Das soziale Atom

BLOG: RELATIV EINFACH

… aber nicht einfacher
RELATIV EINFACH

Nun, wo das World Science Festival 2008 erfolgreich abgeschlossen ist, bin ich endlich zum Lesen gekommen: The Social Atom – Why the Rich Get Richer, Cheaters Get Caught, and Your Neighbor Usually Looks Like You von Mark Buchanan. Um es gleich zu sagen: es geht darin nicht darum, dass man sich in Menschenmengen oder -strömen (wie ich neulich in der U-Bahn) so getrieben und unselbständig fühlt wie die Atome der Physik.  Was hier mit “sozialen Atomen” gemeint ist sind kleine soziale Einheiten, die für Menschen, Menschengruppen oder auch Firmen stehen können, und die durchaus Entscheidungsfreiheit besitzen – wenn ihre Entscheidungsmöglichkeiten auch, es handelt sich schließlich um vereinfachte Modelle, üblicherweise recht eingeschränkt sind.  Interessant wird es, wenn diese vereinfachten Agenten miteinander wechselwirken, denn die Resultate können unserer Intuition durchaus widersprechen.

Ein Beispiel, das in den USA immer noch sehr aktuell ist: Haben wir es dort, wo die Menschen deutlich nach Hautfarbe getrennt leben – hier eine rein “weiße” Region, dort ein “schwarzer” Stadtteil – zwangsläufig mit Rassismus zu tun?

Nehmen wir ein übergroßes Schachbrett mit tausenden von Feldern. Jedes davon steht für ein Haus. Nun führen wir unsere sozialen Atome ein, markieren die Hälfte davon weiß und die Hälfte davon schwarz, und setzen sie wahllos auf die Schachbrettfelder (einige Felder bleiben frei). Dementsprechend ist unser Schachbrett bunt gemischt – in jeder Region “leben” ungefähr soviele weiße wie schwarze Atome.

Als nächstes geben wir unseren Atomen bestimmte Präferenzen mit auf den Weg, anhand derer sich bestimmt ob ein Atom auf seinem jetzigen Schachbrettfeld bleibt oder ob es auf ein freies Feld umzieht. Im ersten Szenario sind die Atome ganz klar rassistisch eingestellt. Kaum stellen sie fest, dass in ihrer direkten Nachbarschaft andersfarbige Atome leben, ziehen sie um. Dass sich so sehr schnell weiße und schwarze Zonen herausbilden, ist nicht überraschend.

Aber nehmen wir einmal an, dass die Atome sämtlich eine tolerante Einstellung zur anderen Farbe haben. Es macht ihnen nichts aus, in einer gemischten Region zu leben. Das einzige, was ihnen nach wie vor etwas ausmacht, ist, selbst einer kleinen Minderheit anzugehören (sich also z.B. als schwarzes Atom in einer Nachbarschaft zu finden, in der mehr als 70% der anderen Atome weiß sind).  Was passiert?

Man könnte meinen, gar nichts – am Anfang sind die Atome bunt gemischt; keines von ihnen hat etwas gegen bunt gemischte Wohngegenden, folglich ist die Lage stabil. Und doch zeigt sich, dass sich die beiden Farben auch in solch einer Modellwelt zwangsläufig voneinander trennen. Irgendwo werden die bei zufälliger Verteilung unvermeidbaren Fluktuationen eben dazu führen, dass sich ein weisses oder schwarzes Atom zu sehr in der Minderheit sieht und umzieht, und so scheiden sich die beiden Atomsorten Schritt für Schritt voneinander.

Andere Modelle dieser Art – “soziale Atome”, die miteinander wechselwirken – liefern wichtige Hinweise zur Fluktuation von Finanzmärkten, der Verteilung von Wohlstand oder der Evolution von Vorurteilen.

Ist das Buch fachlich korrekt?  Das kann ich nicht einschätzen, da ich nicht auf dem betreffenden Gebiet arbeite; von meiner Warte als nicht-Sozial-Physiker schien es mir aber nachvollziehbar geschrieben und interessant zu lesen.

Ist die Sozialwissenschaft nunmehr auf die Physik reduziert?  Natürlich nicht.  Auch bei den schwarz-weiss-getrennten Wohngebieten dürfte klar sein, dass das Modell einen bestimmten (und nicht unwichtigen) Aspekt herausarbeitet, die Wirklichkeit dagegen weit komplizierter ist. Freilich ist das bei allen wissenschaftlichen Modellen so, bei einigen mehr, bei anderen weniger. Insgesamt scheinen mir die sozial-Atom-Modelle nützliche Werkzeuge zu sein.

