Stiefkinder im Bildungsbericht

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… aber nicht einfacher
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Der Bildungsbericht 2014 ist erschienen, und über einige der Erkenntnisse daraus berichten die Medien ja auch dieser Tage: Darüber, dass es Menschen mit Migrationshintergrund nach wie vor schwerer im Bildungssystem haben, dass immer mehr Deutsche Abitur haben, oder über den diesjährigen Schwerpunkt des Berichts: die Bildung von Menschen mit Behinderungen  (z.B. FAZ, Spiegel, taz, Tagesspiegel, SZ).

Ich habe den Bericht, meinem eigenen Hintergrund entsprechend, mit ganz speziellem Interessensschwerpunkt gelesen: Was steht da über naturwissenschaftliche Bildung? Was über außerschulische Lernmöglichkeiten? Und zumindest was diese Themen angeht, fand ich den Bericht enttäuschend. Zwar wird “non-formale Bildung”, so die Bezeichnung für das, was in Schülerlaboren, Science Centern und Museen und eben auch bei uns im Haus der Astronomie geschieht, durchaus definiert (S. IX), und der Schul-Abschnitt D verspricht Informationen über “Allgemeinbildende Schulen und non-formale Lernwelten im Schulalter”. Aber dann folgen nur ein paar Bemerkungen über Nachhilfe, Musik, Sportvereine, Jugendgruppen, freiwilliges Engagement. Nix mit Schülerlabors und dergleichen.

MINT-Bildung, also Bildung für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik, wird ebenso stiefmütterlich behandelt: Im Glossar wird definiert, was das ist, und dann folgt – so gut wie nichts. Abbrecherquoten in MINT-Fächern. Ganz hinten im Tabellenteil ein Anteil, wieviele Ganztagsschulen bei ihren Zusatz-Angeboten MINT-Themen behandeln. Selbst das Haus der kleinen Forscher, das es ja immerhin in den Koalitionsvertrag geschafft hatte (siehe mein Beitrag hier) wird mit keinem Wort erwähnt.

Gibt’s dazu keine Daten? Wieviele Teilnehmer es z.B. bei Jugend forscht oder den diversen Bundeswettbewerben (Mathematik, Informatik…) gibt? Was in den vielen Schülerlaboren passiert und wie sich diese entwickeln? Wie es mit den Schülerakademien vorangeht?

Hat da die institutionalisierte Bildungsforschung ganz allgemein einen blinden Fleck, oder sind es nur die Autoren des Nationalen Bildungsberichts?

Von Seiten des BMBF und der entsprechenden Landesministerien ist ja durchaus immer einmal wieder zu lesen, wie wichtig die MINT-Bildung sei. Da ist es schon ziemlich sonderbar, dass der nationale Bildungsbericht – der ja vermutlich einigen Einfluss darauf haben wird, wie bildungspolitisch entschieden wird? – das Thema so weitgehend ausblendet.

P.S.: Und gibt’s wirklich keinerlei Befragungen dazu, wie die Menschen selbst zu Bildung stehen? Wie wichtig oder unwichtig Bildung eingeschätzt wird? Wieviele Sachbücher Menschen lesen oder ähnliches? Das kann doch eigentlich nicht sein.

P.P.S.: Zumindest in Sachen Urheberrecht haben die Verfasser des Bildungsberichts offenbar selbst noch Nachhilfebedarf. Dass auf Seite II direkt untereinander erst die strenge Warnung steht, Vervielfältigungen, Übersetzungen etc. des Werkes ohne Zustimmung des Verlages seien unzulässig und strafbar, und weiter unten auf der Seite das ganze Werk dann unter eine Creative Commons-Lizenz gestellt wird (CC-BY-SA 3.0 DE), ist schon eine interessante Kombination.

Markus Pössel hatte bereits während des Physikstudiums an der Universität Hamburg gemerkt: Die Herausforderung, physikalische Themen so aufzuarbeiten und darzustellen, dass sie auch für Nichtphysiker verständlich werden, war für ihn mindestens ebenso interessant wie die eigentliche Forschungsarbeit. Nach seiner Promotion am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) in Potsdam blieb er dem Institut als "Outreach scientist" erhalten, war während des Einsteinjahres 2005 an verschiedenen Ausstellungsprojekten beteiligt und schuf das Webportal Einstein Online. Ende 2007 wechselte er für ein Jahr zum World Science Festival in New York. Seit Anfang 2009 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg, wo er das Haus der Astronomie leitet, ein Zentrum für astronomische Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit. Pössel bloggt, ist Autor/Koautor mehrerer Bücher, und schreibt regelmäßig für die Zeitschrift Sterne und Weltraum.

