Zu Besuch in drei Township-Schulen

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… aber nicht einfacher
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Ich bin derzeit zu Besuch in Südafrika – Teil eines Austauschprojekts im Deutsch-Südafrikanischen Jahr der Wissenschaft, das Cecilia Scorza vom Haus der Astronomie organisiert hat (zu den Hintergründen unseres Besuchs siehe hier). In den letzten Tagen haben wir afrikanische Schüler nicht nur, wie im letzten Blogbeitrag geschildert, auf dem Wissenschaftsfestival “SciFest Africa” erlebt. Wir hatten auch Gelegenheit, drei Schulen in der Umgebung zu besuchen — auch das ein Programm des SciFest, das aber nicht nur während der Festivalzeit, sondern das ganze Jahr über stattfindet.

Zu allererst, und das keine Überraschung: Die Faszination der Astronomie ist universell, und auch die südafrikanischen Schüler haben sich mit großem Interesse angehört, was wir darüber zu erzählen hatte. Sie haben zum Beispiel neugierig mit ihren Handykameras das Dunkelwolkenmodell ausprobiert, das wir mitgebracht hatten (hier in der Nombulelo Secondary School):

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(Zum Hintergrund: Das Dunkelwolkenmodell hat vorne ein Bild der Dunkelwolke B 68 aufgeklebt – einer Staubwolke, welche die dahinterliegenden Sterne verbirgt. Astronomen können durch den Staub hindurchsehen, wenn sie Infrarotteleskope verwenden, da Infrarotlicht den Staub so gut wie ungehindert durchdringen kann. Das Dunkelwolkenmodell stellt diese Situation nach: Mit ihren Handykameras, die zumeist auch für Infrarotstrahlung empfindlich sind, können die Schüler hinter dem Dunkelwolkenbild verborgene Infrarot-Leuchtdioden [“Sterne”] aufspüren.)

Aber auch wenn sie von der Astronomie so begeistert sind wie ihre deutschen Kollegen: Die Situation der Schüler, die wir besucht haben, ist natürlich eine deutlich andere. Ihre drei Schulen liegen jeweils in Townships, also in den immer noch sehr armen Siedlungen, in die Schwarze, Farbige und Inder während der Apartheid (säuberlich voneinander getrennt) umgesiedelt wurden, als die Weißen bestimmte Stadtgebiete exklusiv für sich mit Beschlag belegten. Auch nach Ende der Apartheid leben viele der Schwarzen noch in den Townships — jetzt aus ökonomischen Gründen.

Es gibt zwar durchaus Modernisierungsprogramme der Nach-Apartheids-Regierungen: Strom für die Townships, einfache Fertighäuser in einigen Gebieten, Toilettenhäuschen aus Beton in anderen. Aber die meisten der Häuser sind nach wie vor einfache, aus Holz, Wellblech und anderen vorgefundenen Baustoffen selbstgebaute Hütten. Die Arbeitslosenquote ist hoch, die Kriminalitätsrate auch. Das ist der soziale Hintergrund der Schüler in den drei Schulen, die wir besucht haben.

Die Schulen sind recht einfach gehaltene, aber durchaus solide Gebäude. Zwei davon liegen direkt in Townships am Rande von Grahamstown: die Nombulelo Secondary School mit rund 1400 Schülern der Klassenstufen 8-12 und die Mary Waters High School mit mehr als 900 Schülern, ebenfalls Klasse 8-12. Die dritte Schule, die Kuyasa Combined School, liegt in der Nähe von Port Alfred an der Küste und hat rund 1200 Schüler von der Vorschule bis Klasse 12.

Die Schüler tragen übrigens Schuluniformen nach englischem Vorbild, wie hier auf unserem Gruppenbild in der Kuyasa Combined School zu sehen ist.

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Der Unterricht beginnt wie bei uns gegen 8 Uhr. Allerdings bekommen die Schüler dann als erstes ein Frühstück. Später gibt es dann noch ein gemeinsames Mittagessen. Die Dauer des Unterrichts scheint je nach Schule unterschiedlich zu sein; wir haben einmal von 14 Uhr, einmal von 15:30 Uhr gehört.