Sind die Ideen, die da vorgestellt werden, “Alte Hüte”? Buchanan stellt sowohl “Klassiker” vor (die schwarzen und weissen Wohngegenden veröffentlichte der Ökonom Thomas Schelling im Jahre 1971) vor als auch Arbeiten der letzten Jahre. Dass die recht konkreten Modelle, um die es hier geht, in der Literatur oder anderswo längst vorweggenommen worden wären (siehe Carsten Könnekers Nicht-Rezension auf seinem Blog) kann ich nicht erkennen. 

Nachtrag,  13. Juli 2008:

Wie ich dem wissenschaft-online – Newsletter entnehme, gibt es nun auch in Gehirn und Geist eine Rezension von Buchanans Buch.  Allerdings eine, über die ich im wesentlichen nur den Kopf schütteln kann. “Wenn Sie bisher dachten, Sie würden als Individuum mit einer eigenen Persönlichkeit und Geschichte durchs Leben gehen, dann belehrt Sie Mark Buchanan eines Besseren” – hallo, haben wir da das gleiche Buch gelesen? Die Analogie des “sozialen Atoms” ist doch gerade die folgende: in der Physik werden die Atome z.B. eines Gases ganz eigene Wege gehen, unmöglich, sie alle zu verfolgen. Dennoch lassen sich die kollektiven Eigenschaften des Gases (Druck, Volumen, Masse, Temperatur) mit recht einfachen Formeln beschreiben. Ähnlich bei den sozialen Atomen: natürlich sind Menschen Individuen mit komplexer Innenwelt – aber das ist doch gerade ein wichtiger Bestandteil der Analogie, denn die Kernaussage des Buches ist: trotzdem lassen sich bestimmte (und durchaus interessante) kollektive Gesetzmäßigkeiten finden!

Wo ich den Eindruck hatte, es gehe darum, ein neues, nützliches und interessantes sozialwissenschaftliches Werkzeug vorzustellen, hat die Rezensentin, eine Psychologin, einen Angriff ausgemacht: Physikerinvasion!  Da wird dann selbst der Umstand, dass der Autor überhaupt Begriffe “analog zur Physik” wählt, zum Indiz für den “Habitus des überlegenen Naturwissenschaftlers”. Ich sehe die ganze Angelegenheit gelassener – und habe den Eindruck, dass ich da mit Buchanan auf einer Wellenlänge liege (hoppla, schon wieder “Begriffswahl analog zur Physik”).  Wir können den Mensch als Individuum beschreiben, oder am anderen Ende der Skala Statistik verwenden, um gröbere Trends herauszuarbeiten. Aber dazwischen liegen eben Phänomene, wo die Beschreibung als “soziales Atom” sinnvoll ist – jedes soziale Atom ungleich einfacher als ein wirklicher Mensch, aber genügend komplex um Wechselwirkungen und kollektive Phänomene zu simulieren, wo das grobe Raster der Statistik nur deren Auswirkungen nachweisen kann.

 

Markus Pössel

Markus Pössel hatte bereits während des Physikstudiums an der Universität Hamburg gemerkt: Die Herausforderung, physikalische Themen so aufzuarbeiten und darzustellen, dass sie auch für Nichtphysiker verständlich werden, war für ihn mindestens ebenso interessant wie die eigentliche Forschungsarbeit. Nach seiner Promotion am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) in Potsdam blieb er dem Institut als "Outreach scientist" erhalten, war während des Einsteinjahres 2005 an verschiedenen Ausstellungsprojekten beteiligt und schuf das Webportal Einstein Online. Ende 2007 wechselte er für ein Jahr zum World Science Festival in New York. Seit Anfang 2009 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg, wo er das Haus der Astronomie leitet, ein Zentrum für astronomische Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit. Pössel bloggt, ist Autor/Koautor mehrerer Bücher, und schreibt regelmäßig für die Zeitschrift Sterne und Weltraum.

1 Kommentar

  1. the social atom

    Ich (“soziologischer Laie” hingegen Studium der Math. und Physik) habe das Buch vor etwa 2 Jahren mit grossem Gewinn, ja Begeisterung gelesen und bringe Ausschnitte davon gelegentlich in Diskussionen ein. Dabei stosse ich sehr oft auf Ablehnung. Man sucht selbst bei aus Experimenten gewonnenen Resultaten “krampfhaft” nach Einwänden.
    Vielen, insbesondere auch der oben zitierten Psychologin, kann man allenfalls das dem Kapitel 9 vorangestellte Nietzsche Zitat entgegenhalten:
    “It is all over for priests and gods when man becomes scientific. Moral: science is the forbidden as such …”

Schreibe einen Kommentar