7 Kommentare

  1. “MINT” ist womöglich deshalb für die “Bildungsforschung” ein (Kommunikations-)Problem, weil hier Bildungserfolge nicht formal herangeführt werden können, auch Talent (“Vermögen”) im Spiel sein könnte.

  2. @Webbaer

    Das ist wohl eher nicht der Fall. 🙂 Das “Vermögen”, wie Sie es nennen, stark formalisierte Bildungsinhalte wie bspw. Mathematik zu erlernen, ist wohl der Übung nachgelagert. Zumal die Vorstellung in der ein Gedanke wie, dass jemand für MINT-Fächer “Talent” aufweisen (müssen) sollte das Gegenteil von Kenntnis der Materie ausdrückt. 🙂

    Können Sie eigentlich gut Zeichnen?

    Nichts für ungut aber ich halte was Sie schreiben für Stuss. Und die Konnotationen, die in Ihren Anführungszeichen mitschwingen können Sie auch behalten.

    • Das “Vermögen”, wie Sie es nennen, stark formalisierte Bildungsinhalte wie bspw. Mathematik zu erlernen, ist wohl der Übung nachgelagert.

      Kann sein, diesbezüglich scheinen denn wohl Benachrichtigungs-Defizite vorzuliegen seitens der “Bildungsforschung” vorzuliegen. – Danke für den Hinweis.
      MFG
      Dr. W

  3. MINT steckt nicht in den Genen des durchschnittlichen Grundschullehrers. Und dort wird das Interesse geweckt oder eben nicht. Dies zu:

    Nix mit Schülerlabors und dergleichen.

    MINT-Bildung, also Bildung für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik, wird ebenso stiefmütterlich behandelt

    Was es bräuchte: Ja, Schülerlabors und so etwas wie Animatoren für experimentelle Tätigkeiten. Das haben auch schon andere erkannt und man findet einige solche Vorstösse, wenn man danach sucht. Viel mehr erreichen würde man, wenn mehr Grundschullehrer von Haus aus – oder eben aufgrund ihrer Ausbildung – Lust am Experimentieren und an Fragen wie Alltagsphysik hätten. Aber auch das haben schon einige erkannt wie die Broschüre Hochschulwettbewerb MINT-Lehrerbildung zeigt. Dort liest man Dinge wie

    Warum gibt es Ebbe und Flut? Haben Sterne wirklich Zacken? Wie entstehen Seifen-
    blasen? An der Freien Universität Berlin lernen angehende Grundschullehrer, die Na-
    turwissenschaften ausgehend von Kinderfragen zu unterrichten. In dem ambitionier-
    ten neuen Studienfach kooperieren vier Fachbereiche miteinander.

    So ist es. Unter den vielen Kinderfragen beschäftigen sich nicht wenige mit der Aussenwelt und kommen in der Form Warum ist das so? daher. Und Lehrer gehen hin und wieder sogar darauf ein, liefern aber nicht selten die falsche Antwort. Die Primarlehrerin eines unserer Kinder erklärte die Jahreszeiten mit dem unterschiedlichen Abstand von Sonne und Erde über die Jahreszeiten. Und ein Lehrer sprach davon man wisse ja noch nicht, wieviele oder ob es eventuell sogar unendich viele Primzahlen gebe.

  4. Mathematik und Physik gehören zu jenen Fächern, vor denen vielen Schulern graust. Dabei könnte man die Theorie auf der ganz lapidaren Basis des Schüleralltags aufbauen. Beispiele: Warum gibt es in der Nacht häufiger Wolken als am Tag? Wie kann man grob überschlagen, ob das Ergebnis einer Rechnung stimmt? Warum verliert man durch den Atem Gewicht? Wenn man als Lehrer im Alltag auf solche Fragen stößt und sie nicht sicher beantworten kann, sollte man der Sache nachgehen. Im Internet gibt es zu den meisten derartigen Fragen auch richtige Antworten. Übrigens: Wenn man eine Schülerfrage nicht sicher beantworten kann, sollte man das durchaus vor der Klasse zugeben können und sagen, dass man die Antwort bis zur nächsten Schulstunde nachholt. Wer ist denn schon allwissend?

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