Genügend Lehrer für die Township-Schulen zu bekommen, ist ein Problem. Die Lehrergehälter sind zwar durchaus ordentlich, aber der Lehrerberuf ist nicht sehr angesehen – und wer Lehrer wird, geht lieber in die Städte oder gleich an eine der verschiedenen Privatschulen. In der Mary Waters High School, der den Testergebnissen nach schlechtesten der Schulen, die wir besucht hatten, fehlen derzeit ganze zwölf Lehrer.

Je nach Schule variiert die Motivation der Lehrer. An einigen Schulen, so erzählte uns die Dame vom Schulamt, die unsere Besuche organisiert hatte, ist Freitag nach 10 Uhr kein Lehrer mehr zu finden, und die Schüler müssen sich selbst beschäftigen. Die Kuyasa Combined School ist dagegen ein Positivbeispiel: Der Schulleiter ist vergleichsweise jung, selbst ein Lehrer für das Fach “Science” (soweit ich verstanden habe sind das Physik und Chemie kombiniert), und er ist von einer Privatschule an diese Township-Schule gewechselt und hat dort ein gutes Lehr- und Lernklima geschaffen. Die Schule ist im Vergleich der Testergebnisse jetzt eine der besten öffentlichen Schulen des Bezirks.

Die Lehrmaterialien stellt ebenfalls die Schule zur Verfügung — so etwas können sich die Familien der Kinder schlicht nicht leisten. Wir hatten uns entsprechend auch gefragt, ob wir den oben erwähnten Dunkelwolkenversuch, der ja Handykameras der Schüler verwendet, unter diesen Umständen überhaupt durchführen könnten. Aber Handys, so wurde uns gesagt, hätten zumindest einige der Schüler — und so war es dann auch. In der Regel handelt es sich dabei um Geburtstagsgeschenke, für die die Eltern dann extra einen Kredit aufnehmen. Für Internet oder Telefongespräche werden die Handies kaum genutzt; umso beliebter ist eine Art Messaging-Service (“Mxit”), über den die Kinder Nachrichten versenden und empfangen können.

Zurück zur Schulsituation: Die Lehrmethoden sind — das scheint aber nicht nur in den Township-Schulen so zu sein — aus unserer Sicht oft recht altmodisch. Der Schwerpunkt liegt auf Arbeiten nach Lehrbuch, Frontalunterricht, Auswendiglernen. Von einigen der Folgen hat mir mein ehemaliger Kollege Denis Pollney erzählt, der jetzt an der Rhodes-Universität in Grahamstown Mathematikdozent ist: Mit Aufgaben, die man nach Rezept durchrechnen könne, hätten seine Studenten keine Probleme. Ungewohntes, das Nachdenken und Kreativität erfordere, sei für die Studenten dagegen durchaus schwieriger, als er es z.B. aus seiner eigenen Studienzeit in Kanada gewohnt sei.

Bei unserer Präsentation, die jeweils vor Klassen stattfand, die Science-Unterricht hatten, fiel uns entsprechend auf, dass die Schüler niemals eigene Zwischenfragen stellten. Das scheint auch im normalen Unterricht nicht üblich zu sein. In dieser Hinsicht, so mein Eindruck, waren die Schüler deutlich zurückhaltender als deutsche Schüler in einer entsprechenden Diskussion. Was ich nicht weiß, aber was wir uns im Nachhinein gefragt haben, ist, wieweit da dann auch die unterschiedlichen Hautfarben eine Rolle gespielt haben mögen.

So zurückhaltend die Schüler bei unserer Präsentation mit ihren Fragen waren – glücklicherweise gab es im Anschluss jeweils noch Sonnenbeobachtungen im Schulhof (2. von rechts Olaf Hofschulz, einer der mitgereisten Lehrer; Olaf hatte zwei Sonnenteleskope mitgebracht):

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Da war die Atmosphäre dann deutlich informeller, und es gab jeweils viele Nachfragen, wie sie wohl jeder Astronom kennt: Was es denn hieße, dass wir aus Sternenstoff bestünden? Gibt es auf anderen Planeten wirklich Leben? Warum dann nicht auf den anderen Planeten des Sonnensystems? Gibt es denn auch andere Universen?

