enthaltenen Geocaches) und von der Touristeninfo einen Ausdruck zu einer Ausschusssitzung, bei dem der Antrag auf Errichtung eines Planetenwegs, eingereicht von einem Menschen mit dem interessanten Namen Ray Eighteen, an den Föhr-Gesamtkoordinationsausschuss weiterverwiesen wird. Also: Wenn ihr dazu noch etwas schreiben könntet, ich fände es spannend! Beste Grüße von Markus, heute gerade von Föhr ins regnerische Heidelberg zurückgekehrt…