Ein Mädchen der Mary Waters-Schule, Thami, und einige ihrer Mitschüler beschlossen nach unserer Präsentation, einen Astronomie-Club an ihrer Schule zu gründen. Hier das Gründungsfoto:

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Thami möchte außerdem an einem Wissenschaftswettbewerb für Schüler teilnehmen, offenbar so etwas wie “Jugend forscht” oder die “Science fairs” in den USA. Im Falle der Township-Kinder kann die Teilnahme an einem solchen Wettbewerb aber noch deutlich größere Auswirkungen haben als bei uns. Den Besten aus dem Bezirk winken in diesem Falle “Bursaries”, also Stipendien, der in Grahamstown ansässigen Rhodes-Universität. Und damit nimmt dann das ganze Leben der Kinder eine andere Wendung.

Insgesamt schaffen es im günstigsten Falle rund 5% der Kinder aus den Township-Schulen der Gegend auf eine Universität. Knapp die Hälfte von denen macht einen Abschluss. Ist der Abschluss geschafft, sind die Aussichten recht rosig: Südafrika hat eine Art Quote eingeführt, nach der Unternehmen ab einer bestimmten Größe darauf achten müssen, dass die unter der Apartheid benachteiligten Gruppen angemessen vertreten sind – und zwar auf allen Ebenen, auch in Leitungspositionen. Erfolgreiche Absolventen aus den Townships werden sofort von Headhunter-Agenturen angesprochen und haben gute Aussichten auf interessante Posten. Wer es geschafft hat, geht dann nicht mehr zurück ins Township, holt aber vielleicht noch Teile seiner Familie nach und unterstützt die, die dageblieben sind, finanziell.

Klar fragt man sich bei so einer Gelegenheit, ob z.B. Thami (in dem Bild oben die sechste von links) das schaffen kann. Sie ist sehr aufgeweckt, neugierig, aber sie lernt unter recht schwierigen Bedingungen. Cecilia (im Bild rechts neben Themi) hat gleich begonnen, Pläne zu machen, wie man den neu entstandenen Astronomie-Club unterstützen kann. Aber wir wissen natürlich auch, dass das nur ein Tropfen auf dem heißen Stein ist, ebenso wie unsere Besuche als Ganzes. Südafrika hat noch einiges vor sich, bis das öffentliche Bildungssystem auch in den benachteiligten Regionen gut funktionieren kann. Einige der Individuen, die dabei mit einer Mischung aus Idealismus und Pragmatismus mithelfen haben wir bei unseren Besuchen kennengelernt – den Schulleiter der Kuyasa Combined School etwa, oder die erwähnte Dame vom Schulamt.

Auch die direkte Verbindung von Forschung und Bildung, auf der unsere gesamte Bildungsarbeit am Haus der Astronomie aufbaut, kann in Südafrika eine wichtige, positive Rolle spielen. Ich hatte in meinem vorangehenden Blogbeitrag kurz das SKA erwähnt, das Square Kilometer Array, ein internationales Projekt zum Bau des leistungsfähigsten Radioteleskops der Welt. Einer der beiden Standorte wird Südafrika sein, und auch die lokale Projektplanung und Herstellung der dafür benötigten Radioantennen liegt in südafrikanischer Hand. Von der Zeitskala her – Baubeginn ca. 2016, Betrieb über mindestens zehn Jahre – könnten die Schüler, mit denen wir hier Kontakt hatten, durchaus als Wissenschaftler und Ingenieure dabei sein, wenn es mit dem SKA so richtig losgeht. Und das hatten alle drei Schulen, die wir besucht haben, dann wiederum gemeinsam: Sobald die Rede auf das SKA kam, zeigte sich, dass zahlreiche Schüler bereits davon gehört hatten — und durchaus stolz darauf waren, dass ihr Land bei einem solchen Projekt eine so wichtige Rolle spielt.

 


 

Alle Artikel zur Südafrikareise:

  1. SciFest Africa!
  2. Zu Besuch in drei Township-Schulen
  3. Beobachtungsnacht mit einem 10-Meter-Teleskop
  4. Hier entsteht das größte Radioteleskop der Welt
  5. Spaziergang am Südhimmel

Markus Pössel hatte bereits während des Physikstudiums an der Universität Hamburg gemerkt: Die Herausforderung, physikalische Themen so aufzuarbeiten und darzustellen, dass sie auch für Nichtphysiker verständlich werden, war für ihn mindestens ebenso interessant wie die eigentliche Forschungsarbeit. Nach seiner Promotion am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) in Potsdam blieb er dem Institut als "Outreach scientist" erhalten, war während des Einsteinjahres 2005 an verschiedenen Ausstellungsprojekten beteiligt und schuf das Webportal Einstein Online. Ende 2007 wechselte er für ein Jahr zum World Science Festival in New York. Seit Anfang 2009 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg, wo er das Haus der Astronomie leitet, ein Zentrum für astronomische Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit. Pössel bloggt, ist Autor/Koautor mehrerer Bücher, und schreibt regelmäßig für die Zeitschrift Sterne und Weltraum.

6 Kommentare

  1. Die Hautfarbe hat, wie du ja bei der informelleren Runde festgestellt hast, nicht so viel damit zu tun. Es liegt tatsächlich mehr an der Art des Unterrichts in den Schulen selbst. Überdies überzeugen südafrikanische Lehrer häufig nicht gerade durch Kompetenz, was gern mal mit Handgreiflichkeiten wettgemacht wird. Eine der größten Schwierigkeiten, mit denen Themi konfrontiert sein wird, ist eine Schwangerschaft. Die Abbrecherquote in Townships ist recht hoch, bei Mädchen wird dies besonders durch Schwangerschaften begünstigt.

  2. South african girls and HIV

    Hier eine Ergänzung zum Kommentar von Ali Schwarzer, der schreibt:
    “Eine der größten Schwierigkeiten, mit denen Themi konfrontiert sein wird, ist eine Schwangerschaft.”

    Das passt zur kürzlich durch die Medien gegangenen Meldung, dass 1/4 der südafrikanischen Schülerinnen HIV-positiv sind (Zitat)
    “At least 28% of South African schoolgirls are HIV positive compared with 4% of boys because “sugar daddies” are exploiting them, Health Minister Aaron Motsoaledi has said” “
    Dazu kommt noch:
    “He said 94,000 schoolgirls also fell pregnant in 2011, and 77,000 had abortions at state facilities, “

    Eigentlich erstaunlich, denn von allen afrikanischen Ländern südlich der Sahara bringt Südafrika die besten Voraussetzungen für eine gute wirtschaftliche Entwicklung mit und seit Ende der Apartheid haben sich die Berufsaussichten von Schwarzen mit höherer Schulblidung ja deutlich verbessert.
    Allerdings wird dem öffentlichen südafrikanischen Schulsystem von vielen Versagen vorgeworfen und die Besserverdienenden nutzen Privatschulen.

  3. Tropfen

    Toller Bericht!

    Und zum Tropfen auf den heißen Stein. Na, und! Denjenigen, denen es hilft, das ist doch schonmal was. Das sind ja keine Zahlen sondern Menschen. Und es ist doch schön zu sehen, wie leicht sie sich begeistern lassen.

  4. Ich stimme Martin zu. Man sollte auch den Tropfen auf den heissen Stein nicht unterschätzen. Manchmal sind es kleine Dinge, die etwas ins Rollen bringen. Und die Gründung eines Astronomie Clubs ist doch schon ein ganz beachtlicher Erfolg. Ich finde es immer wieder schön, wie gerne sich junge Menschen für die Wissenschaft begeistern können.

  5. @Ali, @Martin^2, @Gunnar

    Es bleibt schwierig, um einen unserer Bloggerkollegen zu zitieren.

    Tropfen auf dem heißen Stein ist wahrscheinlich in der Tat zu pessimistisch – der Tropfen verdampft; von unseren Aktionen hoffen wir natürlich, dass sie längerfristige Folgen haben. Auch wenn uns klar ist, dass da südafrikanische Bildungssystem Probleme in ganz anderer Größenordnung hat.

    Es läuft wohl darauf hinaus: Sich bewusst sein, dass die Probleme größer sind, ohne das als Ausrede zu verwenden, im Kleinen nichts zu tun.

  6. Die Probleme, die das südafrikanische Schulsystem hat, scheint mir nach Betrachten der Fotos geringer zu sein als die des unsrigen.

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